Walter Thirring

Walter Thirring (* 29. April 1927 in Wien) ist ein österreichischer Physiker.

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Leben und Werk

Walter Thirring, Sohn des Physikers Hans Thirring, legte, bedingt durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs (ab 1943 war er als Flakhelfer eingezogen, war aber nur kurz beim Militär, da er schon in der Ausbildung schwer verletzt wurde und bis Kriegsende im Lazarett war[1]), nie seine Matura ab.[2] Er studierte Physik an den Universitäten Innsbruck und Wien, wo er 1949 bei Felix Ehrenhaft promoviert wurde. Danach war er am Institute for Advanced Study in Dublin bei Erwin Schrödinger (1949), bei Bruno Touschek an der Universität Glasgow (1950) und 1950 am Max-Planck-Institut für Physik (damals) in Göttingen bei Werner Heisenberg, wo er mit Reinhard Oehme und Gerhart Lüders zusammenarbeitete (über nicht-renormierbare Divergenzen in Quantenfeldtheorien mit Mesonen). 1951/2 war er an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich bei Wolfgang Pauli, wo er Gunnar Källén traf und über Divergenz der Störungstheorie in der Quantenelektrodynamik arbeitete sowie ein Buch über Quantenfeldtheorie schrieb. Er war 1952 Assistent an der Universität Bern bei Fritz Houtermans, 1953/54 am Institute for Advanced Study in Princeton, wo er auch Albert Einstein traf, und war danach zwei Jahre Dozent an der Universität Bern, unterbrochen von Aufenthalten am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge (Gastprofessor 1956/7) und an der University of Washington in Seattle. Seit 1959 war er Professor für theoretische Physik an der Universität Wien, wo er 1997 emeritierte und 1993 einer der Gründer des Erwin Schrödinger Instituts war. Von 1968 bis 1971 war er Direktor der Abteilung für theoretische Physik am CERN.

Er arbeitete auf dem Gebiet der Theoretischen Physik vor allem in der Quantenfeldtheorie, wo er u. a. ein nach ihm benanntes exakt lösbares Modell einführte („Thirring Modell“)[3], das viel als Testmodell einer Quantenfeldtheorie untersucht wird, und mathematischen Physik, wo er u. a. mit Elliott H. Lieb die „Stabilität der Materie“ untersuchte (also Abschätzungen der Untergrenze für die Energie von Fermionensystemen)[4]. Mit Murray Gell-Mann und Marvin Leonard Goldberger schrieb er 1954 eine frühe Arbeit über Dispersionsrelationen in der Elementarteilchenphysik.[5]

Er ist Verfasser einiger physikalischer Lehrbücher. Das "Lehrbuch der Mathematischen Physik I-IV" (1977-1980, auch eine englische Ausgabe erschien später bei Springer) gilt als Standardlehrbuch der Mathematischen Physik.

Thirring schrieb auch populärwissenschaftliche Bücher. Zum Beispiel ein Buch mit Cornelia Faustmann "Einstein entformelt", in dem die spezielle Relativitätstheorie möglichst anschaulich mit möglichst wenig Formeln nur mit Diagrammen und Bildern dargestellt wird. In seinem Buch Kosmische Impressionen, zu dem der Kardinal Franz König ein Vorwort schrieb, geht es auch um das Verhältnis von Naturwissenschaft und Religion. Ein Hinweis auf eine Existenz Gottes ist nach Thirring die Feinabstimmung der Naturkonstanten. Er veröffentlichte auch eine Autobiographie.

Thirring war 1976 bis 1978 erster Präsident der International Association of Mathematical Physics (IAMP). 1993 war er maßgeblich an der Gründung des Erwin-Schrödinger-Instituts für Mathematische Physik (ESI) in Wien beteiligt.

Thirring ist seit 1952 verheiratet und hat zwei Söhne. Er spielt Orgel und Klavier und komponiert - Thirring wollte ursprünglich Musiker werden, sah sich aber nach eigenen Worten nach dem Tod des Bruders im Zweiten Weltkrieg in der Pflicht, die naturwissenschaftliche Familientradition fortzuführen.

Auszeichnungen (Auswahl)

Werke

  • Selected papers of Walter E. Thirring with Commentaries. American Mathematical Society, 1998, ISBN 0821808125
  • Einführung in die Quantenelektrodynamik. Deuticke, Wien 1955
    • Principles of quantum electrodynamics. Academic Press, New York 1958; 2. Auflage 1962
  • mit Ernest M. Henley: Elementare Quantenfeldtheorie. BI Verlag, Mannheim 1975
  • Erfolge und Misserfolge der theoretischen Physik. In: Physikalische Blätter Jg. 33 (1977), S. 542ff. (Singularitätentheoreme von Stephen Hawking und Roger Penrose, KAM-Theorie, Stabilität der Materie, Rede anlässlich der Verleihung der Max Planck Medaille)
    • Siehe auch seinen Artikel Mathematische Physik- Erfolge und Mißerfolge in Lexikon der Physik, Spektrum Verlag 1999 (mit denselben Themen als Beispiele)
  • Lehrbuch der Mathematischen Physik. Springer
  • Stabilität der Materie. In: Naturwissenschaften. Springer, Berlin Jg. 73 (1986), S. 705ff.
  • Kosmische Impressionen. Gottes Spuren in den Naturgesetzen. Molden, Wien 2004, ISBN 3-85485-110-3
  • Einstein entformelt. Wie ein Teenager ihm auf die Schliche kam. Seifert Verlag, Wien 2007, Co-Autorin Cornelia Faustmann, ISBN 3-902-40642-9
  • Lust am Forschen: Lebensweg und Begegnungen. Seifert Verlag, Wien 2008, ISBN 978-3902406583

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Karl von Meyenn (Herausgeber) Wolfgang Pauli: Wissenschaftlicher Briefwechsel, Band IV, Teil 1 (Briefwechsel 1950-1952), Springer Verlag 1996, S.627. Im Unterricht explodierte eine Gewehrgranate, die acht Soldaten tötete und 29 schwer verletzte.
  2. Die Presse: Physiker Thirring doch noch für „reif“ erklärt, 5. Dezember 2009, S. 24.
  3. Thirring A soluble model in relativistic field theory, Annals of Physics, Bd. 3, 1958, S.91-112. Ein über gekoppelte Ströme selbstwechselwirkendes Dirac-Spinorfeld in einer Raum- und einer Zeitdimension
  4. Lieb, Thirring Bound for the kinetic energy of fermions which proves the stability of matter, Physical Review Letters Bd. 35, 1975, S. 687
  5. Gell-Mann, Goldberger, Thirring Use of causality conditions in quantum theory, Physical Review, Bd.95, 1954, S.1612