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Mautstellen schotteten Graz ab – bis 1938 #

Unglaublich, aber bis ins 20. Jahrhundert gab es in Graz eine völlig überalterte Binnenmaut. Wollte jemand Lebensmittel in die Stadt bringen, wurde er von den „Spinatwachtern“ zur Kasse gebeten.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Ehem. Grazer Linienamt
Ehemaliges Grazer Linienamt: Ecke Plüddemanngasse/Ruckerlberggasse (noch mit Eckschalter)
© ENGELE

Bis zum Jahr 1938 bestand Graz nur aus sechs Bezirken – Innere Stadt, St. Leonhard, Geidorf, Jakomini, Gries und Lend. An den Ausfallstraßen befanden sich Mauthäuser, in denen Beamte eine Maut einhoben. Sie trugen den stolzen Titel der „provisorischen, städtischen Finanzwach-Aushilfe-Aufseher“.

Für die Benützung der Straße mussten die Lenker von Fahrzeugen Straßenmaut zahlen. Wollten Bauern aus dem Umland Lebensmittel wie frisches Gemüse und Obst, Geselchtes oder Eier nach Graz „importieren“, wurde eine Verbrauchssteuer eingehoben. Auch Grazer, die einen Ausflug gemacht hatten und vollbepackt mit Lebensmitteln zurückkamen, wurden zur Kasse gebeten.

24 Mautstellen#

Jedermann, der die Grazer Grenze überschritt – egal, ob zu Fuß, mit der Straßenbahn, dem Fuhrwerk, Auto oder Fahrrad –, wurde einer Kontrolle durch die „Spinatwachter“, wie die Beamten wegen ihrer grünen Uniformen volkstümlich bezeichnet wurden, unterzogen. 24 Mautstellen oder Linienämter gab es damals an der Grenze der Landeshauptstadt. Bezeichnungen wie „Puntigamer Maut“ oder „Leonhard- Maut“ haben im allgemeinen Sprachgebrauch lange Zeit überlebt, heute erinnert nur noch die Mautgasse (Grabenstraße/Lindengasse) offiziell an die alte Andritzer Zollstelle.

Ehem. Grazer Linienamt
Ehemaliges Grazer Linienamt: der derzeit geschlossene „Schanzlwirt“, der bis 1740 Mauthaus war
© ENGELE

Ungeliebte Spinatwachter#

Die „Spinatwachter“ oder „B’stellten“ waren als Kontrollore bei der Bevölkerung äußerst unbeliebt. Denn kein Hendl oder Schweinsbraten entging ihrem scharfen Blick. Alle Taschen und Rucksäcke mussten geöffnet werden, ja sogar Heuwagen wurden mit spitzen Mistgabeln durchsucht, damit ja keine Schmuggelware nach Graz gelangen konnte. Und die Liste der Waren, die unter die Verzehrsteuer fielen, war sehr lang. Nicht nur die täglichen Lebensmittel standen darauf, sondern auch Dörrobst, Seife, Brennholz, Met und Essig. Nicht einmal Haarpuder und Hundekuchen durften unversteuert in die Stadt. Dazu kam die „Pflastermaut“, die ein gehoben wurde. Nur Fußgänger waren davon befreit, alle anderen wurden zur Kasse gebeten.

Für einen Einspännerwagen zahlte man 10 Groschen Maut, für einen Zweispänner 20 Groschen. Fuhrleute kamen günstiger davon, wenn ihre Wagen breite Räder hatten – weil sie das Pflaster schonten. Motorradfahrer wurden um 10 Groschen erleichtert, und Autofahrer nach der Zahl der Sitze im Wagen besteuert.

Was aber erhielten die Finanz-Aushilfe-Aufseher selbst bezahlt? Sie bekamen ein monatliches Salär von 162 Schilling – immerhin 30 mehr als ein Feuerwehrmann. Damit aber auch die Bahnreisenden der kommunalen Abgabe nicht entgingen, waren beim Südbahnhof (heute Hauptbahnhof) und im Ostbahnhof Linienämter eingerichtet. Weil beim Hilmteich die „rote Tram“ die Steuer- und Finanzgrenze der Stadt zur Gemeinde Fölling überrollte, gab es auch hier ein Linienamt.

Ehem. Grazer Linienamt
Ehemaliges Grazer Linienamt auf dem Leonhardplatz
© KK

Kein Einschleichen möglich#

Und wer glaubte, sich schwer bepackt über Seitenstraßen oder Feldwege in die Stadt einschleichen zu können, konnte sehr leicht einer „ambulanten Mautkommission“ in die Arme laufen. Der Anachronismus eines derartigen Binnenzollsystems hatte aber eine sehr lange Tradition. Bereits 1265 wird die Grazer Maut im Urbar König Ottokars von Böhmen erwähnt, der damals über die Steiermark herrschte.

1361 erhielt Graz von Rudolf IV. von Habsburg einen ausgedehnten Stadtgerichtsbezirk verliehen. Der war Goldes wert, denn er schloss die Verkehrswege am Ost- und Westrand des Grazer Beckens ein und machte damit ein Umgehen der Stadt äußerst schwierig. Nun konnte Graz auch für die Benützung der alten Römerstraße, im Mittelalter Hoch- oder Mitterstraße genannt (heute Alte Poststraße), kassieren. Auch eine Brückenmaut war üblich. Und die Wassermautstelle bei der Schießstätte im Griesviertel kontrollierte die Schiffe, Flöße und Platten auf der Mur.

Mit jeder Stadterweiterung wurden die Mautstellen weiter nach außen verschoben. Befanden sie sich im Mittelalter noch beim Eisernen Tor und den anderen Stadttoren, waren sie im 18. Jahrhundert bereits auf dem Leonhardplatz, in der Heinrichstraße, bei der Weinzettelbrücke und der Papiermühle. Erst durch die Errichtung von „Groß-Graz“ im Zuge des „Anschlusses“ an das Deutsche Reich 1938 kam es zum lang ersehnten Ende der lästigen und ineffizienten Binnenmaut.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele