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Gestorben im Lager Thalerhof #

Vor 75 Jahren wurde auf dem Friedhof Feldkirchen ein Gebeinhaus für die 1767 bisher namenlosen Zivilopfer des Lagers Thalerhof errichtet. Jetzt haben sie ihre Namen wieder. #


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Oberst i. R. Manfred Oswald
Oberst i. R. Manfred Oswald vor den 20 Namenstafeln im Ossarium am Friedhof Feldkirchen.
© GERY WOLF

Vor 75 Jahren, am 23. Juni 1937, wurde das Ossarium (Gebeinhaus) am Pfarrfriedhof Feldkirchen bei Graz feierlich eingeweiht. Damals waren die alten Friedhöfe des Lagers Thalerhof aufgelassen, die Leichen exhumiert und ihre Gebeine hier hergebracht worden. Gleichzeitig wurde aber auch ein Totenbuch erstellt, das die Namen der Opfer nennt und das in der Pfarrkanzlei Feldkirchen aufbewahrt wird.

Eine Tafel erinnert nun an die 1767 zivilen Opfer aus Galizien und der Bukowina, die zumeist völlig unschuldig aus ihrer Heimat ins Zivilinternierungslager Thalerhof deportiert worden waren. Schuld daran war die Spionagehysterie und das Misstrauen der k. u. k. Armee der eigenen ruthenischen Bevölkerung gegenüber. „Misshandlungen, Massenverhaftungen, die Liquidierung vermeintlicher ,Spione‘ und Verräter ohne Verfahren und Urteil standen an der Tagesordnung“, schreibt Nicole- Melanie Goll im Historischen Jahrbuch der Stadt Graz, Band 40, über die damalige Situation.

75 Jahre später stiftete die Marktgemeinde Feldkirchen auf Anregung von Oberst i. R. Manfred Oswald eine Gedenktafel in vier Sprachen mit folgendem Inhalt: „Hier ruhen 1767 ruthenische Männer, Frauen und Kinder, ehemalige Staatsangehörige der österreichisch-ungarischen Monarchie, die 1914–1917 im Zivilinterniertenlager Thalerhof ums Leben gekommen sind. Während des 1. Weltkrieges befand sich auf einem Teil des heutigen Flughafens Graz ein Zivilinternierten- und Kriegsgefangenenlager. 1914–1917 waren hier rund 30.000Ruthenen – Männer, Frauen und Kinder – aus Galizien und der Bukowina, beides Kronländer der ehemaligen österreichisch- ungarischen Monarchie (heute Ukraine), in Haft, 1917–1918 rund 5000 russische Kriegsgefangene interniert...“

Gab es noch mehr Tote? #

Die Vermutung lag nahe, dass Opfer dieser Ereignisse noch immer auf dem Gelände des Flugfeldes begraben liegen. Nun drängte aber die Zeit, weil der militärische Teil des Flughafens, der Fliegerhorst Nittner, aufgelassen und verkauft werden sollte. Also betraute das Bundesministerium für Landesverteidigung 2008 eine Forschungsgruppe unter Leitung von Universitätsprofessor Dieter A. Binder, die Anzahl und den Verbleib der Opfer des Interniertenlagers Thalerhof zu klären.

Während die Geschehnisse um das Lager aus dem kollektiven Bewusstsein der Steirer fast verschwunden waren, sind die Erinnerungen der Angehörigen der Lageropfer in der Ukraine nach wie vor stark vorhanden. Hier gilt Thalerhof als „Konzentrationslager“. Faktum aber ist, dass der Großteil der im heillos überfüllten Lager verstorbenen Personen an Krankheitsepidemien wie Flecktyphus, Cholera, Rotlauf oder Ruhr umkam.

1917 kamen auch noch Krankheiten dazu, die durch Nahrungsmangel verursacht worden waren. „Tod durch Gewalteinwirkung fand sich in den Lagerakten hingegen nur in vereinzelten Ausnahmefällen“, hält der Endbericht der Forschungsgruppe im Buch „Thalerhof 1914–1936. Die Geschichte eines vergessenen Lagers und seiner Opfer“ von Georg Hoffmann, Nicole-Melanie Goll und Philipp Lesiak fest.

Namen für die Toten#

Im Innenraum des Ossariums wurden 2012 durch das Österreichische Schwarze Kreuz 20 Metalltafeln mit den Namen der 1767 umgekommenen Lagerinsassen angebracht. Die Namen hatte Oberst Oswald dem Totenbuch entnommen, das in der Pfarrkanzlei Feldkirchen lag. „Zwei Monate lang habe ich jeden Tag acht Stunden die Namen abgeschrieben und alphabetisch gereiht“, stöhnt Oswald.

Am 11. Dezember 2012 wurden die Namenstafeln in einem militärischen Akt in Anwesenheit einer privaten ukrainischen Delegation von Nachkommen der Lageropfer feierlich enthüllt. „Jetzt haben die bisher namenlosen Toten ihre Namen wieder“, freut sich Oswald, der unermüdlich für deren Menschenwürde eingetreten war. Im Februar werden die Namen auch im Internet zu lesen sein – als virtuelles Denkmal der Kulturvermittlung Steiermark.


1767 Namen sind hier verewigt
1767 Namen sind hier verewigt.
© GERY WOLF
Baracken
Lagerinsassen mussten 1914 ihre Baracken selbst bauen.
© KK
Ehrenwache vor dem Ossarium
Ehrenwache vor dem Ossarium während der Enthüllung der Namenstafeln.
© GERY WOLF


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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele




Ich möchte wissen, ob es neben Graz-Thalerhof weitere lager für Ruthenen in der Steiermark gegeben hat. mh

-- hölzl manfred, Montag, 25. März 2013, 20:06