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Von alten Hüten, Gugeln und Mützen #

Ein nostalgischer Blick zurück auf die Huthauptstadt Graz, auf die Modistinnen und ihre Hutkreationen von anno dazumal.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Im Zeppelin über Graz
Immer gut behütet, auch im Zeppelin über Graz – Atelieraufnahme im Stil der Zeit, etwa 1906.
Foto: © SAMMLUNG KUBINZKY/ROHR

Am Bischofplatz 5 wurde 1919 der Hutsalon Pelko eröffnet. Ein kleines Geschäft mit einer einzigen schmalen Auslage neben dem Eingang, mit Blick auf den Garten des Bischofhofs. „Damals herrschte ein regelrechter Hut-Boom, meine Tante hatte acht Angestellte, die haben hier auf engstem Raum gearbeitet“, erinnert sich Großnichte Heide Pock-Springer, heute Chefin des Salons. 1969 hat sie das Geschäft übernommen und wurde schnell zur leidenschaftlichen Modistin.

Huthauptstadt Österreichs#

„Wie ich angefangen habe, hat es 25 bis 30 Hutgeschäfte gegeben, Graz war von 1950 bis 1980 wieder die Huthauptstadt von Österreich. Wie schon früher in der Monarchie.“ Ja, so war das damals in der guten, alten Zeit: Man trug Hut – und zwar für jede Garderobe einen passenden. Viele konnten sich zwar keinen neuen Mantel leisten, aber ein neuer Hut oder wenigstens ein aufgepeppter alter Hut möbelten einen ganz schön auf. „Früher haben Frauen zu Ostern regelmäßig einen neuen Hut bekommen“ – Maßarbeit selbstverständlich, während die Männer meist mit Fertigware bedient wurden.

Hutgeschäft Pelko in Graz
1919 wurde das Hutgeschäft Pelko am Bischofplatz 5 eröffnet.
Foto: © KK

Doch die Zeiten haben sich geändert. „Die Leute sind nicht mehr chic gekleidet durch die Stadt gebummelt, um zu sehen und gesehen zu werden“, so Pock-Springer. „Die Mode ist sportlicher geworden, man ist mit dem Auto aufs Land gefahren, das war das Ende der Hüte.“ Und des Grazer Hutballs, der noch in den 1950er-Jahren im „Hotel Erzherzog Johann“ sehr beliebt war. Es war aber auch das Ende der schönen Hutmodeschauen in Theatercafé und Stefaniensaal. Die Grazer Modistinnen oder Putzmacherinnen (für Damenhüte) und die Hutmacherinnen (für Herrenhüte) sind seit den 1980er-Jahren allmählich in Pension gegangen. Es fehlten die Nachfolger. „Ja, wir bräuchten in unserer Sparte wieder berühmte Vorbilder wie Jackie Kennedy, die stets einen Hut getragen hat. In den frühen 60er-Jahren wollte jede ein Jackie-Kapperl tragen“, schwärmt die Modistin. Doch die Mode ging andere Wege – und Hüte waren out. Auch die Grazer Berufsschule für Modisten und Hutmacher, in der Pock-Springer bis 1995 den Fachunterricht abgehalten hat, ist längst vergessen.

Ein weiter Blick zurück#

„Über die steirische Kleidung im Mittelalter gibt es nur wenige Nachrichten“, stellt Elke Hammer-Luza in „Alltagsleben in Graz“ (Geschichte der Stadt Graz, Bd. 2) fest. „Auf dem Kopf trugen Männer Kapuzen, Hüte oder Mützen, Frauen hatten ein Tuch darum gewunden.“

Ab dem 14. Jahrhundert entwickelte sich die Kapuze zur Gugel weiter und bedeckte Kopf und Schultern. Sie hatte einen langen Zipfel, der auf den Rücken fiel – je länger, desto modischer. Das weibliche Kopftuch wurde zur Haube, anfangs nur in adeligen Kreisen, bald aber auch bei Bürgerinnen. Im 15. Jahrhundert kamen dann Kleiderordnungen auf, die dem Bürgertum allzu üppigen Kleideraufwand untersagten und Bauern in ihre Schranken verwiesen. Nun trugen Damen reich gefältelte Hauben, sogenannte Krüseler, später auch Haarnetze aus Goldfäden. Das war die Geburtsstunde der Goldhauben.

Jackie und John F. Kennedy
Jackie und John F. Kennedy: Die Gattin des Präsidenten trägt den berühmten Hut, der zum Kultobjekt wurde.
Foto: © APA

Für das schlichte Volk genügten aber Mützen und Filzhüte, bloß der Grauton der Kleidung wurde farbig. Dann trug der feine Mann ein Barett aus Samt mit Federn. Auch die Frauen setzten Barette auf, verwendeten aber weiterhin Haarnetze oder weiße Gebändehauben. Langsam verschwanden die weiten, pludernden Landsknechtgewänder. Die neue aus Frankreich kommende Modewurde weicher, faltiger, bequemer. Auf Männerköpfen saßen Filzhüte mit bunten Federn, die Frauen trugen kleine Mützen oder Hauben, Haarnetze, Spitzentücher. Oft schmückten sie sich nur mit Bändern und Schleifen, um die beliebten Kräusellocken besser zeigen zu können, berichtet Hammer-Luza. Das einfache Volk konnte sich solche Extravaganzen aber nicht leisten.

Ab 1650 setzte die Perücken- und Zopfzeit ein, aus Frankreich wurde später auch der Gebrauch der Schminke übernommen – und 1765 sah sich die Grazer Regierung genötigt,dem gehobenen steirischen „Frauenvolk den Gebrauch des Anstrichs zu verbieten“. Nach der Französischen Revolution schritt die Entwicklung der Mode immer rasanter voran.

Der Bürger, der um 1850 etwas auf sich hielt, trug nach wie vor den Zylinder zum Straßenanzug. Bei den Frauen erlebte das Schnüren zur Jahrhundertwende eine letzte Blüte, bevor nach dem Ersten Weltkrieg eine praktische Mode neue Maßstäbe setzte.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele