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Aufstieg, Fall und Erneuerung der Landesbibliothek #

Die morgen neu eröffnete und völlig neu gestaltete Steiermärkische Landesbibliothek wurde 1811 von Erzherzog Johann gegründet und war zwei Mal akut von Schließung bedroht. Heute strahlt sie umso heller – am alten Standort.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Landesbibliothek
Der Lesesaal der Landesbibliothek Anfang des 20. Jahrhunderts
© STEIERMÄRKISCHE LANDESBIBLIOTHEK
Landesbibliothek
Blick auf die Bibliothek heute – im Vordergrund der Lichttrichter mit Rolltreppe
© STEIERMÄRKISCHE LANDESBIBLIOTHEK


Wenn morgen die neu gestaltete Steiermärkische Landesbibliothek feierlich eröffnet wird, werden viele Besucher das Haus nicht mehr wiedererkennen. Nach zweieinhalb Jahren „Umbau-Exil“ kehren die ausgelagerten Bestände ins neue Joanneumsviertel – und damit endlich an einen einzigen Ort – zurück. Rund 700.000 Bände finden im neuen Tiefspeicher Platz.

Über eine Rolltreppe im größten Lichttrichter des Joanneumshofes erreicht man nun das Besucherzentrum der Bibliothek. Dort stehen mehr als 30.000 Bücher in der Freihandbibliothek frei zugänglich. Leser-PCs und Mikrofilmlesegeräte, Lesetische und eigene Dissertationsarbeitsplätze, Kinder- und Jugendbuchräume sowie ein Vortragssaal erhöhen die Benutzerfreundlichkeit (Öffnungszeiten 10–17 Uhr, in den Schulferien 10–14.30 Uhr).


Landesbibliothek, Lesesaal
Der Lesesaal zu Beginn des 21. Jahrhunderts
© STEIERMÄRKISCHE LANDESBIBLIOTHEK

Die Anfänge der Bibliothek #

Was würde wohl der Erzherzog sagen, wenn er seine Bibliothek heute sehen könnte? Schließlich war er es, der diese Büchersammlung als organischen Bestandteil seines 1811 gegründeten „National- Musäums“ für Innerösterreich eingerichtet und 1812 eröffnet hat. Als Kurator bestellte er Johann Ritter von Kalchberg. Der Erzherzog ließ keinen Zweifel, wie er sich „seine“ Gründung vorstellte: Er lege Wert darauf, dass als Lesestoff „keine Romane, Flugschriften, Schmähschriften usw. und nichts aus dem Heere der gehaltlosen Schriften“ dien ten. Außerdem forderte er eine strenge, fast militärische Ordnung in den Lesezimmern: „Ich bin Soldat“, schrieb er an Kalchberg, „und habe Ordnung, Disziplin gelernt ... Güte bringt Auflösung jeder Ordnung mit sich.“

Gleichzeitig aber demonstrierte er freigeistige Liberalität, als er zur Zeit der Metternich’schen Zensurpolitik 16 polizeilich verbotene ausländische Journale für die Bibliothek abonnierte – und zum Lesen auflegen ließ. Seit 1818/19 gab es hier einen Leseverein, „in dem alle Fäden des intellektuellen Graz zusammenliefen“. Vehement wehrte der Prinz jedoch den Versuch einer Gruppe von Adeligen ab, ihren blasierten Kasinoverein mit dem neuen Leseverein zu fusionieren: „Mein Institut ist weder ein Kaffeehaus noch ein Unterhaltungsplatz, weder zum Plauschen noch zum Politisieren gemacht, es soll dem Land frommen. Weiber und Müßiggänger sollen hingehen, wohin sie wollen, dahin gehören sie nicht.“ Damen durften Bücher überhaupt nur „durch Stellvertretung eines Herren“ entlehnen.

Erzherzog Johann
Er stand am Anfang – Erzherzog Johann, der Gründer der Bibliothek
© STEIERMÄRKISCHE LANDESBIBLIOTHEK

Aber die echten Probleme sollten erst kommen. Durch Ausgliederungen aus dem Joanneum entstanden 1849 die Bergakademie in Leoben und 1864 die Technische Hochschule. Große Buchbestände wurden an die neu gegründete Bibliothek der TU verlegt. Damit war die Landesbibliothek erstmals von der Schließung bedroht und nur die großzügige Stiftung der Privatbibliothek des Wiener Gelehrten Franz Ritter von Heintl mit 22.856 Bänden rettete ihre Existenz. Jetzt wurde sogar expandiert: Der Neubau in der Kalchberggasse öffnete 1893 seine Pforten, erwies sich aber von Beginn an als viel zu klein.

Ende gut, alles gut #

Nach Ende des Zweiten Weltkriegswurde die Lage immer prekärer – die Bibliothek platzte aus allen Nähten, Außenlager mussten angemietet werden, die Bücher wurden teilweise unsachgemäß gelagert, Feuergefahr bestand. Wohin konnte die Landesbibliothek bloß ausweichen? Ein Raumbedarfskonzept für das alte Landesschülerheim in der Grenadiergasse wurde erstellt. Doch nach den Wahlen war alles anders: Kulturlandesrat Gerhard Hirschmann stoppte 2001 die Ausschreibung des Architektenwettbewerbs. Die Bibliothek entging nur knapp der Schließung. Aber die Aktion hatte auch etwas Gutes – denn nach den nächsten Wahlen wurden die Weichen für das neue Joanneumsviertel neu gestellt. Am alten Standort.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele