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Vom Exilanten zum Brigadegeneralsarzt in China#

Wie schon öfters in meinen Aufsätzen war es eine Gedenktafel, die mich veranlasst hat, mich mit einer mir meist bis dahin kaum oder nur flüchtig bekannten Persönlichkeit näher zu beschäftigen. Bei Dr. Jakob Rosenfeld (1903–1952) war es eine solche am Eingang zum UKH Graz der Fall. #


Von

Bernd Mader

Aus der Zeitschrift "Klinoptikum" Ausgabe 3/2012 und 4/2012


Dr. Jakob Rosenfeld
Dr. Rosenfeld (1903–1952) in der Uniform der 4. Armee.
© ÖGCF

Jakob Rosenfeld wurde am 11. Jänner 1903 in Lemberg (heute ukrainisch Lwiw), der damals zur Österreich- Ungarischen Monarchie gehörenden Hauptstadt Galiziens, als ältester Sohn von Michael und Regina (geb. Wohlmann) Rosenfeld geboren. Die Familie gehörte der jüdischen Glaubensgemeinschaft an.[1]

Der Vater Michael war Unteroffizier im k. u k. Galizischen 7. Ulanenregiment Erzherzog Carl Ludwig. Im Jahre 1910 übersiedelte die Familie nach Wöllersdorf (NÖ), wo sich eine große ärarische Granatenfabrik befand. Als Akzessist (unifomierter Militärbeamter) fand der Vater dort eine Anstellung. Vorerst in der so genannten „Wasserkaserne“, einem militärischen Gebäude wohnend, sah man sich nach einer angenehmeren Wohngelegenheit um. Dank des mütterlichen Erbteils war bald der Erwerb eines Anwesens möglich.

Es war vor allem die Mutter, die Jakob abgöttisch verehrte, die sich in Wöllersdorf sehr für Arme und Kranke engagierte, eine Eigenschaft, die auch Jakob Zeit seines Lebens zu Eigen war. In Wöllersdorf besuchte Jakob die dortige Kaiserjubiläumsschule und nach deren Abschluss in Wiener Neustadt das dortige Staatsgymnasium.

Während er das Staatsgymnasium besuchte kam es zum Zusammenbruch der Monarchie. Das gegenüber der Arbeiterschaft soziale Verhalten des Vaters ermöglichte es diesem zwar in den Angestelltenrat des Betriebes einzutreten, doch hatte die junge Republik bald keine Verwendung mehr für ihn. Der Vater handelte dann vorerst mit militärischem Schrott, erwarb dann aber eine Hutmacherei auf der Weißgerberlände in Wien. Damit konnte die Familie ernährt werden.

1921 übersiedelte Jakob Rosenfeld nach Wien und inskribierte dort Medizin. Neben dem Studium fand er Zeit seinen großen Vorlieben für Theater und Musik nachzugehen. 1928 promovierte er zum Dr. med. univ. und fand seine erste Anstellung im Krankenhaus Rudolfstiftung. Sein erster Chef, der Internist Prof. Dr. Maximilian Weinberger, stellte ihm ein sehr gutes Zeugnis aus, ebenso Prof. Dr. Burkhard Breitner, von dem er seine chirurgische Ausbildung erhielt.

Beim Urologen Prim. Dr. Sagstätter erlernte er sehr intensiv urologisch-chirurgische Eingriffe, eine Fertigkeit, die ihn später in China zu höchstem Ansehen brachte. Letztlich vermittelte ihm der Gynäkologe Prof. Werner jene Kenntnisse, die ihm später in China zum „Retter der Frauen“ werden ließen.

Im Jahre 1930 verließ Dr. Rosenfeld die Rudolfstiftung und wechselte in das Spital der Kultusgemeinde, um dort auf der urologischen Abteilung eine Stelle als Sekundararzt anzutreten. 1934 eröffnete er zusammen mit seiner Schwester Steffi, die auch Medizin studiert hatte, eine Ordination in Wiener Neustadt, um dort als Urologe und Gynäkologe, Steffi als praktische Ärztin und Zahnärztin, zu ordinieren. Dr. Rosenfeld verließ später Wiener Neustadt und eröffnete in Wien in der Riemergasse Nr. 14 eine Ordination. Sehr bald war Dr. Rosenfeld ein viel besuchter Modearzt.

Gleich nach dem „Anschluss“ wurde Dr. Rosenfeld verhaftet und ins KZ Dachau eingeliefert. In KZ Dachau und später im KZ Buchenwald – eine Niere wurde ihm dort zerschlagen – erlebte er die Hölle der Konzentrationslager. Sofern es nur irgendwie möglich war ließ er auch dort Mithäftlingen medizinische Hilfe angedeihen. Nach einem Jahr wurde er entlassen mit der Auflage, das Land binnen 14 Tagen zu verlassen. Dr. Rosenfeld entschied sich für eine Emigration nach Shanghai, da man dort für eine Einreise kein Visum benötigte.

UKH Graz
UKH Graz
© B. Mader
Rosenfeld Gedenktafel beim UKH
Gedenktafel für Dr. Rosenfeld beim Eingang in das UKH
© B. Mader

Shanghai war damals der Zufluchtsort für viele verfolgte Österreicher. Zwischen 1938 und 1941 sollen ca. 18.000 Juden hierher geflohen sein.[2] Anders als viele andere Flüchtlinge bewahrte Dr. Rosenfeld sein Beruf davor, vorläufig in eines der Auffanglager zu kommen. Europäische Mediziner hatten wegen ihres internationalen Status den Vorteil ungehindert praktizieren zu dürfen. Ihr Erfolg hing dann von ihrem Fach und ihrem Können ab. Die chinesische Medizin war dort keine Konkurrenz, wo chirurgische Eingriffe erforderlich waren.

Wieder hatte Dr. Rosenfeld Glück, ein ärztlicher Kollege erlaubte ihm eine Ordination in seinen Räumlichkeiten und er führte dort urologische und gynäkologische Eingriffe durch. Wieder war er sehr erfolgreich und konnte bald ein sorgloses Leben führen.

Dr. Rosenfeld
Dr. Rosenfeld
© ÖGCF

Er lernte eines Tages Heinz Shippe kennen, der in Europa unter dem Pseudonym „Asiaticus“ Zeitungsartikel verfasste. Shippe war Mitglied der Deutschen KP gewesen und war nach Unstimmigkeiten nach China gekommen. In China wurde er in der national-revolutionären Armee Referent für internationale Propaganda. Alsbald nahm Dr. Rosenfeld an Shippes Lesezirkel teil.

Ein ganz kurzer Exkurs auf die Geschichte Chinas im 20. Jh. ist hier von Nöten. Nach Untergang des chinesischen Kaiserreiches (1912) kam es zur Bildung einer Einheitspartei, der Kuomintang, deren Führung 1925 Chiang Kai-shek übernahm. Chiang Kai-shek war stets bemüht die kommunistische Partei in China auszulöschen, was ihm anfangs auch erfolgreich gelang. Dieses Bestreben zwang schließlich Mao Zedong, sich auf den „Langen Marsch“ zu begeben.

1931eroberten die Japaner die Mandschurei und errichteten dort einen Marionettenstaat Mandschuko. Die Japaner setzten ihre Eroberungen fort und es kam zum zweiten sino-japanischen Krieg (1937–45). 1940 setzten sie auch in Nanjing in den von ihnen eroberten Gebieten eine projapanische Marionettenregierung (Nanjing-Regierung) ein. Die japanischen Eroberungen ermöglichten ein sehr brüchiges Bündnis zwischen Chiang Kai-shek und Mao Zedong, das schlecht und recht bis zur japanischen Kapitulation andauerte. Dann kam es zwischen den Truppen Chiang Kai-sheks und Mao Zedongs zum Bürgerkrieg, der bekanntlich mit einem Sieg Mao Zedongs endete.

Diese Zeit der Kämpfe erlebte Dr. Rosenfeld hautnah. Mao Zedongs Truppen lagen sowohl im Kampf mit den Truppen der Nanjing-Regierung, als auch mit den Japanern selbst und oft auch mit den Truppen der Kuomintang, die alles andere als verlässliche Bündnispartner waren.

1941 kam Dr. Shen Qishen, der „Gesundheitsminister“[3] der kommunistischen „Neuen Vierten Armee“, zu einem Treffen nach Shanghai. Er wohnte bei Shippe. So lernte Dr. Rosenfeld Dr. Shen kennen. Im Gespräch kam man sich näher und Dr. Rosenfeld entschloss sich, sich Mao Zedongs Truppen anzuschließen. Dr. Shen wollte es anfangs gar nicht glauben, dass Dr. Rosenfeld seine gut gehende Praxis und sein angenehmes Leben in Shanghai aufgeben wolle, aber Dr. Rosenfeld war es Ernst.

Auf abenteuerlichen Wegen schlugen sich Dr. Shen und Dr. Rosenfeld ins Hauptquartier der 2. Division der Neuen Vierten Arme durch und Dr. Rosenfeld sah zum ersten Mal die legendären roten Soldaten. Über seine Erlebnisse in Mao Zedongs Armee zwischen 1941 und 1949 führte Dr. Rosenfeld ein Tagebuch. Dieses gibt uns Einblicke nicht nur über sein Wirken als Arzt, sondern schildert anschaulich die Lage der Bevölkerung in China, das Verhältnis der Bevölkerung zu den kommunistischen Truppen, die Situation innerhalb der kommunistischen Truppen und welchen Einfluss die Armee auf die Erziehung der ihr anvertrauten Soldaten hatte. Man muss sich vorstellen, dass die meisten Soldaten, Söhne armer Bauern, als Analphabeten in die Armee kamen und es ein Bestreben der Armee war, den Soldaten das Lesen und Schreiben wenigstens der wichtigsten Schriftzeichen der chinesischen Sprache beizubringen.

Enthüllung des Rosenfeld-Denkmals
Enthüllung des Rosenfeld-Denkmals im Kreis Junan, 1992
© ÖGCF
UKH-Gedenktafel
Text der UKH-Gedenktafel
© B. Mader

Welche Bedingungen fand nun Dr. Rosenfeld vor? Ich zitiere aus seinem Tagebuch: „Es gab keine Spitäler in unserem Sinn. Die Verwundeten und Kranken lagen auf Stroh, auf der Erde, gewöhnlich 10 in einem Bauernhaus. Es fehlte an Allem, an Medizin, Instrumenten, Personal und Spezialisten. Nur die Ernährung war ausreichend. Krankenpfleger und Ärzte leisteten Übermenschliches, die politische Betreuung der Kranken und Verwundeten war großartig organisiert und auch die militärischen Kommandeure besuchten die „Spitäler“ in regelmäßigen Intervallen. Metallinstrumente wurden fast nur für Operationen verwendet, für Verbandwechsel benützte man Pinzetten aus Bambus oder noch einfacher zugespitzte Essstäbchen.“[4]

Es gibt in seinem Tagebuch eine ganz Reihe von Berichten von Gewährsleuten, unter welchen Gefahren, oft unter Einsatz seines Lebens, Dr. Rosenfeld unbeirrt von jeglicher Feindeinwirkung, weiter operierte. Neben dieser Aufgabe betätigte sich Dr. Rosenfeld auch intensiv mit der medizinischen Fortbildung junger Mediziner und des medizinischen Hilfspersonals, des Weiteren war er der Initiator einer ganzen Reihe von organisatorischen Maßnahmen innerhalb des medizinischen Dienstes der Armee.

Dr. Rosenfeld (Mitte) mit dem Vizegesundheitsminister Cui Yitian (li.) und Qi Zhonghuan
Winter 1941. Dr. Rosenfeld (Mitte) mit dem Vizegesundheitsminister Cui Yitian (li.) und Qi Zhonghuan, dem ärztlichen Direktor der Neuen 4. Armee
© ÖGCF

Nach der Kapitulation der Japaner und ihrer Vasallen wurde Dr. Rosenfeld zum Leiter des Gesundheitswesens der 1. Arme in der Mandschurei ernannt. Er war als General einer Sanitätsbrigade für die medizinische Versorgung verantwortlich. [5]

1949 nach dem Einmarsch der Kommunisten in Peking, kehrte Dr. Rosenfeld nach Österreich zurück. In Wien fand er kaum Anschluss, er konnte sich nicht entschließen, hier seine ärztliche Tätigkeit wieder aufzunehmen. Auch sein krankes Herz machte ihm zu schaffen. Obwohl er bereits 1941 der Kommunistischen Partei Chinas beigetreten war, versuchte er jetzt vergebens ein Einreisevisum für China zu bekommen. Obwohl er die Hoffnung nicht aufgab, wieder nach China einreisen zu dürfen, wanderte er 1951 nach Israel aus, wo er im Assuta Krankenhaus in Tel Aviv eine Anstellung als Arzt bekam. Acht Monate später, am 22. April 1952 starb er dort an einem schweren Herzinfarkt. Er wurde am alten Friedhof von Tel Aviv Kiriyt Schaul begraben.

Lange blieb es still um Dr. Rosenfeld. Beim Besuch eines chinesischen Ministers in Wien kam durch Gerd Kaminiski (Herausgeber des Buches „Ich kannte sie alle“) das Gespräch auf Dr. Rosenfeld. Auch dem Minister war die Person von Luó Shengtè, wie die Chinesen Rosenfeld nannten, ein Begriff. Von nun an beschäftigte man sich auch in China wieder mit der Person Dr. Rosenfelds. Das gipfelte darin, dass am 5.10.1992 in Junan- Stadt in Anwesenheit hoher chinesischer Funktionäre und einer Delegation aus Österreich ein großes Denkmal für Dr. Rosenfeld enthüllt wurde. Im darauffolgenden Jahr wurde am UKH Graz eine Tafel für ihn mit folgendem Inhalt angebracht:

Zur Erinnerung an den großen Arzt, Humanisten und Freund Chinas. Gewidmet vom Ehrenpräsidenten der Österreichisch-Chinesischen Gesellschaft Dr. Helmut Sohmen. September 1993



[1] Vgl. Gerd Kaminski (Hg.) Ich kannte sie alle. Das Tagebuch des chinesischen Generals Jakob Rosenfeld. Wien 2002, S. 9. Auch alle weiteren Zitate wurden, sofern nicht anders gekennzeichnet, diesem Buch entnommen. – Zu Dr. Rosenfeld vgl. auch: Gerd Kaminski, Else Unterrieder, Von Österreichern und Chinesen. Wien, München, Zürich 1980, S. 828 – Kronen Zeitung, Wien, 26. September 1992, S. 4f. Höchste Ehrung für chinesischen General aus Österreich.

[2] Vgl. de. wikipedia.org/wiki/shanghai. (Zugriff 28. August 2012)

[3] Vgl. G. Kaminski, Ich kannte sie alle, S. 223f, Fußn. 33. Die chinesische Volksbefreiungsarmee hatte in der Armeeführung ihre eigenen „Gesundheitsminister“, die protokollarisch den zivilen Gesundheitsministern entsprachen. Als später Rosenfeld Gesundheitsminister der 1. Brigade der Nordarmee wurde, entsprach das etwa den Rang eines Brigadegenerals.

[4] Vgl. G. Kaminski, Ich kannte alle, S. 62 f. Die „10“ ist ein Originalzitat!

[5] Wie Anm. 2 Für das großzügige Überlassen dieser Bilder möchte ich Herrn HR Prof. Dr. Gerd Kaminski, Leiter des Österreichischen Instituts für China- & Südostasienforschung (ÖGCF) aufrichtig danken.



Für das großzügige Überlassen dieser Bilder dankt der Autor Herrn HR Prof. Dr. Gerd Kaminski, Leiter des Österreichischen Instituts für China- & Südostasienforschung (ÖGCF) aufrichtig.

Autor:
Mag. pharm. Dr. Bernd Mader

Aus der Zeitschrift "Klinoptikum" Ausgabe 3/2012 und 4/2012