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Wie der Bauernbub nach Graz kam #

Wussten Sie, dass der steirische Volksdichter Peter Rosegger 53 Jahre in Graz gelebt hat – und hier von Wohnung zu Wohnung gezogen ist? Nur sein Herz blieb immer in der Waldheimat. (Erster Teil)#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Zeitschrift „Heimgarten“
Titelblatt der von Peter Rosegger herausgegebenen Zeitschrift „Heimgarten“ im Jahr 1879
© KK

Ich bummelte, mir selbst überlassen, in dem mir neuartigen und anlockenden Leben der Stadt dahin“, schreibt Peter Rosegger in seiner Selbstdarstellung „Mein Weltleben“ über die ersten Wochen in Graz.

„Ein zweiundzwanzigjähriger, gesunder, naiver Bursche mit leidlich empfänglichen Sinnen, voll Vertrauensseligkeit und ohne jegliche Welterfahrung, so lebte ich und vagierte von einem Tag zum anderen, von einer Stadtergötzung zur anderen, soweit es meine Mittel erlaubten.“ Aber wohl war ihm nicht dabei.

Wie Peter nach Graz kam #

1864 hatte der Schneidergeselle aus dem Mürztal, der für die schwere Bauernarbeit zu zart war, Mundartgedichte an die „Grazer Tagespost“ geschickt. Und wirklich – deren Chefredakteur Adalbert Svoboda antwortete dem jungen Mann, erkannte dessen Naturtalent und teilte ihm mit, dass er ihn fördern und einflussreichen Gönnern vorstellen wollte. Aber zuallererst sollte er einmal die notwendige (Aus-)Bildung erlernen. Doch wohin mit dem jungen Mann?

Peter Rosegger
Fotografie des jungen Schriftstellers Peter Rosegger aus dem Jahr 1873, als er seine erste Frau kennenlernte
© KK

„In eine Elementarschule wollte man mich nicht stecken, und für alle anderen Schulen hatte ich zu wenig Vorbildung“, schreibt Rosegger über sich selbst. Immerhin war er ja zu diesem Zeitpunkt schon 22 Jahre alt. Da machte Svoboda ihn mit Rudolf Falb bekannt, der Religionslehrer an der Grazer Handelsakademie war, die sich damals noch in der Kaiserfeldgasse 25 befand und erst kurz zuvor gegründet worden war. 1865 veranstaltete die HAK einen Zyklus öffentlicher Vorlesungen, für die Professor Falb freien Eintritt für Peter Rosegger erwirkte. Als „Bettelstudent“ war Rosegger in seinen ersten Grazer Wochen nun jeden Tag bei einer anderen Familie mittags zu Gast. Die Welt des wohlhabenden, gebildeten Bürgertums war dem jungen Mann vom Land anfangs völlig fremd. „Der Fußboden war mit lauter blumigen Tüchern belegt“, berichtete er beispielsweise von den schönen Teppichen im Hause Reininghaus.

Schließlich nahm ihn aber die „Akademie für Handel und Industrie“, wie die Handelsakademie genannt wurde, unentgeltlich als Schüler und deren Direktor Franz Dawidowsky in sein Pensionat auf. Jetzt saß Peter Rosegger in der großen fremden Stadt in der zweiten Vorbereitungsklasse inmitten seiner Mitschüler – „lauter Büblein von zwölf bis fünfzehn Jahren, deren größten ich um Kopfeslänge überragte“. Aber in Deutsch „schrieb ich die besten Aufsätze und machte die haarsträubendsten orthographischen Fehler“.

Das erste Schuljahr#

„Das erste Schuljahr war für mich das erfolgreichste“, schreibt Rosegger. „Es hat mich demütig gemacht. Da war ich herangestürmt in der Meinung, wenn man nur Bücher und Zeit hat, das Lernen selbst sei ein Spaß. Nun wußte ich, daß es kein Spaß war, besonders nicht für mich.“

Bronze-Büste Roseggers
Die Bronze-Büste Roseggers im Augarten
© KK

Aber großzügige Förderer wie der Großindustrielle Peter von Reininghaus unterstützten und förderten das junge Talent, sodass sich Peter bald schon am Fuße des Schloßbergs ein einfaches Quartier leisten konnte. Im heutigen Haus Wickenburggasse 5 vermietete ihm der pensionierte Finanzrat Franz Frühauf nicht nur ein Zimmer, sondern wurde auch sein väterlicher Freund. Ende November 1865 schon übersiedelte Rosegger aber als Nachhilfelehrer eines achtjährigen Offizierssohnes in die Salzamtsgasse 28 (später Stiftgasse 3), in den 3. Stock, berichtet Mirella Kuchling in ihrem Buch „Literarische Spaziergänge durch Graz“: „Meine neue Wohnung war eine schiefwandige Dachkammer ohne Ofen … Die langen Abende stand ich schlotternd am Fenster mit dem Schulbuch, bei dem Licht einer Straßenlaterne, die ich zu den Wohltätern meines ersten Grazerlebens zählen muß.“ Dort hielt er es aber nur 14 Tage lang aus, dann zog Rosegger wieder zurück in sein altes Zimmer in der Wickenburggasse.

Auf seinem täglichen Schulweg ging Rosegger stets an einer kleinen Schenke vorüber, die Obstmost anbot. Am Faschingsdienstag des ersten Schuljahres gönnte sich der junge Mann endlich ein Glas Most und eine Semmel – und lief so seinem Schuldirektor in die Arme, der seinen Schülern Gasthausbesuche strengstens verboten hatte, erzählt Kuchling.


--> Zweiter Teil



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele