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Nadelarbeit#

Nadelarbeit

Das Wörterbuch der deutschen Volkskunde bezeichnet diese als "das eigentliche Gebiet der weiblichen Handarbeit", die bis in die Gegenwart oft hobbymäßig ausgeübt wird. Dazu zählen Flechten, Häkeln, Klöppeln, Aufnäh- und Durchbrucharbeiten, Sticken im Kreuz- und Plattstich, Stricken, Stopfen und Nähen. Allerdings verrichteten auch Männer solche Arbeiten: Stickerei war ein zünftisches Gewerbe, Hirten strickten, Fischer knüpften ihre Netze.

Flechten mit Bast, Binsen oder Schilf zählt zu den ältesten Techniken. Ausgrabungen aus der Jungsteinzeit erbrachten Reste von Körben, Matten und Netzen. Das Flechten von Strohhüten war schon im Altertum bekannt und findet sich in verschiedenen Trachtenlandschaften. In den Alpenländern dienten die Geflechte aus feinem Weizenstroh als Zuverdienst für arme Häusler. 

Häkeln erfolgt mit Hilfe einer Nadel, deren Haken die Schlingen (Maschen) bildet. Häkelspitzen an Leinenwäsche findet sich erstmals am Ende des Mittelalters. "Irische Spitze" (Gipüre, Bretonische Spitze) entstand als Ersatz der teuren Klöppelspitzen Mitte des 19. Jahrhunderts in Irland. Zur Zeit großer Hungersnot bildete dort deren hausindustrielle Herstellung eine bescheidene Einnahmequelle. Auch in Niederösterreich wurde diese Art als Hausgewerbe hergestellt. Mit neuen Formen und Mustern war sie als “Wiener Häkelgipüre” bekannt. Doch bald machte die billige Maschinspitze Konkurrenz.

Beim Klöppeln werden auf einem Polster die von schlanken Holzspindeln ablaufenden Fäden nach Mustern angeordnet. Nadeln geben die Führungspunkte an. Die Mode des späten Mittelalters und der Renaissancezeit verwendete viel Klöppelspitze, die u.a. aus dem Böhmerwald kam.

Nähen: Nähnadeln aus Knochen und Mammutelfenbein mit einem Öhr an der Spitze waren schon in der Altsteinzeit bekannt. Im 14. Jahrhundert gelang es, Nadeln aus Stahl herzustellen. Bis um 1830 nähte man mit der Hand. Ein geübter Schneider konnte 30 Stiche in der Minute machen. Die ersten Versuche mit Nähmaschinen erfolgten Mitte des 18. Jahrhunderts in England. Ein österreichischer Erfinder war der Kufsteiner Schneidermeister Joseph Madersperger (1768-1850), der sich ab 1807 mit der Konstruktion von Nähmaschinen beschätigte.

  Stopfen zerrissener Kleidung war aus Sparsamkeitsgründen nötig. Daher wurde es im Handarbeitsunterricht gelehrt und "Stopfmustertücher" wie Stickmustertucher angefertigt. Um kaputte Strümpfe auszubessern, zog man diese über ein pilzförmiges Stopfholz. 

Sticken: Aufnäharbeiten auf Leder waren im Orient früh bekannt, Kreuz- und Plattstich bei den Griechen und Römern. In den ersten nachchristlichen Jahrhunderter diente dieses Kunstgewerbe vor allem dem Adel und der Kirche (Paramentik). Im 13. und 14. Jahrhundert gab es in den Städten Stickerzünfte. Ab dem 16. Jahrhundert sind für die Muster Vordrucke von Holzmodeln bekannt. Stickereien finden sich auch auf bäuerlicher Kleidung und besonderen Textilien (Tauftuch, Paradehandtuch usw.). Stickmustertücher, die von den Mädchen in der Schule angefertigt werden mussten, dienten daheim als Wandschmuck. Federkielstickerei ziert in den Alpenländern Lederhosen, Männergürtel (Bauchranzen als "Geldkatze") und Riemen für Kuhglocken. 

Stricken wird als "Maschenbildung mit Garn und zwei Nadeln" beschrieben, wobei viele Muster und die Herstellung in bestimmten Formen (Socken, Pullover, Handschuhe usw.) möglich sind. Eine Besonderheit waren die im 19. Jahrhundert in Perlenstrickerei hergestellten Geldtaschen und Beutel("Sparstrumpf"), wobei verschiedenfarbige winzige Glasperlen in die Fadenschlingen aufgenommen wurden.

Foto: Doris Wolf, 2012
Foto: Doris Wolf, 2012
Foto: Doris Wolf, 2012
Foto: Doris Wolf, 2012

Seit 2011 ist auch in Wien Urban Knitting (Guerilla Knitting, Yarn bombing oder gestricktes Graffiti) zu sehen. Diese Form von Street Art, Stricken im öffentlichen Raum, ging 2005 von den USA aus. Bäume, Geländer, Verkehrszeichen etc. werden von bunter Wolle und Garn umhüllt.


Quellen:
Beitl: Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart 1974. S. 221 f., 319 f., 456 f., 780 f., 783 f., 208
Irische Häkelei
Urban Knitting Bild oben: Federkielstickerei, Michaelbeuern(Salzburg). Foto: Alfred Wolf, 1972