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Heimweh#

Matterhorn

Das Wörterbuch der deutschen Volkskunde nennt Heimweh "die seelisch und selbst körperlich sich äußernde Sehnsucht des in fremden Boden verpflanzten Menschen". Als Gegenmittel wurde empfohlen, Brot, Salz, Erde oder Garn von zu Hause mitzunehmen. Besonders junge Knechte und Mägde würden vom Heimweh geplagt, man sollte ihnen ein Glas Wasser nachgießen. Auch durften sie sich beim Abschied nicht umsehen. 

Das 1688 als "Nostalgia" bezeichnete Phänomen wurde auch "Schweizerkrankheit" genannt. Seit dem 13. Jahrhundert verdingten sich junge Schweizer, denen die karge Heimat kein Auskommen bot, an den König von Frankreich, Kaiser, Papst, Herzöge von Lothringen, Mailand, Savoyen oder den König von Ungarn. Dieser "Reislauf" bildete für die Kantone eine wichtige Einnahmequelle. Sie schlossen Verträge mit den auswärtigen Mächten, die für den Menschenhandel beträchtliche Provisionen ("Pensionen") bezahlten. Dessen Abschaffung erhob der Zürcher Reformator Ulrich Zwingli (1484-1531), einst selbst Söldner, zu seinem Programm. Beim evangelischen Züricher Rat hatte er Erfolg, nicht jedoch in den katholischen, bäuerlichen Kantonen. Erst 1859 untersagte ein Bundesratsbeschluß den Reislauf in der ganzen Schweiz. 

Als erster beschrieb der Elsässer Arzt Johannes Hofer 1688 in seiner Basler Dissertation "De Nostalgia vulgo Heimwehe" dieses als Krankheit. Symptome wären Entkräftung und Fieber, die zum Tod führen könnten. 1789 meinte der Mediziner Johann Gottfried Ebel, Schweizer Kühe litten an Heimweh, würde ihnen in der Fremde der Kuhreihen vorgetragen, ein Hirtenlied, mit dem man sie zum Melken anlockte. In manchen Ländern mit Schweizer Gastarbeitern war es bei Strafe verboten, dieses zu spielen oder zu singen. Heimweh/Nostalgie war ein Thema der Romantik, für den Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), die Dichter Achim von Arnim (1781-1831) und Clemens Brentano (1778-1842), bis hin zu den "Heidi"-Büchern von Johanna Spyri aus den Jahren 1880 und 1881. 

Das Deserteurlied "Zu Straßburg auf der Schanz" aus dem 18. Jahrhundert macht die Sehnsucht nach der Schweiz deutlich: "Zu Straßburg auf der Schanz, da ging mein Trauern an. Das Alphorn hört ich drüben wohl anstimmen, ins Vaterland musst ich hinüberschwimmen. Das ging nicht an." Der Soldat wird beim Fluchtversuch aufgegriffen und hingerichtet.

Der deutsche Journalist Udo Leuschner, der die Zusammenhänge zwischen Reformation und Heimweh herausgearbeitet hat, beschäftigte sich mit der Etymologie des Wortes "Heimat": Dieses leitet sich vom althochdeutschen heimôti bzw. vom mittelhochdeutschen heimôte ab. Es wurde von Theologen zur Bezeichnung des Jenseits verwendet. Erst gegen 1200 greift der geistliche Begriff heimôti allmählich in den weltlichen Bereich über. Der irdische Gegenpol war das "ellende", vom althochdeutschen alilenti (fremdes Land, Verbannung). Das Leben in der Welt wurde als Fremde empfunden, als Ort der Verbannung nach der Vertreibung aus dem Paradies. "Die Reformation erfüllte dieses metaphysische Heimweh mit einem neuen Inhalt. Die Sehnsucht nach der himmlischen heimôti wurde reformiert, säkularisiert, ins Irdische verlegt. Sie fand vom Mittelalter zur Sprache der Neuzeit. Sie verpuppte sich gleichsam im Heimweh, das den späteren Schmetterling der Nostalgie enthielt", schreibt Leuschner.


Quellen:
Beitl: Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart 1974. S 348 f.
Eberhard Kummer: "Zu Straßburg auf der Schanz", CD "Wir zogen gegen Napoleon", Volkskultur Niederösterreich 2009
Heimweh
Schweizer Krankheit

Bild: Alm am Fuß des Matterhorns. Foto: Alfred Wolf, 1989