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Ein kleines Grazer Versailles #

Kennen Sie das Meerscheinschlössl? Es lag in einem riesigen Park, der heute völlig verbaut ist. Um 1800 war es ein beliebtes Tanzetablissement mit 3000 Besuchern an Spitzentagen.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Meerscheinschlössl
So schön sieht die Gartenfront des Meerscheinschlössls noch heute aus, bloß der Park ist enorm geschrumpft.
Foto: Andi oisn. Aus: Wikicommons unter CC

Viele Grazer werden sich wohl schon gefragt haben, woher das Meerscheinschlössl in der Mozartgasse 3 (gleich neben der Universität) seinen seltsamen Namen hat. Welches Meer sollte dort wohl scheinen?

Nun, wie so oft stammt der Name von einem seiner Eigentümer, dem Postmeister und Kaffeehausbesitzer Johann Meerschein (auch Merschein geschrieben) aus Böhmen. Dieser hatte 1786 von Caspar Andreas Jacomini, dem Erbauer der Jakomini- Vorstadt, das einzige Kaffeehaus im zentralen Gebäude („Neuhof“) auf dem neuen Platz vor dem Eisernen Tor gepachtet – im Haus Jakominiplatz Nr. 16.

Da sich aber bald schon weitere Kaffeesieder am Jakominiplatz ansiedelten und die Konkurrenz dadurch immer größer wurde, kam es zu Streitigkeiten zwischen Meerschein und Jacomini. Meerschein zog sich verärgert zurück und heckte neue Pläne aus.

1801 kaufte er für 19.300 Gulden den sogenannten Wurmbrandgarten im alten Festungsvorfeld vor den Grazer Stadtmauern. Hier durfte man ja erst seit 1683 Häuser bauen. Also, nachdem die Türken vor Wien endgültig besiegt worden waren. Die beständige Gefahr aus dem Osten war erst ab jetzt endgültig gebannt.

Genau in dieser Zeit wurde hier der alte Sommersitz des päpstlichen Nuntius Malaspina in drei langen Bauabschnitten zu einem hübschen kleinen Barockschloss umgebaut.

Ein Grazer Versailles#

Seine repräsentative Gartenfront, die wohl unter dem Einfluss der Bauwerke des Johann Bernhard Fischer von Erlach und des Johann Lukas von Hildebrand entstand, war damals durch eine lange Allee vomPaulustor aus zu erreichen. Das muss ein äußerst idyllischer Anblick gewesen sein, der verständlich macht, dass dieses Schlösschen als kleines „Grazer Versailles“ bezeichnet wurde. 1772 kamdann der ganze biszum Glacis reichende, völlig unbebaute Grund in das Eigentum des Thomas Gundaker Graf Wurmbrand-Stuppach. Der ließ den inzwischen etwas verwahrlosten Besitz herrichten – und öffnete den nach ihm benannten Garten für alle Grazer. Aus dem Lustgarten für die Adeligen war nun ein Volksgarten geworden. Der Wurmbrand’sche Garten wurdezumbeliebten Ziel für die Sonntagsausflüge der Grazer Familien. Kein Wunder, dass ein zeitgenössischer Chronist den Besitzer lobte: „Dieser Graf, dem man den ersten Platz unter den Menschenfreunden dieser Stadt einräumen muss, wird ewig im Herzen aller leben.

Meerscheinschlössl
Blick vom Paulustor auf das Meerscheinschlössl und seine riesige Parkanlage, die ab 1772 für alle Grazer geöffnet wurde.
© KK

Herr Meerschein greift ein#

Doch „ewig“ war auch damals schon ein relativer Begriff, denn als der Graf 1791 starb, war es aus mit lustig für die Grazer und der Name des Gartens geriet in Vergessenheit. Doch jetzt kam der Herr Meerschein ins Spiel. Voller Energie machte er aus dem schönen großen Saal mit dem berühmten Deckengemälde von Giulio Quaglio, das den Kampf des Lichtes mit der Finsternis, also des Christentums mit dem Heidentum, darstellt, ein beliebtes Tanzetablissement.

Wieder war das Schlössl eine gut besuchte Unterhaltungsstätte für alle Grazer. An Sonntagen im Sommer spielten nicht weniger als drei Musikkapellen bis spät in die Nacht auf, an Spitzentagen zählte man bis zu 3000 Besucher. 1809 aber war alles aus, da kamen nämlich die Franzosen, besetzten im Zuge der Napoleonischen Kriege Graz und beschossen den Schloßberg. Und genau im großen Gastgarten des Herrn Meerschein stellten sie eine französische Batterie auf. Im Schloss selbst wurden französische Soldaten einquartiert – und entsprechend mitgenommen sah das ganze Anwesen danach aus.

Doch Meerschein war inzwischen verstorben, der riesige Grund wurde parzelliert und als Baugrund verkauft. Sicher ein sehr einträgliches Geschäft. Danach wechselten die Eigentümer mehrmals, im großen Saal wurde zeitweilig sogar Theater gespielt.

Girardis erste Gehversuche#

Zwischen 1866 und 1870 trat hier auch ein junger Schlosserlehrling auf, der in der Laienschauspielgruppe „Die Tonhalle“ mitwirkte und großes Talent hatte. Sein Name: Alexander Girardi aus der Leonhardstraße, der später Österreichs größter Volksschauspieler werden sollte.

1899 wurde im Gebäude ein Sanatorium für Nervenkranke und Morphiumabhängige eingerichtet, das aber 1913 schon wieder geschlossen wurde. 1914 wurde das Meerscheinschlössl vom Ministerium für Kultur und Unterricht gekauft und bis jetzt der Universität Graz zur Verfügung gestellt. Die Prunkräume werden heute auch für Veranstaltungen, private Feiern und Seminare zur Miete angeboten.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele