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Vergessene „Häuser der Ewigkeit“ #

Auf den Spuren jüdischen Lebens in der Steiermark: Ein Buch als Wegweiser zu alten, vergessenen Friedhöfen – „Häuser der Ewigkeit“.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Grabsteine am Israelitischen Friedhof in Graz-Wetzelsdorf
Grabsteine am Israelitischen Friedhof in Graz-Wetzelsdorf (Alte Poststraße), der 1864 eröffnet wurde.
© STERRY

Spätestens seit dem 12. Jahrhundert sind jüdische Siedlungen bei uns belegt. In Graz, Judenburg, Leoben, Radkersburg, Voitsberg und Murau entstanden Gemeinden, deren Mitglieder als Geld- oder Weinhändler und Bauern tätig waren.

Im 14. und 15. Jahrhundert kam es – wie in fast ganz Europa – auch hier zu blutigen Judenverfolgungen. 1496 fand die jüdische Besiedlung in der Steiermark bis 1861 ihr Ende, weil Kaiser Maximilian I. alle ausweisen ließ.

„In ewige Zeit beurlaubt“#

In seinem Befehl heißt es, „dass die Jüdischheit dem heiligen Sakrament zu vielen Malen schwere Unehre gezeigt, und dass sie auch junge christliche Kinder gemartert, getötet, vertilgt, ihr Blut genommen... Damit fortan solch Übel nicht mehr geschehe, haben Wir unsere Jüdischheit aus unserem Lande Steyr in ewige Zeit beurlaubt.“

Wegen der unsicheren Situation hatten im Mittelalter nur große jüdische Gemeinden, die mit Kontinuität rechnen konnten, Friedhöfe angelegt, schreibt Antje Senarclens de Grancy im Buch „Bruchstücke. Jüdische Friedhöfe in der Steiermark“. Also nur in Graz und Judenburg sowie im Bereich der ehemaligen Untersteiermark in Marburg und Pettau. Ein letzter Überrest des jüdischen Friedhofs in Graz ist der schmucklose Grabstein des Rabbi Nissim, der 1387 verstorben ist und auf dem Friedhof außerhalb der Stadtmauer begraben wurde. Etwa dort, wo heute die Standln auf dem Jakominiplatz stehen.

Nach 1496 musste der Friedhof dann dem Bau neuer Befestigungsanlagen weichen. Der Grabstein wurde zum Ausbau des Karlstraktes der Grazer Burg verwendet und war jahrhundertelang kaum sichtbar. Erst 1997 wurde er auf Anregung von Oberst Manfred Oswald in der heutigen Position eingemauert – und damit sichtbar gemacht.

Jüdischer Friedhof in Trautmannsdorf bei Bad Gleichenberg
Jüdischer Friedhof in Trautmannsdorf bei Bad Gleichenberg: Die Leere spricht bis heute von seiner Zerstörungsgeschichte.
© STERRY

Fast verschwundene Orte#

Auch in Judenburg ist seit 1368 ein „judenfreythoff“ urkundlich erwähnt, der „zwischen dem Schloß Weyer, der ehemaligen Papiermühle (heute Gasthaus Leitner) und dem Bauernhof vulgo Karrer“ lokalisiert wurde. Dann gab es bis 1861 in der grünen Mark keine „Häuser der Ewigkeit“ mehr, wie Friedhöfe in der jüdischen Tradition bezeichnet werden. Auf der Suche nach den „fast verschwundenen Orten“ beschreibt de Grancy die Geschichte der „modernen“ jüdischen Friedhöfe in Graz-Wetzelsdorf, Bad Aussee, Hetzendorf bei Judenburg, Knittelfeld, Leoben und Trautmannsdorf bei Bad Gleichenberg. Entstanden ist ein schönes Buch über die Geschichte jüdischen Lebens in der Steiermark, aber auch über den heutigen Umgang mit diesen Plätzen.

Grabstein des Rabbi Nissim
Der Grabstein des Rabbi Nissim ist im Grazer Burghof zu sehen.
© ENGELE

Als erster Friedhof wurde 1864 der in Graz-Wetzelsdorf neu eröffnet, und bis heute mit 1300 Gräbern belegt. Im Unterschied zu kleineren Städten überstand er die NS-Zeit relativ unbeschadet, einzig die Zeremonienhalle und einige Gräber wurden – neben der Synagoge – zerstört.

Schon 1873, in den ersten Jahren der Wiederansiedlung jüdischer Klein- und Detailhändler, wurde nordöstlich von Judenburg, im damals unverbauten Hetzendorf, ein Friedhof errichtet, der vom Novemberpogrom 1938 verschont blieb, aber 1942 von den Nazis verwüstet und aus dem Ortsbild gelöscht wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden einige alte Grabsteine gerettet und wieder aufgestellt. In Knittelfeld gab es seit 1906 zwischen Landschach und der Mur einen Friedhof, der 1938 total zerstört wurde.

„Alle Gräber wurden geöffnet“, erinnert sich ein Zeitzeuge. „Keine goldene Zahnkrone sollte den Toten belassen werden.“ Ein Werkstättenmeister erreichte schließlich die „Arisierung“ des Friedhofs und errichtete hier einen Hühnerstall, die Leichenhalle baute er zum Wohnhaus um. Heute erinnern symbolische Steinplatten an die einst hier Begrabenen.

Zwei der im Buch beschriebenen Orte sind jedoch keine „normalen“ Friedhöfe: Mühldorf bei Feldbach gehörte zu einem Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkriegs. Der andere am Leopoldsteinersee bei Eisenerz wurde als Massengrab für die 1945 bei einem „Todesmarsch“ von den Nazis ermordeten ungarisch- jüdischen Opfer angelegt.

DAS WASHINGTONER ABKOMMEN #

Im Jahre 2001 hat sich die österreichische Bundesregierung im Washingtoner Abkommen mit den USA, einem völkerrechtlichen Vertrag, dazu verpflichtet, die jüdischen Friedhöfe im Land zu sanieren und zu erhalten. Im Auftrag der Israelitischen Kultusgemeinde Wien wurde 2001/02 ein „Weißbuch über Pflegezustand und Sanierungsbedürfnisse der jüdischen Friedhöfe in Österreich“ verfasst.

2009/10 wurde beschlossen, dass die Republik Österreich einen Fonds für die Instandsetzung der Friedhöfe schaffen wird, der von Ländern, Gemeinden und EU ergänzt werden soll.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele