Sage#

Rattenfaenger

Schon im 14. Jahrhundert wurde Sage (ahd. saga, mhd. sage - Rede, Aussage) als "unbeglaubigter Vergangenheitsbericht" verstanden. Doch erst das 18. und 19. Jahrhundert (Brüder Grimm) machten den Begriff populär. Wie Schwank und Märchen dient auch die Sage dem Erzählen im geselligen Kreis, doch anders als die beiden verlangt sie Glauben. Der Erzähler kann als Erlebnisträger auftreten, Ort, Namen und Zeit werden mit Ernst tradiert, während es im Märchen nur unbestimmt heißt: "Es war einmal." Ein Märchen geht gut aus - "Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute." - eine Sage endet meist verhängnisvoll oder moralisierend. Motive sind u.a. Geburt, Traum, Schlaf, Tod, Teufel, Hexen, Frevel, gute und böse Geister. 

Heldensagen sind aristokratisch und schildern Siege und Niederlagen von Königen und Fürsten. Es gibt Riesen- und Zwergenkämpfe (z.B. Laurin). Sie bestanden aus einzelnen Liedern (z.B. Hildebrandslied) die von Dichtern und Spielleuten vorgetragen wurden. Die Germanistik unterscheidet mehrere Sagenkreise: ostgotisch (Dietrich von Bern), burgundisch (Siegfried, Attila), westgotisch (Walther von Aquitanien), ostfränkisch (Ortnit, Wolfdietrich), langobardisch (Rother), niederdeutsch (Hilde, Gudrun). Seit dem 15. Jahrhundert fanden Heldensagen Eingang in die Volksbücher. 

Ätiologische Sagen versuchen Rätselhaftes zu erklären, wie Naturerscheinungen, Denkmale oder Ortsnamen. Etliche "volkstümlich" erscheinende Sagen sind literarische Produkte, wie der Sieveringer Sagenkreis um das Agnesbrünnl, der um 1800 entstand. Manche Sagen erscheinen an einen Ort gebunden, Wandersagen lauten oft über weite Strecken ähnlich. Einen Rattenfänger gab es nicht nur in Hameln, sondern auch in Korneuburg. Dort steht seine Figur auf dem Brunnen vor dem Rathaus. Die Erzählung vom "Lieben Augustin" der "geradezu eine Personifikation des unverwüstlichen Optimismus des Wieners geworden ist" (Gustav Gugitz), kursierte vier Jahre vor der Pest in Schwaben, von wo sie der Hofprediger Abraham a Sancta Clara (1644-1709) mitbrachte. Die Sage vom Totendoktorhaus in der Schönlaterngasse (Wien 1) findet sich als "Gevatter Tod" bei den Brüdern Grimm. Sie brachten ihre "Deutschen Sagen" 1816 heraus. 

Die größte deutschsprachige Sagensammlung im Internet mit mehr als 18.000 Texten ist "sagen.at". Sie bietet neben Märchen, traditionellen und Sagen der Gegenwart Text- und Foto-Dokumentationen aus verschiedenen Bereichen der Europäischen Ethnologie.

Moderne Sagen (Urban Legends, Großstadtmythen) sind Gruselgeschichten und skurrile Anekdoten, die unhinterfragt weitererzählt werden. Sie heißen auch "Foaf-tales", weil sie ein "friend of a friend" erlebt haben soll. Angst und Vorurteile spielen dabei eine Rolle. Der Göttinger Ethnologe Rolf Wilhelm Brednich hat zahlreiche "Sagenhafte Geschichten von heute" herausgegeben. Eine österreichische Sammlung nennt sich "Vater Ötzi und das Krokodil im Donaukanal". Manche dieser Geschichten - wie die "Maus im Jumbo-Jet" - waren auch als Falschmeldung in Printmedien (Zeitungsente) und im Internet (Hoax) zu finden.


Quellen:
Beitl: Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart 1974. S. 350, 687
Rolf Wilhelm Brednich: Sagenhafte Geschichten von heute. München 1994
Gustav Gugitz: Die Sagen und Legenden der Stadt Wien. Wien 1952
Christa Habiger-Tuczay, Ulrike Hirhager, Karin Lichtblau: Vater Ötzi und das Krokodil im Donaukanal. Wien 1996
Sagen
Hoax

Bild: Rattenfänger. Stadtbrunnen von Max Kropf, 1898. Korneuburg (Niederösterreich). Foto: Alfred Wolf, 1995