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Wie der Schüler Ferdinand lernte #

In Graz sind die reich illustrierten Unterrichtstafeln des sechsjährigen Ferdinand, Sohn Maria Theresias, zu sehen.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Der Schüler Ferdinand
Der junge Ferdinand im Kürass mit edlem Hermelinmantel zeigt auf dieser Porträtminiatur auf seine Unterrichtstafeln
© UMJ
Tafel „Homo“
Auf der Tafel „Homo“ wird der Lebensweg eines jungen Aristokraten in seinen Möglichkeiten vorgeführt
© UMJ
„Calligraphia“
Unter dem (fälschlichen) Titel „Calligraphia“ wird die Entwicklung der Schrift- und Tonzeichen skizziert.
© UMJ


Ferdinand Karl wurde 1754 als 14. Kind von Maria Theresia und Kaiser Franz I. Stephan geboren. Er war ihr vierter Sohn – und hatte Glück gehabt. Denn als vierter Sohn war er nicht für die Thronfolge bestimmt und verbrachte eine eher unbekümmerte Kindheit. Er galt als „Hätschelkind“ Maria Theresias.

Mit sechs Jahren bekam er mit Georg Philipp von Rottenberg einen eigenen Lehrer – genau in dem Alter, mit dem die Herrscherin später die allgemeine Schulpflicht beginnen ließ. Und Rottenberg schuf 1760 für den kleinen Erzherzog und seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Maximilian die berühmten Unterrichtstafeln, die in Graz aus dem Dunkel des Depots gehoben wurden und nun Teil der Ausstellung im Museum im Palais in der Sackstraße sind. „Sie stellen eine „Kinderwelt von A bis Z dar“, erklärt Marlies Raffler, Historikerin an der Grazer Universität. „Das waren keine Tafeln zum Repräsentieren, sondern sie waren wirklich zum Unterrichten der kleinen Prinzen gemacht.“ Wegen ihrer reich illustrierten Gestaltung zählen sie zu den schönsten Schriftdenkmälern der theresianischen Epoche. „Ein Kleinod, das sich in Graz versteckt hat“, so Raffler. Mit den bunten Tafeln, die an der Wand aufgehängt waren, sollten alle Sinne angeregt werden, die Kinder sollten staunen.

Ein Frage-Antwort-Spiel #

Wie aber funktionierte der Unterricht? „Durch Katechisieren“, erläutert die Historikerin. „Also durch ein Frage-Antwort-Spiel.“ Der Lehrer hat gefragt und der Schüler musste es ihm auf der Tafel zeigen und erklären.

Früh schon schmiedete Maria Theresia Heiratspläne für Ferdinand. Noch im Kindesalter wurde er mit der Tochter des Herzogs von Modena, Maria Beatrice d’Este, verlobt, die er mit 17 Jahren 1771 heiratete – damit wurde Ferdinand zum Begründer der Linie Habsburg-Este.

Über komplizierte Erbschaften nach dem Tod von Philipp Rottenbergs Bruder kamen die Tafeln (wohl die Vorstufe der noch aufwendigeren Wiener Tafeln) im 19. Jahrhundert ans Joanneum in Graz. Raffler selbst wurde als Studentin durch ihre Lehrerin an der Uni, Grete Klingenstein, auf sie aufmerksam. „Und die Tafeln sind immer in meinem Hinterkopf geblieben.“ Auch wenn sie im Grazer Joanneum- Depot verstaubten. Bei der Übersiedlung ins Museum im Palais kamen sie wieder ans Tages- licht. Doch ohne wissenschaftliche Beschreibung kein prominentes Ausstellen. „Also haben wir ein interdisziplinäres Team von Fachgelehrten gebildet und das Buch ,Der Schüler Ferdinand‘ geschrieben – jetzt sind die Tafeln Teil der Hauptausstellung.“



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele