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Kenner des fernen Russlands#

Siegmund von Herberstein: Die Erfolge des kaiserlichen Botschafters, besonders in Russland.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Freiherr Siegmund von Herberstein
Siegmund von Herberstein: Der Osteuropaexperte der Habsburger.
© KK

Wegen seiner außerordentlichen Sprachkenntnisse erhielt Siegmund von Herberstein bald schon diplomatische Aufträge heikler Natur – er wurde ab nun sozusagen kaiserlicher Sonderbotschafter. Fast 40 Jahre lang reiste er durch fast alle Länder des europäischen Festlands. Dabei hatte alles wenig erfolgreich begonnen. Denn seine erste größere Reise führte ihn 1516 an den dänischen Hof. Er sollte König Christian II., der mit der Enkelin des Kaisers verheiratet war, an seine ehelichen Pflichten erinnern. Allzu sehr widmete sich dieser nämlich seiner Geliebten, einem Schankmädchen aus Amsterdam. Doch der Auftrag endete, wie er wohl enden musste – erfolglos.

Aus den zwischen 1515 und 1553 unternommenen 69 Auslandsreisen ragen vor allem seine zwei Fahrten nach Russland heraus, die Herberstein berühmt machten. Bereits mit der ersten Fahrt 1516/17 wurde er zum „Osteuropaexperten“ in habsburgischen Diensten. 1525/26 kam er zum zweiten Mal an den Hof des Moskauer Großfürsten. Seine dabei gesammelten Eindrücke und Erlebnisse publizierte Herberstein auf Lateinisch unter dem Titel „Rerum Moscoviticarum Commentarii“ in Wien. Übersetzungen ins Italienische, Deutsche, Französische und Russische folgten. Herbersteins Beschreibungen sind heute noch historisch von großem Wert, weil der Autor sich immer neugierig bei seinen Gesprächspartnern nach vielen Einzelheiten erkundigt und alles kritisch hinterfragt hat. Sein Buch „Moskoviter wunderbare Historien“ (so der deutsche Titel) ist der erste bedeutende Bericht eines Mitteleuropäers über das damals im Abendland fast unbekannte Russland. Zu lange hatten die Mongolen von 1238 bis 1480 das spätere Zarenreich beherrscht und von aller Welt abgeschottet.

Erhebung zum Freiherrn#

Was war aber der Grund für das plötzliche Interesse der Habsburger an Russland? Der Kaiser wollte im Zarenreich ein Gegengewicht zu Polen finden. Der damalige Polenkönig Sigismund war nämlich ein Bruder von König Wladislaus II. von Ungarn und Böhmen. Sollte nun Polen Ansprüche auf Ungarn und Böhmen stellen, würde es die Pläne der Habsburger ganz schön durchkreuzen. Auf diese Länder spitzte man schon in Wien. Kurz nach Herbersteins Rückkehr aus Moskau starb Kaiser Maximilian und sein Enkel auf dem spanischen Thron wurde sein Nachfolger. Nun reiste Herberstein als Vertreter der steirischen Stände mit den anderen Abgeordneten nach Spanien, um Karl V. in Barcelona als neuen Landesherrn zu begrüßen und die ständischen Rechte und Freiheiten entsprechend zu wahren.

Die günstigen Ergebnisse seiner diplomatischen Reisen brachten Herberstein 1531 die Erhebung in den Freiherrenstand. Aber König Ferdinand, der die Erbländer übernommen hatte, hielt ihn dauernd auf Trab. Im August 1541 wurde er ins türkische Feldlager vor Ofen (Budapest) gesandt, um mit dem siegreichen Sultan einen Waffenstillstand zu schließen.

Ansicht von Moskau im 16. Jahrhundert
Ansicht von Moskau im 16. Jahrhundert: Seine Moskauer Eindrücke und Erlebnisse veröffentlicht Siegmund von Herberstein in zwei Büchern.
© KK

Bei der Audienz im Zelt des Paschas sollte er sich tief verbeugen und dann dem Sultan die Hand küssen, die ihm dieser gnädig hinhielt. Aber Herberstein stand bereits im 65. Lebensjahr und war heftig von Rheuma geplagt.

Keine Verbeugung#

Vor lauter Schmerzen schaffte der Steirer in diesem heiklen Moment die tiefe Verbeugung nicht. In seiner Not stieß Siegmund von Herberstein leise einen slowenischen Schmerzruf aus. Doch der Sultan verstand Slowenisch und erkannte die unangenehme Situation des alten Mannes. Freundlich hob er seine Hand so hoch, dass sogar der steif dastehende Herberstein sie küssen konnte. Dank seines diplomatischen Geschicks konnten die Verhandlungen schließlich sogar zu einem verhältnismäßig günstigen Abschluss geführt werden.

Doch die Gesundheit Herbersteins hatte durch die Reisestrapazen gelitten und so befreite ihn König Ferdinand 1542 von der Teilnahme an allen Feldzügen und Reisen. Im Alter von 80 Jahren starb Siegmund von Herberstein am 28. März 1566 in Wien. Durch seine Fahrten und Schriften hat er den Osten Europas dem Abendland erschlossen und sich zum Begründer der Russlandkunde gemacht.

Das sollte sich 400 Jahre nach Herbersteins Russland-Reisen bezahlt machen: Als kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein russischer Oberst mit seiner Einheit vor dem Stammschloss Herberstein in der Oststeiermark stand, bewahrte er es vor der sofortigen Plünderung – nur aus Achtung vor den Verdiensten des Freiherrn um Russland.


--> Siegmund von Herberstein Teil 1


--> Siegmund von Herberstein (Biographie)



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele