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Pecunia non olet: Geld stinkt nicht, hieß es auch in Graz #

Wie in einer Grazer Fabrik aus menschlichen Exkrementen Düngemittel produziertwurden, bevor man dort auf Seife umgestiegen ist.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Haben Sie eigentlich schon einmal bemerkt, wie bequem es ist, wenn man zu Hause die Klospülung betätigt – und flutsch ist alles entsorgt?

Das gleiche gilt natürlich auch für die Abwässer im Haushalt. Aber es war nicht immer so einfach und hygienisch, seine alltäglichen Geschäfte zu verrichten.

Jahrhundertelang wurden alle Niederschlags- und Wirtschaftswässer von Graz in oberirdischen Rinnsalen auf dem kürzesten Weg in die Mur oder in die alten Festungsgräben und Mühlgänge geleitet. Die menschlichen Ausscheidungsstoffe hingegen wurden in Gruben gesammelt, deren Inhalt je nach Bedarf entleert wurde. Das war natürlich auf Dauer keine sehr befriedigende Lösung und überdies äußerst geruchsintensiv.

Was sollte also mit der Fäkalmasse der Grazer geschehen, war daraus nicht doch in irgendeiner Form Gewinn zu erzielen, fragten sich schon im 19. Jahrhundert findige Unternehmer. Und wirklich, am 17. Dezember 1871 legte ein Konsortium ein Offert vor, „die Abfuhr der menschlichen Ausscheidungen in der Landeshauptstadt Graz zu übernehmen“.

Stinkt Geld wirklich nicht?#

Schon im März 1872 wurde der Bau einer Poudrette-Fabrik (Düngemittelfabrik) bewilligt, für die die Stadt ihre gesamte Fäkalmasse zusicherte.

Auf der Wohlmut-Wiese in der nur schütter besiedelten Schönau, die damals noch zur Gemeinde Liebenau gehörte, wurde die Fabrik direkt am linken Murufer als Sichtziegelbau mit Mansardendachstuhl errichtet. Die Planung hatte Georg Niemann über, Baumeister war Jakob Bullmann. Doch die neue Fabrik stand unter keinem guten Stern. Schnell gab es – große Überraschung – Schwierigkeiten wegen Geruchsbelästigung, und mehrfach wechselten auch die Besitzer. Seit spätestens 1889 wurde dann das Werk als Podewilsche Fäkalextraktfabrik bezeichnet und bis 1920 laufend erweitert und umgebaut.

Grazer Stadtplan
Grazer Stadtplan
© KK, DAVID BAUER

Im Zweiten Weltkrieg kam dann das Ende, als der schöne Backsteinbau durch einen Bombentreffer schwer beschädigt wurde. 1946 übernahm schließlich die H. G. Lettner & Söhne KG die Anlage in der Angergasse 41-43 – und errichtete hier eine Seifenfabrik. Ob in erster Linie zur Säuberung von den Fäkalextrakt- Resten oder doch hauptsächlich zur Erzeugung von feiner Seife, ist nicht exakt überliefert. Heute erfreuen sich die total renovierten Gebäude jedenfalls großer Beliebtheit als Eventhalle.

Aber wie wurden die oberirdischen Abwasser- Rinnsale gebändigt? Ein erster Ansatz zur unterirdischen Ableitung kam mit der Trockenlegung der alten Stadtgräben. Beim Verschütten dieser Gräben wurde gleich auf deren Bodensohle ein Kanal verlegt, um für die Schmutz- und Niederschlagswässer einen unterirdischen Abfluss zu schaffen. Doch damit beginnt schon fast die Geschichte der nächsten Woche.

Luftverbesserung. Auf diesem alten Stadtplan von Graz aus dem Jahr 1894 erkennt man deutlich ganz markante Veränderungen: Abgesehen davon, dass Graz damals nur fünf Bezirke hatte, mündet hier noch der Grazbach an der Schlachthausbrücke (heute Bertha von Suttner-Brücke), genau dort, wo sich heute das Augartenbad befindet, in die Mur. Und südlich davon (siehe Pfeil) ist die alte Poudrette-Fabrik eingezeichnet, in der die Grazer Exkremente zu Düngemittel veredelt wurden, bevor nach dem Zweiten Weltkrieg der Wandel zur Seifenfabrik vollzogen wurde, schildert Gerald Maurer, Chef des Kanalbauamtes, der freundlicherweise sein Archiv für diese Geschichte geöffnet hat.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele