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Als kühne Fotografen in die Luft gingen #

Franz Pachleitner aus Kapfenberg war einer der ersten Fliegerfotografen der k. u. k. Armee im Ersten Weltkrieg an Ostfront und Isonzo. Seine Enkelin öffnet jetzt erstmals sein Fotoarchiv.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Zerschossenen Häuserschluchten von Görz
Tausende gefangene italienische Soldaten marschieren durch die zerschossenen Häuserschluchten von Görz.
© PACHLEITNER/KLEMMER

„Schon Hugo Portisch hatte in den 70er-Jahren Interesse an den Fotos unseres Großvaters“, erzählen Carina und Wolfgang Klemmer aus Fohnsdorf. „Aber der hat immer gesagt: ,Die Zeit ist nicht reif dafür.‘“ Und hat Portisch einfach abblitzen lassen.

Seit 1980 ist Franz Pachleitner aber tot und die Zeit reif für seine Fotos. So haben Enkelin Carina und ihr Mann den fotografischen Schatz gehoben und arbeiten an einem Buch mit dem Titel „Der erste Kriegsberichterstatter“.

Der 1890 in Linz geborene Franz Pachleitner war zum Textilzeichner ausgebildet worden. Seine Volontärzeit verbrachte er in Frankreich und landete schließlich als Kartengraveur beim Militär in Wien. Dort besuchte er die fotografische Versuchsanstalt und erstellte in geheimer Mission Landkarten von Bosnien und Galizien – der Kriegsausbruch lag bereits in der Luft. Franz verließ aber das Militär wieder und kam als erster technischer Fotograf zu Böhler nach Kapfenberg.

Technische Ausrüstung
Franz Pachleitner erklärt Kaiser Karl seine technische Ausrüstung.
© PACHLEITNER/KLEMMER

Dann kam der große Krieg. Als Reservist wurde er sofort zu Kriegsbeginn 1914 eingezogen und meldete sich freiwillig, als die Luftwaffe eine erste Foto-Fliegerabteilung aufstellte. „Ich wurde zur 10. Fliegerkompagnie Thalerhof bei Graz zugeteilt. Dort gab es nicht einmal fronttaugliche Flugzeuge, auch an Ausrüstung war nichts vorhanden“, schreibt Franz Pachleitner in seinen privaten Erinnerungen. „Erst im Arsenal in Wien erhielten wir eine Fotoausrüstung, die von einem Nicht-Fachmann ohne jede Erfahrung zusammengestellt worden war.“

Der Fotograf im Einsatz
Der Fotograf als tollkühner „Ritter der Lüfte“ im Einsatz.
© PACHLEITNER/KLEMMER

Wir betraten alle Neuland#

So sah das Ganze auch aus. „Es hatte niemand von uns Erfahrung, welche Belichtung, Filter, Höhe ideal waren. Wir betraten alle Neuland. So sind wir sofort an die Ostfront und wurden gleich am 27. August 1914 an der russischen Grenze eingesetzt. Jeder Flug war ein Tasten und Suchen im Neuland.“ Schließlich erhielt Pachleitner zwei Fliegerkameras mit Fix-Fokus 25 und 30 cm Brennweite, sechs Barutz 13/18-Wechselkassetten sowie einen Aluminium-Guss-Vorbau gegen den lästigen Seitenwind, schließlich flog man damals ja noch ohne Verdeck. Die Flugleistung wurde durch neue Motoren auch besser. „Somit konnten wir auch aus größerer Höhe gute Arbeit vollbringen. Trotzdem war es ein ständiges Suchen und Experimentieren, da ja die Empfindlichkeit der Platten und des Silberkorns noch nicht einheitlich bestimmt werden konnten.“

„Es war uns eine ungeheure Verantwortung übertragen und es war oft ein Rennen um Minuten, wenn die Maschinen vom Frontflug mit neuen Positionen der feindlichen Stellungen zurückkamen. Oft war es nicht möglich den Pelz auszuziehen, nur sofort entwickeln, neben dem Flugfeld in Schlamm und Dreck. Bilder, Meldung beim Kommando, Auswertung, Entgegennahme eines neuen Auftrages, Kontrollfotos. Es hängen oft tausende Menschenleben in den Stellungen an solchen Bildern“, schreibt er in hektischem Stakkato. „So bin ich mit meiner steirischen 10. Flieger-Kompagnie 28 Monate auf- und abgezogen an der russischen Front.“

Kampfhandlungen im Russlandfeldzug
Während der Kampfhandlungen im Russlandfeldzug abgestürzter Zeppelin.
© PACHLEITNER/KLEMMER

Lehrer in Wiener Neustadt#

Dann wurde Pachleitner an die Flieger-Offiziersschule in Wiener Neustadt als Lehrer für die Flug-Fotografie abkommandiert, „Ich war da neun Monate tätig und es war furchtbar dort, da zumeist mit den ältesten Kisten geflogen wurde. Täglich gab es Abstürze, meist mit tödlichem Ausgang. Ich bin selber nur knapp diesem Schicksal entgangen.“ Vor allem die starken Fallwinde von der Rax stellten eine große Gefahr dar. Auch Pachleitner stürzte ab, lag drei Wochen bewusstlos im Spital – und meldete sich sofort wieder an die Front am Isonzo. „Aber dann drehte sich 1918 durch Verrat das Kriegsglück und wir mußten fluchtartig zurück. Hinter uns brannten alle Lager, Zelte, Maschinen. Wir selbst mussten alles anzünden und schauen, wie wir durch die Partisanen durchkamen. Es war furchtbar.“ Ein wahres Glück, dass Pachleitner schon bei jedem Heimaturlaub in Kapfenberg seine Fotoplatten heimlich mitgebracht hatte, denn jetzt lief er ums nackte Leben.

Die Lehre, die der Flug-Fotopionier aus den furchtbaren Kriegswirren gezogen hat: „Greift nie eine Waffe an, die anders denkende Menschen vernichten soll. Das Leben ist zu kurz, sucht das Schöne.“

Pachleitner mit Fotoausrüstung
Pachleitner vor seiner umfangreichen Fotoausrüstung.
© PACHLEITNER/KLEMMER

FOTOGRAFEN-DYNASTIE #

Bis 1992 gab es in Kapfenberg das Fotogeschäft Theny vorm. Pachleitner, heute lebt Franz Pachleitners Tochter Hannelore als Fotografenmeisterin i. R. dort. Die Fotografentradition halten ihre Söhne Christian und Roland Theny aufrecht. Enkelin Carina und ihr Mann, der schon einen spannenden Roman über ein brisantes Thema geschrieben hat, arbeiten amBuch „Der erste Kriegsberichterstatter“.

FOTOS ALS PROPAGANDA #

Erstmals in der Geschichte des Krieges wurde im Ersten Weltkrieg die Fotografie auch als Propagandamittel eingesetzt. So lautet das Ergebnis einer Analyse im Bildarchiv der Nationalbibliothek, die der Fotohistoriker Anton Holzer durchführte.

„Anfänglich wurden die Fotografien im Vermessungswesen eingesetzt und zur Dokumentation des Kriegsgeschehens verwendet“, führt er aus. Bald aber erkannte man ihr Potenzial als Propagandamittel. Der eigene Kampf wurde als heldenhaft und erfolgreich dargestellt. Dagegen waren tote Soldaten auf den Schlachtfeldern immer Tote des Gegners. Hinweise auf eigene Tote blieben indirekt: Abgelichtet wurden nur Beerdigungen und Gedenkfeiern.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele