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Und der Igel zeigte Stacheln #

Kurz nach Kriegsende startete „Der Igel“ im Roseggerhaus seinen Kabarettbetrieb – und 63.915 Besucher waren im ersten Jahr dabei. #


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Roseggerhaus
Das Roseggerhaus 20 Jahre nach dem „Igel“- Gastspiel.
© BEHOUNEK, ÖKA

Kaum war der Zweite Weltkrieg am 8. Mai 1945 zu Ende, sperrten die Theater in Graz wieder ihre Pforten auf – am 31. Mai das Schauspielhaus, am31. Juni das Opernhaus. „Und am 23. November 1945 nimmt die Kleinkunstbühne Der Igel – das kleine Zeittheater in der Annenstraße 23 (Roseggerhaus) im Café Rheingold ihren Spielbetrieb auf“, berichtet Iris Fink in „Made in Styria. Kabarett in und aus Graz“ im Historischen Jahrbuch der Stadt Graz, Band 42.

Wieder etwas zum Lachen #

Direktor des neuen Etablissements war der Wiener Theaterdirektor und Autor Franz Paul. Da er mit seiner Frau die letzten Kriegsmonate nahe Knittelfeld verbracht hatte, ließ er sich nun in Graz nieder. Im September schloss er mit den Besitzern des Cafés Rheingold einen Vertrag für Kabarettaufführungen ab. Jetzt fehlten nur noch die Darsteller. Und so schrieb er ein Telegramm nach Klagenfurt, in dem es hieß: „Wenn Sie der Fritz Muliar sind, der vor dem Krieg in Wien Kabarett gespielt hat, dann kommen Sie nach Graz, ich gründe ein Zeittheater. Ihr Franz Paul.“ Und wirklich, Fritz Muliar, der damals Rundfunksprecher in Klagenfurt war, kam nach Graz, war zwei Saisonen lang im Igel tätig – und wurde der absolute Publikumsliebling. 44 Arbeitnehmer verzeichnete der Direktor in der ersten Saison, darunter Gretl Elb, Hanns Obonya, Ewald Autengruber, Silvio Carli, Robert Casapiccola, Karl Friedrich, Hanns Kraßnitzer und Sepp Trummer.

Sepp Trummer und Gretl Döring
Szene mit Sepp Trummer und Gretl Döring im „Igel“.
© BEHOUNEK, ÖKA

Beim Programm setzte Paul auf Bewährtes von Jura Soyfer und Neues der Wiener Autoren Kurt Nachmann, Alexander Steinbrecher, Rolf Olsen und Hans Weigel ebenso wie der Grazer Texter Ewald Autengruber, Theo Herbst oder Otto Hofmann- Wellenhof. Die Themen spiegelten die aktuelle Alltagssituation wider: Lebensmittelversorgung, Schwarzhandel, Besatzung, Nazi-Vergangenheit, Währungsreform. Am Klavier begleitete Franz Stefan Pippal, der Vater der späteren ORF Moderatorin Jenny Pippal, die Aufführungen. Zu den jungen Stammgästen zählten Karlheinz Böhm und Josef Krainer jun.

Kabarett-Urgestein Gerda Klimek beschreibt in ihrem Buch „So ein Theater“ das Café Rheingold als Ort, „wo man zwar nur Mehlspeisen à la Kukuruzpapp zum verzweifelt verlängerten Kaffee bekam, wo es aber über eine schön geschwungene Freitreppe hinaufging in das gemütlich kleine Lokal mit der winzigen Bühne“.

Enormer Andrang #

Hier fand am 23. November 1945 die Premiere des ersten Igel-Programms statt. Das Etablissement fasste 303 Personen an Tischen und in Logen. Gespielt wurde täglich um 19.30 Uhr, sonntags gab es auch eine Nachmittagsvorstellung. Der Andrang war enorm. In der ersten Spielzeit sahen unvorstellbare 63.915 Personen vier verschiedene Programme, im Sommer 1946 ging „Der Igel“ auf Steiermark-Tournee.

Bis zu seinem frühen Ende 1948 wurden 14 Programme aufgeführt. Und zu jedem gab es ein eigenes Programmheft, dem ein Blatt beigelegt war, das die Abfahrtszeiten der Grazer Straßenbahnen nach der Vorstellung ab der Station Roseggerhaus auflistete. Das war noch Kundendienst.


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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele