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Das Judenviertel im Herzen der Altstadt #

Zwischen Frauengasse und Hans-Sachs-Gasse lag im Mittelalter das Grazer Judenviertel. Dass Juden nur dem Landesherrn steuerpflichtig waren, empörte die Grazer aber sehr und so vertrieben sie damals gleich zweimal die Juden aus ihrer Stadt.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Zwangstrachten der Juden im Mittelalter
Zwangstrachten diskriminierten die Juden im Spätmittelalter.
© KK

Mit der römischen Kolonialisierung Noricums um Christi Geburt kamen die ersten Juden in unsere Gegend. Starke historische Hinweise geben vor allem Ortsnamen, die mit „Jude“ zusammengesetzt sind, wie Judenburg oder die Judendörfer bei Graz, Leoben oder Murau. Diese darf man sich aber nicht wie herkömmliche Dörfer vorstellen, sondern eher als Ansammlung von Lagerhäusern an den Handelswegen, die den Juden als Stützpunkte dienten.

Denn die Juden betrieben bis ins Mittelalter den gesamten Fernhandel zwischen Europa und dem Orient. In einer zwischen Christen und Muslimen zweigeteilten und verfeindeten Welt taten sich die religiös „neutralen“ Juden viel leichter und wurden von beiden Seiten akzeptiert. Da es nach christlicher Auffassung jedoch verboten war, anderen Christen Geld gegen Zinsen zu borgen, übernahmen die Juden im Hochmittelalter auch den sehr einträglichen, aber undankbaren Job der Geldverleiher.

Rabbi Nissims Grabstein
Rabbi Nissims Grabstein.
© ENGELE

Das mittelalterliche Grazer Judenviertel mit seinen knapp 150 Bewohnern wurde 1261 erstmals urkundlich erwähnt („ain haus zu Grecz an der Judengassen“). Man muss es sich wahrscheinlich als Ghetto vorstellen, das von der übrigen Stadt abgetrennt war und im Bereich der südlichen Herrengasse (damals Bürgergasse) lag, die vor dem Judenviertel endete. Bis ins 18. Jahrhundert hieß das Geviert um Frauen-, Jungfern- und Fischer von Erlachgasse noch „die beiden Judengassen“ – im Grundriss ist es bis heute nahezu unverändert. Der östliche Teil des Judenviertels erstreckte sich zwischen Hans-Sachs-Gasse und der Höhe des späteren Zeughauses. Ihr Mittelpunkt war die Synagoge, die gegenüber der heutigen Stadtpfarrkirche vermutet wird. Im Süden war das Ghetto von der Stadtmauer begrenzt. Hier gab es kein Stadttor, sondern ein „Judentürlein“, durch das man auf den jüdischen Friedhof gelangte, der außerhalb von Stadtmauer und Stadtgraben lag – etwa dort, wo heute der Jakominiplatz beginnt. Ein Garten vor dem Eisernen Tor trug noch um 1600 die Flurbezeichnung „der Judenfreidhoff“. Von den dort gefundenen Grabsteinen hat sich nur der des Rabbi Nissim erhalten, der am 27. Juni 1387 gestorben war. Dass wir diesen Stein heute noch sehen können, ist Erzherzog Karl II. zu verdanken, der ihn 1570 im ersten Hof der Graz Burg in der Wand einmauern ließ.

Die Juden waren damals nur dem Landesherrn steuerpflichtig, das allerdings saftig. Der Stadt mussten sie nichts zahlen. Da sie aber alle Rechte in Anspruch nahmen, waren die Grazer sehr verärgert. Und zwar so sehr, dass 1438/39 das Ghetto auf ausdrücklichen Wunsch der Grazer Bürgerschaft von Herzog Friedrich V., dem späteren Kaiser Friedrich III., aufgelöst wurde.

38.000 Gulden Judenablöse#

Die jüdischen Häuser wurden an Adelige, Beamte und Bürger vergeben, die Juden selbst vertrieben. Ihre Abwesenheit dauerte aber nicht lange: Schon 1447 holte sie Friedrich wieder zurück, da er auf ihre Steuerkraft nicht verzichten konnte. Er siedelte sie nun verstreut in Graz an – die alten Häuser waren ja vergeben – und garantierte ihnen neue Privilegien, worüber die Grazer sehr verbittert waren und Friedrich als „Judenkönig“ beschimpften. Damit war natürlich der Boden für neuen Zwist gelegt und am 18. März 1496 wurden die Juden auf Betreiben der Stände durch Friedrichs Sohn Maximilian endgültig aus Innerösterreich vertrieben. Dafür zahlten sie dem König 38.000 Gulden in drei Raten – als „Judenablöse“.

Erst der „aufgeklärte“ Josef II. öffnete 1783 den Juden wieder die Jahrmärkte in Graz und Klagenfurt. 1861 wurde ihnen auch das Wohnrecht in Graz eingeräumt.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele