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Das letzte Kapitel des Holocaust #

Das „Lager V“ in Liebenau war 1945 eine Station der ungarischen Juden auf ihren Todesmärschen ins KZ. #


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Areal des „Lagers V“
Ein Blick auf das Areal des „Lagers V“

Jahrzehntelang war die Erinnerung an das „Lager V“ in Liebenau vergessen und verdrängt. Obwohl 1947 die Grazer Zeitungen groß über den „Liebenauer Prozess“ berichteten, der mit zwei Todesurteilen für Nazikriegsverbrecher geendet hatte. Jetzt bringt ein neues Buch endlich Licht ins Dunkel.

„Es war eigentlich ein Bericht von Julia Schafferhofer in der Kleinen Zeitung im September 2011, der den Stein ins Rollen gebracht hat, damit eine Studie in Auftrag gegeben wurde“, betonte Barbara Stelzl-Marx, Autorin des Buches „Das Lager Graz-Liebenau in der NS-Zeit“ bei der Präsentation auf der Grazer Uni.

Anlass für den Bericht unserer Kollegin war eine Veranstaltung von Murkraftwerksgegnern gewesen, die über die gesundheitlichen Belastungen durch Murkraftwerk und Staudamm referieren wollten. Dabei fielen die Stichworte „Liebenauer Prozess“, Gefangenenlager, Todesmärsche und Exhumierungen. Und der Arzt Gustav Mittelbach kritisierte damals: „Das ist ein unaufgearbeitetes Kapitel der Grazer Geschichte – und genau dort soll gegraben werden?“

Für Energie Steiermark und Stadt Graz war es eine Selbstverständlichkeit, „dass diese Frage aufgearbeitet werden muss, ob es hier noch Gräber gibt“, so Energie- Sprecher Urs Harnik. Also finanzierte man eine Studie, die Barbara Stelzl-Marx vom Institut für Kriegsfolgenforschung, die bereits 1999 über das Lager geschrieben hatte, unter Zeitdruck durchführte und nun als Buch veröffentlichte. Es ist das letzte Kapitel des Holocaust, das (auch) hier mitten in Graz blutig geschrieben wurde.

Auf dem Todesmarsch #

Das „Lager V“ war 1940 für umgesiedelte Volksdeutsche gebaut worden und diente im Laufe des Zweiten Weltkriegs als Unterkunft für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. „Ab Februar 1941 konnten in den 190 Holzbaracken des in der Ulrich-Lichtenstein- Gasse, südlich der Kirchner- Kaserne zwischen Kasernstraße und linkem Murufer gelegenen Lagers rund 5000 Personen untergebracht werden“, lokalisiert Stelzl-Marx den Standort exakt.

Liebenauer Prozess
Der Liebenauer Prozess vor dem Oberen Britischen Militärgericht.
© UMJ

Am rechten Murufer befanden sich der wichtige Rüstungsbetrieb der Steyr-Daimler-Puch- Werke und das „Lager IV“ (das bei einem Luftangriff am 2. April 1945 zerstört wurde). Ein Vorläufer des heutigen Puchstegs verband das Werk mit dem Lager Liebenau, damit die Zwangsarbeiter zur Arbeit gehen konnten.

In den letzten Kriegsmonaten 1945 wurden rund 60.000 ungarische Juden, die beim Bau des Südostwalls zum Schutz gegen die vorrückende Rote Armee als Zwangsarbeiter eingesetzt waren, quer durch die damalige Ostmark zu Fuß ins KZ Mauthausen getrieben, damit sie nicht von den Russen befreit werden konnten. Tausende kamen dabei ums Leben – aus Erschöpfung oder bei Massakern in Rechnitz (siehe das gleichnamige Theaterstück von Elfriede Jelinek) oder am Präbichl bei Eisenerz. Im April 1945 machten etwa 5000 ungarische Juden im Lager Liebenau Zwischenstation. „Viele von ihnen waren durch den Arbeitseinsatz und den Todesmarsch stark geschwächt, ausgehungert und krank. Sie mussten im Freien übernachten, obwohl es sehr kalt war“, so die Autorin. Die Verpflegung war katastrophal, Krankheiten wurden nicht behandelt. Mehr als 100 marschunfähige Juden wurden in der SS-Kaserne Wetzelsdorf erschossen, mindestens 35 im Lager Liebenau, zeigen britische Untersuchungen 1947.

Im „Liebenauer Prozess“ vom 8. bis 12. September 1947 sagte ein ehemaliger Krankenwärter des Lagers aus, dass ihm ausdrücklich verboten worden war, Juden zu helfen. „Für diese Schweine haben wir keine Medikamente“, habe Lagerleiter Nikolaus Pichler gesagt und ihm befohlen, den Kranken Todesspritzen zu verabreichen. Als der Krankenwärter dies verweigerte, wurden „46 Kranke auf Pichlers Befehl in Decken gewickelt fortgetragen und kurz darauf hörte der Zeuge zahlreiche Schüsse fallen“. Pichler und sein Lagerführer Alois Frühwirt wurden zum Tode verurteilt und am 15. Oktober 1947 gehenkt.

„Am Grünanger“ #

In der Folge wuchs Gras über die Geschichte. Heute ist das Areal, das in der Nachkriegszeit unter dem Namen „Am Grünanger“ als Flüchtlingslager diente, verbaut. Dabei folgen Straßen und Häuserreihen der ursprünglichen Anlage des „Lagers V“ – das heute nicht mehr vergessen ist.

Das Buch#

Barbara Stelzl-Marx

DAS LAGER GRAZ-LIEBENAU IN DER NS-ZEIT. Zwangsarbeiter – Todesmärsche – Nachkriegsjustiz.

96 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 17,80 Euro, Verlag Leykam.


Südostwall
Der Südostwall gegen die Rote Armee
© UMJ
Ausschnitt aus „Neue Zeit“
So schrieb die „Neue Zeit“ am 12. 9. 1947 über den Prozess
© KK
Ausschnitt aus „Neue Zeit“
... so „Die Wahrheit“ – im Bild die Hauptangeklagten.
© KK


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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele