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Von sauren Weinen und arger Trunksucht #

Um 1600 trank der Grazer Bürger etwa eineinhalb Liter Wein täglich, auchwenn der noch so sauer war. Das war eine Prestigefrage. Die Trunksucht war natürlich groß. #


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Weingarten am Rosenhain
Weingarten am Rosenhain
© KK
Werbung für Kleinoscheg’s Weinstube
Werbung für Kleinoscheg’s Weinstube in der Herrengasse
© KK

Schon seit dem Mittelalter wurde in und um Graz Wein angebaut – auf dem Schloßberg ebenso wie auf dem Göstinger Burgberg, am Buchkogel oder Rosenhain. Heute erinnern noch Straßennamen an diese Zeit: Winzerweg, Am Weinhang, Weinbergweg, Weingartenweg.

Landeshauptmann Dietrichstein
Landeshauptmann Dietrichstein bekämpfte die Trunksucht
© KK

Kein Wunder, dass Wein in der Stadt das am meisten verbreitete Getränk war. Rebsorten kannte man früher nicht, die Bezeichnung des Weines erfolgte nach seiner Herkunft. Also trank man Luttenberger aus der Untersteiermark (heute Slowenien), Radkersburger, Leibnitzer oder Sausaler. Die Weine aus Graz wurden nicht benannt, weil ihre Qualität zu schlecht war – sie kamen nur für den Eigenbedarf der Bürger infrage. Das aber in Mengen.

Wasser und Most, die Getränke der ländlichen Bevölkerung, waren den Grazern zu minder. Denn Wein trinken war eine Prestigefrage, ja ein Statussymbol – auch wenn der Wein noch so sauer war. Überliefert ist die Haushaltsrechnung des Grazer Hofkapellensängers Lang für das Jahr 1600. Darin ist der tägliche Weingenuss ein Fixpunkt. Lang und seine Frau tranken zur Mahlzeit je ein Viertel Wein – da aber eine Grazer Viertelkandel damals zwischen 1,38 und 1,64 Litern schwankte, bedeutete das den täglichen Konsum von etwa eineinhalb Litern pro Person. Dazu kam noch der „extraordinari Trunckh“ in den Wirtshäusern.

1682 verlangten die Poliere der Zimmerleute von den Bauunternehmern täglich ein Viertel Wein (ein Grazer Viertel natürlich) – der Regierungskommissär befand aber, dass ein halbes Viertel (0,7 Liter) täglich genüge. Diese Menge war kein Ausnahmefall, sondern die Norm. Auch Geistliche und Pfründner bekamen ihre tägliche Ration. Sogar Strafgefangene erhielten ihr Quantum.

Auch wenn der Alkoholgehalt der Weine in der frühen Neuzeit niedriger war als heute, war die Gefahr des Alkoholmissbrauchs und der Trunksucht groß. „Nicht von ungefähr gründete Landeshauptmann Sigismund von Dietrichstein 1517 in Graz einen Orden der Nüchternheit und Mäßigkeit“, berichtet Elke Hammer-Luza in der „Geschichte der Stadt Graz“. Mitte des 16. Jahrhunderts entstand die Bruderschaft „Zum goldenen Kreuz“, die gegen das beliebte „Zutrinken“ auftrat: In Trinkrunden war es üblich, Trinksprüche auf Anwesende anzubringen, die darauf „Bescheid“ geben und ihr Glas leeren musste. Da war die Ausartung in Saufgelage eine sehr große Gefahr.

„Verbessert“ und gestreckt #

Ab dem 18. Jahrhundert ging der Weinkonsum in Graz allmählich zurück. Man zog qualitätsvollen ausländischen Wein dem eigenen sauren Tropfen vor oder begann Bier zu trinken, das viel schmackhafter geworden war. Man konnte allerdings auch den sauren Landwein unerlaubt aufbessern: Er wurde verwässert oder mit Most gestreckt. Durch die Beigabe von Branntwein „verbesserte“ man den Alkoholgehalt oder man zuckerte den Wein auf. Noch um 1890 hatte Graz den Ruf, dass hier gerne Kunstwein ausgeschenkt werde. Umso begehrter waren da Lokale mit Qualitätsweinen, wie die „Brüder Kleinoscheg’s Weinstube“ in der Herrengasse.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele