Dorf #

Dorf

Das Dorf galt und gilt vielen Städtern als Ort, an dem sich "schönes altes Brauchtum" bewahrt habe. Das althochdeutsche Wort bedeutete "bäuerliche Siedlung" bzw. "Acker". Im 16. Jh. wurde daraus der wenig schmeichelhafte "Tölpel" abgeleitet. Wolfgang Kaschuba, Professor für Europäische Ethnologie in Berlin, charakterisiert die Zeit um 1800, als die Volkskunde entstand: "Verbindendes Element ist in gewisser Weise ein 'provinzieller Charakter' des Alltagslebens: 90 % der Bevölkerung wohnen auf dem Lande in kleinen Dörfern, die großen Städte zählen kaum 10.000 Einwohner, drei Viertel der Menschen leben von der Landwirtschaft. Lokal übergreifende Medien in Form von Büchern und Zeitungen gibt es erst in Ansätzen, nicht zuletzt deshalb, weil sich erst jetzt in einem breiteren Publikum Lesefähigkeit und deutsche Hochsprache durchzusetzen beginnen. Jene bürgerlichen Zirkel, die sich damals für Trachten, Bräuche, Märchen usw. interessierten, mussten nicht lange suchen, um das 'einfache Volksleben' zu finden. Sie wollten sich der Geschichte vergewissern, um die Gegenwart nicht an eine ungewisse Zukunft zu verlieren". 

Die Gegenüberstellung von Dorf und Stadt ging nicht wertfrei vor sich, Deutung und Erkenntnis waren und sind zeitgebunden. Während die einen Dorf als Synonym für Rückständigkeit sahen, feierten andere - wie die Literaten der Jahrhundertwende - die Entdeckung der Provinz. Für Peter Rosegger (1843-1918) und Hermann Bahr (1863-1934) wurde das Ländliche damit kulturell nobilitiert. Die nostalgische Begeisterung für Bräuche, "Bauernmöbel" und aus dem Zusammenhang gerissene, umfunktionierte Arbeitsgeräte (Butterfass mit "Bauernmalerei"... ) reicht bis ins 20. Jh.  

Die Dorfwelt war und ist nicht die heile Welt. Allzu oft wandelt sich die viel gelobte Gemeinschaft in soziale Kontrolle. Traditionelles blieb nicht immer bewusst erhalten, öfter nur, weil man den Anschluss verpasst hatte. Was an den Rand der Moderne abgedrängt schien, steht heute vielfach im Mittelpunkt von fortschrittsskeptischen Vorstellungen eines ökologischeren, sozialeren, menschlicheren Lebens.


Quellen:
Schönes Österreich. Hg. Reinhard Johler, Herbert Nikitsch, Bernhard Tschofen. Wien 1995. S. 198-207.
Wolfgang Kaschuba: Einführung in die Europäische Ethnologie. München 1999. S. 177.

Bild: Haringsee (Niederösterreich), ein Dorf im Marchfeld, Ansichtskarte um 1900. Gemeinfrei