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Sibyllen-Weissagung#

Die ursprüngliche Sibylle der griechischen Mythologie galt als Tochter des Gottes Zeus und der Lamia. Berühmt war die Sibylle von Cumae (Bacoli, Italien) aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., von deren Orakelstätte im Apollotempel Reste erhalten blieben. Nach ihr wurden jene Bücher benannt, die beim Brand des kapitolinischen Tempels in Rom (83 v. Chr.) verloren gingen. Die Orakelsprüche gaben Auskunft über bestimmte Kulthandlungen, deren Ausführung Unheil abwenden sollte und die durch Senatsbeschluss in Notzeiten zur Anwendung gebracht wurden. 

Durch eine aus Byzanz stammende Legende, die Sibylle von Tibur habe am Tag der Geburt Christi Kaiser Augustus die Muttergottes mit dem Jesuskind in einer Vision gezeigt (christliche Deutung des Vergil-Textes der 4. Ekloge) und damit das Nahen des "Goldenen Zeitalters" sowie der Erlösung prophezeit, fand Sibylle Eingang in kirchliches Schrifttum und Kunst. 

An die vierzehnbändige Sammlung angeblich sibyllinischer Weissagungen - sie waren eine Bearbeitung jüdischer Orakelsprüche in griechischen Hexametern - schlossen mittelalterliche Sibyllenbücher (Oracula Sibyllina) an. Großen Einfluss übte eine Sammlung von 1321 aus, in der die Königin von Saba über das Ende der Welt spricht. Seit dem 15. Jahrhundert stellten die Autoren der Zwölfzahl der "kleinen" biblischen Propheten ebenso viele Prophetinnen gegenüber. 1516 entstand das Volksbuch "Zwölf Sibyllen-Weissagungen". 

Die 1701 erschienenen Weissagungen über einen dürren Baum, dessen wunderbares Ergrünen die letzte Schlacht ankündigt, wurden im Ersten Weltkrieg nachgedruckt. Diese alte Sage entstand vermutlich im Orient im Zusammenhang mit dem Kreuzesholz und anderen verehrten Wunderbäumen und verband sich mit anderen endzeitlichen Stoffen wie der Apokalypse und der deutschen Kaisersage.


Quellen:
Beitl: Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart 1974. S.736 f.
Kunstlexikon
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