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Siebtes Kapitel: Narrenhut#


Bunter Narrenhut
Bunter Narrenhut, 1987

Mit den Bildern des Narrenhut hat es in der Malerei von Hausner eine eigene Bewandtnis. Der Maler selber gibt zu bedenken, daß der Narrenhut ein Doppelgänger, ein Alter Ego, die andere Seite Adams verkörpert. Während dieser jedoch fixiert ist auf die Realität, angepaßt an ihre Bedingungen, diese so nimmt, wie sie sind, wahrnimmt, was er sieht, und somit weitgehend der erwähnte nichtteilnehmende Beobachter seiner Zeit ist, verkörpert jener dessen Gegenpart: den melancholisch introvertierten, sozial abgewandten, in sich versunkenen Teil einer Persönlichkeit. Dieser Aspekt, erst im nachhinein in dieser Malerei erkennbar, ist Teil der Adam-Legende. Aus der Selbstorganisation der Malerei heraus ist dieser Gegenpol der Adam-Gestalt entstanden.

Dazu Hausner: »Das Prinzip der Gleichzeitigkeit von Adam und Narrenhut (Ikone, Imago) bezeichnet meine beiden äußersten, divergentesten Positionen. Wobei Adam die Aktivität, die rohe Kraft, die Ursprünglichkeit, den fortgesetzten Primatentyp, kurz: den Kämpfer verkörpert, während der Narrenhut die kontemplative, depressive, melancholische, feinfühlig-sensible, einfühlsame andere Seite darstellt. Beide Figuren begleiten mich ein Leben lang. Der erste Adam entsteht 1956: Adam nach dem Sündenfall. Der erste Narrenhut entsteht 1955: Gelber Narrenhut. Das Prinzip der Zweigleisigkeit ist für meine Malerei entscheidend. Ich bin gewohnt, in einer Art inneren Monologs die auf einem Geleise entstehenden Produkte vom anderen Geleise her kritisch zu betrachten, - ja, und manchmal bis zur Selbstvernichtung zu treiben (den »Odysseus« habe ich zuerst einmal nach drei Jahren Arbeit vollkommen abgekratzt - es war wie ein Selbstmord). Die Anwesenheit der Rasierklinge auf meinem Maltisch ist ein Zeichen für diese ständig in Bereitschaft lauernde Selbstvernichtung. Trotzdem habe ich es erlernt zu überleben!« (Gespräch W. Schurian mit R. Hausner. Juli 1993)

Eine Vorstufe dazu, vielleicht die erste Form des Narrenhuts überhaupt, taucht in dem rechten der Zwei Gassenbuben (1937) auf. Da sieht man einen Jungen, der mit einer Papiermütze bedeckt eine Kindertrompete bläst, in der linken Hand eine Fahne hält und aus seinem Matrosenanzug keck den Betrachter anschaut. Das Falten von und Spielen mit Papierfliegern oder Papiermützen ist eine der kindlichen Beschäftigungen und stellt etwas so typisch Normales dar gerade in einer Zeit, in der vorwiegend Sonntags und zu Feiertagen Jungen in adrette Matrosenanzüge gesteckt werden; mit denen ist Adam mehrmals abgebildet. Nun weiß man, daß viele frühe Bilder verschollen oder von Hausner selbst zerstört worden sind, es existieren nurmehr ganz wenige aus jener Zeit und eines davon ist dieses Zwei Gassenbuben. Daß nun einer davon mit dieser dem Narrenhut typischen Kopfbedeckung aufscheint, kann man als eine Art von Vorhermalung eines leitmotivischen Themas von Hausner lesen.

Gelber Narrenhut
Gelber Narrenhut, 1955, Ausschnitt
Zwei Gassenbuben
Zwei Gassenbuben, 1937, Ausschnitt

Es bedeutet die Gestalt des Narrenhuts eine Ergänzung und eine Komplettierung des Typus, der durch Adam und Eva, durch das Männliche und Weibliche angelegt und vorgebildet ist. In dieser Konstellation Adam, Eva (Anne, Anima) und der Narrenhut ist eine Dreieinigkeit beschworen, wodurch die Persönlichkeit Hausners selbst erklärbar ist; zum anderen werden die unterschiedlichen, triadischen Facetten der Persönlichkeit Adams sichtbar.

Zum Beispiel: im Physiognomischen. Während Adam mit seinem breiten Gesicht und in Frontalansicht den Betrachter anschaut, versehen mit einer kräftigen Nase, aufmerksam blickenden Augen, mit sinnlich aufgeworfenen Lippen und einer Druntersicht der Kopfhaltung, wobei der Kopf zuweilen durch eine Ballonmütze oder eine andere Kopfbedeckung abgerundet wird, ist der Narrenhut meist im Halbprofil und im Halbakt dargestellt. Er er scheint mit einer Körperhälfte dem Betrachter zugewandt, er blickt ihn mit traurigem Auge an, seine Gestalt ist eingeknickt, wobei eine Zickzackbewegung entsteht, die in neunzig Grad Abwinkelung vom Kopf über den Hals, den Oberkörper, bis zu den Armen reicht. Der Narrenhut ist nackt, lang und mager im Gegensatz zu dem athletischen Adam. Die ganze Figur ist wie Adam einem Alterungsprozeß ausgesetzt; dies verrät der Hals, der schmale, kantige Kopf, der breite, teilweise leicht geöffnete Mund, an seinen Winkeln resignativ heruntergezogen, die Augen schauen in unsäglicher Schwermut den Betrachter an. Eine große, schmale Nase ragt als direkte Fortsetzung der spitzen, papierenen Kopfbedeckung in den dunklen Umraum.


Im »Jahrhundert der Angst«#

Bunter Narrenhut, 1987, Ausschnitt
Bunter Narrenhut, 1987, Ausschnitt

In diesem Zusammenhang ist auffällig, daß Adam mit einem Namen bezeichnet ist, der im Hebräischen die Bezeichnung für den ersten Menschen, den Urmenschen, wie im Englischen »man«, trägt. Daß, weiterhin, Eva ebenfalls mit solch einem Namen für die Urmutter, die Frau ganz allgemein, bezeichnet ist; schließlich daß diese noch in der psychologischen Bedeutung als Anima auftritt. Und daß aber, auf der anderen Seite, mit Narrenhut eine Kopfbedeckung bezeichnet wird, also ein Attribut einer Persönlichkeit und nicht die Persönlichkeit selbst. Das alles ist nicht zufällig, sondern schon Programm.

Friedrich Schlegel hat gemeint, daß niemand sich wirklich kenne, so lange er nur er selbst und nicht zugleich ein anderer sei. So verhält es sich mit Adam. Adam, als eine fragmentarische Entität, wird ergänzt durch Eva und vervollständigt durch die Gestalt des Narrenhut. Die realitätszugewandte Gestalt, der Typus des 20. Jahrhunderts wird somit ergänzt durch eine Gestalt, die ebenfalls diesem Jahrhundert in vieler Art zugeschrieben wird, nämlich die der Angst. Dieses Jahrhundert, so die Losungen, Prophezeiungen und Unheilsbotschaften, sei das Jahrhundert der Angst. Geboren aus mancherlei Ursachen, historischen, ökonomischen und politischen Ereignissen. Ausgelöst letztlich auch dadurch, daß durch die Psychologie diese Gefühlsregung des Einzelnen überhaupt erst erkennbar gemacht worden ist, und dadurch analysier- und therapierbar. Dieses »Jahrhundert der Angst« ist aber in erster Linie durch Künstler beschworen worden: in Dichtung (Auden), Malerei (Munch), in Bildhauerei (Lehmbruck), im Drama (Strindberg) und anderen. Damit ist eine Eigenschaft beschworen worden, die nun wiederum selbstorganisierend sich auf dieses Jahrhundert niedergesenkt hat und ihm eingegraben ist zu einer sich in der Tat selbstverwirklichenden Eigenschaft.

Die Gestalt des Narrenhut ist, in der beschriebenen Körperhaltung, behutsam variiert worden. Die Variationen vollziehen sich durch Attribute wie die Farbgebung der Kopfbedeckung und deren Stilisierung, auch wird der Hintergrund verändert, als er von der monochromen Farbgebung, besonders eindringlich in dem letzten Narrenhutbild (Vater und Sohn, 1993) oder in dem, wo der Hintergrund eine Öffnung zeigt, in der man einen kleinen Jungen erkennt, der eine Fahne schwingt (Vor dem Fenster nach innen, 1991-1992). Die Gestalt des Narrenhut selber deutet auf diese Öffnung zur Kindheit und besteht zur Gänze aus ihrem resignativen Blick.

Vor dem Fenster nach innen, 1991-92
Vor dem Fenster nach innen, 1991-92

Daß der Einzelne nicht nur aus den Anteilen des Weiblichen und des Männlichen, jeweils gegensätzlich, besteht, sondern daß sich eine Persönlichkeit noch durch eine andere komplettieren kann, bedeutet eine Erkenntnis, die durch die Psychologie und die Medizin, in diesem Jahrhundert fast schon zu einem Allgemeinwissen geronnen, untersucht wird. Neuerdings spricht man aber in diesem Zusammenhang nicht mehr nur von Schizophrenie oder Schizotymie, d.h. einer »Zweierpersönlichkeit«, sondern von einer multiplen Persönlichkeit. Der Einzelne wird demnach so aufgefaßt, daß seine Persönlichkeit sich aus vielen Anteilen und Facetten zusammensetzt, daß sie auf jeden Fall aus mehr als nur zwei Teilen besteht. Auch hier stellt das alternative, binäre Denken eine Einengung dar und wird mittlerweile und notwendigerweise ersetzt durch das sowohl-als-auch. Eine Person ist stets durch mehrere Aspekte beschreibbar, und, wenn man so will, setzt sich aus mehreren Anteilen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zusammen; und als solche wirkt sie und tritt in Erscheinung als ein komplexes System.

In Hausners Narrenhut wird noch auf einen anderen Gesichtspunkt verwiesen, nämlich auf die sogenannte Doppelgängerproblematik. Sie spielt in der Kunst, in der Kriminalistik und in der Medizin eine bedeutsame Rolle. Ein Doppelgänger wird charakterisiert als eine Gestalt, die entweder aus dem »Schatten« (G.G. Jung) einer Persönlichkeit besteht, oder sie wird in zeitlicher Sequenz, als eine Deja-vu-Figur gesehen, die einer anderen gleicht. Der Doppelgänger spielt zentrale Rollen in Horrorgeschichten, wie den »Gothic tales« der Schauerromantik des 19. Jahrhunderts. Daß er auch im Film bevorzugt eingesetzt wird, liegt insofern nahe, daß mit Hilfe der technischen und künstlerischen Mittel des Films eine Gestalt wie die eines Doppelgängers besonders eindringlich und nachdrücklich dem Zuschauer vor Augen - und unter die Haut zu führen ist. Mit der Malerei, wie man bei Hausner sieht, geht es auch. Bleibt man einmal bei dieser Meinung, so ergibt sich, daß Hausner den ganzen, auch aus Eva und dem Narrenhut bestehenden Adam als eine resig-native, depressive und quasi autistische Persönlichkeit bestehen läßt.

Vor dem Fenster nach innen, 1991-92, Ausschnitt
Vor dem Fenster nach innen, 1991-92, Ausschnitt

Der scheinbar paradoxe Effekt des Psychologischen ist allerdings nur die eine Seite. Die Malerei selbst trägt das ihre dazu bei, daß es nicht zu einer Psychologisierung des Inhaltes kommt. In diesem Fall ist von einer Lacan-schen Psychoanalyse auszugehen, die die Freudsche insofern erweitert, als sie semantische, kognitive und kulturelle Aspekte in die Lehre einfließen läßt. (Vgl. Baas, B. Le desir pur. Parcourts philosophique dans /es parages de J. Lacan. Brüssel, 1992) Lacan hat darauf verwiesen, daß es in der Psychologie nicht letztendlich darauf ankommt, ein Verhalten zu ändern, sondern sich etwa als Patient vielmehr einer Veränderung zu widersetzen. Wie Freud (in einem Brief vom 17.11.1911 an Sändor Ferenczi) meint: »Der Mensch soll seine Komplexe nicht ausrotten wollen, sondern sich ins Einvernehmen mit ihnen setzen, sie sind die berechtigten Dirigenten seines Benehmens in der Welt«.

Obwohl Hausner des öfteren mit der Psychoanalyse in Verbindung gebracht worden ist, macht sich doch gerade an diesem Punkt ein deutlicher Unterschied bemerkbar. Die Hausnersche Malerei geht einen bedeutsamen Schritt über die Psychoanalyse hinaus, indem sie eine Situation vorstellt, aber nicht auf deren Änderung besteht. Das Vorgestellte wird so und nicht anders vor Augen geführt. Der Narrenhut steht dann in diesem Fall nicht nur ein für den depressiven, resignativen Bruder Adams, sondern ist eine völlig eigenständige Figur, welche eine eigene Körpersprache vorweist und in dieser einen ebenso starken Eindruck beim Betrachter hinterläßt wie es Adam tut. Er erscheint nicht mitleidheischender als dieser, nicht realitätsabgewandter, er ist ein genauso nachdrücklich vor Augen geführtes Individuum und damit eine ebensolche Gestalt dieses Jahrhunderts, wie es Adam ist. Das verbindende Moment beider ist, daß sie die Gesichtszüge ihres Autors tragen. Das ist das Merkmal ihrer Menschenbildlichkeit.

Beleuchtet von innen#

Vater und Sohn
Vater und Sohn, 1993

Der Unterschied zwischen Adam und dem Narrenhut besteht also nicht in erster Linie in einer psychologischen Analogie und Zuschreibung, noch in den psychologischen Assoziationen ihres Autors, sondern allein in der Malerei des Künstlers. Und hier zeigt sich insofern ein bedeutsamer Unterschied durch die Farbgebung: Adam ist der Lichttyp, der Tagmensch, der sonnenzugewendet oder aber in künstlicher Beleuchtung sich befindet, während der Narrenhut »chtonisch« (G.G. Jung) erdfarben, dunkel, in der Stimmung einer Abend- oder Nachtbeleuchtung aufscheint. Die Malerei der Haut, als sichtbare Oberfläche der Person und der Persönlichkeit, ist bei Hausner besonders auffallend. Im Gegensatz zu einem Adam, mit aufrechter Haltung, charakterisiert sich der Narrenhut durch das Einknicken von Oberkörper, Schulter und Hals. An den Körpern ist in deutlicher Unterscheidung die Pigmentierung und die Farbgebung unter verschiedenen Blickwinkeln und perspektivischen Brechungen gegeben.

Insofern ist die detailreiche und sublime Hausnersche Malerei selbstorganisierend. Sie besteht trotz semantischer und semiologischer Zuschreibungen letzlich aus nichts anderem als der Malerei selber. Hier zeigen sich allerdings, neben den erwähnten Unterschieden, noch andere, wie das bereits erwähnte Gestalten und das Dekor des jeweiligen Hintergrundes. Erst durch die malerische Komposition und durch die künstlerische Formung hindurch erhalten beide Figuren ihre Unverwechselbarkeit.

Aufgrund dieser Unverwechselbarkeit nach der der Narrenhut nicht nur ein Teil von Adam ist, sondern auch eine eigene Gestalt - können beide sich in den Augen des Betrachters sehr wohl zu einem komplexen Typus zusammenschließen, der ein Jahrhundert beschreibt und reflektiert. Indem die einzelnen Bilder nicht nur Puzzles eines Ganzen sind, sondern jeweils in sich geschlossene Einheiten, und die dargestellten Personen keine Persönlichkeitsaspekte, sondern Persönlichkeiten und Individuen darstellen, formen sie sich zu dem einen vielschichtig facettenreichen Typus des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Darin besteht der eigentliche Treffer der Hausnerschen Kunst: in der malerische Erfindung einer Gestalt, die sich aus den einzelnen Gestalten Adam, Eva und Narrenhut in der Betrachtung zusammenfügt.

Zeitbezug#

Vater und Sohn
Vater und Sohn, 1993, Ausschnitt
Vater und Sohn
Vater und Sohn, 1993, Ausschnitt

Neben bildenden Künstlern haben sich insbesondere die Dichter an der Erschaffung eines Typus ihrer Zeit versucht. Im 19. Jahrhundert schafft Balzac den Typus des aufkommenden Bourgois als eines Geschäftsmanns, der die Skrupellosigkeit zu seiner Charaktereigenschaft macht. Balzac - aber auch Zola, Gustav Freytag und andere - hat vor und mit Marx den Typus des Kapitalisten, der von Habgier angetrieben wird, geschaffen. Balzac hat wesentliche Erkenntnisse über das Wesen des Geldes künstlerisch poetisch in seine Gestalten gesenkt, die bis heute noch nicht überholt oder obsolet scheinen. Ganz im Gegenteil. Durch seine Gabe, seiner Zeit ins Gesicht zu schauen, um darin das Wesen zu erkunden, trifft Balzac den Nerv seiner Zeit. Deshalb vermag er auch uns heute noch zu erreichen.

Dostojewski hat mit seinem tragischen Psychohelden Raskolnikov gegen Ende des 19. Jahrhunderts - hier zeigt sich eine Parallele zu Hausners Adam gegen Ende des 20. Jahrhunderts - den Typus des aufkommenden modernen »Nervenmenschen« skizziert. Er hat lange vor der Psychoanalyse und während der aufkommenden experimentellen Psychologie jenen Typus dargestellt, der durch seine inneren Beweggründe (heute würde man sagen: durch seine psychischen Emotionen und Motivationen), durch seine Zerrissenheit, seine Nervosität und Hysterie, in Verbrechen und Strafe getrieben wird. Dostojewski hat das Gespaltensein, wie Balzac das Geld, als eine der wesentlichen Triebkräfte des modernen Menschen offengelegt.

Im 20. Jahrhundert ist dann mit Musils »Mann ohne Eigenschaften« jener Typus gelungen, der die Glätte und die Oberfläche als Charakterzug einer Zeit vorwegnimmt, die noch im 19. Jahrhundert verhaftet ist. In seinem Kakanien, jenem seltsamen altmodischmodernen Gebilde Europas, entsteht auf den Erfahrungen und den Erkenntnissen aus erster Hand (Musil war Psychologe) jener inzwischen allerdings wieder undurchschaubar gewordene Mensch, der sich dadurch auszeichnet, daß er sich nicht auszeichnet. Die Ecken und Kanten eines Raskolnikovs sind bei ihm abgeschliffen, und er ist zum Prototypus des angepaßten, funktionierenden Menschen des 20. Jahrhunderts erwachsen. Der Ulrich aus Musils Epos reicht in seinen charakterlichen Ausfaserungen bereits an Hausners Adam heran. Er zeigt sich zeitloser und weitaus moderner als beispielsweise Hofmannsthals »Schwieriger«, der noch ganz dem psychoanalytischen Typus des Zerrissenen angepaßt ist (Nestroys »Zerrissener« präsentiert sich in dieser Hinsicht weitaus moderner und auch psychologisch stimmiger als Hofmannsthals künstliche Gestalt).

Vater und Sohn
Vater und Sohn, 1993, Ausschnitt

Wenn Ulrich als Typus und Vertreter jener Generation am Anfang dieses Jahrhunderts angelegt und als solcher bis in die 30er, 40er Jahre weitergeschrieben ist, so ergeben sich Annäherungen allein schon zeitlicher Art an die ersten Entstehungen von Hausners Adam. Dieser Typus ist nicht mehr nur die psychologische Figur, derjenige der also durch Motivationen, durch innere Antriebskräfte, durch Begierden, wie etwa das Verlangen nach Reichtum und Macht, angetrieben wird. Sondern Hausners Adam ist in erster Linie ein Beobachter; hinter seiner Fähigkeit zur Beobachtung tritt sein eigener Charakter weitgehend zurück. Er hat erkannt, daß die Bloßstellung der psychischen Struktur nach außen nicht mehr angemessen erscheint. Es gilt vielmehr, sich hinter die Oberfläche, in die eigene Haut zu verbergen, sich den Blicken von außen zu entziehen. In dieser Hinsicht ist Hausners Adam, wie gesagt, dem Typus des »Waldgängers« aus Ernst Jüngers Romanen und Erzählungen verwandt. Wie in »Eumeswil« ausgeführt, ist es im Angesicht der allwaltenden, totalitären Herrschaftstrukturen staatlicher Art, ökonomischer Grundannahmen und anonymer Lebensweisen geraten, sich eine Nische, einen Freiraum, einen Fluchtpunkt zu bewahren. Der Waldgänger funktioniert nach außen hin reibungslos, er »fällt nicht auf«. Er besitzt keine Kanten und Ecken charakterlicher Art, er rebelliert nicht, er ist nicht der Anarchist. Er ist ein Anarch. (Jünger, E. Siebzig verweht III. Stuttgart, 1993) Als solcher führt er ein Leben hinter seiner charakterlichen, als Fassade aufgestellten Maske. Er führt also durchaus ein richtiges im falschen Leben. Er sieht alles und gibt wenig preis; er weiß viel, aber denkt sich seinen Teil; er nimmt auf, aber sagt wenig. Der Typus des Beobachters, der alle Bewegungen, die ihn betreffen, um sich herum wahrnimmt, hat sich damit eine Methode geschaffen, um wach zu bleiben, um auf der Hut zu sein, um »für alle Fälle« gewappnet zu sein. Er hat sich hinter seinen Augen eingerichtet. Da gibt es von außen nichts zu sehen. Er aber sieht alles.



Inhaltsübersicht#


© Walter Schurian, Hausner- Neue Bilder - 1982-1994, Edition Volker Huber