Carl Kostka

Carl Kostka, auch Karl Kostka, (* 5. Mai 1870 in Niemes; † 23. Juli 1957 in Prag), war ein sudetendeutscher Politiker und Volkswirtschaftler. Er war führendes Mitglied der Deutschdemokratischen Freiheitspartei, der Deutschen Arbeits- und Wirtschaftsgemeinschaft (DAWG) und Mitbegründer des Sudetendeutschen Wahlblocks (SdWB). Diese Parteien und Interessengruppen vertrat er als Abgeordneter und später als Senator im Parlament. Von 1929 bis 1938 hatte er in Reichenberg das Amt des Bürgermeisters inne.

Leben

Sein Vater, ursprünglich aus Zahrádka im Kreis Ledeč in der Region Vysočina stammend, arbeitete als Direktor der örtlichen Schule. Kostkas Mutter war eine geborene Baumann aus Nieder Krupai.

Nach Abschluss des deutschen Gymnasiums in Böhmisch Leipa (Česká Lípa) studierte Carl Kostka an der Rechtsfakultät der Deutschen Universität in Prag. Nach ersten beruflichen Erfahrungen als Rezipient beim gewerblichen Kreisgericht wechselte er 1896 in die Dienste der Handels- und Gewerbekammer in Reichenberg (Liberec), die er in späteren Jahren als Erster Sekretär stark prägen sollte. Er beschäftigte sich unter anderem mit der Arbeiterfrage in Nordböhmen. Verschiedene Produktionsgenossenschaften für Heimarbeiter gingen auf seine Initiative zurück. 1897 heiratete er Luisa Würth Edle v. Hartmühl in Böhmisch Leipa (Česká Lípa). Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: 1898 die Tochter Hedwig und 1906 der Sohn Friedrich Carl.

Politische Karriere

Erst im Alter von 50 Jahren wandte sich Carl Kostka der Politik zu. Mit Bruno Kafka und Ludwig Spiegel gehörte er 1920 zu den Mitbegründern der Deutschdemokratischen Freiheitspartei (DDFP). 1922 gelang Kostka die Wahl ins Abgeordnetenhaus, wo er bis 1925 verblieb. Das Parteiprogramm der DDFP von 1920 hatte die Stärkung der deutschen Position in der tschechoslowakischen Republik zum Ziel, es unterstützte soziale Reformen und eine gemäßigte Bodenreform. Die Partei, die viele jüdische Mitglieder hatte, stellte sich klar gegen judenfeindliche Tendenzen.

Als 1928 die Deutsche Arbeits- und Wirtschaftsgemeinschaft (DAWG) entstand, gehörte Kostka zu den Mitgliedern der ersten Stunde. Als ihr Vertreter schaffte er 1929 die Wahl in den Senat. 1935, nach dem Wechsel von Alfred Rosche zur SdP, übernahm Carl Kostka die Leitung der bereits geschwächten DAWG. 1935 schaffte er als einziger Vertreter des aktivistischen „Sudetendeutschen Wahlblocks“ die Wiederwahl in den Senat. Die Reden Carl Kostkas im Senat zeugen von besten volkswirtschaftlichen Kenntnissen, oft nehmen sie Bezug auf die Problematik der von der Wirtschaftskrise stark betroffenen Region Nordböhmen. Seit 1929 war Kostka Bürgermeister der Stadt Reichenberg (Liberec). Er trieb die Modernisierung der Stadt voran und bemühte sich um eine bessere Zusammenarbeit der demokratischen tschechischen und deutschen Kräfte. 1936 gelang es ihm, Präsident Eduard Beneš nach Nordböhmen einzuladen. Der international beachtete Besuch sollte Beneš die schwierige wirtschaftliche Situation direkt vor Augen führen und bei der deutschen Bevölkerung das Vertrauen in den tschechoslowakischen Staat stärken. Besondere Nähe verband Kostka mit jüdischen Einwohnern der Stadt. Bis zu seinem Rücktritt als Bürgermeister unterstützte er das Reichenberger Theater, das unter jüdischer Leitung stand. Kostka musste für seine in Widerspruch zum Nationalsozialismus stehende Politik viel Kritik einstecken, die sich zu offener Anfeindung durch Anhänger der SdP steigerte.

1937 versuchte eine kleine internationale Gruppe von Politikern noch einmal, den nationalsozialistischen Tendenzen innerhalb der deutschen Minderheiten im östlichen Europa die Stirn zu bieten. Mit dem Deutschbalten Paul Schiemann und dem Oberschlesier Eduard Pant gehörte Carl Kostka 1937 zu den Mitunterzeichnern des Aufrufs zur Gründung des „Deutschen Verbandes zur nationalen Befriedung Europas“. Im Sommer 1938 intervenierten Kostka und andere NS-Gegner bei Lord Runciman in Prag und in Paris, dass es in der Tschechoslowakei durchaus auch Befürworter des Staates gebe. Im September desselben Jahres gehörte Kostka zu den Mitbegründern des „Nationalrats aller friedenswilligen Sudetendeutschen unter Hintansetzung aller persönlichen und parteimäßigen Sonderinteressen“.

Kostka, zermürbt durch die Kampagnen gegen ihn und seine Familie, trat Mitte April 1938 „aus gesundheitlichen Gründen" als Bürgermeister von Reichenberg zurück und zog mit seiner Frau nach Prag. Einen Monat zuvor hatte er im Senat eine flammende Rede für die Solidarität mit dem tschechoslowakischen Staat gehalten.

Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in die Tschechoslowakei am 15. März 1939 nahm die Tragödie Kostkas und seiner Familie ihren Lauf. Seine Pension wurde zuerst ganz eingestellt, später um 60 % gekürzt. Es folgten Verhöre durch die Gestapo, in Berlin und Reichenberg (Liberec) wurden Verfahren gegen ihn angestrengt. Seine Kinder Hedwig, Rhythmiklehrerin, und Friedrich, Angestellter bei der Versicherung Concordia in Reichenberg, verloren aus politischen Gründen ihre Arbeit. Die Familie war auf die finanzielle Unterstützung durch die britische Gesandtschaft und einen jüdischen Freund angewiesen.

In den Wirren des Kriegsendes wurde die Familie verhaftet und dem tschechoslowakischen Nationalausschuss übergeben. Auf dem Weg dorthin wurde Kostkas Frau Luisa von einem Unbekannten niedergeschossen. Dank dem Eingreife des Büros von Präsident Edvard Beneš konnten Kostka und die übrigen Mitglieder der Familie am 20. Mai 1945 in ihre Prager Wohnung zurückkehren. Sie erhielten wegen Kostkas Loyalität zur Tschechoslowakei trotz dessen deutscher Volkszugehörigkeit die provisorische tschechoslowakische Staatsbürgerschaft. Doch erst 1947 bekam die Familie die Staatsbürgerschaft endgültig zurück. Carl Kostka lebte bis zu seinem Tod am 23. Juli 1957 in Prag.

Literatur

  • Matts Ole Balling: Von Reval bis Bukarest, Statistisch-Biographisches Handbuch der Parlamentarier der deutschen Minderheiten in Ostmittel- und Südosteuropa 1919-1945. Bd.1 Kopenhagen 1991.
  • Roman Karpaš, Zdeněk Brunclík et al: Kniha o Liberci. Liberec 1996.
  • Susanne Keller-Giger: Carl Kostka (1870-1957) – sudetendeutscher Demokrat, Volkswirtschaftler und kritischer Verteidiger der Tschechoslowakei, in: Niemeser Heimatbrief, März/April 2011, Folge 2, S. 11-13.