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Die zwei Bio-Pioniere von Graz #

Seit 1979 betreibt die Familie Matzer in Graz den ältesten Bio-Laden Österreichs – und ist bodenständig geblieben. #


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Ushij und Rupert Matzer
Ushij und Rupert Matzer sind die zwei Bio-Pioniere von Graz.
© STUHLHOFER

Erdäpfel, Karotten, Äpfel, Sauerkraut, Brot und Schafkäse – das war fast das gesamte Sortiment unseres neuen Bio-Ladens bei der Eröffnung“, erinnert sich Ushij Matzer lächelnd.

Es war der 10. Juli 1979, nur wenige Monate nach der negativen Zwentendorf-Volksabstimmung. Das Kellerlokal in der Schillerstraße 15 erreichte man über eine steile Stiege, die in das kleine, dunkle und nur halbtags geöffnete Geschäft führte. Die Rechnung wurde anfangs im Kopf erstellt. Die Studenten Rupert und Ushij Matzer waren eben echte Bio- Pioniere. Und Selbsterhalter, die jedes Jahr drei Monate in Deutschland arbeiteten, um ihr Studium finanzieren zu können.

Am Anfang war ein Buch#

„Dann bin ich aber unerwartet schwanger geworden“, erzählt Ushij (so die finnische Form von Uschi, um sich von der populären Uschi Glas abzugrenzen). Und ihr Leben hat sich grundlegend geändert. Ein Buch ihrer Schwester hat den Umdenkprozess eingeleitet und sie kauften nun bei der ersten organisch-biologischen Bauerngruppe aus St. Marein ein. „Die Verkaufsstelle war gleich bei uns ums Eck in der Steyrergasse. Wir haben sofort gemerkt, das schmeckt alles viel besser.“ Aber wovon sollten sie leben? Mit Kind wollten sie nicht mehr in Deutschland arbeiten, also warfen sie das Studium über Bord und starteten kurzerhand ihren eigenen Bio-Laden.

„Es gab damals keine Bio-Industrie wie heute, keine verarbeitenden Betriebe“, berichtet Matzer. Nur der Demeter-Bund bot biologisch-dynamische Produkte an. „Wir haben den Markt von null weg aufgebaut – mit sehr hohem, persönlichen Einsatz. Einen Markt, der ja vorher nicht da war. Dann sind Menschen aus der konventionellen Wirtschaft gekommen und haben uns erklärt, was wir alles falsch machen“, ärgert sich Ushij Matzer.

Im Bioladen griff die Polizei ein
Als die Matzers anfangs leere Milchpackerln im Milchhof zurückgaben, griff die Polizei ein.
© PRIVAT

Später war Bio im Trend – und viele Geschäftsleute haben ihre Eigenverantwortung vergessen. „Die Folge: Wir haben heute in Deutschland biologische Hühnerfarmen mit 5000 Hühnern, was ist daran noch biologisch – außer dem Futter? Da läuft wieder etwas falsch, weil zu oft nur noch über Preis und Quantität gearbeitet wird und nicht mehr über Qualität.“ Die Auswirkungen dieses Denkens sieht man deutlich bei den aktuellen Problemen mit Gemüse, Stichwort EHEC. „Zwei Großhändler haben da ihre Gurken nach Österreich geliefert, aber nur von einem wurde die Kundenliste veröffentlicht – das waren die Bioläden. Doch von den vier befallenen Gurken waren nur zwei bio.“ Ein Schelm, der da Böses denkt.

Keine goldene Nase verdient#

„Wir arbeiten seit über 30 Jahren im Bio-Geschäft – und haben uns keine goldene Nase verdient“, stellt Matzer klar. „Für uns war immer das entscheidende Kriterium, dass sich eine Jungfamilie mit Durchschnittseinkommen bei uns ihre Nahrungsmittel leisten kann, wenn sie saisonal und regional einkauft.“

Vor allem der Anfang war für sie sehr schwer: Sie durften keine Rohmilch verkaufen, mußten mit dem Salz- und Zuckermonopol kämpfen, Topfen und Gluten selber produzieren. Sogar die Staatspolizei kreuzte bei ihnen auf, denn es war eine Anzeige eingegangen, ob diese „Bio-Spinner“ überhaupt einen Gewerbeschein hätten . . .

Bioladen im Keller feiert zehnjähriges Bestehen
Schillerstraße 15: Zünftig wurde hier ein Straßenfest gefeiert, als der erste Bioladen im Keller zehn Jahre alt war.
© PRIVAT

Der große geschäftliche Aufschwung kam erst 1986 mit der Atomkatastrophe von Tschernobyl. „ Wir haben von unseren Bauern Lauch bekommen mit exakter Angabe, von welchem Feld er stammt. Damit sind wir immer zum Institut für technische Physik gegangen und haben das Gemüse auf Verstrahlung messen lassen. Im Geschäft haben wir den Lauch dann mit Zertifikat verkauft. Wir waren Tag und Nacht im Einsatz.“ Und die Kunden haben es ihnen gedankt. „Was uns immer getragen hat, war die Solidarität der Kunden.“

Damals stellten die Matzers fest, dass bei den Weintrauben Schale und Kern verstrahlt waren, das Fleisch aber nicht – damit war auch der ausgepresste Saft unverstrahlt. „Das war zu dieser Zeit das einzige Obst, das man gefahrlos verarbeiten konnte“, so die Biohändlerin.

„Wir gewöhnen uns zu sehr an die Dinge, nehmen sie als selbstverständlich hin, auch wenn sie bei uns nicht normal sind – so wie Erdbeeren im Winter.“ Aber auch die Familie Matzer kam nicht um Paprika, Gurken und Tomaten im Winter herum, die Kunden wollten diese Produkte einfach. Und das Geschäft florierte. 1992 wurde gemeinsam mit Bauern und Konsumenten am Hasnerplatz die „Kornwaage“ als assoziativer Betrieb gegründet, der Gewinn wird reinvestiert. Und 1995 übersiedelten sie schließlich in das heutige große Geschäft in der Sparbersbachgasse.

„Rupert war immer an der Front, ich hab’ vier Kinder großgezogen und die Buchhaltung gemacht. Er ist der Realo und setzt die Sachen um, ich bin die Philosophin dahinter. Heute führt schon unser Sohn Micha das Geschäft.“ Später ist dann auch noch die „Bio-Sphäre“ im Hartberger Öko-Park als drittes Geschäft dazugekommen.

Der Stolz der Biohändler#

„Besonders stolz sind wir darauf, dass es Familien gibt, die jetzt schon in dritter Generation bei uns einkaufen. Und Bauern, deren Kinder uns heute noch beliefern. Da wissen wir, das hat wirklich Bestand.“



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele