Sudetendeutsche Partei

Die Sudetendeutsche Partei (SdP) wurde unter Führung von Konrad Henlein am 1. Oktober 1933 zunächst als Sudetendeutsche Heimatfront begründet. Auf Druck der tschechoslowakischen Regierung musste sie ihren Namen am 19. April 1935 in SdP ändern, um an den anstehenden Parlamentswahlen teilnehmen zu können.

Geschichte

Nach dem Ersten Weltkrieg bis 1933 war der Teil der Sudetendeutschen, der eine Zusammenarbeit mit dem entstandenen tschechoslowakischen Staat grundsätzlich ablehnte, in zwei Parteien organisiert: die „Wertekonservativen“ in der Deutschen Nationalpartei (DNP) und die „Radikalen“ in der Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (DNSAP). Doch 1933 waren diese von der Prager Regierung verboten worden.

Am 1. Oktober 1933 gründete Konrad Henlein in Eger die „Sudetendeutsche Heimatfront“ zunächst als nationale Sammlungsbewegung. Ihre Anhängerschaft war sehr vielschichtig, im Wesentlichen jedoch zwei Gruppen zugeneigt:

  • dem Kameradschaftsbund für volks- und sozialpolitische Bildung (KB), der – 1926 gegründet – den Lehren Othmar Spanns vom ständischen Staatsaufbau verschrieben war. Prominenteste Vertreter waren neben Henlein Walter Brand und Walter Heinrich.
  • dem Aufbruch, der nach einer gleichlautendenen Zeitung benannt war und der vor allem aus ehemaligen Mitgliedern der DNSAP bestand. Ihre Anhänger waren deutlich radikaler als die des Kameradschaftsbundes und standen von Beginn an in engem Kontakt zur NSDAP in Deutschland. Bedeutende Vertreter waren Rudolf Jung und Hans Krebs.[1]

Bei den folgenden heftigen internen Auseinandersetzungen zwischen beiden Flügeln lag die Führung zunächst in den Händen des KB.

Anfänglich lehnte die Führung der Sudetendeutschen Heimatfront zumindest offiziell den Nationalsozialismus von Adolf Hitler ab; viele ihrer Anhänger standen den Traditionen der Habsburgermonarchie nahe und befürworteten perspektivisch eher die Vereinigung mit dem benachbarten Österreich als mit dem Deutschen Reich.

Henlein forderte zunächst, dass die Tschechoslowakei ihrem Versprechen nachkomme, ihren Staat „wie eine zweite Schweiz“ aufzubauen, in dem alle Volksgruppen eine weitreichende Autonomie zugestanden werden sollte. Unter Historikern ist bis heute umstritten, inwieweit es sich hierbei um Überzeugung oder – wie von Henlein später behauptet – um taktisches Verhalten gehandelt hat.[2]

Bei den Parlamentswahlen im Mai 1935 gewann die SdP die meisten Stimmen (1.249.530) aller Parteien landesweit und wurde nach der tschechischen Landwirtepartei RSZML zur zweitstärksten Partei im Abgeordnetenhaus der Tschechoslowakischen Republik; sie stellte 44 Sitze (von insgesamt 300) des Abgeordnetenhauses und 23 im Senat. Sie errang damit 68 Prozent der sudetendeutschen Wählerstimmen.[3] Bis dahin hatten bei den Parlamentswahlen im „Sudetengebiet“ noch der Bund der Landwirte, die sozialdemokratische und die kommunistische Partei dominiert.

Im Zuge der Entwicklung im benachbarten Deutschland gewannen in der SdP die Kräfte an Einfluss, die einen raschen Anschluss der mehrheitlich von Sudetendeutschen bewohnten tschechoslowakischen Gebiete an das Deutsche Reich anstrebten. Die Partei radikalisierte sich und geriet zunehmend in finanzielle, ideologische und politische Abhängigkeit vom Deutschen Reich.

Am 19. November 1937 wandte sich Henlein erstmals an Hitler und bat ihn, die Sudetendeutschen zu unterstützen. Am 28. März 1938 kam es zu einem Treffen beider Politiker.[4] Dabei erhielt Henlein von Hitler die Weisung, der tschechoslowakischen Regierung stets Forderungen zu stellen, die diese unmöglich annehmen könne.

Im März 1938 ging der Bund der Landwirte in der Sudetendeutschen Partei auf, und auch die Abgeordneten der Deutschen Christlichsozialen Volkspartei schlossen sich der SdP an. Auf Geheiß Hitlers verabschiedete die SdP am 24. April 1938 das Karlsbader Programm. Die Erfüllung der in ihm geforderten weitgehenden Autonomierechte für die deutsche Minderheit, so zum Beispiel ein eigener Verwaltungsapparat, hätte das faktische Ende des tschechoslowakischen Staates bedeutet; es wurde denn auch von der tschechoslowakischen Regierung abgelehnt.

Kurze Zeit später erreichte die Partei bei Kommunalwahlen – die bereits in einem Klima der Einschüchterung gegenüber Andersdenkenden stattfand[5] – etwa 90 Prozent der sudetendeutschen Stimmen.

Im Mai 1938 wurde der Freiwillige deutsche Schutzdienst (FS) gebildet, der aus dem Ordnungsdienst der SdP hervorging.

Im Oktober 1938 – nach der Eingliederung der Sudetengebiete als Reichsgau Sudetenland in das Deutsche Reich in Folge des Münchner Abkommens – wurde die Sudetendeutsche Partei unmittelbar der NSDAP unterstellt. Ein letzter Parteitag wurde noch am 16. Oktober 1938 in Aussig abgehalten. Am 5. November 1938 wurde die Partei in Reichenberg im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung für aufgelöst erklärt und die Übernahme in die NSDAP verkündet.[1] Da Hitler und einige andere führende Nationalsozialisten (z. B. Rudolf Heß und Reinhard Heydrich) nach wie vor der SdP misstrauten und sie für weltanschaulich unzuverlässig hielten, erfolgte keine automatische Übernahme der 1,35 Millionen SdP-Mitglieder. Diese konnten einen Aufnahmeantrag für die NSDAP stellen, die letztlich etwa 520.000 Mitglieder aus den Reihen der SdP übernahm.[1]

Die Flügelkämpfe aus der Anfangszeit der Bewegung nahmen nach dem Anschluss der Sudetengebiete an das Großdeutsche Reich ihre Fortsetzung, indem einflussreiche Vertreter des Kameradschaftsbundes – unter ihnen Walter Brand – trotz äußerlich nur geringer Abweichung von der nationalsozialistischen Ideologie Verfolgungen durch Staat und Partei ausgesetzt waren. So wurden zu Beginn des Jahres 1940 in Dresden Prozesse gegen einige KB-Mitglieder durchgeführt, in denen die Homosexualität einiger Angeklagter thematisiert wurde.[1]

Der SdP-Vorsitzende Konrad Henlein war als populäre Führungsfigur der Sudetendeutschen von Verfolgungen ausgenommen. Er erhielt die Titel eines Gauleiters und Reichsstatthalters des deutschen Reichsgaus Sudetenland und wurde von Heinrich Himmler zum „SS-Ehrenführer“ im Range eines SS-Obergruppenführers ernannt. Das bedeutete, dass Henlein als eines der wenigen Nichtmitglieder der SS die SS-Uniform tragen durfte; er trat jedoch 1939 auch aktiv in die SS und NSDAP ein. Auf Betreiben Reinhard Heydrichs – der schon frühzeitig von Deutschland aus Stellung für Henleins innerparteiliche Gegner bezogen hatte – verlor Henlein jedoch während des Zweiten Weltkrieges spürbar an Einfluss.[1]

Einzelnachweise

  1. a b c d e Ralf Gebel: "Heim ins Reich!": Konrad Henlein und der Reichsgau Sudetenland (1938-1945), S. 129. R. Oldenbourg Verlag München, 1999.
  2. Heinz Höhne: „Kohen“ ist nicht zu fassen - Zwei Studien über Konrad Henlein - Spion der Briten und Gauleiter des Sudetenlandes. In: Die Welt-Online vom 21. August 1999
  3. http://www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid=T80IHC
  4. http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/aussenpolitik/muenchnerabkommen/index.html
  5. http://www.uni-duesseldorf.de/home/Jahrbuch/2004/PDF/Brandes.pdf

Weblinks

 Commons: Sudetendeutsche Partei – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien