Otto Pötzl

Otto Pötzl (* 29. Oktober 1877 in Wien; † 1. April 1962 ebenda) war ein österreichischer Neurologe und Psychiater. Er war einer der bedeutendsten Vertreter der Wiener medizinischen Schule und Wegbereiter der ehemals als Hirnpathologie bezeichneten kognitiven Neurologie bzw. Neuropsychologie.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Otto Pötzl wurde geboren als Sohn des Journalisten und Schriftstellers Eduard Pötzl (1851–1914). Nach dem Abschluss seines Medizinstudiums an der Universität Wien am 15. Jänner 1901 trat er im Mai 1902 als Hospitant unter Richard von Krafft-Ebing in die II. Psychiatrische Klinik im Allgemeinen Krankenhaus ein und wechselte als Universitätsassistent am 1. Oktober 1904 an die I. Psychiatrische Klinik (supplierender Leiter Alexander Pilcz), welche sich in der k.k. Niederösterreichischen Landesirrenanstalt am Brünnlfeld in Wien befand. Ab 1. Oktober 1905 wieder an der II. Psychiatrischen Klinik, die nun von Julius Wagner-Jauregg geleitet wurde, folgte er seinem Lehrer und Mentor ab 1911 an die nunmehr mit der I. Psychiatrischen Klinik zusammengelegten Psychiatrisch-Neurologischen Universitätsklinik. 1911 habilitierte sich Pötzl für Psychiatrie und Nervenheilkunde an der Universität Wien mit der Arbeit „Über die Hirnschwellung und ihre Beziehungen zur Katatonie“ (Habilitationsschrift, Jahrbuch für Psychiatrie, 1910). 1919 erhielt er den Titel eines außerordentlichen Universitätsprofessors. Im Jahre 1922 wurde er als Nachfolger von Arnold Pick als ordentlicher Universitätsprofessor für Psychiatrie an die Karl-Ferdinands-Universität in Prag berufen. Als Nachfolger von Julius Wagner-Jauregg kam er wieder in seine Heimatstadt und erreichte als Ordinarius und Vorstand der Wiener Psychiatrisch-Neurologischen Universitätsklinik (1928-1945) den Höhepunkt seines Schaffens.

Der NSDAP trat er erstmals 1930 bei und erneut zum 1. Januar 1941.[1]

Der Physiker Johannes Pötzl (1930–1993) war sein Sohn.

Wirken

Unter dem Einfluss von Guido Bonvicini, für Pötzl ein wichtiger Lehrer auf dem Gebiete der ehemals als Hirnpathologie bezeichneten kognitiven Neurologie bzw. Neuropsychologie, entstand im Jahre 1907 die erste hirnpathologische Arbeit „Über die reine Wortblindheit“ im Jahrbuch der Psychiatrie. Seine Vorlesungen als Dozent behandelten auch vorwiegend Kapitel aus der Großhirnpathologie, so publizierte er seine ersten Arbeiten über zentrale Sehstörungen und Bereiche der Aphasie Lehre. 1928 hat Pötzl noch in Prag seine erste Monographie: „Über die optisch-agnostischen Störungen“ (Deuticke: Leipzig) abgeschlossen. 1958 hat er 80-jährig das in vieler Hinsicht gleiche Thema in einer Monographie: „Über die Beziehungen des Großhirns zur Farbenwelt-abgeleitet aus hirnpathologischen Befunden“ (Maudrich: Wien) nochmals bearbeitet und mit Hilfe seiner inzwischen entwickelten Ideen ergänzt und ausgebaut. Um diese beiden großen Marksteine gruppiert sich eine Reihe von mannigfaltigsten hirnpathologischen Arbeiten.

Aus der Fülle der über 200 Arbeiten Pötzls seien beispielhaft die wichtigsten Arbeitsgebiete angeführt: Ein 1926 mit Georg Hermann veröffentlichtes Standardwerk über die Hirnpathologie der Störungen des Schreibens: „Über Agraphie“ (S. Karger: Berlin), sowie Publikationen über die verschiedensten Störungen der zeitlichen und räumlichen Wahrnehmung sowie des von ihm und Hans Hoff so genannten Zeitrafferphänomens, des weiteren Arbeiten über Verkehrt- und Schiefsehen, kortikal bedingte Polyopsien mit Störungen des Tiefensehens; wesentliche Aspekte der Aphasie, insbesondere Aphasie der Polyglotten, Probleme der Alexie, Amusie,Anosognosie; die Beziehungen zwischen dem vestibulären und optischen System und Kleinhirnfunktionen.- Viele der von Pötzl beschriebenen kognitiven Leistungen des menschlichen Gehirns sind in der heute angewandten klinischen Neuropsychologie Standardwissen.

Pötzl hat sich an seiner Klinik für vieles eingesetzt, so auch für Sigmund Freud und die Psychoanalyse. „Pötzl hat als erster, nicht nur in Österreich, sondern wohl im gesamten deutschen Sprachraum, an seiner Klinik eine Vorlesung über Psychoanalyse und eine psychotherapeutische Ambulanz eingeführt; dies zu einer Zeit, als ein solcher Schritt noch ein Wagnis bedeutete für einen Wissenschaftler von seinem Ansehen“ (zitiert nach Hubert J. Urban). Von 1917 bis 1933 war er auch Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung.

Otto Pötzl blieb auch viele Jahre nach seiner 1945 erfolgten Pensionierung wissenschaftlich produktiv und anregend. Eine Übersicht über Lebenswerk und Persönlichkeit versuchten Gerhart Harrer und Hubert Josef Urban in der von Urban 1949 herausgegebenen „Festschrift zum 70. Geburtstag von Otto Pötzl“ zu geben, die auch zahlreiche (37!) Arbeiten seiner Schüler aus aller Welt zum Inhalt haben (Universitätsverlag Innsbruck).

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1.  Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. 2. Auflage. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 467.