Zweig, Stefan - Austria-Forum : AEIOU
Zweig, Stefan #
* 28. 11. 1881, Wien
† 23. 2. 1942, Petropolis bei Rio de Janeiro, Brasilien
Erzähler, Dramatiker, Lyriker, Essayist, Übersetzer

© Bildarchiv der ÖNB, für AEIOU
Stefan Zweig wurde als Sohn des wohlhabenden jüdischen Textilunternehmers Moritz Zweig und seiner Frau Ida Brettauer geboren. Er wuchs gemeinsam mit seinem Bruder Alfred in einem großbürgerlichen Umfeld auf, als Teil der wohlhabenden assimilierten jüdischen Bevölkerung.
Bildung galt für die bürgerliche Elite als oberstes Gut - schon als Gymnasiast streifte er mit seinen Freunden durch die Wiener Kaffeehäuser, um Neuigkeiten aus der Kunst- und Literaturszene zu erfahren. Seine Familie erwartete selbstverständlich, dass er nach der Matura ein Studium absolvierte, so studierte er in Wien und Berlin Philosophie, Germanistik und Romanistik.
Allerdings entfloh er dem strengen familiären Umfeld und nahm sich eigene Wohnungen. Eher halbherzig besuchte er die Vorlesungen, leidenschaftlich widmete er sich dem Reisen, besuchte Frankreich und Belgien.
Er macht seinen Abschluss an der Universität und versuchte gleichzeitig sich eine Existenz als Schriftsteller aufzubauen. Bereits seit seinem Jugendalter schrieb er Gedichte, mit 19 Jahren veröffentlichte er seine ersten Gedichte unter dem Titel "Silberne Saiten", 1904 erschien seine erste Novelle, eine Literaturgattung, in der er seinen größten Ruhm erlangen sollte.
Bald nach seinen ersten Veröffentlichungen – inzwischen verfasste er bevorzugt Novellen – galt Zweig als etablierter Schriftsteller. Er arbeitete außerdem als Journalist für das Feuilleton der Wiener Neuen Freien Presse, übersetzte Werke fremdsprachiger Schriftsteller und verbrachte seine Freizeit im Café Griensteidl, dem Zentrum der damaligen Literatenszene.
Nach Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich der Schriftsteller freiwillig zum Militärdienst und wurde dem Wiener Kriegspressequartier zugeteilt. Seine anfängliche Begeisterung kehrte sich ins Gegenteil, er wurde zum Pazifisten und wollte für die Verständigung zwischen den europäischen Ländern und nachhaltigen Frieden eintreten.
Nach dem Krieg heiratete Zweig die geschiedene Friderike Maria von Winternitz, sie bezogen ein kleines Schlösschen am Kapuzinerberg am Stadtrand Salzburgs.
Es erschienen zahlreiche Novellen, die zum Teil auch verfilmt und im Kino gezeigt wurden. Er veröffentlichte Übertragungen aus dem Französischen sowie seine historischen Miniaturen "Sternstunden der Menschheit", drei Essaybände erscheinen, seine Theaterstücke wurden aufgeführt, 1931 übernahm er die Nachfolge Hugo von Hofmannsthals als Librettist für Richard Strauss. Zweigs internationaler Ruhm machte ihn während der zwanziger Jahre zum meistübersetzten Schriftsteller seiner Zeit.
1933 wurde die Situation für ihn aufgrund der jüdischen Wurzeln seiner Familie schwierig: als jüdischer Schriftsteller blieb ihm ab 1933 der deutsche Literaturmarkt verschlossen, seine Bücher erschienen auf der 'schwarzen Liste' und wurden am 10. Mai öffentlich verbrannt.
Nach einer polizeilichen Hausdurchsuchung beschloss Zweig, seine Heimat vorübergehend zu verlassen und nach London zu übersiedeln. Faktisch bedeutete dies die Trennung von seiner Frau, die sich weigerte, mit ihm das Land zu verlassen.
Obwohl er sich intensiv mit der Gefahr des Faschismus beschäftigte, vermied er es, sich öffentlich politisch zu äußern oder sich an entsprechenden Aktivitäten der exilierten Intellektuellen zu beteiligen. Stattdessen befasste er sich in seinen Werken mit den historischen Wurzeln des Nationalismus und den frühen Vorkämpfern für die geistige Freiheit.
Die Jahre bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges nutzte er erneut zu internationalen Vortragsreisen. Zahllose Menschen besuchten in Südamerika seine Lesungen, er wurde fast wie ein Staatsgast empfangen, was ihn stark beeindruckte.
Er ließ sich scheiden, sein Pass verlor 1938 beim 'Anschluss' Österreichs die Gültigkeit, womit die Rückkehr in seine Heimat für ihn unmöglich wurde. Zusammen mit seiner Freundin und Sekretärin (Lotte Altmann) beantragte er die britische Staatsbürgerschaft, kurz vor Beginn des Krieges heirateten sie, 1941 übersiedelten beide nach Brasilien und ließen sich in der Kleinstadt Petrópolis nieder. Hier entstand Zweigs erfolgreichstes und bis heute meistgelesenes Werk, die "Schachnovelle", die seinen immer stärker werdenden Pessimismus angesichts der Ereignisse in Europa zum Ausdruck brachte.
Mit dem Eintritt Japans in den Weltkrieg und der Niederlage Singapurs, den schlimmen Nachrichten aus Europa und der Hoffnungslosigkeit seiner Lage, wählten Stefan Zweig und seine Lebensgefährtin Lotte Altmann in der Nacht vom 22. auf den 23. Februar 1942 in Petrópolis den Freitod (Überdosis Schlafmittel).
Dem Trauerzug des Staatsbegräbnisses am nächsten Tag folgen 4.000 Menschen.
Stefan Zweig war Kosmopolit und "Europäer", trotzdem aber blieb er zeitlebens ein Repräsentant alt-österreichischer Geistigkeit, sein Werk ist bestimmt von pazifistisch-humanistischem Gedankengut. Zunächst dem Wiener Impressionismus und der Neuromantik verpflichtet, errang er seine ersten Erfolge als Lyriker um sich später in novellistischer Erzählprosa den sexuellen Verwirrungen des zeitgenössischen Bürgertums zuzuwenden. Internationale Erfolge feierte Zweig mit Romanbiographien, zu einem der meistverkauften Bücher seiner Zeit überhaupt wurde der Essayband "Sternstunden der Menschheit".
Portät Stefan Zweig (Historische Bilder)
Sonderpostmarke 1981 (Briefmarken)
Historische Bilder zu Zweig Stefan (IMAGNO.at)
Werke (Auswahl):
Romane:
- Ungeduld des Herzens, 1939
- Rausch der Verwandlung, aus dem Nachlassherausgegeben von K. Beck, 1982
- Clarissa. Ein Romanentwurf, aus dem Nachlass herausgegeben von K. Beck, 1992
Biographien und Essays:
- E. Verhaeren, 1910
- Drei Meister. Balzac, Dickens, Dostojewski, 1920
- Romain Rolland, 1921
- Der Kampf mit dem Dämon. Hölderlin. Kleist. Nietzsche, 1925
- Drei Dichter ihres Lebens, 1928
- Joseph Fouché, 1929
- Die Heilung durch den Geist, 1931
- Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt, 1936
- Amerigo, 1944
- Balzac, 1946
Erzählungen:
- Der Zwang, 1920
- Die Augen des ewigen Bruders, 1922
- Angst, 1925
- Kleine Chronik, 1929
- Schachnovelle, 1941
Dramen:
- Tersites, 1907
- Das Haus am Meer, 1912
- Der verwandelte Komödiant, 1913
- Jeremias, 1917
- Legende eines Lebens, 1919
- Quiproquo, 1928 (mit A. Lernet-Holenia)
- Das Lamm des Armen, 1929
- Begegnungen mit Menschen, Büchern, Städten, 1937
- Die Welt von Gestern, 1944
Ausgaben:
- Gesammelte Werke in Einzelbänden,herausgegeben von K. Beck, 1981ff.
- Tagebücher, herausgegeben von K. Beck, 1984
- Briefwechsel mit Bahr, Freud, Rilke und Schnitzler, herausgegeben von J. B. Berlin und anderen, 1987
- Briefe, herausgegeben von K. Beck, 4 Bände, 1995ff.
- Die Monotonisierung der Welt. Aufsätze und Vorträge, herausgegeben von V. Michels, 1988
Literatur:
- J. Strelka, S. Zweig. Freier Geist der Menschlichkeit, 1981
- D. A. Prater, S. Zweig. Das Leben eines Ungeduldigen, 1981
- D. A. Prater und V. Michels (Hg.), S. Zweig. Leben und Werk im Bild, 1981
- H. Müller, S. Zweig, 1988
- T. Haenel, S. Zweig, Psychologe aus Leidenschaft, 1995
- I. Schwamborn (Hg.), Die letzte Partie. S. Zweigs Leben und Werk in Brasilien, 1999
- S. Schmid-Bortenschlager (Hg.), S. Zweig lebt, 1999
- Neue Österreichische Biographie.
Artikel aus dem Buch "Große Österreicher"#
Stefan Zweig 1881-1942
Mir ist, ich könnte nicht sterben, ehe ich nicht die ganze Erde kenne«, hat Stefan Zweig einmal geschrieben. Es war im Jahre 1909. Mehr als drei Dezennien später wirft er einen anderen Satz aufs Papier, der, mit dem ersten zusammen gesehen, den Bogen markiert, der das Leben dieses großen österreichischen Schriftstellers umspannt. »Aber jeder Schatten ist im letzten doch auch Kind des Lichts«, heißt es am Schluss der Zweigschen Selbstbiographie. »Und nur wer Helles und Dunkles, Krieg und Frieden, Aufstieg und Niedergang erfahren, nur der hat wirklich gelebt.«
Hält man sich an diese Maxime, hat Stefan Zweig, der Dichter, der Schriftsteller, der Biograph, wirklich gelebt. Er hat auch das Programm erfüllt, das er sich 1909 gestellt hatte: Er hat zwar nicht die ganze Erde gesehen, aber er ist zeit seines Lebens ein Rastloser gewesen, ein Unruhiger, ein »allzu Ungeduldiger«, wie er sich selbst in seinem Abschiedsbrief nannte, eher er 1942 in Petropolis, seinem brasilianischen Exil, zusammen mit seiner Frau freiwillig aus dem Leben schied. Ungeduldig? Stefan Zweig ist ein Verwöhnter gewesen, der mit dem Talent zu wuchern verstand, das ihm in die Wiege gelegt worden war. Aber Zweig hat eines nicht zustande gebracht, und insofern ist die Ungeduld, von der er schreibt, in der Tat so etwas wie eine Ungeduld des Herzens gewesen - sonderbar, dass gerade sein einziger Roman diesen Titel trägt. Er hat sich nur in Sicherheit wohl gefühlt - wenn ihn Unsicherheit umgab, neigte er zur Verzweiflung. Er hat das Helle geliebt, das Dunkle, das er erlebte, wies er von sich, solange er konnte - am Ende erlag er ihm. Er hat sich gerne von der Woge tragen lassen - im Wellental neigte er dazu, den nächsten Wogenkamm zu übersehen. Stefan Zweig hat Selbstmord begangen, als das Ende des nationalsozialistischen Regimes schon absehbar war. »Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich allzu Ungeduldiger gehe ihnen voraus«, schreibt er vorher. Er hat das Nomadenleben nicht ertragen, die Existenz aus dem Fluchtgepäck nicht verkraftet, die Tatsache nicht verwunden, dass er, in reichem Hause aufgewachsen, von Jugend an auf der Sonnenseite des Lebens wandelnd, in reifen Jahren zum Gehetzten geworden war. In der Tat ist Stefan Zweig so etwas wie ein Glückskind gewesen.
Moritz Zweig, der Vater, einer jüdischen Händlerfamilie aus Mähren entstammend, hatte dort ein kleines Textilunternehmen gegründet und es zu einem der größten Betriebe des Landes gemacht. Ida Brettauer, die Mutter, war Spross eines nicht minder reichen Kaufmannsgeschlechts aus Hohenems. In einer prachtvollen Wohnung am Schottenring wuchsen Stefan und sein Bruder Alfred auf -wirkliche Armut hat Stefan Zweig nie gekannt. Und er konnte es sich leisten, nur einen einzigen Berufswunsch zu haben und diesen dann auch erfolgreich durchzusetzen: die Schriftstellerei. Im Wien der Jahrhundertwende, dieser Brutstätte der Genialität, publizierte er erstmals - Hofmannsthal, Schnitzler, Bahr, Mahler, Schönberg, Wagner, Loos, Hoffmann waren seine Zeitgenossen. In der »Neuen Freien Presse« akzeptiert Feuilletonchef Theodor Herzl die Manuskripte des jungen Zweig, als flotter junger Literat lebt er in einer Studentenbude im achten Wiener Gemeindebezirk. Er schreibt, sein Talent wird erkannt, er kann im In- und Ausland publizieren - es war eine Zeit, in der man nach neuen Namen gierte, in der die Verlage, vor allem aber auch die Tageszeitungen sich auch als Mäzene, als Förderer der neuen Literatur verstanden; Zweig hat davon profitiert. Hinzu kam, dass ihn materielle Sorgen nicht plagten, dass er reisen konnte, lernen, studieren - Philosophie, Germanistik, Romanistik. Und das, obgleich er an die Schule selbst keine guten Erinnerungen hat: Als ihn das Wasagymnasium bittet, 1922 zur 50-Jahr-Feier eine Rede zu halten, lehnt er ab. Es ist der Zwang, heute würde man sagen: die Repression, die ihn gestört hat. Stefan Zweig ist Kosmopolit gewesen -und Pazifist. Er war einer der ganz wenigen Schriftsteller, die den Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht mit Begeisterung begrüßten, die nicht der »Jeder-Schuß-ein-Russ'«-Demagogie der Literaten anhingen, der sich sogar ein Franz Werfel nicht ganz hat entziehen können. Zweig geht vielmehr in die Schweiz und arbeitet dort als Schriftsteller und Korrespondent in verhältnismäßiger Ruhe, während rundum Europa in Flammen steht. Zu dieser Zeit hat er schon Freunde in Ost und West, in Frankreich, in Belgien - die Werke des Dichters Verhaeren übersetzt er zur Gänze ins Deutsche-, auch in Russland. Nach Kriegsende kehrt Stefan Zweig nach Österreich zurück, aber Wien ist kein Boden mehr für ihn - gemeinsam mit seiner Frau Friederike richtet er sich in Haus in Salzburg ein, wo er seither auch wohnt - und zu einem der bekanntesten, berühmtesten und wohl auch populärsten deutschsprachigen Schriftsteller wird; seine Werke werden in Dutzende Sprachen übertragen.
Sie wirken dennoch begreiflicherweise am meisten in der deutschen. Stefan Zweig ist wie Karl Kraus einer von jenen gewesen, die ihr Handwerkszeug, eben die deutsche Sprache, sauberzuhalten bemüht waren. Er ist in jeder Form des geschriebenen Wortes ein Stilkünstler geblieben. Er hat feinsinnige Lyrik und psychologisch meisterhafte, von innerer Dynamik erfüllte Novellen und Essays geschaffen. Den Gipfel der Meisterschaft erreichte er freilich dort, wo er Menschliches-Allzumenschliches zu schildern hatte, in seinen biographischen Werken - ob sie nun in der kleinen Form des Essays oder der großen des biographischen Romans, besser: der biographischen Dokumentation, erschienen. Mit großem Einfühlungsvermögen zeichnete Stefan Zweig Persönlichkeiten, indem er gleichsam in ihre Herzen und hinter ihre Stirnen blickte.
In der Tat: seine Biographien sind unerreicht geblieben.
Und als Kleinod wird auch die Selbstbiographie »Die Welt von gestern« gehandelt. Er hat sie in der Emigration verfasst, ohne Bücher, die er hatte zurücklassen müssen, ohne Notizen, nur aus dem Gedächtnis. Aber: »Alles, was man aus seinem eigenen Leben vergisst, war eigentlich von einem inneren Instinkt längst schon vordem verurteilt gewesen, vergessen zu werden. Nur was ich selber bewahren will, hat ein Anrecht, für andere bewahrt zu werden.« Stefan Zweigs Erinnerungen sind solche an eine glückliche, an eine sichere Zeit. Kaum eine andere Selbstbiographie beschreibt die Epoche in Wien vor dem Ersten Weltkrieg so eindrucksvoll wie die »Welt von gestern«. Vielleicht hat die Erinnerung den Autor überwältigt. Kurze Zeit nach der Vollendung des Buches schied er aus dem Leben.
Essay#
Melancholie des Untergangs#
Die österreichischen Exil-Autoren Stefan Zweig und Joseph Roth teilten mehr als eine tiefe Sehnsucht nach der "Welt von gestern". Ihr Briefwechsel liegt nun vollständig vor.#
Von der Wiener Zeitung (Sa/So, 5./6. November 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.
Von
Andreas Wirthensohn
Das einzige Foto, auf dem sie gemeinsam zu sehen sind, zeigt sie im Sommer 1936 im Seebad Ostende. Links Stefan Zweig, der wohlwollend, fast ein wenig väterlich auf den neben ihm sitzenden Joseph Roth blickt, welcher eigenartig beklemmend wirkt in dieser Mischung aus Kindlichkeit und körperlichem Verfall. Dass Zweig dreizehn Jahre älter ist als Roth, der zwei Monate später seinen 42. Geburtstag feiern wird - auf diese Idee würde man beim Betrachten des Bildes niemals kommen. Der Alkohol tat unaufhaltsam sein Werk.
Zweig hatte Roth an die belgische Nordseeküste eingeladen, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. "Wir könnten abends gemeinsam uns prüfen und belehren wie in guten alten Zeiten. Sie müssen nicht baden, ich tue es auch nicht - Ostende ist kein Badeort, sondern eine Stadt, schöner, cafehäuslicher als Brüssel." Vor allem aber herrschte "wie überall in Belgien ein für Sie sehr vorteilhaftes Schnapsverbot". Seit Jahren schon beschwor Zweig Roth, endlich die "Sauferei" zu lassen und eine Entziehungskur zu machen. Nun hoffte er, persönlich den Anstoß dafür zu geben. Doch das Vorhaben scheiterte. Stattdessen tat sich Roth während dieses Aufenthalts, bei dem verschiedene Exilschriftsteller anwesend waren, mit Irmgard Keun zusammen. Die 31-Jährige war seit ihrem Debüt 1931 eine erfolgreiche Autorin, leider aber ebenfalls dem Alkohol im Übermaße zugetan. Und so verbrachten die beiden gemeinsam ganze Nächte in den Cafés von Ostende - zur Not mit Wein und Bier.
Wendepunkt Ostende#
Die Begegnung in Ostende erweist sich im Rückblick als Höhe- und zugleich Wendepunkt in dieser Freundschaft zweier österreichischer Schriftsteller, die vieles gemeinsam haben, und die doch Welten voneinander trennen. Als ihr Briefwechsel, der den Weg zum vertraulichen Du niemals schaffen sollte, Ende der 1920er Jahre beginnt, ist Zweig das, was man einen "Großschriftsteller" nennt: mit seinen Büchern weltweit erfolgreich, als geistige Instanz hoch angesehen, ohne finanzielle Sorgen. Roth dagegen wird erst 1930 mit dem "Hiob" seinen ersten großen Erfolg feiern, es aber trotzdem nie schaffen, mit den Einkünften über die Runden zu kommen. Bei seiner Frau Friederike wird 1928 Schizophrenie diagnostiziert, sie verbringt ihr Leben fortan in Heil- und Pflegeanstalten, die es zu bezahlen gilt. Und auch sonst erweist sich "Rothi", wie Friderike Zweig ihn keck nennt, als großzügig: Er lebt fast ausschließlich in Hotels, säuft sich durch den Tag und finanziert nebenher stets noch "sechs" oder "acht" andere Menschen - Roths Angaben hierzu schwanken. Immer wieder muss Stefan Zweig Geld schicken, auch wenn er sehr wohl weiß, dass das "ein Faß ohne Boden" ist, Roth habe "zum Geld das Verhältnis eines Irrsinnigen und versteht es nicht, den Wirklichkeiten sich anzupassen". Dafür erweist sich Roth schon vor 1933 als der politisch deutlich Hellsichtigere von beiden, der Zweig immer wieder beschwört, sich über den Nationalsozialismus keine Illusionen zu machen. Im Februar 1933 spricht er davon, das Ganze werde "zum neuen Krieg" führen, ein paar Wochen später rät er Zweig warnend: "Aus einem brennenden Haus muß man laufen." Und im Mai mahnt er: "Ich bitte Sie überhaupt, sich nicht dem Gedanken zu überlassen, daß Sie in Deutschland noch möglich sind, als der Schriftsteller, dessen Geltung bis jetzt auch Ihre Gegner nicht verleugnen konnten."
Roth selbst hat Deutschland sofort nach der "Machtergreifung" den Rücken gekehrt und verbringt die sechs Jahre bis zu seinem Tod vorwiegend in Frankreich an wechselnden Orten, manisch schreibend - allein zwölf Romane und Erzählungen in der Zeit des Exils -, unablässig mit Geldsorgen beschäftigt und fortwährend hadernd mit seinen verschiedenen Verlegern. In einem Brief vom 16. November 1935 resümiert er sein Leben so: "Ich bin heute 41 Jahre alt. 15 Jahre habe ich trockenes Brot gegessen. Dann kam Butterbrot. Dann kam Krieg. Dann kamen 10 Jahre Brot. Dann kamen Vorschüsse. Journalistik. Ekelhafte Arbeit. Demütigung. 16 Bücher. Erst seit 5 Jahren Erfolg - verbunden mit privatem Unglück und also keiner. Darlehen, beschwindelt werden. Hitler. Immer für Andere sorgen."
Zweig beschwor ihn freilich unablässig, die Schuld nicht nur bei anderen zu suchen: "Lieber, Guter, bitte, klagen Sie nicht immer die Zeit und die Schlechtigkeit der Menschen an, geben Sie auch zu, daß Sie selbst an Ihrem Zustand schuld sind (...) Erfinden Sie keine Sofismen, daß der Schnaps edel, weise, productiv mache - il avilit, er erniedrigt." Doch Roths Weg in den Abgrund war unaufhaltsam. Ab 1935 werden seine Briefe an Zweig immer flehentlicher - "Retten Sie mich", "Bitte, verlassen Sie mich bestimmt nicht" -, doch ein Wille, am eigenen Leben etwas zu ändern, ist nirgends zu erkennen. Immerhin wusste Zweig selbst, was Sucht ist: "Ich bin sehr stolz, daß ich, der wahnwitzigste Kettenraucher, ein wahrer Josef Roth aus dem Alkoholischen ins Nikotinische übersetzt, seit vierzehn Tagen völlig enthaltsam bin." Das Liebäugeln des Juden Roth mit dem Katholizismus fand Zweig, ebenfalls Jude, weniger nachvollziehbar. Auch Roths bedingungsloser Habsburger-Verehrung - "Was mich persönlich betrifft: sehe ich mich genötigt, zu folge meinen Instinkten und meiner Überzeugung absoluter Monarchist zu werden", schrieb Roth am 28. April 1933 - stand er eher distanziert gegenüber.
Und doch waren beide verbunden in der Liebe zu und in der nostalgischen Sehnsucht nach dem, was Stefan Zweig in seiner Autobiographie als "die Welt von Gestern" bezeichnete. Die Moderne mit ihrer Abwendung von der Religion bzw. dem Geist, mit ihrer Auflösung fester Ordnungen war ihrer beider Sache nicht. Daher rührte die tiefe Melancholie, die bei Roth in hemmungslos delirierende Verzweiflung mündete, während Zweig zumindest nach außen Haltung zeigte und Mut zusprach: "Wir müssen das Trotzdem das Trotzalledem zum Leitwort unseres Lebens machen: die Menschen kennen und dennoch lieben wie Rolland unvergeßlich gesagt hat." Treffender hätte er das eigene Verhältnis zu Joseph Roth nicht beschreiben können. Der nun erstmals vollständig und umfassend kommentiert vorliegende Briefwechsel ist ein Ereignis. Er bietet tiefe Einblicke in das Elend des Exils, in das deutschsprachige Schriftsteller nach 1933 getrieben wurden, und er zeigt auf beklemmende Weise, wie zwei empfindsame Seelen, jede auf ihre Weise, dem Untergang entgegentaumeln. Dass die Stimme Stefan Zweigs in diesem Zwiegespräch deutlich seltener zu vernehmen ist, hat ausschließlich überlieferungstechnische Gründe. Der von Hotel zu Hotel vagabundierende Roth hat die Briefe Zweigs schlicht nicht aufbewahrt. Im Juli 1933 fragt er Zweig sogar, ob dieser ihm ein Exemplar seines, Roths, Romans "Zipper und sein Vater" schicken könne: "Ich bin entsetzt, ich habe kein einziges meiner Bücher." Roth war in der Tat Hitler zum Opfer gefallen.
Früher Tod im Exil#
"Ich kann mich nicht umbringen - ich werde aber umkommen. Ganz bestimmt, denn ich halte diese Art Leben nicht mehr aus." Das schrieb Joseph Roth 1935, hellsichtig wie so oft. Er musste dieses Leben allerdings noch fast vier Jahre lang aushalten. "Das Ende zieht sich leider. Das Krepieren dauert länger, als das Leben."Am 27. Mai 1939 war es dann "geschafft", Roth starb in Paris, kaum 45 Jahre alt. Noch am selben Tag schrieb Zweig an Romain Rolland, er habe soeben die Todesnachricht erhalten: "Wir werden nicht alt, wir Exilierten! Ich habe ihn wie einen Bruder geliebt. Entschuldigen Sie, wenn ich abbreche, ich fahre vielleicht nach Paris zu seinem Begräbnis!" Zweig kam seltsamerweise nicht zur Beisetzung seines Freundes. Drei Jahre später starb auch er, zusammen mit seiner zweiten Frau Lotte Altmann, im brasilianischen Petrópolis - er nahm sich mit einer Überdosis Veronal das Leben.
Information#
Joseph Roth/Stefan Zweig: "Jede Freundschaft mit mir ist verderblich". Briefwechsel 1927 - 1938. Hrsg.: Madeleine Rietra und Rainer Joachim Siegel. Mit einem Nachwort von Heinz Lunzer. Wallstein, Göttingen 2011, 624 Seiten, 41,10 Euro.
Essay#
Brüchige Verhältnisse#
Stefan Zweig wird heute meist als Nostalgiker verstanden, der sich nach der "Welt von gestern" sehnte. Aber sein Roman "Ungeduld des Herzens" verfolgt durchaus auch politische und kritische Anliegen.#
Von der Wiener Zeitung (12. Mai 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.
Von
Margarete Wagner
Stefan Zweig, der heute gerne zum "großen" oder "ersten Europäer" stilisiert wird, war gewiss nicht das, was man unter einem politischen Schriftsteller versteht (was ihm bisweilen auch vorgeworfen wurde), aber er verfügte durchaus über eine eigenständige politische Meinung und über genug politisches Einschätzungsvermögen, um bereits 1934, nach einer schikanösen Durchsuchung seines Domizils in Salzburg, Österreich zu verlassen.
Es waren die widrigen, von den Hetzreden des Nationalsozialismus aufgepeitschten Zeitumstände, die den überzeugten Pazifisten zwangen, sich von seiner Exilposition im Ausland aus rückblickend mit den ungelösten politischen und sozialen Problemen jener "guten alten Zeit" näher zu befassen, welche die beiden großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die zwei Weltkriege, heraufbeschworen hatten. Es ist zu kurz gegriffen, Stefan Zweig als reinen Nostalgiker abzutun: Weder seine autobiographische Aufarbeitung "Die Welt von gestern" noch sein einziger zu Lebzeiten (1938) erschienener Roman, "Ungeduld des Herzens", sind eine Verklärung der Vergangenheit, der Donaumonarchie kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Spät, aber doch stellte Zweig vom Exil aus seiner aus den Fugen geratenen Zeit die Diagnose und setzte damit zugleich dem untergehenden assimilierten Judentum Mitteleuropas ein literarisches Denkmal.
Brüchige Gesellschaft#
Die Literaturwissenschaft schloss freilich lange Zeit beharrlich die Augen vor Zweigs Bemühungen, die unheilvollen Zeichen seiner Zeit zu enträtseln und auf ihre Ursachen zurückzuführen. Auch die beiden Verfilmungen des Romans, eine englische aus dem Jahre 1949 und eine französische Fernsehverfilmung aus dem Jahre 1979, zeigen weniger die Risse, die bereits 1914 durch die Gesellschaft gingen, wie etwa die Kluft zwischen Arm und Reich, Zivilbevölkerung und Militär, Juden und Nichtjuden, Frauen und Männern, die sich bei Zweig durchaus thematisiert finden, sondern einen verklärenden Rückblick auf Herzenskrisen im gehobenen Milieu des Fin de Siècle, ausgelöst durch einen feschen Leutnant der Kavallerie in schmucker Uniform.
Obwohl gerade die schmerzliche Sehnsucht der Außenstehenden und Ausgegrenzten zu Zweigs häufigsten Motiven zählt, enthält die Aussage seines Romans dennoch bedeutend mehr als ein augenscheinliches Ausdifferenzieren von Gefühlen wie Liebe, Mitleid und "Ungeduld des Herzens": Chiffriert führt er die Lebensunfähigkeit des alten, in absolutistischer Erstarrung manövrierunfähig gewordenen österreichischen Erbadels am Beispiel der boshaften alten und kinderlosen Fürstin Orosvár vor, die das ihrer Familie anvertraute altösterreichische Kulturerbe "par dépit" ("aus Enttäuschung") an ihre unbedeutende und von ihr gedemütigte Gesellschafterin verschleudert.
Ihr wiederum wird diese ganze Herrlichkeit von dem kleinen, jüdischen Agenten Lämmel Kanitz, der symbolisch für den skrupellosen Wirtschaftsliberalismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts steht, abgeschwatzt. Graf Lajos von Kekesfalva - so nennt sich von jetzt an der unermesslich reich gewordene Lämmel Kanitz - heiratet aber aus Liebe das ahnungslose Opfer seiner schmutzigen Machenschaften, lässt sich taufen, erwirbt einen Adelstitel und magyarisiert seinen Namen.
Graf von Kekesfalva als Verkörperung des Großkapitalismus wird nun zum getreuen Sachwalter dieses altösterreichischen Kulturerbes aus der Zeit des Feudalismus. Aber schon die nächste Generation ist aufgrund übermäßiger Verwöhnung nicht mehr imstande, dieses Erbe zu übernehmen: Kekesfalvas einzige Tochter Edith ist nach einem Reitunfall gelähmt und bedürfte ihrerseits eines Sachwalters, der nach dem Tod ihres Vaters sowohl für ihre zerbrechliche Gesundheit und ihr Glück als auch für die Verwaltung ihres Vermögens Sorge trägt.
Die Hoffnungen, die das jüdische Großkapital vor dem Ersten Weltkrieg in die Stärke der österreichische Armee setzte, dass sie das Reich und die hier herrschenden wirtschaftlichen und politischen Zustände würde beschützen und bewahren können, erfüllten sich nicht, denn der Erste Weltkrieg führte den völligen Zusammenbruch von Reich und Gesellschaft herbei.
Enttäuschte Hoffnung#
Und so kann natürlich auch der junge, aus ärmlichen Verhältnissen stammende Kavallerieleutnant Anton Hofmiller nicht die großen Hoffnungen erfüllen, die Edith und ihr Vater in ihn setzen: Er kann, obwohl er aus "Ungeduld des Herzens" in beiden Hoffnungen erweckte, nichts zur Stärkung und Heilung Ediths beitragen, ja er verleugnet sogar aus Feigheit vor seinen Regimentskameraden seine Verlobung mit der gelähmten Halbjüdin.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs setzt dem scheinbar so glanzvollen Leben auf Schloss Kekesfalva ein Ende: Edith begeht, da sie sich von Hofmiller in ihrer Liebe zurückgewiesen glaubt, Selbstmord, ihr Vater stirbt vor Schreck an Herzversagen.
Der Roman "Ungeduld des Herzens", der in der Literaturwissenschaft oft als zu lange geratene Novelle oder als missglückter großer österreichischer Roman wahrgenommen wird, bringt aber noch eine zweite Vorkriegssituation thematisch ein: Der Beginn des Romans spielt nämlich im Jahre 1938, kurz vor dem Münchner Abkommen, und zeigt einen Anton Hofmiller, der mit knapper Not den Ersten Weltkrieg überlebt hat und für seine Tapferkeit den Maria Theresienorden erhielt.
Er selbst aber weiß, dass alle seine Tapferkeit vor dem Feind nicht seine zivile Feigheit Edith und Herrn von Kekesfalva gegenüber rückgängig machen kann, aber er ist kurz nach dem "Anschluss" Österreichs an Hitlerdeutschland und am Vorabend des Zweiten Weltkriegs bereit, sich gegen eine Mehrheitsmeinung zu stellen, wodurch ihn Zweig indirekt zum Hoffnungsträger für einen aktiven Widerstand macht.
Reale Vorbilder#
Interessant, aber bisher unbeachtet sind an diesem Roman Zweigs Bezüge auf reale Vorbilder, wie etwa bei der Beschreibung jener nicht näher genannten Provinzgarnison an der österreichisch-ungarischen Grenze, in der Hofmiller stationiert ist und wo sich auch Schloss Kekesfalva befindet und hinter der nachweisbar Bruck an der Leitha steht. Hinter der Figur des Arztes Dr. Condor, die im Roman echtes, gelebtes Mitleid verkörpert und deren Judentum bisher in der Forschungsliteratur offensichtlich übersehen wurde, steht als Vorbild niemand anderer als Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie und Entdecker des Minderwertigkeitskomplexes.
Vor allem aber erscheint dem jungen und unerfahrenen Leutnant Hofmiller aller auf Schloss Kekesfalva beobachteter Hausbrauch als typisch ungarisch. Er ist bis zur Aufklärung durch Dr. Condor unfähig, das Jüdische an Familie Kekesfalva zu erkennen, sondern interpretiert es für sich als typisch ungarisch.
Einer erneuten Untersuchung würdig wäre die von Zweig hier abgehandelte Mitleidsthematik sowie die Erfassung der von ihm verwendeten Übersetzung der Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Es ist erstaunlich, dass die Forschung diesen einzigen zu Lebzeiten Zweigs erschienenen Roman bisher so wenig beachtete, nur sehr halbherzig interpretierte und weder seinen bedeutsamen Konnex mit Zweigs Autobiographie "Die Welt von gestern" noch die großen Übereinstimmungen mit Joseph Roths 1932 erschienenem Roman "Radetzkymarsch" erkannte.
Margarete Wagner, geboren 1952, lehrt und forscht am Germanistischen Institut der Universität Wien über Quellenkunde, Editionswissenschaft, Reformationsliteratur sowie interdisziplinäre und interkulturelle Fragestellungen mit Schwerpunkt österreichische Literatur.
Information#
Stefan Zweigs Roman "Ungeduld des Herzens" ist im S. Fischer Verlag, Frankfurt, in mehreren Ausgaben erhältlich.
Hörproben #
Quellen:
- AEIOU
- Stefan-Zweig-Zentrum
- Literaturhaus
- Internationale Stefan Zweig Gesellschaft
- www.stefanzweig.at
- Große Österreicher, ed. Th. Chorherr, Verlag Ueberreuter, 256 S.
- Das große Buch der Österreicher, ed. W. Kleindel & H. Veigl, Verlag Kremayr & Scheriau (1987), Wien, 615 S.
- www.mediathek.at
Redaktion: I. Schinnerl





