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Volksbuch#

Bild 'Rinaldo'

Der politische Publizist Joseph Görres (1776-1848) prägte den Begriff Volksbuch. Anders als bei den anderen, oft unhinterfragt gebrauchten, mit "Volk" zusammengesetzten Begriffen (Volksbrauch, -dichtung, -frömmigkeit, -kunst, -lied, -märchen, -medizin, -musik, -schauspiel, -sprache, -tanz ...) wurde hier nicht angenommen, dass das "Volk" Urheber war, vielmehr war es die Zielgruppe. Unter dem Einfluss der Romantik gab Görres "Teutsche Volksbücher. Nähere Würdigung der schönen Historien-, Wetter- und Arzneybüchlein, welche theils innerer Werth, theils Zufall, Jahrhunderte hindurch bis auf unsere Zeit erhalten hat" heraus. Man findet sie in seinen Gesammelten Schriften, die 1803–1808 erschienen. 

Die Volksbücher der Renaissancezeit enthielten Epen, Sagen, Ritterromane, Märchen und humanistische Stoffe sowie Werke mittelalterlicher Autoren wie Francesco Petrarca (1304-1374) oder Giovanni Boccacchio (1313-1375). Alte Themen wurden dem bürgerlichen Geschmack angepasst und Neues gedichtet. Auch die Reiseliteratur, ausgehend von den Werken Marco Polos (1253-1324) wurde damals populär. 

Erste Sammlungen ("Buch der Liebe") schuf der Buchdrucker und Verleger Sigmund Feyerabend (1528-1590). Mit der Popularisierung der Druckwerke nach der Erfindung des Buchdrucks entstand eine Masse billiger Bücher, die sich in Sprache, Typographie und Illustration von den Angeboten des gehobenen Buchmarkts deutlich unterschieden. Till Eulenspiegel (1510) oder die Sage von Johann Faust (1587) wurden für diese Art der Publikation geschrieben. 

"Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptmann" war im 19. Jahrhundert der populärste deutschsprachige Unterhaltungsroman. Sein Autor August Christian Vulpius, Jurist, Bibliothekar und Großherzoglicher Rat in Weimar, war der Schwager Johann Wolfgang v. Goethes. Seine Berühmtheit verdankte Vulpius, der einen Sohn "Rinaldo" taufte, seinem literarischen Kind. Er schrieb einige Fortsetzungen und fand bis ins 20. Jahrhundert eifrige Epigonen. Rinaldo Rinaldini ist, ohne es zu wissen, edler Abstammung. Er wird zu einem Bauern in Pflege gegeben, geht zum Militär und muss nach einem Mord an seinem Chef flüchten. Verschlungene Wege führen ihn durch Italien. Einerseits als Räuberhauptmann geachtet und gefürchtet, versteht er es andererseits, adelige Kreise für sich zu gewinnen, fasziniert die Damen und entkommt mehrmals dem Tod. Was auf den ersten Blick wie eine nostalgische Sex&Crime-Story wirkt, entpuppt sich als Meisterwerk. Der Autor, ein erfahrener Dramaturg, hat die Handlung perfekt durchkomponiert und mit Liedern und Dialogen angereichert. Zum 210. "Geburtstag" des Werkes hat Eberhard Kummer in Wien 2011 eine Neuinterpretation (Lesung, Erzählung, Moritaten) vorgestellt.

Kriminal- und Detektivromane gelten als moderne Volksbücher, ebenso Bestseller wie die 208 Liebes-und Gesellschaftsromane des ehemaligen Dienstmädchens Hedwig Courths-Mahler (1867-1950), die zu einer der meistgelesenen deutschen Autorinnen wurde.


Quellen:
Beitl: Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart 1974. S. 866
Wikipedia: Volksbuch (Stand 12.4.2011)
Görres

Bild: Illustration zur Moritat "Rinaldo Rinaldini", Flugblattdruck 19. Jh. Gemeinfrei