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Kleine Pollen, große Wirkung#


Von der Wochenzeitschrift Die Furche (Donnerstag, 7. August 2008) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

von

Thomas Mündel


Pollen

Die Nase läuft, die Augen jucken, der Hals ist rau. Dazu kann Müdigkeit und Kopfweh kommen. Heuschnupfen ist, das wissen zumindest die Betroffenen, keine Bagatellerkrankung. Man fühlt sich elend – was so weit gehen kann, dass man nicht mehr arbeitsfähig ist. Dass Pollenallergien mittlerweile zu einer Volkskrankheit geworden sind (rund jeder sechste Österreicher leidet an einer), ist allgemein bekannt. Weniger bekannt hingegen ist wohl, dass Heuschnupfen nicht mehr nur im Frühjahr und Sommer, sondern auch im Herbst auftritt. Der Grund dafür ist eine ursprünglich aus Nordamerika stammende Pflanze, die sich zunehmend auch in Österreich breit macht: Das Ragweed (oder auch Traubenkraut; lat. Ambrosia artemisiifolia).

Noch mehr Pollen#

Die Blütezeit der Pflanze beinngt im August. Siegfried Jäger, Leiter des Pollenwarndiensts (www.pollenwarndienst.at), prognostiziert: „Die Pollenbelastung wird durch Ragweed immer stärker.“ Allerdings fügt er einschränkend hinzu, seien Wetter und Windrichtung unsichere Faktoren. „Der Ferntransport spielt etwa eine entscheidende Rolle. Wenn es in Ungarn regnet, kriegen wir auch weniger Pollen.“ Stichwort: Ungarn. Dort hat die Verbreitung der Pollen bereits epidemische Ausmaße erreicht. Rund 80 Prozent des Landes ist betroffen. Ragweed ist zum häufigsten Allergieauslöser geworden. Dazu Jäger: „Eine Ragweed-Allergie ist insofern dramatisch, als dass ein besonders hoher Anteil der Allergiker auch Asthma entwickelt.“ Doch mit dem Problem ist auch das Bewusstsein gestiegen. In Ungarn wissen dank entsprechender Kampagnen heute weite Teile der Bevölkerung über Ragweed Bescheid. Und jeder Bauer ist dazu angehalten, seinen Acker frei von Ragweed zu halten – ansonsten droht eine Geldstrafe. Hierzulande gibt es bis dato keine vergleichbaren politischen Maßnahmen. Vielleicht weil Ragweed „nur“ im Osten und Süden Österreichs häufiger zu finden ist. Aber eigentlich ist der Schaden, aus dem man klug werden sollte, auch so schon groß genug: Laut Jäger betragen die Gesundheitskosten für die Allergiker rund 90 Millionen Euro pro Jahr. Nicht eingerechnet sind dabei Kosten, die durch Arbeitsunfähigkeit oder Umweltfolgen entstehen. Im Vergleich zu dieser horrenden Summe scheinen 150.000 Euro pro Jahr ein Klacks. Dieses Geld möchte Gerhard Karrer für drei Jahre, um Bekämpfungsstrategien gegen Ragweed entwickeln zu können. „Die Bewilligung des Forschungsprojekts zieht sich leider fast schon ein Jahr. Es ist wirklich nicht leicht, Geld von den Ministerien zu bekommen“, klagt der Botanik- Professor von der Universität für Bodenkultur. Dabei hat er in einer einjährigen Voruntersuchung bereits einige interessante Erkenntnisse gesammelt. So etwa zur Ausbreitungsgeschwindigkeit der Pflanze. Im landwirtschaftlichen Bereich sei diese sehr langsam: Rund zehn bis 20 Kilometer in zehn Jahren. Doch die Äcker der Bauern sind das eine; das andere die Autobahnen. „Entlang der Straßen verbreitet sich Ragweed sehr rasch. Hier haben wir Geschwindigkeiten von bis zu 200 Kilometer in fünf Jahren“, zeigt sich Karrer alarmiert. Für die Verschleppung seien weniger die Autos, als vielmehr die Mahd- Fahrzeuge verantwortlich, die die Straßenbankette pflegen. „Ausrotten lässt sich die Pflanze nur mehr sehr, sehr schwer“, meint der Botanik-Professor und fügt hinzu: „aber eindämmen wollen wir sie zumindest.“ Die Idee: Eine Konkurrenz-Vegetation soll angepflanzt und eine ausgeklügelte Mäh-Rhythmik eingeführt werden. Doch eine ideale Konkurrenzpflanze, die die Keimung von Ragweed erfolgreich unterbindet, wurde bislang nicht gefunden. Die Suche gestaltet sich auch deshalb schwierig, weil an den Fahrbahnrändern nur salztolerante Pflanzen gedeihen, was die Auswahl stark reduziert. Doch die Pflanze muss nicht nur gut angepasst sein, sie darf auch keine anderen Probleme verursachen. Karrer dazu: „Es ist eine sehr feinfühlige Behandlung. Und man muss schauen, dass man sich nicht in Teufels Küche bewegt.“ Eine andere Chance bietet das Mähen der Straßenränder zu ganz bestimmten Zeitpunkten. Dass dies eine interessante Bekämpfungsstrategie ist, hat Karrer mit einem Versuch an einem Autoabschnitt gezeigt. Für bessere Resultate wäre es freilich notwendig, die saisonale Entwicklung von Ragweed genauer zu erforschen. Im geplanten Projekt (für das die Mittel noch nicht bewilligt sind) soll das gemacht werden. Darüberhinaus sind zeitgenaue Mäh-Experimente an mehreren Fahrtabschnitten in verschiedenen Teilen Österreichs geplant. Ein wissenschaftliches und praktisches Interesse an Ragweed hegt auch Fatima Ferreira, Professorin und Leiterin des Christian Doppler Labors für Allergiediagnostik und -therapie in Salzburg. Sie will mit einem innovativen Ansatz einen Ragweed-Impfstoff produzieren. Bislang wurde für die Immuntherapie den Patienten ein Pollen- Extrakt der allergieauslösenden Pflanzen unter die Haut gespritzt.

Bald einfach impfen?#

Dazu Professor Ferreira: „Pollen enthalten nicht nur das allergene, sondern viele andere Eiweiße und Nicht-Eiweiß-Substanzen. Viele Studien haben gezeigt, dass eine Behandlung mit Rohextrakten neue Allergien hervorrufen kann. Der Patient bekommt etwas gespritzt, gegen das er nicht allergisch ist – und entwickelt eine neue Allergie.“ Auch könne es Nebenwirkungen geben: Angefangen von lokalen Haut-Reaktionen bis hin zu einem (lebensgefährlichen) anaphylaktischen Schock. „Das kommt nicht oft vor, aber es kann passieren. Deshalb kann die Behandlung zurzeit nur in einem Krankenhaus durchgeführt werden.“ Der neue Impfstoff soll diese Risiken nicht haben. Weil er allein das allergene Eiweiß enthält, das noch dazu so modifiziert ist, dass kaum mehr allergische Reaktionen auftreten. Den hochreinen Stoff gibt es bereits. Er soll demnächst an Mäusen getestet werden. Und wenn alles gut geht, in fünf Jahren auch an Menschen. Wahrscheinlich wird bis dann Österreich das Produkt wirklich brauchen. Leider.

Buchtipp: "Allergien auf dem Vormarsch"#

1906 führt der junge österreichische Kinderarzt Clemens von Pirquet einen neuen Begriff in die Wissenschaftssprache ein: Allergie. Damit wolle er die „Überempfindlichkeit“ eines Körpers gegenüber Fremdsubstanzen bezeichnen. Seine Zeitgenossen zeigen sich über das Konzept wenig erfreut. Man habe ja bereits einen ähnlichen Terminus: Anaphylaxie. Der Widerstand ließ erst mit den neuen immunologischen Erkenntnissen nach. Heute hat der Begriff Allergie seinen fixen Platz im medizinischen Wortschatz – und in der Alltagssprache. Dass selbst Nicht- Mediziner das Wort kennen, überrascht nicht: Allergien sind richtige Volkskrankheiten geworden. Man kann auf allerlei allergisch sein: Pflanzenpollen, Lebensmittel, Kosmetikstoffe, Reinigungsmittel, ja selbst Medikamente. Mark Jackson interessieren nicht diese vielen Allergien in ihren Einzelheiten. Sein Buch "Allergien auf dem Vormarsch" ist auch kein Ratgeber. Der Medizinhistoriker hat eine kleine Geschichte der Wissenschaft der Allergie geschrieben. Natürlich spielt der Österreicher Pirquet darin eine bedeutende Rolle. Die weiteren Ausführungen konzentrieren sich dann vor allem auf Entwicklungen im angloamerikanischen Raum (weil Professor Jackson Engländer ist?). Erst am Ende weitet sich der Blick auf die globale Dimension des Problems. Generell betrachtet Jackson die Allergie in ihrem größeren gesellschaftlichen Kontext. So tritt Heuschnupfen im 19. Jahrhundert vermehrt in den oberen Schichten auf – und gilt bald als Zeichen eines kultivierten Geistes. Heute werden Allergien hingegen als Folge eines „unnatürlichen“, modernen Lebensstil gesehen – was eine unbewiesene Hypothese ist, die aber eben auch nicht widerlegt ist.


Literatur#

Allergien auf dem Vormarsch, von Mark Jackson, Parthas Verlag, Berlin 2007. 334 Seiten, kart., € 28,80

Die FURCHE, NR. 32, 7. AUGUST 2008