Bauer#

Foto: Alfred Wolf

Bauer ist die traditionelle Bezeichnung für die in der Landwirtschaft tätigen Selbständigen und ihre Angehörigen. Als abgrenzbaren sozialen Typus, der durch regelmäßigen Feldbau, Viehzucht und Sesshaftigkeit gekennzeichnet wird, gibt es sie seit der Jungsteinzeit. Mit der Entstehung von geistlichen und weltlichen Grundherrschaften entstand die vielfach abgestufte feudal-abhängige Bauernschaft. Dabei verlagerte sich das ökonomische Schwergewicht von der Viehzucht auf den Getreidebau (Dreifelderwirtschaft). Die Untertanen hatten Arbeits-, Produkt- oder Geldrente in verschiedenen Formen zu leisten. Im 13. Jahrhundert entwickelte sich das Besitzrecht - das schlechteste war die "Freistift" (mit jederzeit möglicher "Abstiftung" des Bauern durch den Grundherrn), das beste das "Erb-" oder "Kaufrecht" (mit Vererbungsmöglichkeit der bäuerlichen Wirtschaft). 

Der Krise des Spätmittelalters - europaweite Hungersnot im Jahr 1317, Pestepidemien um 1330, Erdbeben, Heuschrecken - folgten Auseinandersetzungen zwischen Bauern und Herrschaften. Nach Niederschlagung der Bauernkriege im 15. und 16. Jahrhundert stiegen die Steuer-Forderungen des Staates. Da der Adel bis 1748/49 steuerfrei bzw. privilegiert war, trafen die Belastungen in erster Linie die Bauern. Um 1785 blieb ihnen nur noch die Hälfte des Ertrages. Ein Teil der Produktion war in Form von Naturalien, Geld oder Arbeit an die Grundherren abzuführen, ein anderer an Steuern an den Staat. 54.000 Grundherrschaften zählten 2,6 Millionen Untertanen. Kaiser Josef II. hob 1781 die Leibeigenschaft auf. Die Grundherren widersetzten sich seiner "Steuer- und Urbarial-Regulierung" (1785). Erst die Revolution von 1848 brachte die völlige Beseitigung der Untertanenlasten. Seither sind Bauern gleichberechtigte Staatsbürger, die ihren Grund und Boden als persönliches Eigentum verkaufen, verpachten und vererben können. Der Agrarhistoriker Ernst Langthaler stellt im europäischen Agrardiskurs in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts gegensätzliche Identitätspositionen fest: "Der 'rückständige Bauer' auf der einen Seite, der 'fortschrittliche Landwirt' auf der anderen Seite. Aus 'Bauern' 'Landwirte' zu machen, lautete das Credo der modernen Agronomen und ihrer Klientel, der von Adeligen und Bürgerlichen dominierten agronomischen Vereinigungen. Agrarromantische Gegenentwürfe, etwa Wilhelm Heinrich Riehls 'Hofbauerntum' suchten diese Wertung umzukehren. Europas Weg zum Agrarkapitalismus, der großbetrieblichen, auf Lohnarbeitsbasis betriebenen Landwirtschaft, schien vorgezeichnet."

Als Selbsthilfeeinrichtungen gründeten die Bauern Genossenschaften, um gerechte Erzeugerpreise zu gewährleisten. Raiffeisenkassen sicherten Kredite, nachdem 1868 die Freiheit der Verschuldung viele Betriebe in Schwierigkeiten gebracht hatte. Zudem war die schlechte finanzielle Lage vieler Bauern auf die Abschlagszahlungen an die ehemaligen Grundherrschaften zurückzuführen, die großzügig entschädigt wurden.Die erste Raiffeisenbank in Österreich entstand 1886 in Mühldorf bei Spitz (Niederösterreich), 1898 wurde der Österreichische Raiffeisenverband gegründet, 1927 entstand die Raiffeisen Zentralbank Österreich AG. Neben den vom Großgrundbesitz dominierten Landwirtschaftsgesellschaften entstanden um 1870 Fach- und politische Vereine als Ausgangspunkte einer breiteren bäuerlichen Interessenorganisation. Seit 1922 existieren die Landwirtschaftskammern als öffentlich-rechtliche, obligatorische Interessenvertretungen. 

Der Anteil der Bauern an der Gesamtbevölkerung (Agrarquote) liegt derzeit bei 3 bis 5 % und sinkt ständig: 1869 arbeiteten 53,8 % der österreichischen Bevölkerung in der Landwirtschaft, 23,6 % in Bergbau, Industrie und Gewerbe und 22,6 % in Dienstleistungsberufen. 1934 hatte sich das Verhältnis auf 37,1 % - 32,1 % und 30,8 % verschoben. Seit Österreichs Beitritt zur EU (1995) geben durchschnittlich jährlich 4.200 Bauern ihren Hof auf. Gleichzeitig werden die bestehenden Betriebe vergrößert. Sie sehen sich ständig mit neuen Herausforderungen wie internationaler Konkurrenz, genmanipulierten Produkten oder biologischem Anbau konfrontiert.

Foto: Doris Wolf, 2015

Die österreichischen Bauern präsentieren alljährlich beim großen Erntedankfest auf dem Wiener Heldenplatz eine Leistungsschau. Allein in Wien werden 17 % der Fläche landwirtschaftlich genutzt. Die Erzeugnisse der Stadtlandwirtschaft sind vor allem für den heimischen Markt bestimmt. 37 % des in Wien konsumierten Gemüses wachsen auch hier. Jährlich werden in der Bundeshauptstadt 71.744 t Gemüse produziert, auf Acker- und Grünlandbauern entfallen 33.000 t, auf den Erwerbsobstbau 1500 t. Die Wiener Winzer liefern 2 Mio. Liter Wein. Der jährliche Produktionswert liegt bei 93 Mio. Euro, 3.200 Personen arbeiten in der Stadtlandwirtschaft.


Quelle: Wien - Östereichische Bauernzeitung, September 2015