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Grundlegend für die Moderne in Wien #

Im 21er Haus zeigt man in den Räumen der Fritz Wotruba Privatstiftung eine Ausstellung, die Wotrubas Rezeption in seiner Zeit und die Entwicklung des Künstlers anhand bildhauerischer Arbeiten und Zeichnungen wie auch anderer Dokumente präsentiert.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 14. Februar 2013)

Von

Theresa Steininger


Kirche „Zur Heiligsten Dreifaltigkeit“
Kirche. „Zur Heiligsten Dreifaltigkeit“ auf dem Georgenberg in Wien Mauer. Entwurf von Fritz Wotruba 1967, Planung durch Fritz Wotruba und Architekt Gerhard Mayr, Errichtung 1974-1976.
Foto: © Harald Eisenberger, Wien

Das OEuvre an sich sollte diesmal nicht im Vordergrund stehen. Natürlich zeigt die Schau „Wotruba. Leben, Werk und Wirkung“ bildhauerische Arbeiten und Zeichnungen des Künstlers Fritz Wotruba. Ein Jahr nach der Eröffnung des 21er Hauses samt der Räume der Fritz Wotruba Privatstiftung möchte man in der aktuellen Schau aber vor allem seine Rezeptionsgeschichte beleuchten. „Wir wollen ihn in seiner künstlerischen Entwicklung zeigen, aber auch in seiner Zeit verankern und den Mythos hinterfragen“, sagt Gabriele Stöger-Spevak, Kuratorin der Stiftung, im Gespräch mit der FURCHE. „Lange Zeit galt Wotruba als blockig, wuchtig, statuarisch. Dass er oft auch dynamische Figuren schöpfte, wurde nicht gesehen. Wir wollen zeigen, wie Wotruba vorankommt in Gesellschaft und Kunstkritik.“

Denkmal, Elias Canetti
Freundschaft. Wotruba und Elias Canetti waren einander seit 1933 in einer lebendigen Freundschaft verbunden. Der Großen Dunklen Figur setzte Canetti 1985 im dritten Teil seiner Autobiografie „Das Augenspiel“ ein Denkmal.
© Fritz Wotruba Privatstiftung, Wien; Foto: © Harald Eisenberger

Ausstellung der Skandale #

Somit ist es auch eine Ausstellung der Skandale geworden. Als Wotruba für die Opernsängerin Selma von Halban-Kurz in den 1930er Jahren ein Grabmal schuf, war der Aufschrei ob des nackten Oberkörpers am Zentralfriedhof und ob der Nähe zum Grab Ignaz Seipels groß. Erst als Künstlerkollegen beim Bürgermeister intervenierten, musste die Statue nicht abgetragen werden, sondern „durfte“ zuwachsen, erst nach dem Krieg wurde sie sichtbar. „Das zeigt wie so oft: Wotruba eckte mit seinen Arbeiten in Österreich an“, sagt Stöger-Spevak. Dies sieht man auch bei einigen anderen Werken – bis zum Ende der Schau mit Entwurf und Foto der Dreifaltigkeitskirche, die heute in Mauer steht und dereinst für einen Aufschrei sorgte.

Nächst der ausgestellten Figuren, Zeichnungen und Fotos finden sich oft Zeitungsausschnitte, die dokumentieren, wie unterschiedlich Wotruba wahrgenommen wurde. „Während seiner Schweizer Exilzeit wurde Wotruba als typischer Österreicher wahrgenommen, als dem Barock und dem Jugendstil verpflichtet – genau, was er hinter sich lassen wollte“, so Stöger-Spevak. Auch nach seiner Heimkehr hatte er es nicht leicht. 1948 war es dann soweit, Wotruba bekam einen Auftrag der Republik und galt fortan als Staatskünstler. Es geht der Schau aber weniger darum, die Glanzzeit und bekannte Werke zu zeigen. Begrüßt wird der Besucher von der „Großen dunklen Figur“, einem Frühwerk, von dem Wotruba gerne sagte, es existiere nicht mehr, da er seine frühen Arbeiten nicht schätzte. Elias Canetti hat der angsteinflößenden Skulptur in seinem Werk „Augenspiel“ ein literarisches Denkmal gesetzt. Nun ist sie erstmals in Wien zu sehen. Auch verlorene Arbeiten zeigt die Ausstellung in Fotos und Entwürfen, beispielsweise eine „Riesen“-Figur, die in Wien aufgestellt und später eingeschmolzen wurde. Und nie fertiggestellte Arbeiten, wie einen Denkmalentwurf für den Zentralfriedhof – der Auftrag wurde ihm nicht zuerkannt.

Figurenrelief
Figurenrelief. Fritz Wotruba, Großes Figurenrelief vor dem Österreich- Pavillon von Karl Schwanzer auf der Weltausstellung in Brüssel 1958.
© Fritz Wotruba Privatstiftung, Wien; Foto: © Heimo Kuchling

Bleibe im 21er Haus #

Abgerundet wird die Schau durch Bühnenbildarbeiten, Beschreibungen des Lehrers Wotrubas, bei dem Joannis Avramidis, Alfred Hrdlicka, Roland Goeschl und viele mehr lernten, und solche seiner Eigenschaft als Netzwerker. Auch sein ewiges Streben nach einem eigenen Museum wird präsentiert. Dass Wotruba seit einem Jahr im 21er Haus nach langen Versuchen ein eigenes Museum aufzubauen eine Bleibe gefunden hat, sieht Stöger-Spevak als „große Chance, ihn immer wieder neu zu bearbeiten“. Zwölf Jahre lang stellt die Wotruba Privatstiftung dem Belvedere Arbeiten Wotrubas zur Verfügung, die Stiftung und das Belvedere machen in den von der Stiftung mitfi nanzierten Räumen abwechselnd Ausstellungen. „Wotruba passt sehr gut in ein Museum für zeitgenössische Kunst, weil er am Anfang der Kunstperiode steht, die man hier zeigen will. Natürlich ist er kein Künstler von 2013, aber er war grundlegend für die Entwicklung der Moderne in Wien. Ihn mit jungen Künstlern zu konfrontieren, befruchtet beide.“


DIE FURCHE, Donnerstag, 14. Februar 2013