Judenplatz

Dieser Artikel erläutert den Platz in Wien, zu Trier siehe Großer Judenplatz.
Judenplatz mit Lessing-Denkmal und dem Mahnmal für die Opfer der Shoa (2009)
Straßenschild

Der Judenplatz ist ein Platz in der Wiener Innenstadt, der im Mittelalter das Zentrum der jüdischen Gemeinde Wiens war. Er liegt in unmittelbarer Nähe des Platz am Hof und des Schulhof sowie der Wipplingerstraße. Beispielhaft fokussiert sich auf diesem Platz die lange und wechselvolle Geschichte der Stadt und ihrer mittelalterlichen Judengemeinde. Mit der Verwirklichung der Idee Simon Wiesenthals, ein Mahnmal für die österreichischen Opfer der Shoa zu errichten, ist der Judenplatz zu einem Ort der Erinnerung geworden.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Der Judenplatz bildete unter dem Namen „Schulhof“ bis 1421 den Mittelpunkt der einstigen Judenstadt, die 1294 erstmals erwähnt wurde. Um 1400 lebten hier 800 Einwohner: Händler, Kreditgeber, Gelehrte. Die Judenstadt erstreckte sich nach Norden bis zur Kirche Maria am Gestade, die Westseite wurde vom Tiefen Graben, die Ostseite von der Tuchlauben begrenzt. Die Südseite bildete der Platz „Am Hof“. Das Ghetto besaß 70 Häuser, die so angeordnet waren, dass ihre Rückwände eine geschlossene Begrenzungsmauer bildeten. Durch vier Tore konnte das Ghetto betreten werden, die beiden Haupteingänge lagen jeweils an der Wipplingerstraße.

Am Platz selbst befanden sich das Judenspital (heute Judenplatz Nr. 10), die Synagoge, die Badestube, das Haus des Rabbi und die Judenschule, die eine der bedeutendsten des deutschsprachigen Raumes war. Die Synagoge nahm den dritten Teil des Platzes ein und lag zwischen der späteren Jordangasse und der Kurrentgasse. Nach der Schule führte der Platz damals seinen Namen „Schulhof“. Später wurde dieser Name auf einen in der unmittelbaren Nachbarschaft gelegenen kleineren Platz übertragen, der heute noch so heißt. Dem ursprünglichen Schulhof gab man seit 1423 die Bezeichnung „Neuer Platz“, seit 1437 heißt er Judenplatz.

Holocaust-Mahnmal

Auf dem Judenplatz steht das Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Shoa der englischen Künstlerin Rachel Whiteread. Es besteht aus einem Kubus mit Bibliothekswänden voll versteinerter Bücher. Kein Buchrücken ist lesbar, sie zeigen alle nach innen. Auf Bodenplatten sind die Namen jener 45 Orte festgehalten, an denen österreichische Juden von NS-Tätern ermordet wurden. Obwohl diese „namenlose“ Bibliothek ein symbolisches Tor hat, ist sie nicht zugänglich. Das Mahnmal steht in engem inhaltlichen Zusammenhang mit der Ausstellung zur Shoa, die im benachbarten Misrachi-Haus eingerichtet wurde. Hier werden die Namen und Daten von 65000 ermordeten österreichischen Juden dokumentiert.

Für die Errichtung des Mahnmals wurden von Juli 1995 bis November 1998 Ausgrabungen durchgeführt. Diese gelten als die bedeutendsten Stadtkernuntersuchungen in Wien. Auf der östlichen Hälfte des Platzes wurden außerdem die Bruchsteinmauern, ein Brunnen und Keller eines ganzen Häuserblocks gefunden, der zur Zeit der Synagoge hier gestanden hatte. Die komplette Neugestaltung des Platzes und seine Umwandlung zur Fußgängerzone wurde im Herbst 2000 mit der Einweihung des Holocaust-Mahnmals abgeschlossen. Die Stadt Wien wurde für die Gestaltung des Judenplatzes von der „Dedalo Minosse International Prize's Jury“ mit dem Spezialpreis der Stadt Vicenza in Italien 2002 ausgezeichnet.

Misrachi-Haus

Misrachi-Haus (Mitte) und (rechts) Haus der Kleidermacher
Miniaturmodell der Synagoge

Am Judenplatz 8 befindet sich das sogenannte Misrachi-Haus, das 1694 erbaut wurde und das heute Teil des Jüdischen Museums Wien ist. Unter dem Platz fanden Archäologen 1995 die Grundmauern einer der größten mittelalterlichen Synagogen Europas und legten sie frei. Mit den archäologischen Funden entstand die Idee, Mahnmal und Ausgrabungen zu einem Erinnerungskomplex zu vereinen.

Zusätzlich zum Schauraum wurde 1997 die Errichtung eines musealen Sektors im Misrachi-Haus konzipiert, der als Außenstelle des Jüdischen Museums Wien neben den archäologischen Funden auch Ausstellungen zur Dokumentation des jüdischen Lebens im Mittelalter sowie eine Datenbank mit den Namen und Schicksalen der österreichischen Holocaustopfer beherbergen sollte. An der Vorderseite befindet sich eine Gedenktafel mit der hebräisch- und deutschsprachigen Aufschrift: „Dank und Anerkennung den Gerechten unter den Völkern, welche in den Jahren der Shoa unter Einsatz ihres Lebens Juden geholfen haben, den Nachstellungen der Nazischergen zu entgehen und so zu überleben.“

In der Ausstellung wird besonders auf die Lebensumstände der Juden bis zur Wiener Gesera, dem Pogrom im Jahre 1421, Wert gelegt. Baureste der damals aus drei Räumen bestehenden Synagoge sind zu sehen, die sogenannte „Männerschul“ (Lehr- und Betraum der Männer) sowie ein angebauter kleinerer Raum, der von den Frauen benutzt wurde. Zu sehen ist auch das Fundament der sechseckigen Bima (das erhöhte Podium, auf dem aus der Tora vorgelesen wird), deren Umriss auch in das Pflaster des darüber liegenden Platzes, seitlich neben dem Mahnmal, eingraviert ist.

Wiener Gesera

Hauptartikel: Wiener Gesera

In Wien erreichte die Judenverfolgung im Herbst 1420 einen blutigen Höhepunkt. Die ärmlichen Juden wurden vertrieben, die reichen zunächst gefangengesetzt. Die wenigen noch in Freiheit befindlichen Juden schlossen sich in der Or-Sarua-Synagoge am Judenplatz ein, worin sie nach dreitägiger Belagerung, von Hunger und Durst gepeinigt, kollektiven Selbstmord, eine kiddusch haschem (Märtyrertod, um den Namen Gottes zu heiligen) begingen, um der Zwangstaufe zu entgehen. Eine zeitgenössische Chronik, die „Wiener Geserah“ (Hebräisch: böse Verordnung, Erlass), berichtet, dass der Rabbiner Jonah zuletzt die Synagoge in Brand setzte und ebenfalls den Freitod wählte.

Auf Befehl von Herzog Albrecht V. wurden die letzten etwa zweihundert Überlebenden der Judengemeinde wegen angeblicher Verbrechen wie Waffenlieferung an die Hussiten und Hostienschändung am 12. März 1421 auf der sogenannten Gänseweide in Erdberg zum Scheiterhaufen geführt und lebendig verbrannt.

Der Herzog bestimmte gleichzeitig, dass sich künftig kein Jude mehr in Österreich aufhalten dürfe. Die zurückgelassenen Besitztümer wurden beschlagnahmt, die Häuser verkauft oder an Günstlinge verschenkt, die Synagoge geschleift und die Steine für den Bau der alten Wiener Universität verwendet, worauf die einstige Synagoge in Wien bald in Vergessenheit geriet.

Die Judenstadt war somit entvölkert und wurde aufgehoben. Die im endenden 16. Jahrhundert wieder erstandene jüdische Gemeinde wurde 1624 von Ferdinand II. in den Unteren Werd in der Leopoldstadt verwiesen, 1670 jedoch ebenfalls aufgehoben.

Jordan-Haus

Das antisemitische Relief am Haus „Zum großen Jordan“ am Judenplatz

Das Haus „Zum großen Jordan“ am Judenplatz Nr. 2 ist eines der ältesten Gebäude Wiens. Bis 1421 wird als Besitzer des Gebäudes der Jude Hocz genannt, später kam es an einen Georg Jordan, der das Bauwerk 1497 erneuerte und die Fassade mit einem spätgotischen Wappenrelief versah, welches durch das Motiv der Taufe Jesu im Jordan auf seinen Namen anspielt. Darüber steht die Figur des hl. Georg, der mit einer Lanze den Drachen tötet und mit der sich der Besitzer selbst ein Denkmal gesetzt hat. Eine Tafel verkündete: „A(nn)o. 1421 warden die Juden hie verbrendt.“ Danach übernahm Jörg Jordan das Haus und ersetzte die ältere, verschollene Tafel durch die jetzige Inschrift, die sich in drastischen Worten auf die mörderische Judenaustreibung von 1421 bezieht und in lateinischer Sprache die Tötung der Juden als „Reinigung von Schmutz und Übel“ bejubelt:

Flumine Jordani terguntur labe malisque corpora cum cedit, quod latet omnes nefas. Sic flamma assurgens totam furibunda per urbem 1421 Hebraeum purgat crimina saeva canum. Deucalioneis mundus purgatur ab undis Sicque iterum poenas igne furiente luit.
(„Durch die Fluten des Jordan wurden die Leiber von Schmutz und Übel gereinigt. Alles weicht, was verborgen ist und sündhaft. So erhob sich 1421 die Flamme des Hasses, wütete durch die ganze Stadt und sühnte die furchtbaren Verbrechen der Hebräerhunde. Wie damals die Welt durch die Sintflut gereinigt wurde, so sind durch das Wüten des Feuers alle Strafen verbüßt.“)

1560 wurde das Haus gemeinsam mit zwei Nachbarhäusern an die Jesuiten verkauft, die darin ein Konvikt begründeten, 1665 wurden sie vom lutherischen Magistrat daraus vertrieben und verkauften es an die Stadt. Seit 1684 war das Haus in Privatbesitz und führte auch den Namen „Jordanhof“.

Die unverblümte Anspielung auf das Massaker in der Synagoge sowie auf die anschließende Verbrennung der Überlebenden, die dem Text der jüdischen Klageschrift der „Wiener Geserah“ folgt, blieb lange Zeit unbeachtet. Erst durch die Ausgrabung der nahen Synagoge erfuhr die historische Darstellung ihre ganze Bedeutung.

Gedenktafel

Eine Gedenktafel am Haus Judenplatz 6 nimmt auf die antisemitische Inschrift am Jordanhaus Bezug. Sie wurde nach langen Diskussionen von Kardinal Christoph Schönborn am 29. Oktober 1998 mit einem Eingeständnis des christlichen Versagens angesichts der Ermordung der europäischen Juden angebracht:

„Kiddusch HaSchem“ heißt „Heiligung Gottes“. Mit diesem Bewusstsein wählten Juden Wiens in der Synagoge hier am Judenplatz – dem Zentrum einer bedeutenden jüdischen Gemeinde – zur Zeit der Verfolgung 1420/21 den Freitod, um einer von ihnen befürchteten Zwangstaufe zu entgehen. Andere, etwa 200, wurden in Erdberg auf einem Scheiterhaufen lebendig verbrannt. Christliche Prediger dieser Zeit verbreiteten abergläubische judenfeindliche Vorstellungen und hetzten somit gegen die Juden und ihren Glauben. So beeinflusst nahmen die Christen in Wien dies widerstandslos hin, billigten es und wurden zu Tätern. Somit war die Auflösung der Wiener Judenstadt 1421 schon ein drohendes Vorzeichen für das, was europaweit in unserem Jahrhundert während der nationalsozialistischen Zwangsherrschaft geschah. Mittelalterliche Päpste wandten sich erfolglos gegen den judenfeindlichen Aberglauben, und einzelne Gläubige kämpften erfolglos gegen den Rassenhass der Nationalsozialisten. Aber es waren derer viel zu wenige. Heute bereut die Christenheit ihre Mitschuld an den Judenverfolgungen und erkennt ihr Versagen. „Heiligung Gottes“ kann heute für die Christen nur heißen: Bitte um Vergebung und Hoffnung auf Gottes Heil.“

Lessing-Denkmal

Auf dem Judenplatz befindet sich auch das von Siegfried Charoux geschaffene Denkmal des deutschen Dichters Gotthold Ephraim Lessing, eine Auftragsarbeit, die Charoux 1930 gegen eine Konkurrenz von 82 Bildhauern gewann. Es wurde 1931/32 vollendet, 1935 enthüllt und bereits 1939 von den Nationalsozialisten abgetragen und eingeschmolzen. Lessings „Ringparabel“ im Drama „Nathan der Weise“ gilt als Schlüsseltext der Aufklärung und als pointierte Formulierung der Toleranzidee. Von 1962 bis 1965 schuf Charoux ein zweites, 1968 enthülltes Lessing-Denkmal aus Bronze, das 1981 vom Ruprechtsplatz auf den Judenplatz übersiedelt wurde. Lessing war 1775/76 in Wien gewesen, wurde von Joseph II. in Audienz empfangen und hatte Einfluss auf die Veränderung des geistigen Klimas.

Böhmische Hofkanzlei

Böhmische Hofkanzlei

Am Judenplatz Nr.11 befindet sich das Gebäude des österreichischen Verwaltungsgerichtshofs und des österreichischen Verfassungsgerichtshofs, die ehemalige „Böhmische Hofkanzlei“, die 1709–1714 nach Plänen von Johann Bernhard Fischer von Erlach errichtet wurde. Nach 1749 wurden die restlichen Parzellen des Häuserblocks aufgekauft und Matthias Gerl 1751–1754 mit der Erweiterung des Palais beauftragt, der den Bau nach Westen hin symmetrisch verdoppelte. Weitere Umbauten erfolgten im 19. Jahrhundert, das Palais erhielt damals im Wesentlichen sein heutiges Aussehen. Die Fassade zum Judenplatz war ursprünglich die Rückfront des Gebäudes, erst seit den Umbauten des 20. Jahrhunderts befindet sich hier das Haupteingangstor.

Das Palais war ursprünglich Amtssitz der Böhmischen Hofkanzlei, die 1749 mit der Österreichischen Hofkanzlei organisatorisch vereint wurde. 1848 wurde sie in das Innenministerium umgewandelt; dieses blieb bis 1923 im Palais. 1761–1782 und 1797–1840 befand sich hier auch die Oberste Justizstelle, die Vorläuferin des OGH. 1936 zog der Bundesgerichtshof in das Palais, welches seitdem Sitz der öffentlich-rechtlichen Gerichtsbarkeit in Österreich ist.

Die weiblichen Figuren über den Toren dieses Gebäudes stellen die Kardinaltugenden (Mäßigkeit, Weisheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit) dar, darüber befinden sich Wappen der böhmischen und österreichischen Länder. In der Mitte der Attika steht ein Engel mit Posaune, zu dessen Füßen ein Putto hockt. Zu seinen Seiten befinden sich vier Vasen und zwei männliche Figuren und stellen vermutlich die böhmischen Könige Wenzel I. und Heinrich II. dar.

Weitere Gebäude

  • Österreichische Gastgewerbefachschule (Nr. 3–4). Im Vorgängerhaus lebte 1783 Wolfgang Amadeus Mozart. Eine Gedenktafel von 1929 erinnert daran: „An dieser Stelle stand das Haus No. 244, in dem W. A. Mozart im Jahre 1783 wohnte“.
  • Wohnhaus (Nr. 5), in späthistoristischem Stil mit sezessionistischem Foyer erbaut 1899 von Max Löw.
  • Pazelt-Hof (Nr. 6) 1900 mit interessantem Foyer erbaut von Wilhelm Jelinek, der Vorgängerbau hieß „Zur goldenen Säule“.
  • „Zur kleinen Dreifaltigkeit“ (Nr. 7) erbaut um 1795 nach einer Häuserzusammenlegung.
  • Haus der Genossenschaft der Kleidermacher (Nr. 10) 1837/38 erbaut von Ignaz Ramm. Das Haus entstand anstelle der Nachfolgebauten des Judenspitals, die 1684 Zech- und Herbergshaus der bürgerlichen Schneider wurden. Bemerkenswert ist der Sitzungssaal. Das Haus trägt als Wappen Schere und Fingerhut und beherbergt ein kleines Innungsmuseum.

Siehe auch

Literatur

  • Judenplatz Wien 1996. Wettbewerb Mahnmal und Gedenkstätte für die jüdischen Opfer des Naziregimes in Österreich 1938–1945. Mit Beiträgen von Simon Wiesenthal, Ortolf Harl, Wolfgang Fetz u. a. Wien 1996.
  • Simon Wiesenthal (Hrsg.): Projekt: Judenplatz Wien. Zur Rekonstruktion von Erinnerung. Zsolnay, Wien 2000.
  • Gerhard Milchram (Hrsg.): Judenplatz: Ort der Erinnerung. Pichler, Wien 2000, ISBN 3854312172.
  • Adalbert Kallinger: Revitalisierung des Judenplatzes. Selbstverlag, Wien 1974.
  • Ignaz Schwarz: Das Wiener Ghetto, seine Häuser und seine Bewohner. Wien 1909.
  • Samuel Krauss: Die Wiener Geserah vom Jahre 1421. Braumüller, Wien/Leipzig 1920.
  • Martin Mosser: Judenplatz. Die Kasernen des römischen Legionslagers"". (= Wien Archäologisch 5), Wien 2008, ISBN 978-3-85161-006-2
  • Martin Mosser u.a.: Die römischen Kasernen im Legionslager Vindobona. Die Ausgrabungen am Judenplatz in Wien in den Jahren 1995-1998. (= Monografien der Stadtarchäologie Wien 5), Wien 2010, ISBN 978-3-85161-023-9

Weblinks

 Commons: Judenplatz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

48.21155277777816.369269444444Koordinaten: 48° 12′ 42″ N, 16° 22′ 9″ O