unbekannter Gast

Alfred Wolf#

9 Wege im 9.#

8. DRUNT' IN LICHTENTAL#

Weg: U-Bahn-Station Nussdorfer Straße - Latschkagasse - Viriotgasse - Liechtensteinstraße - Bindergasse - Pfluggasse - Liechtensteinstraße - Thurygasse - Marktgasse - Lichtentaler Park - Marktgasse - Reznicekgasse - Badgasse - Althanstraße - Augasse - Josef-Ludwig-Wolf-Park - Liechtenwerderplatz - U-Bahn-Station Spittelau

Die dritte der einander gleichenden Stationen der U-BAHN ist die NUSSDORFER STRASSE. In ihrer Nachbarschaft hat das Stadtentwicklungskonzept "Zielgebiet Gürtel" schon gegriffen. Gastronomiebetriebe haben sich hinter den neuen, großen Glaswänden der Stadtbahnbogen etabliert. Zur Biedermeierzeit gab es hier, schon außerhalb der Wiener Zollgrenze, zwei in ganz Wien bekannte Gaststätten. In ihnen konnte man, von der Verzehrungssteuer nicht betroffen, billiger als in der Stadt essen. Das Gasthaus Niel und das ursprüngliche "Auge Gottes" wetteiferten um die Gunst der Gäste. Beide waren umrankt von lustigen Geschichten, aber auch von weniger erfreulichen Tatsachen. Besonders Niel war das Ziel gutmütigen Spotts. Dass man ihn wegen seines Namens verulkte, förderte nur seinen Bekanntheitsgrad, und da er auch gute Speisen anzubieten hatte, war dies für ihn die beste Werbung. Die gängigste Geschichte war jene, die besagte, dass man außerhalb der Nussdorfer Linie mit Ni(e)lpferden zum Heurigen fahren konnte, da dieser Gastwirt auch Pferde und Wagen vermietete. Mit diesen fuhr man gemütlicher als mit den Zeiselwagen, den mit "LZ" (Linienzeisel) bezeichneten Leiterwagen, die vor den Linientoren ihren Standplatz hatten. Auf den quer gelegten Brettern saß man unbequem und die Plache bot wenig Schutz gegen Regen und Wind. Abwertend sprach man von ihnen, die Bezeichnung "LZ" persiflierend, von den "Lauszupfern".

Foto: Doris Wolf, 2010; Ehem. Gasthaus 'Auge Gottes', Nussdorfer Straße 73-75; Slg. Alfred Wolf
Foto: Doris Wolf, 2010; Nussdorfer Straße 73

Beim alten "Auge Gottes" begann die Döblinger Hauptstraße. Der Umstand wurde dem Restaurateur im Revolutionsjahr 1848 zum Verhängnis. Im Niemandsland zwischen den aufständischen Wienern und den sie belagernden kaiserlichen Truppen gelegen, wurde sein Haus von den Spähtrupps beider Parteien aufgesucht. Dabei verstärkte sich bei den Aufständischen der Eindruck, dass der Gastwirt mit den Kaiserlichen kollaboriere. Also sperrte man ihn in den Keller und requirierte seine Vorräte. Schließlich steckte man, nach alter Plünderermanier, das Gebäude in Brand. Das Gasthausschild hat sich erhalten und ist im Wien Museum zu sehen. Seine späteren Besitzer, Leopold und Amalie Kell, ließen ihr Haus unweit, näher zur Stadt, wieder errichten. So entstand eine "gutbürgerliche Restauration" in der Nussdorfer Straße 73-75. Sie bildete mit ihren Sälen Jahrzehnte hindurch den Mittelpunkt für die Vereinstätigkeit des Mittelstandes. Der sonntägliche Frühschoppen beim "Auge" war stets eine kleine Sensation, es spielten Militärmusikkapellen unter der Leitung von Philipp Fahrbach sen. und jun. oder Carl Michael Ziehrer. Die "Banda" der "Bosniaken" marschierte von der Alser Kaserne, Alser Straße 2 (heute Ostarrichi-Park) mit klingendem Spiel durch den Bezirk. Ihr Kapellmeister, der Wiener Franz Bem, heiratete Sophie, die Tochter des Gastwirts. --> 4. "Um den Dom des Alsergrundes"

Wenn auch mit dem Bau der Gürtelstraße die Tage des alten "Auge Gottes" gezählt waren, besteht sein Name doch in einer dort befindlichen Apotheke, Nussdorfer Straße 79 weiter. Das 1955 eröffnete Auge Gottes Kino, NUSSDORFER STRASSE 73, war anfangs dafür bekannt, dass es während der Vorstellungen Betreuung für die Kinder der Besucher anbot. 1990 wurde das "Auge" als Kinocenter mit fünf Sälen umgebaut und gehörte zum Cineplex-Verbund. 2011 wurde es geschlossen. Älter, und auch nicht mehr bestehend, war wenige Schritte weiter, Nussdorfer Straße 84, das Kolibri-Kino. Es wurde 1909 (nach anderen Angaben 1930) gegründet.

Foto: Doris Wolf, 2013; Nussdorfer Straße 69 / Ayrenhoffgasse 2

Foto: Doris Wolf, 2010; Ehem. Finanzamt Nussdorfer Straße 90-92 / Viriotgasse 1-3

Das Eckhaus NUSSDORFER STRASSE 69 / AYRENHOFFGASSE 2 stammt aus dem Jahr 1820. 1853 erwarb es der Tischler Laurenz Mayer. Man nannte ihn "hygienischer Mayer", da er das erste WC in der Gegend einbaute. 2011/12 wurde das Haus saniert und aufgestockt. Dabei verschwand eine Kanonenkugel, die über einem Fenster in der Fassade Ayrenhoffgasse eingemauert war.

Den Block NUSSDORFER STRASSE 90-92 / VIRIOTGASSE 1-3 / LATSCHKAGASSE 2 und 6 dominiert das Gebäude, das als Finanzamt für den 9., 18. , 19. Bezirk und Klosterneuburg errichtet und 1979 bezogen wurde. Nachdem die Behörde im Dezember 2012 - als eines der acht von neun Bezirksfinanzämtern - in das Finanzzentrum Wien-Mitte übersiedelte, wird es 2016 abgerissen und soll einem Wohnhaus Platz machen. Die Latschkagasse ist nach dem christlich-sozialen Politiker Pfarrer Adam Latschka benannt. Als Vertreter des Alsergrundes im Gemeinderat setzte er sich für soziale Belange ein, er gründete Heime und Vereine für die Arbeiterinnen der Tabakfabriken. Die Gasse verläuft, zweimal im rechten Winkel geknickt, zur Liechtensteinstraße, in der Mitte befindet sich eine Grünfläche von ca. 420 m².

Foto: Doris Wolf, 2010; Gall-Hof , Heiligenstädter Straße 4
Foto: Doris Wolf, 2010; Latschkagasse 7

Einen großen Teil nimmt der Gall-Hof, LATSCHKAGASSE 3-5, HEILIGENSTÄDTER STRASSE 4 ein. Das Wohnhaus der Gemeinde Wien wurde 1924/25 nach Plänen der Otto-Wagner-Schüler Heinrich Schopper und Johann Chalusch errichtet. An den Fassaden und im Hof befinden sich figurale Steinplastiken. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt es den Namen nach dem ermordeten Freiheitskämpfer Bezirksrat Matthias Gall. 1927 hieß es über den Bau: "Das Haus umfasst 137 Wohnungen, ein massiv gebautes Atelier, einen Kindergarten, eine Hausbadeanlage, sieben Waschküchen und 14 Trockenböden … Die Haupteinfahrt in der Heiligenstädter Straße wird durch eine überlebensgroße Männerfigur überragt, welche den Gedanken der aufstrebenden Kraft versinnbildlicht."

Im mittleren Teil der Gasse fällt an LATSCHKAGASSE 7 ein modernes Hauszeichen auf. Viktor Lederer ließ sich für das großformatige Keramikrelief mit den Wappen der in der Nähe befindlichen Vorstädte Thury, Lichtental und Himmelpfortgrund vom Verfasser beraten.

Ehem. Pulverturmkapelle, Nussdorfer Straße 90 / Viriotgasse 5; Slg. Alfred Wolf

Im Hof des Vorgängerbaus stand, von wildem Wein umrankt, ein Häuschen, der Rest des einstigen k. k. Wachthauses am Nussdorfer Linientor. Josef Eichendorff beschrieb 1826 die Idylle im "Tagebuch eines Taugenichts". Als das Linienamt 1890 aufgelassen wurde, etablierte sich das Eichamt in den verlassenen Räumen. In seiner 80-jährigen Tätigkeit wurden hier alle eichpflichtigen Meßgeräte, Maße, Waagen, Gewichte, Fässer, Korb- und andere Flaschen überprüft. Überprüfung wurde hier schon 1704 betrieben. Allerdings von Personen, die nach Wien einreisen wollten, ab 1830 sogar von allen Wienern, die aus den Heurigenorten zurückkamen, ob sie nicht "Verzollbares" bei sich hätten. Die allgemeine Verzehrungssteuer betraf in Wien 220 Artikel und war höher als in anderen Städten. Nach der Revolution 1848 hob man die Steuer auf Grünwaren, Milch und Milchprodukte auf. Die Eingemeindung der Vororte (1890), wo die Lebenshaltungskosten niedriger waren, und der Bau der Gürtelstraße bedeuteten keineswegs das Ende der verhassten Abgabe. Die Verzehrungssteuergrenze rückte nur weiter hinaus, und am Stadtrand entstanden neue Linienämter. Allerdings waren nun nur noch 34 Artikel zu versteuern, darunter Wein, Most, Trauben, Fleisch, Wild, Schweine und Geflügel. Die "Accise" bestand fast ein Jahrhundert lang und wurde 1923 durch die Warenumsatzsteuer ersetzt. Unzählige Geschichten erzählen von den Tricks unserer Vorfahren, die den "Spinatwachtern", wie die Beamten nach ihren grünen Uniformaufschlägen genannt wurden, ein Schnippchen schlugen. Die schlecht besoldeten Beamten waren an den Einnahmen beteiligt und hatten unweit, in der Viriotgasse 4, ihre k.k. Militär-Justizwachkaserne.

An der Ecke Nussdorfer Straße 90 / Viriotgasse 5, befand sich bis 1914 eine Kapelle. Man nannte sie auch Pulverturmkapelle. Als das Pulvermagazin 1779 explodierte, --> 7. "Auf dem Schubertgrund" blieb die, wie bei fast jedem Linientor stehende, Statue des hl. Johannes Nepomuk unversehrt. Über sie baute man in Dankbarkeit das kleine Gotteshaus. Leopold J. Wetzl schrieb: "In der leider demolierten Johannes-Kapelle war ein schönes Deckenfresko, das Szenen von der großen Pulverturmexplosion 1779 zeigte. Wohl hundertmal und noch öfter hörten wir mit Gruseln die Erzählung des alten Kirchenvaters, dass damals auch die solid erbaute 'Kapelln in die Lüfften gangen is' " Sie bildete, mit der Darstellung des Unglücks in der Kuppel, eine Sehenswürdigkeit. Zwischen alten Bäumen führte diese Linienkapelle ein malerisches Schattendasein, bis sie ohne zwingenden Grund 1914 abgerissen wurde. Seit 1992 befindet sich auf dem Grundstück das 4-Sterne Hotel Arkadenhof.

Die starke Frequenz des Verkehrs vom und zum Linienamt bedingte die Anlage der breiten Viriotgasse. Ihr Namensgeber, der spanische Generalkonsul in Hamburg, Lothar Viriot, fuhr von seiner Villa in Döbling täglich durch diese Gasse. Seiner Kutsche folgte stets eine Schar bettelnder Straßenkinder. Für sie testierte er 1845 einen Betrag von 36.000 Gulden zur Errichtung einer Kinderbewahranstalt. Eine beachtliche Summe, wenn man bedenkt, dass ein Schulgehilfe wie Franz Schubert etwa 100 Gulden im Jahr verdiente.

Foto: Doris Wolf, 2010; Viriotgasse 2 / Nussdorfer Straße 88

Ein Erinnerungsstück an die Revolution von 1848 war der Balkon des Eckhauses VIRIOTGASSE 2 / NUSSDORFER STRASSE 88. Von ihm beobachtete der auf Seiten der aufständischen Wiener stehende polnische "Wandergeneral" Joseph Behm das Kampfgeschehen. (Nach ihm sind in Budapest eine Straße und ein Platz benannt). Das aus 1845 stammende Haus wurde vor kurzem geliftet und erhielt drei Stockwerke aufgesetzt. Die erste Maßnahme dabei war die Entfernung des historischen Balkons. Das Netzwerk Denkmalschutz kritisierte den mit Altstadterhaltungsmitteln geförderten "Kulissenbau", der mit dem ursprünglichen nichts mehr zu tun habe.

Viriotgasse 8 / Liechtensteinstraße 137 wurde 1873 für die zahlreichen Kinder von Lichtental eine Volksschule gebaut. Hier waren Finanzminister Josef Kollmann, der Wiener Bürgermeister Karl Seitz und der Akademieprofessor für Malerei Josef Jungwirth Klassenkollegen. Nach dem Abbruch der Schule errichtete die Gemeinde Wien 1985/86 ein Haus mit 28 Wohnungen. Die gesunden Dippelbäume der Viriotschule fanden zur Herstellung von Musikinstrumenten Verwendung.

Foto: Doris Wolf, 2010; Prälatenkreuz, vor Liechtensteinstraße 110

Nächst der Kreuzung Viriotgasse / Liechtensteinstraße steht in einer Grünfläche vor Liechtensteinstraße 110 das "Prälatenkreuz". Die Votivsäule erinnert an die Pulverturmexplosion. Die Kopie einer Kanonenkugel krönt den Sandsteinpfeiler mit Relief und Inschrifttafel. Deren lateinischer Text lautet übersetzt: "Dem hl. Leopold, dem Schützer Österreichs und seines Kapitels, errichtete Propst Ambros von Klosterneuburg wegen abgewendeter Lebensgefahr, die dem Vorüberziehenden infolge plötzlich entstandenen Feuers im Pulverturm durch einen dadurch herausgeschleuderten Hagel von Geschoßen und herausgerissenen Mauerstücken drohte, dieses Denkmal, damit die Erinnerung an die hervorragende Gunst und die bewiesene Gnade ewig lebendig bleibe. Im Jahre des Herrn 1779, am 26. Juni." Als sich die Explosion ereignete, war der Propst des Stiftes Klosterneuburg, Ambros Lorenz, von einer Visitaton in Wien heimwärts unterwegs. Eine Kanonenkugel traf ein Zugpferd des Wagens des Prälaten, der mit dem Schrecken davonkam. An der Unfallstelle ließ er die Votivsäule errichten, die aus verkehrstechnischen Gründen mehrmals versetzt wurde und sich jetzt vor LIECHTENSTEINSTRASSE 110 befindet. --> 7. "Auf dem Schubertgrund"

Nun in Lichtental, spüren wir den Höhenunterschied zwischen der einstigen Oberen und der Unteren Hauptstraße, der Nussdorfer und Liechtensteinstraße. Der älteste Name von Lichtental war "die Talwiese unter dem dürren Sporkenbühel", die erstmals 1254 erwähnt wird. Im Mittelalter floss ein Donauarm teilweise an Stelle der Liechtensteinstraße. Er verlagerte sich allmählich und ist auf dem Stadtplan von Joseph Anton Nagel aus 1770 als "der alte Kanal" bezeichnet.

Foto: Doris Wolf, 2010; Liechtensteinstraße 135 / Rufgasse 9

Die Häuser Liechtensteinstraße 135 und 137 stehen auf dem Grundstück des Rötzerischen Waisenhauses, das Kinder aufnahm, deren Eltern an der Pest gestorben waren. Es war ein stattliches Gebäude mit zehn Fensterachsen und zwei Runderkern an den Ecken. Ein Schiffsmeister, dem das Haus später gehörte, nannte es "Zum goldenen Schiff". Um die Mitte des 19. Jahrhunderts teilte man das große Grundstück in 18 Bauparzellen. 1853 entstand darauf ein Überschwemmungs-Requisitendepot. In ihm waren für den Katastrophenfall Rettungsboote, Bretter, Schrägen und Fackeln gelagert. Nach dem Bau des Sperrwerkes in Nussdorf war es überflüssig geworden. So entstand 1902 das repräsentative Eckhaus LIECHTENSTEINSTRASSE 135 / RUFGASSE 9 als erstes Wohnhaus der Gemeinde Wien in Lichtental.



Foto: Doris Wolf, 2010; Liechtensteinstraße 131-133 / Rufgasse 10

LIECHTENSTEINSTRASSE 131-133 / RUFGASSE 10 ist ein 1957-1959 errichtetes Wohnhaus der Gemeinde Wien. Ein Relief von Gertrude Fronius an der Fassade stellt "Hausmusik" dar. Für den Neubau war das Barockhaus "Zum goldenen Anker" enteignet worden. Der früheren volkstümlichen Bezeichnung der Viriotgasse als Ankerberg waren sein Hausschild und das gleichnamige Gasthaus Pate gestanden. Am Gleithang des stadtseitigen Donauarmes zur heutigen Althanstraße gelegen, bot dieses den Schiffsleuten Unterkunft. Sein Fassadenschmuck bestand aus drei Heiligenfiguren, die nach dem Abbruch in das Depot des Wien Museums kamen. Die mittlere, die hl. Maria darstellend, wurde jedoch bald wieder ans Tageslicht geholt und steht nun vor der Paulanerkirche auf der Wieden.




Foto: Doris Wolf, 2010; Vereinsstiege

Den ungeraden Hausnummern folgend, erreichen wir die VEREINSSTIEGE. In diesem Gebiet (Nussdorfer Straße, Nussgasse, Vereinsstiege, Rufgasse) befand sich ab 1713 durch sieben Jahrzehnte der Friedhof der Pfarre Lichtental. Die Stiege entstand 1910 nach der Demolierung des Hauses Liechtensteinstraße 121, von dem ein schmaler Steig zur Nussdorfer Straße geführt hatte. Ihren Namen hat sie nach dem von Viriot gestifteten Verein der Kinderbewahranstalt. Diese befand sich zunächst in der Althanstraße 14, später in der Liechtensteinstraße 98 und zuletzt in der Augasse 1. Die monumentale Anlage der Stiege imponiert mit drei Podesten und acht secessionistischen Kandelabern.

Am oberen Ende, Vereinsstiege 2 / Nussdorfer Straße 78, hatte 1898 Karl Gräf seine Schlosserei eröffnet. Zwei Jahre später erwarb er, gemeinsam mit seinem Bruder Heinrich, der in der Nussdorfer Straße 19 eine Fahrradreparatur betrieb, ein Patent für das erste Benzinautomobil mit Vorderradantrieb. --> 6. "Vom Währinger Bach zur Schottenpoint"

Am Fuß des Sporkenbühels steht das Bürohaus der Allgemeinen Bausparkasse der Volksbanken, LIECHTENSTEINSTRASSE 111-115, an Stelle von drei Häusern. Ihre Bezeichnungen lauteten "Zum ägyptischen Josef", "Bei den fünf Lerchen" und "Zum hl. Leopold". Beim Neubau fraßen sich die Bulldozer tief in den Hang, auf dem zuvor kleine Hausgärten gegen die Nussdorfer Straße hin gelegen waren. Unterhalb befinden sich nun statt der Weinkeller Tiefgaragen.

Foto: Doris Wolf, 2010; Liechtensteinstraße 109

LIECHTENSTEINSTRASSE 109 blickt das Hauszeichen "Zum weißen Lamm" in figuram aus dem Fenster des Stiegenhauses.

Nun überqueren wir die "Untere Hauptstraße in Lichtental" zur Reznicekgasse. Bis hierher, Liechtensteinstraße 90 / Reznicekgasse 1 erstreckte sich von der Althanstraße aus das fürstlich Liechtenstein'sche Brauhaus. Die Parzellen in diesem Häuserblock reichen von der Liechtensteinstraße bis in die Salzergasse, was zur Anlage von Durchhäusern Anlass gab.

LIECHTENSTEINSTRASSE 88 / REZNICEKGASSE 2 / SALZERGASSE 35 trug eines der ältesten Häuser der Vorstadt die Nummer Lichtental 1. Sein Besitzer, ein Schuhmacher, nannte es "Zum blauen Stiefel". Das an seiner Stelle 1937 entstandene "Mittelstandswohnhaus" wurde, als eines der wenigen privat errichteten Häuser der Zwischenkriegszeit, vor Inkrafttreten der neuen äußeren Baulinie errichtet.

Mit dem Bau des Hauses Salzergasse 38 "Zum goldenen Schlüssel" durch Johann Friedrich Riß begann ab 1699 die Entwicklung der Vorstadt. Die meisten Bewohner waren einfache Leute. Das um 1840 entstandene Wienerlied bringt es zum Ausdruck: "Drunt in Liechtenthal, hint' beim Alserbach steht a alte Kraxen mit an Schindeldach. Wo die Fenster san fest verschmiert mit Lahm, dort wer's wissen will, bin i' daham…"

Liechtensteinstraße 86 hieß "Zum hl. Nikolaus" und stammte ebenfalls aus 1699. Sein erster Besitzer war der bekannte Historien- und Architekturmaler Johann Georg Werle. Einer der führenden Barockmeister, Daniel Gran, später "fürstl. Schwarzenbergischer Hoffmaller", war Werles Schüler und wurde 1723 auch sein Schwiegersohn. Als "Gutthäter" der Lichtentaler Kirche malte Johann Georg Werle 1719 das Bild "Maria Magdalena trocknet mit ihren Haaren die Füße Christi", das durch den linken ersten Seitenaltar verdeckt ist.

Foto: Doris Wolf, 2010; Liechtensteinstraße 84 und 82

An Stelle der Häuser LIECHTENSTEINSTRASSE 84 und 82 befindet sich eine Grünfläche vor dem Wohnhaus der Gemeinde Wien, das bis zur Salzergasse 29 und 31 reicht. 1976/77 entstanden, gilt es mit Dreizimmerwohnungen als richtungweisend für spätere Gemeindebauten.

Liechtensteinstraße 82 wurde Joseph Moser geboren Er war der älteste Sohn von Matthias Moser, der in der Josefstadt die Apotheke "Zum goldenen Löwen" besaß und in Lichtental jene "Zum goldenen Elephanten" provisorisch führte. Nach Studien in Deutschland und Frankreich installierte Joseph Moser 1816 in der Apotheke in der Josefstadt die erste funktionierende Gasbeleuchtung Wiens. Er erzeugte auch erstmals chemisches Zündpulver und chlorsaures Kali. 1866 logierte im Haus der Zimmermann Peter Mitterhofer. Er war von Partschins in Südtirol in die Hauptstadt gewandert, um für seine Schreibmaschine eine Subvention zu erlangen. Kaiser Franz Joseph genehmigte vorerst 200 Gulden, vier Jahre später noch 150 Gulden, doch erkannten die Gutachter die Tragweite der Erfindung nicht. Sie meinten, dass "eine eigentliche Anwendung des Apparates wohl nicht zu erwarten sei." Verbittert zog sich Mitterhofer nach Partschins zurück, wo er bis zu seinem Tode als Bauer lebte und nie versuchte, einen Fabrikanten für seine Maschine zu finden. Auf seinem Grabstein steht der Spruch: "Die Anderen, die von ihm lernten, durften die Früchte seines Talentes ernten."

Foto: Doris Wolf, 2010; Liechtensteinstraße 74 / Lichtentaler Gasse 1

Die städtischen Wohnhäuser LIECHTENSTEINSTRASSE 74 und 72 sind die Kopfbauten der Lichtentaler Gasse, die als Große Kirchengasse zur Mitte der Vorstadt führte. Grünanlagen davor sollen an Alt-Lichtental erinnern, dessen Häuser mit den Nummern 1 bis 18 hier gestanden waren. Das Haus Liechtensteinstraße 74 / Lichtentaler Gasse 1 / Salzergasse 21 stammte aus dem Jahr 1794. Mit seinem Hauszeichen "Zum blauen Einhorn" erregte es die "Apperzeption" Heimito Doderers. Als es abgetragen wurde, initiierte der Verfasser die Anbringung einer Replik des Hauszeichens am Neubau und eine Kopie für das Bezirksmuseum Alsergrund.

Das Haus Liechtensteinstraße 72 / Lichtentaler Gasse 2 / Salzergasse 19 hieß "Zur goldenen Gans", die seit 1760 darin befindliche Apotheke jedoch "Zum goldenen Elephanten". Mit dem Abbruch des Hauses übersiedelte sie in das 1966 gebaute Wohnhaus der Gemeinde Wien, Liechtensteinstraße 93. Das Hauszeichen des dortigen Althauses "Zur hl. Dreifaltigkeit" war wohl das schönste des Bezirks. Es befindet sich im Depot des Wien Museums.

Zweimal führten Abbrüche von zu Beginn des 18. Jahrhunderts erbauten Häusern zu tödlichen Unfällen: 1967 kam der für die Demolierung des Hauses Liechtensteinstraße 89 "Zum goldenen Pelikan" verantwortliche Baumeister ums Leben, als ein umstürzender Pfeiler die Planierraupe traf, mit der er arbeitete. Als Neubau war ein Studentenwohnhaus der Wiener Ärztekammer geplant, doch errichtete man das 4-Stern-Hotel "Albatros", das seit 2010 geschlossen ist.

Liechtensteinstraße 87 / Bindergasse 11 wurden im Jahr 1903 zwei Arbeiter bei der Grundaushebung verschüttet. Sie konnten erst nach Stunden tot geborgen werden. Das alte Haus hieß "Zu den drei Bindern" und gab der Gasse den Namen. Hier wohnte Jakob Gauermann. Er kam nach Beendigung seines Studiums der Malerei in Stuttgart 1798 nach Wien, wo er sich anfangs mit kleinen Auftragsarbeiten für Verleger durchschlug. Als Kammermaler des Erzherzogs Johann schuf Jakob Gauermann Ölbilder und Aquarelle der österreichischen Landschaft. Auch eine Söhne Carl und Friedrich waren bedeutende Landschaftsmaler. Friedrich Gauermann gilt als führender Vertreter der Altwiener Schule, dessen bäuerlichen Genreszenen sowie Tier- und Jagdbilder als Lithographien weit verbreitet waren.

Das Haus Bindergasse 5 "Zum schwarzen Adler" gehörte zuletzt dem Fleischhauer- und Selchermeister Ferdinand Weber. Er nutzte den Uferhang der Donau zum Bau eines Eishauses. Dieses wurde im Zweiten Weltkrieg zum Luftschutzkeller für 600 Personen ausgebaut.

Gegenüber zweigt die Pfluggasse ab. Sie erhielt gleichfalls nach einem Hauszeichen ihren Namen. PFLUGGASSE 3, das alte Gemeindehaus des Thurygrundes, hieß "Zum goldenen Pflug". Eine Inschrift über dem Haustor des 1896 errichteten Neubaues erinnert daran. Seit der Einwölbung des Alsbaches in den Jahren 1840-1846 ist diese Gasse zur Sackgasse geworden. Stiegenanlagen zeigen die einstige Absicht, sie auf die Höhe der Alserbachstraße anzuschütten.

Foto: Doris Wolf, 2010; Liechtensteinstraße 71 bis 85

Auch der Gehsteig von LIECHTENSTEINSTRASSE 71 bis 85 verläuft deshalb über dem Straßenniveau. Diese "sieben Schwestern" nannte man auch "Tramwayhäuser". Sie entstanden mit ähnlichen Fassaden in einem Zug 1885 als Werke des prominenten Architektenbüros Helmer und Fellner. Wenn die Neue Wiener Tramwaygesellschaft beabsichtigte, neue Straßenbahnlinien zu errichten, musste sie zuvor für die nötige Breite der Verkehrsflächen sorgen, um darauf ihre Schienen zu verlegen. Dies war in diesem Teil der Liechtensteinstraße nur möglich, wenn man die Althäuser abbrach und dann die Neubauten zurück versetzte. 1888 ging die Pferdetramway durch die Liechtensteinstraße bis zum Liechtenwerder Platz in Betrieb.

Die Benennungen dieser alten Häuser waren unterschiedlich: Liechtensteinstraße 71 "Zum grünen Salzküffel", Liechtensteinstraße 73 "Zu Maria Trost", Liechtensteinstraße 75 "Zum schwarzen Stiefel", Liechtensteinstraße 77 "Zur goldenen Schere", Liechtensteinstraße 81 "Zum goldenen Rössel", Liechtensteinstraße 83 "Zum goldenen Kreuz", Liechtensteinstraße 85 / Bindergasse 10 "Zum schwarzen Tor".

Foto: Doris Wolf, 2010; Liechtensteinstraße 79

In ihrer Mitte lag Liechtensteinstraße 79 das so genannte "Fliegende Haus" des Vorstadtgründers und Ziegeleibesitzers Johann Thury. Eine Sage erklärte den Namen: Der erste Ansiedler bereute, sich in der unwirtlichen, von Überschwemmungen bedrohten Gegend niedergelassen zu haben. Im Traum erschien ihm eine gute Fee, die ihm Wünsche gewährte, wo das Haus stehen sollte. Zuerst erwählte den Kahlenberg, der im Winter schwer zu erreichen war, dann die Gegend von Schönbrunn, wo die kaiserliche Jagdgesellschaft den Garten zerstörte. So flog Thury mit seinem Haus auf den Stephansplatz, doch dort war ihm der Lärm zu groß. Mit dem letzten Wunsch brachte er seinen Besitz zurück auf den Thurygrund. Nicht sagenhaft ist die im Bezirksmuseum Alsergrund aufbewahrte Tafel, die er, materialgerecht aus Ton, an der Fassade anbringen ließ:

"Vor Alters Alhie ain dorff Standt / Welches Siechenals genandt / Als Man Zelt Anno 1529 Jahr / Von Tircken Zersteret War / An Jezo Als Man 1646 Sagt / Johann Thury diss hauss Erbauet hat"

Thurys Mutter entstammte der Familie eines Ziegeleibesitzers und es ist anzunehmen, dass ihr Sohn den Beruf von der Pike auf erlernt hatte. Väterlicherseits könnte er von einem Ungarnflüchtling abstammen. Der in Ungarn nicht seltene Name Thury weist auf die Bewohner des Landstriches Thur hin. Die Thury-Burg in Vápalota, 70 km südwestlich von Budapest, zählt zu den Sehenswürdigkeiten des Komitats Veszprém. Zum größten Teil von Türken besetzt, war das Land osmanisch geworden, und wer konnte, setzte sich nach Westen ab. Johann Thury (Thurri) war einer der erfolgreichsten Unternehmer seiner Zeit. Er hatte sich noch während des 30-jährigen Krieges und unter der ständig zunehmenden Bedrohung durch die Türken in der von ihnen 1529 zerstörten Siedlung Siechenals niedergelassen. Der kaiserliche Ziegelschaffer verstand es, durch geschickte Werbemaßnahmen seinen Bekanntheitsgrad, ebenso wie den Absatz seiner Produkte zu steigern. Sein Monogramm I.T. auf jedem Ziegel, den er brannte, die "traumhafte" Gründungssage und sein weithin sichtbares Hausschild sind Ausdruck einer durchdachten Strategie. Er belieferte die Neubauten in seiner Umgebung und die Großbaustelle der Servitenkirche in der Rossau. Sein Wappen befindet sich, mit anderen, über dem Kirchenportal. 1656 schenkte er dem Serviten-Orden seine drei Ziegelöfen "sambt Hauss, Stadl, gartten und Erdtgeföhl" auf dem Sporkenbühel. In Thurys 20 Punkte umfassendem Testament werden seine vier Kinder erwähnt. Er besaß außer dem Haus in der Liechtensteinstraße zwei Häuser in der Inneren Stadt, Kärntner Straße 38 und Tiefer Graben 3. Sein Grundbesitz war beachtlich: Wiesen und Weingärten westlich der Nussdorfer Straße, in Währing und in Kaiser-Ebersdorf, in Klosterneuburg auf dem Hengsberg und dem Buchberg. Johann Thury starb 1659 und wurde im Gotteshaus der Serviten bestattet. 1786 kaufte der Magistrat der Stadt Wien die Vorstadt Thurygrund. Außer ihrer Bezeichnung erinnern die des Thury-Hofes und seit 1862 der Thurygasse an den Ziegeleibesitzer. Zuvor hieß sie Flecksiedergasse. Flecksieder verarbeiteten hier den fein geschnittenen Fettdarm des Rindes. Entsprechend riechend, zählte sie zu den ärmsten Gassen der Vorstadt.

Foto: Doris Wolf, 2010; Thurygasse 2 / Liechtensteinstraße 50 / Alserbachstraße 13

Das Haus THURYGASSE 2 / LIECHTENSTEINSTRASSE 50 / ALSERBACHSTRASSE 13 leistet sich den Luxus dreier Hausnummern - und dazu einen Dachausbau. Es wurde 1842 als erstes am damals neu eingewölbten Alsbach errichtet. Das mächtige Haus gleicht einem Vierkanter, in seinem Hof befinden sich Standbilder der Feuer- und Wasserheiligen, des hl. Florian und des hl. Johannes Nepomuk. Bis 1860 war die Volksschule des Thurygrundes darin untergebracht. Das Gebäude wurde volkstümlich auch nach den darin befindlichen Geschäften und ihren Inhabern genannt, wie "Hundhaus" (nach der Drogerie "Zum schwarzen Hund") oder "Artnerhaus" nach einem Kleiderhaus.

Auf dem Thurybrückel über den Alsbach erfolgte der Verkehr von der Inneren Stadt zum Nussdorfer Linientor und auch wechselseitig, bis es nach der Einwölbung des Baches bedeutungslos wurde. Doch noch weiterhin wurde sein Name verwendet. 1908 erhielt ein gewisser Max Thury den Adelstitel "Edler von Thurybrugg", doch war er weder verwandt noch identisch mit dem Gründer der Vorstadt. Nicht edel hingegen war die ansässige Bevölkerung. Schon ihre "Nationalhymne" ließ nichts Gutes erwarten. Sie begann mit den Worten: "Thurybrückler samma ohne Zweifel, ra(u)fen tamma wie die Teufel…" Die Moritat "Am Thury, hint' beim Brunni" schildert die proletarische Rache an einem bürgerlichen Zylinderträger.

Foto: Doris Wolf, 2010; Thurygasse 3

Thurygasse 3 stand das Haus "Beim goldenen Brunn" mit dem Gasthaus "Zum roten Hahn". Seine Besitzer waren Josef und Anna Streim, die Schwiegereltern von Johann Strauß Vater. Johann Strauß und Anna Streim heirateten 1825 in der Lichtentaler Pfarrkirche. Manche Anekdote erzählt von den Aventuren des jungen Musikers, wie die Geschichte vom unfreiwilligen Strauß-Galopp: Während sich der Komponist und sein Freund Josef Lanner im Gasthaus unterhielten, schlief der wartende Fiaker-Kutscher ein. Vor der Abfahrt hatten die beiden Männer mit einem Seil den Wagen am Geschäftszeichen einer nahen Tabaktrafik, der Gipsfigur eines Türken, festgebunden. Als der Kutscher die Pferde antrieb, bewegte sich der Wagen zunächst nicht, dann ging das Geschäftszeichen mit Getöse zu Bruch. Das Haus auf dem nur 300 m² großen Grundstück wurde 1923 abgetragen und erst nach 90 Jahren neu verbaut.

THURYGASSE 4, ein Durchhaus zu Alserbachstraße 15, stürzte im Jahr 1928 zum Teil ein. Durch die Anlage der Alserbachstraße über dem eingewölbten Alsbach lagen manche seiner Fenster in der Höhe des Straßenniveaus. Um Abhilfe zu schaffen, wollte der Besitzer statt der Wohnungen Geschäftslokale einrichten. Bei der Entfernung eines tragenden Pfeilers ereignete sich dann das Unglück. Doch waren außer einigen Leichtverletzten keine Opfer zu beklagen. Der Neubau aus 1932, Alsbach-Hof genannt, verbindet mit seiner Hofanlage den Trakt in der Alserbachstraße mit dem in der Thurygasse. Er ist einer der wenigen privaten Bauten der Zwischenkriegszeit. Markant ist die vertikal abgestufte Fassade.

Thurygasse 9 stand seit 1719 das Geburtshaus des Sängers Jakob Binder. Es hieß "Zum Blumenstock". Binder, der "Lichtentaler Lablache" hatte seinen Spitznamen nach dem italienischen Opernstar Luigi Lablache, der in den 1820er- Jahren mit Gioacchino Rossini in ganz Europa Triumphe feierte und dem man 1825 in Wien eine Medaille widmete. Wie dieser mächtig von Gestalt, war Binders Bass-Stimme gewaltig. Wenn er das Lied "Im tiefen Keller" in ein Glas sang, zerbrach dieses. Zu seinem Repertoire zählten Opernarien und Schubertlieder ebenso wie Gassenhauer. Er wirkte bei mancher "schönen Leich" als Sänger mit, spielte Bassgeige und Orgel. Als Schauspieler war er ein typischer Vertreter der Pawlatschenkomik.

Die Thurygasse endet bei der Marktgasse, wo der Lichtentaler Markt stattfand. Er zog 1880 in die nahe Markthalle um. Da die Marktgasse auch zur Pfarrkirche führt, hieß sie zuvor Kleine Kirchengasse. Ihr Verlauf ist bemerkenswert, da sie um 1700 in gerader Fortsetzung zur Mittelachse des Liechtensteinparks angelegt wurde. MARKTGASSE 1 / ALSERBACHSTRASSE 21 ist das Geburtshaus von Fritz Kortner (eigentlich Fritz Nathan Kohn). In den 1920er- Jahren war er einer der großen Theaterstars im Stil des Expressionismus. Seine größten Erfolge hatte er mit den Titelrollen in Hamlet, Othello und Dantons Tod und dem Shylock in "Der Kaufmann von Venedig". 1947 kehrte er aus der Emigration in Amerika zurück und wurde in den 1950er- Jahren zur Regie-Ikone des deutschen Theaters. In Wien inszenierte Kortner in den 1960er- Jahren am Burgtheater und Theater in der Josefstadt.

Foto: Doris Wolf, 2010; Thury-Hof, Marktgasse 3-7 / Thurygasse 11

Der Thury-Hof ist das Flaggschiff der Gemeindebauten im Bezirk. 1926 gebaut, steht er MARKTGASSE 3-7 / THURYGASSE 11 an Stelle von sieben Kleinhäusern aus dem 18. Jahrhundert. Mit ihm begann unter dem Bürgermeister Karl Seitz, einem gebürtigen Alsergrunder, die Sanierung der einstigen Vorstadt. Die detailreich gestaltete Anlage mit ihren Arkaden, Rundbogenloggien, Zinnenkränzen und Spitzgiebeln entspricht dem romantischen Typus damaliger Gemeindebauten. Die aufwändige Fassadengestaltung und schmiedeeiserne Arbeiten heben ihn von anderen Wohnbauten ab. Der Hof zur Fechtergasse wird durch einen Wandbrunnen von Oskar Thiede ausgeschmückt. Wenngleich die Größen der 107 Wohnungen nur 25, 38 und 48 m² betrugen, bedeuteten sie einen Fortschritt für die verarmten Bewohner Lichtentals. Hier standen ihnen nun Höfe mit Grünbereichen, Kino- und Vortragssaal und ein Kindergarten zur Verfügung. 1940 wurde über den Arkaden in der Marktgasse eine Terrakotta-Plastik des Bildhauers Alfred Crepaz angebracht, die einen Ritter mit Schwert zeigt. Sie gleicht der Gestalt des Rolandbrunnens von Josef Heu im Krankenhaus Lainz (1913). Darunter befindet sich eine Tafel mit dem Spruch "Wir bitten dich Herrgott, laß uns niemals wankend werden und feige sein, laß uns niemals die Pflicht vergessen, die wir übernommen haben" von Adolf Hitler. Während nach Kriegsende dessen Name entfernt wurde, blieben Figur und Spruch erhalten. 2010 erfuhren sie durch die Wiener Künstlerin Maria Theresia Litschauer eine "Transkription": Eine eckige Klammer umschließt Figur und Inschrift. Von dort verläuft ein Betonband 3 m über den Vorplatz des Gemeindebaus zu einer Schrifttafel aus Glas, die eine Dokumentation der Geschichte des Thury-Hofs und seiner jüdischen Bewohner in der NS-Zeit und eine Interpretation der Skulptur trägt.

Thurygasse 13 wohnte der Kupferstichhändler und Verleger Ignaz Eder. Seit fast 100 Jahren war es im Besitz der Familie. Die Häuser, die hier standen, stammten zum Teil noch aus der Zeit vor der Gründung Lichtentals, dementsprechend war ihr Zustand. Die Hausnummer ging im Thury-Hof auf.

Im Haus "Zum weißen Löwen", Marktgasse 7, das ebenfalls an Stelle des Thury-Hofs stand, wurde (Moritz) Michael Daffinger geboren. Als Lehrling der nahen Porzellanfabrik lernte er die Kunst, fein zu malen. Während der Zeit der Besetzung Wiens durch die Franzosen 1809 und später auf dem Wiener Kongress 1814/15 zeigte sich sein Talent als Portraitmaler. Zuerst waren französische Offiziere seine Auftraggeber, dann die Spitzen der Aristokratie und schließlich wohlhabende Bürger, die er "en miniature" abbildete. Nach dem Tod seiner Tochter Mathilde (1841) malte er jedoch nur mehr heimische Blumen. Sein Werk umfasst rund 1.000 Portraits und 200 Blumenbilder.

Foto: Doris Wolf, 2010; Fechtergasse 13-17 / Badgasse 1-7
Foto: Doris Wolf, 2010; Lichtentaler Gasse 7-9 / Wiesengasse 18

Bei der Fechtergasse betreten wir von Süden her das einstige Lichtental. Die Gasse hat ihren Namen von der alten Bezeichnung des Hauses Nr. 17 "Zu den zwei Fechtern". Diese führten Schaukämpfe auf und erhielten dafür Spenden. Heute noch redet man umgangssprachlich von Fechtern, wenn man Bettler meint. Nachfolgebau wurde FECHTERGASSE 13-17 / BADGASSE 1-7 eine 1950-1952 errichtete Wohnhausanlage der Gemeinde Wien mit 118 Wohneinheiten. Sie ist nach dem Tiroler Schriftsteller Karl Schönherr benannt. Sein Portraitrelief und die Inschrifttafel in der Fechtergasse 15 schuf Mario Petrucci 1953. Ein Sgrafitto von Herbert Potuznik (1952) bezieht sich auf das Lichtentaler Bad, das sich in der Badgasse 22 befand, und den Schiffsverkehr auf der Donau.

Die nächste Ecke, LICHTENTALER GASSE 7-9 / WIESENGASSE 18 wird von einem markanten Miethaus mit polygonalem Erker und einem Sgraffito-Fries gebildet. Dieser schildert eine Bären-Fabel.

Der 4.750 m² große Lichtentaler Park konnte nur schrittweise angelegt werden. Die ersten Ankäufe dafür erfolgten 1954, der letzte erst 1970. Nach Absprache des Stadtplaners mit dem Bezirksvorsteher entstand der Park neben der Kirche als Erholungsfläche für die Anrainer. 1967 staunte man über eine Aufschüttung im entstehenden Park aus Erde, Geröll und Scherben. Das Aushubmaterial stammte von einer Baustelle in der Boltzmanngasse und wurde hier zwischengelagert. Richard Pittioni, Vorstand des Instituts für Ur- und Frühgeschichte, ließ diesen "monte testaccio" von seinen Studenten untersuchen. Sie stellten fest, dass es sich um Bruchstücke von Haushaltskeramik aus dem Mittelalter handelte. Möglicherweise stammten sie aus dem 1529 zerstörten Dorf Siechenals. Die Kinder, die sich auf einen Rodelhügel gefreut hatten, wurden allerdings enttäuscht, als man diesen wieder abtransportierte. Da sich die Ankaufsverhandlungen über Jahre erstreckten, entschloss man sich, nach Abbruch eines Althauses sofort mit der gärtnerischen Gestaltung zu beginnen. Schließlich waren 21 Häuser abgetragen worden.

Foto: Doris Wolf, 2010; Lichtentaler Park

1969 schrieb das Amtsblatt der Stadt Wien über das Haus Marktgasse 34: "… zwar leicht ramponiert, dafür umso verträumteres Platzerl, das von der Hektik unseres technisierten Alltags ausgespart bleibt." Die Antwort des darob erbosten Bezirksvorstehers ließ nicht lange auf sich warten. Er schrieb der Redaktion, er wolle in das einst eng verbaute Lichtental, wo sich die Ratten in Scharen tummelten, Licht, Luft und Sonne bringen. Weil sich aber eine Hausbesitzerin bisher beharrlich weigere, ihr nunmehr als Fremdkörper inmitten der Grünanlage stehendes Haus der Gemeinde Wien zu verkaufen, sei es nach drei Jahren Kampf um das Haus nicht gelungen, diesen Schandfleck zu beseitigen. Der Lichtentaler Park wird nun gern von jung und alt angenommen und ist mit großen, schattigen Sitzbereichen unter einer Pergola, Freizeitanlagen wie einem Schachspiel und Kinderspielgeräten ausgestattet. 1.000 m² sind der Hundezone vorbehalten. Als Kirchanger im Süden des Gotteshauses gelegen, wird der Lichtentaler Park im Osten von der Wiesengasse begrenzt. So entsprechen die Grünanlagen wieder der alten Bezeichnung der Vorstadt als "Talwiese". Eine Baumreihe an der Westseite sorgt für soziales Grün.


Foto: Doris Wolf, 2010; Marktgasse 9-11

Die - nun halbseitig freigelegte - Marktgasse zählte mit der Pfarrkirche im Hintergrund zu den beliebtesten Ansichten der Vorstadt, überhaupt dann, wenn dabei Franz Schubert ins Bild kam. Mit ihren trauf- und giebelseitig zur Gasse stehenden Häuschen bildete sie ein malerisch wirkendes Ensemble. Sie waren zwar abgewohnt, hätten aber wohl, wie später am Spittelberg, als Altstadtensemble revitalisiert werden können. Doch in den 1960-er Jahren herrschten andere Prioritäten. MARKTGASSE 9 bis 19 entstanden damals Wohnhäuser der Gemeinde Wien. Gelegentlich wurden ihre Fassaden im Rahmen der Aktion "Kunst am Bau" geschmückt. So bei Marktgasse 9-11, wo zur Erklärung des Gassennamens zwei Reliefs - "Mann mit Gans" und "Öbstlerin mit Butte" - von Gertrude Fronius zu sehen sind.

Auch der schon 1938 errichtete Gemeindebau MARKTGASSE 15-17, ein Durchhaus zur Salzergasse 12, trägt dort über dem Portal ein keramisches Relief. Abgebildet sind der Gründer der Vorstadt, Johann Adam Fürst Liechtenstein samt Wappen und das älteste Haus, flankiert vom Wappen Lichtentals.

Foto: Doris Wolf, 2010; Marktgasse 21-23

Das 1906 erbaute Haus MARKTGASSE 21-23 zeigt religiösen Schmuck. Es gehörte zur Stiftung "Haus der Barmherzigkeit".

Als gelungenes Beispiel privater Revitalisierung kann das denkmalgeschützte Haus MARKTGASSE 25 gelten. Das "Küss-den Pfennig"-Haus gibt es seit 1704, ebenso lange besitzt es die Weinschankgerechtigkeit. Das mehr als 300-jährige Haus erinnert mit seinem Hausnamen an eine Sage, die sich auch an anderen Orten findet: Theophrastus Bombastus Paracelsus war Arzt, Naturforscher und Alchemist. Einmal zahlte er seine Zeche nur mit einer Pfennigmünze. Dies ärgerte den Gastwirt und wütend warf er sie zu Boden. Doch als er sie aufhob, war sie aus purem Gold. Der freudig Überraschte küsste sie und beschloss, das Ereignis auf seinem Hausschild festzuhalten.

Zur Zeit der Genossenschaftsgründungen im 19. Jahrhundert sollte gemeinsamer Einkauf oder Verkauf den einzelnen Mitgliedern Vorteile bringen. In Lichtental entstand 1892 aus der Lebensmittelhandung Kainz & Partik die Erste Wiener Handelsgenossenschaft (Ewihag). Sie hatte ihr Comptoir in der Marktgasse 38 und besaß weitere Lager in ihren Häusern Badgasse 33, Lichtentaler Gasse 10, Salzergasse 14-16 und 32 und Reznicekgasse 22. Alle Genossenschafter, Arbeiter und Angestellten, waren am Gewinn beteiligt.

Foto: Doris Wolf, 2010; Lichtentaler Kirche, Marktgasse 40

Im Schnittpunkt der beiden alten Kirchengassen befindet sich bei MARKTGASSE 40 die Lichtentaler Pfarrkirche "Zu den heiligen 14 Nothelfern". Schon bei der Planung der Vorstadt hatte man einen Platz für sie freigehalten, der aber zunächst der allgemeinen Belustigung diente. Erst 1711 wurde darauf eine Kapelle "Zur hl. Anna" gebaut. Darüber befindet sich heute der Südturm mit dem Steinkruzifix von Joseph Klieber (1827). Zunächst hatte das Gotteshaus nur einen Turm, erst 1827 kam der zweite dazu, die Höhe beträgt 50 m. Da die erste Andachtsstätte der Lichtentaler bald für die Gläubigen zu wenig Platz bot, erlaubte ihnen der Grundherr Johann Adam Fürst Liechtenstein, einen 600 Personen fassenden Raum in seinem Brauhaus für die Gottesdienste zu benutzen. 1712 legte Kaiser Karl VI. den Grundstein zur Lichtentaler Kirche. Die Pläne dürften auf den Hofbaumeister Johann Lukas Hildebrandt und den römischen Architekten Andrea Pozzo zurückgehen, der in der Jesuitenkirche und im Gartenpalais Liechtenstein arbeitete. Seit 1723 Pfarrkirche erfolgte erst 1730 ihre Weihe. Zunächst im Barockstil erbaut, wurde sie 1773 ostwärts im Stil des Klassizismus verlängert.

Foto: Doris Wolf, 2010; Lichtentaler Kirche, Marktgasse 40

Ein typisches Beispiel dafür ist der Hochaltar, den vergoldete Steinfiguren der Apostel Petrus und Paulus von Johann M. Fischer flankieren. Den Hochaltar entwarf der führende Architekt des spätbarocken Klassizismus in Wien, der Hofarchitekt Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg, der auch den Plan der Schönbrunner Gloriette verfasste. Die vorderen Seitenaltarbilder stammten von Franz Anton Maulbertsch, Hochaltarbild ("Die heiligen 14 Nothelfer"), Deckenfresken ("Die sieben Bitten des Vaterunser") und hintere Seitenaltäre (hl. Johann Nepomuk, hl. Franz Xaver) von Franz Zoller. Bei einer Umgestaltung der vorderen Seitenaltäre ersetzte man 1832 und 1841 deren Bilder durch Werke von Leopold Kupelwieser. 2006 erfolgte eine Neugestaltung des Altarraumes samt Volksaltar und Ambo nach Plänen von Johann Traupmann. Unter der Kanzel befindet sich eine Hochwassermarke aus dem Jahr 1830, als die Donau aus den Ufern trat. Ein besonderes Kleinod ist die Taufkapelle mit dem Relief der Taufe Christi. Sie diente durch Jahrzehnte als Abstellraum und wurde auf Initiative des Verfassers 1973 renoviert. Er richtete 1978 im Pfarrhaus das erste Wiener Pfarrmuseum ein, dessen Exponate sich jetzt im Aufgang zum Turm befinden. Glanzstück ist der Original-Spieltisch der Schubert-Orgel. Der Pfarrhof wurde 1763 gebaut und 1898 umgestaltet, wobei die Barockfassade erhalten blieb. Sie kontrastiert mit der Sichtbetonwand der 1975 errichteten gegenüber liegenden Volksschule und dem Jugendzentrum.

Foto: Doris Wolf, 2010; Schubertdenkmal, Marktgasse 29
Foto: Doris Wolf, 2010; Jugendzentrum, Marktgasse 29

Seit 1958 trug man sich mit dem Gedanken, in Lichtental eine moderne Schule zu errichten. Zunächst war der ehemalige Brauhaus-Grund dafür gedacht. Da neue Schulen in nord-südlicher Richtung gebaut werden sollten, hier jedoch Ost-Westlage bestand, kam das Projekt nicht zustande. Durch Ankauf des Hauses Marktgasse 31 ergab sich die Möglichkeit für einen Schulneubau im Zentrum Lichtentals, MARKTGASSE 31-35. Der Turnsaal im ersten Stockwerk ruht auf Pfeilern, die eine Art Aula bilden.

Die Schule und das anschließende Jugendzentrum sind mit Rücksicht auf die Pfarrkirche hakenförmig angelegt. Dadurch entstand vor deren Schauseite ein freier Platz. Dieser war das Ergebnis einer vom Verfasser organisierten Bürgerinitiative, bei der 3.500 Stimmen für eine Grünfläche vor der Kirche abgegeben wurden. Die Mehrheit der Teilnehmer sprach sich für ein Schubert-Denkmal aus. So hat 1975 auf der, kürzlich gärtnerisch neu gestalteten, Grünfläche die von Gustinus Ambrosi geschaffene Büste nach langer Odyssee ihren richtigen Platz gefunden.

Foto: Doris Wolf, 2010; Kindergarten, Marktgasse 44-46

MARKTGASSE 44-46 befindet sich ein Kindertagesheim der Stadt Wien mit Spielplätzen. Angeboten werden eine Kinderkrippe und Kindergartengruppen für Drei- bis Sechsjährige. Das langgestreckte Gebäude steht traufseitig zur Straße. Vier Reliefs von Luise Wolf zieren die Fassade.

Zuvor stand Marktgasse 48 (diese Nummer existiert nicht mehr) das markante Haus "Zum goldenen Einhorn". Es wurde 1709 vom Baumeister Carl Anton Carloni gebaut, war zweistöckig, hatte ein mit Säulengängen gestaltetes Stiegenhaus und ein mächtiges Walmdach, das sich zur Gasse wandte. Der Blick in die Marktgasse mit dem wuchtigen Gebäude gehörte zu den beliebtesten Abbildungen Lichtentals. Volkstümlich-irrtümlich wurde es Maria-Theresien-Schlössel genannt, vielleicht wegen seiner Größe und des Alters. 1924 kam das Haus in den Besitz der Familie Scheimbauer, deren männliche Angehörige in der nahen Pfarrkirche Mesner waren. Als Kuriosum sei erwähnt, dass Albin Mutterer von Matthias IV. Scheimbauer eine Sculpteur-Photographie anfertigte, die den Toten wie lebendig zeigte. --> 6. "Vom Währinger Bach zur Schottenpoint" Matthias VI., wie er sich nannte, war ein Jünger Gutenbergs und bekannter Volkssänger. Von seinem Lied "A Hetz muss sein" gibt es sogar eine Schellack-Schallplatte. Nach seinem Tod erging 1956 die Abbruchbewilligung für das Haus.

Rückblickend in die Marktgasse zeigt sich, dass hier Musiker gelebt haben, von denen etliche über die Vorstadt hinaus bekannt geworden sind. Anton Strohmayer, der beste Gitarrist seiner Zeit und Mitbegründer des Schrammel-Quartetts, wohnte Marktgasse 11. Marktgasse 31 lebte Johann Wilhelm Gangelberger, er leitete ab 1901 sein eigenes Orchester, wurde 1925 Kapellmeister bei Radio Wien und schrieb die populäre Konzertpolka "Mein Teddybär".

Foto: Doris Wolf, 2010; Reznicekgasse 8

Die Marktgasse endet bei der Wagner- heute Reznicekgasse. Emil Nikolaus Reznicek komponierte Opern, Symphonien und Kammermusik. Am bekanntesten ist seine spätromantische Oper "Donna Diana". Die Gasse hieß vor ihrer Umbenennung 1955 nach den Wagnern, die in ihrer Werkstätte Nr. 9 schwere Lastfuhrwerke für das fürstliche Brauhaus bauten. Das Gründerzeit-Zinshaus REZNICEKGASSE 8 wurde um 2010 modernisiert.

Das Brauhaus, offiziell "Hochfürstlich Liechtenstein'sches Brauhaus zu Liechtenthal" (ab 1694) genannt, lag zwischen Liechtenstein- Althanstraße und Reznicekgasse. Johann Adam Fürst von Liechtenstein, der reichste Mann nach dem Kaiser, hatte es etwa gleichzeitig mit seinem Gartenpalais in der Rossau erbauen lassen. Mit dem Betrieb sorgte er, noch vor deren Ansiedlung, für die wirtschaftliche Grundlage der Untertanen in der ab 1699 angelegten Vorstadt Lichtental. Sein Besitz erstreckte sich auf 1 km Länge in Nord-Süd-Richtung zwischen Fechtergasse, Liechtensteinstraße 115, Nussdorfer Straße 68, Rufgasse und Althanstraße. Der von West nach Ost fließende Alsbach halbierte ihn. Im nördlichen Teil, links des Baches wurde die Grundherrschaft Lichtental angelegt, den südlichen Teil rechts davon beherrschten Park und Palais. Das Brauhaus, das den Abschluss des nördlichen Teils bildete, war die Keimzelle der neuen "Pflanzstadt". Die Bierbrauer waren aus Bayern gekommen. Das von ihnen erzeugte dunkle Bier schmeckte, schwach vergoren, weniger bitter als das Wiener Weißbier. Das für die Produktion nötige Wasser kam aus Quellen in Hernals, Währing und Döbling, schließlich sogar als Grundwasser aus der Spittelau. Anfangs produzierte man 147 hl jährlich. Zur Biedermeierzeit, 1837 wurde das Brauhaus mit einem Ausstoß von 38.500 hl als zweitgrößtes von Wien bezeichnet. Während der Wiener Revolution 1848 lagerten 15 Meterzentner Gerste im Brauhaus. Cäsar Messenhauser, Kommandant der Aufständischen, befahl schriftlich: "Das Lichtentaler Bräuhaus in seiner ganzen Ausdehnung darf in keinem erdenklichen Falle zum Verteidigungs-Objekt gemacht werden, weil vieles Eigenthum und das Schicksal der dortigen Vorstadt auf dem Spiele steht." Die Aufwertung der Beschäftigten mit ihren Berufsbezeichnungen erfolgte ein Jahr zuvor. In einer Kundmachung der Wiener Bierbrauer-Innung hieß es: "Nachdem es nun nicht mehr zeitgemäß ist, den erniedrigenden Ausdruck Brauknecht … fort bestehen zu lassen … werden von nun an eingeführt: Anstatt Pfannenknecht - Brauführer, Haufenknecht - Obermälzer, Kellerknecht - Gährführer, Pfannenknechtsknecht - Biersieder, Haufenknechtsknecht - Untermälzer, Kellerknechtsknecht - Kellergehilfe, Sommerknecht - Maischer, Binderknecht - Unterbinder , Branntweinersknecht - Branntweinergehilfe, Brauknecht - Braugeselle. Wien am 8. Juli 1847" . In Lichtental braute man die Sorten Abzug, Kaltbier, Steyerisches, Lager und Sommerlager. Im "Gstettn Würths Haus", später Biersalon "Zur grünen Linde", Liechtensteinstraße 117, erfolgte deren Ausschank, die Auslieferung in ganz Wien und Umgebung. Sowohl hier, als auch im heutigen Sternwartepark in Währing gab es große Bierkeller. 1875 erreichte die Produktion ihre Spitze mit 81.000 hl. 1877, im Jahr der Schließung, wurden nur noch 26.310 hl erzeugt. Zum Vergleich: der Schwechater Anton Dreher, der mit modernster Technik, wie Dampfmaschine und Kühlhaus arbeitete, produzierte 1837 nur 15.000 hl, 1877 allerdings bereits 270.000 hl.

Foto: Doris Wolf, 2010; Reznicekgasse 12 bis 16

Das Brauhaus besaß eine Fläche von drei Fußballfeldern. Nach der Parzellierung für 29 Zinshäuser und der Anlage der Newaldgasse 1898 blieben in der Mitte des Areals noch das Gebäude der Trockenböden für Gerste und die Mälzerei stehen und dienten bis 1954 als Lager der Bundeskammer der gewerblichen Wirtschaft. Solid gebaut, wurde ein Teil des ältesten Hauses Lichtentals beim Neubau des Juridicums der Wirtschaftsuniversität in dieses integriert.

Drei aus dem Beginn des 18. Jahrhunderts stammenden Häuser in der REZNICEKGASSE 12 "Zur Elster", REZNICEKGASSE 14 "Zur goldenen Kugel" und REZNICEKGASSE 16 / WIESENGASSE 29 "Zu den drei Hasen" bilden ein historisches Ensemble.

Ein Gemeindebau erstreckt sich von REZNICEKGASSE 18 bis 22 / WIESENGASSE 38 / BADGASSE 33. Er ist ein "Überläufer" vom Ständestaat zum Dritten Reich. Auf drei Stiegen fanden 57 Wohnungen Platz. Geplant wurde er vom Architekten des Karl-Marx-Hofes, Karl Ehn. Er zeigt mit seinen Portalen die Handschrift des Architekten. Sie gleichen in ihrem Duktus seinem Paradeobjekt in Döbling. Ehn baute 2.716 Wohnungen für die Gemeinde Wien.

Foto: Doris Wolf, 2010; Badgasse 29

Von Wohnbauten der Gemeinde Wien umgeben, standen bis 9. Mai 2014 zwei Alt-Wiener Häuser in der BADGASSE 27 und 29. Ihre Hauszeichen "Zum Blumenstock" und "Zur hl. Anna" erinnerten an die Zeit ihrer Erbauung, 1722 und 1716. In der Nähe BADGASSE 23 und 31 bieten die renovierten Jugendstilfassaden noch einen erfreulichen Anblick.

Der Erstbesitzer von BADGASSE 29 hieß Martin Hauer. Seine zweite Frau führte den Vornamen Anna und wurde so zur Patin des Hausschildes. Dieses Haus war in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. 1801 erwarb es der "Bierwürth" Johann Lochner, der als Narrendattel in ganz Wien bekannt war. Er verstand es, seine Gäste mit derben Späßen zu unterhalten. Sogar Literaten haben ihm damals in ihren Stücken ein Denkmal gesetzt. Ferdinand Raimund würdigte ihn in "Die gefesselte Phantasie", ebenso Joachim Perinet in "Die Zusammenkunft beim Narrendattel". Die kritischen Schriftsteller Joseph Richter und Franz Xaver Gewey widmeten ihm in den "Briefen eines Eipeldauers" ihre Aufmerksamkeit. Als sie persönlich einen Lokal-Augenschein vornahmen, wurden sie sofort mit der ausgesuchten Un-Höflichkeit Lochners konfrontiert. Zur Begrüßung hatte er schon seinen Spruch bereit: "Na, ist denn nirgends a Bratl zu haben als da bei mir?" Die Art, seine Gäste mit Grobheiten zu unterhalten, brachte ihn mehrfach mit der Polizei in Konflikt, da er die Grenze des damals Erlaubten nur zu oft überschritten hatte. Lochner starb mit 64 Jahren und sogar sein Begräbnis im Jahre 1819 verlief nicht ohne Spektakel. Der Name Narrendattel lebt noch heute im Volksmund weiter. Das 135 m² kleine Haus steht mit seinem Gärtchen, der "Hühnersteige", auf einem Grundstück von nur 278 m², dennoch war es als Vereinslokal beliebt. 1890 etablierte sich darin der Lichtentaler Männergesangsverein, 1902 besaß der Allgemeine Arbeiter- und Arbeiterinnen-Bildungsverein Alsergrund da seinen Bildungsort. Ein Stammgast war Josef Danilowatz, der Sohn eines serbischen Friseurs in der Althanstraße. Er wuchs im Dunstkreis des Franz-Josefs-Bahnhofs auf. Schon als Kind nahmen ihn die Lokomotivführer auf ihren Fahrten nach Tulln mit. Dies weckte sein Talent als Grafiker technischer Anlagen. Bekannt ist seine Darstellung des winterlichen Franz-Josefs-Bahnhof, die in allen Schulen als Unterrichtsbehelf hing. Beim "Narrendattel" malte der Künstler Bilder von Eisenbahnen und Kriegsschiffen der k.u.k. Marine an die Wände. Zwar wurde 1995 der Gastwirtschaft die Betriebsbewilligung entzogen, doch verstanden es die Besitzer, dank Unterstützung durch den Bezirksvorsteher und Bürgermeister - vorerst - ein Veto dagegen zu erreichen. Mit dem Abbruch im Mai 2014 wurde auch das Wandbild vernichtet.

Die Badgasse schwenkt mit ihren letzten Häusern zur Althanstraße ab. Diese führt ihren Namen nach dem einstigen Grundherrn Christoph Johann Graf Althan, Obriststallmeister und Landjägermeister des Kaisers. Auf dem 1685 erworbenen Grundstück ließ er 1693 nach Plänen von Johann Bernhard Fischer von Erlach ein Palais erbauen. Vom ovalen Kern gingen vier Seitentrakte aus. Durch den Ehrenhof, der gegen den heutigen Julius-Tandler-Platz zu lag, gelangte man über eine Freitreppe in das Palais. Sein Sohn Gundacker Graf Althan verkaufte den geerbten Besitz 1713 samt der kleinen Vorstadt der Stadt Wien. Das Palais stand leer, erst 1754 erwarb es ein Handelsmann, um auf dem Besitz eine Baumwollspinnerei einzurichten. Das Althanpalais wurde 1869 abgerissen, um für den Bau des Franz-Josefs-Bahnhofs Platz zu schaffen. Ihm musste auch eine mächtige Platane weichen, in deren Schatten einst hundert Personen Platz gefunden hatten.

Althanstraße 39 stand 1777 bis 1961 das kleinste Haus von Lichtental. Eng an die Mauer des fürstlichen Brauhauses geschmiegt, maß es 147 m². Seine Erbauung verdankte es der Tepserischen Schulstiftung. Sein Gründer, Johann Josef Tepser war der Sohn des Wiener Bürgermeisters Jakob Daniel Tepser, in dessen Amtszeit der Linienwall gebaut wurde. Tepser senior erwarb ein beträchtliches Vermögen, u.a. einen Teil des Harrach’schen Gartens auf der Rossauer Lände 41-43, der mit Springbrunnen eine Attraktion seiner Zeit darstellte. Erbe war der Sohn, der als Wohltäter Stiftungen und Schenkungen veranlasste. So verfügte er in seinem Testament, für 80 arme Kinder aus den Vorstädten Schulgeld und Lehrmittel zu bezahlen. Die Tepserische Armenschule, Althanstraße 39, bestand von 1777 bis 1860. In zwei Zimmern fand der Unterricht für Knaben und Mädchen statt. Ein Lehrer und ein Schulgehilfe nahmen sich der Knaben an, eine Lehrerin unterwies die Mädchen in Handarbeiten. Der Lichtentaler Pfarrer verwaltete das Stiftungsvermögen. Später hatten Gewerbetreibende in dem kleinen Haus ihre Geschäfte.

Foto: Doris Wolf, 2010; Juridicum, Badgasse 37

Nun erhebt sich an Stelle der Armenschule der Ergänzungsbau der Wirtschaftsuniversität. Vor deren Juridicum, BADGASSE 37, hat Maitre Leherb (eigentlich Helmut Leherbauer) das Kunstwerk "Eine Tür für Eurydike" errichtet. Er meinte dazu: "Ich lasse eine Frauengestalt durch ein Marmortürblatt schreiten, quasi nach abgeschlossenem Studium in einen neuen Lebensabschnitt treten."

1870 verschwanden zwölf Häuser an der rechten Seite der Althanstraße für den Bau des Franz-Josefs-Bahnhofs. Das Universitätszentrum Althanstraße, das sich über seinen Gleisanlagen befindet, wurde 1976-1982 nach den Plänen des Architekturbüros Kurt Hlaweniczka erbaut. Seit dieser Überplattung befinden sich in der ALTHANSTRASSE 14 die Fakultät für Chemie und die Fakultät für Lebenswissenschaften. Diese ist eine von fünf Folgefakultäten der Fakultät für Naturwissenschaft und Mathematik. Lebenswissenschaften (Life Sciences) bedeutet Forschung an und über Lebewesen, "vom Mikroorganismus bis zum Menschen".

Foto: Doris Wolf, 2012; Blick auf das Universitätsgelände

Das Areal des Franz-Josefs-Bahnhofs wird in den nächsten Jahren Veränderungen erfahren: die Wirtschaftsuniversität soll 2013 in den 2. Bezirk übersiedeln. Die von der Universität Wien genutzten Gebäude sind zum Teil sanierungsbedürftig, für einzelne Bauteile laufen mittelfristig Nutzungs- und Mietverträge aus, der Frachtenbahnhof wird nur noch teilweise genützt. Damit ergeben sich Entwicklungsmöglichkeiten einer städtebaulichen Neuordnung des 240.000 m² großen Areals. Die Varianten reichten von gemischter Nutzung bis Abriss und Neubau. Ein Bürgerbeteilungsverfahren soll in die neue Stadtplanung einfließen.



Foto: Doris Wolf, 2010; Lichtentaler Gasse 22
ALTHANSTRASSE 15 / LICHTENTALER GASSE 22 / BADGASSE 8 wurde über dem Eingangstor in der Lichtentaler Gasse das Hauszeichen des Vorgängerbaues eingemauert. Mit dem Titel "Zur heiligen Dreifaltigkeit" zeigt es die Darstellung des Gnadenstuhles. Das Haus war eines der größten des Grundes. 1803 kam es in den Besitz der Seidenfabrikantenfamilie Grob, zwischen der und Familie Schubert Taufpatenschaften bestanden. Therese Grob war die Jugendliebe von Franz Schubert, die er wegen seines geringen Einkommens nicht heiraten konnte. --> 7. "Auf dem Schubertgrund" 1841 kaufte der Bäckermeister Georg Schaffner das Haus, 1913 baute die Familie den "Schaffner-Hof" neu.

Althanstraße 41 hatte den Hausnamen "Bei Maria zum guten Rat". So lautet die Bezeichnung eines römischen Gnadenbildes (Madonna del Buon Consiglio in Genazzano), das auf ein Fresko aus dem 14. Jahrhundert zurückgeht. In der Barockzeit förderten besonders Augustiner die Verehrung und verbreiteten in ganz Europa 70.000 Andachtsbilder. Auch in Wien befinden sich Kopien der Madonna in der Schottenkirche, Wien 1, in der Rochuskirche, Wien 3 und in der Altmannsdorfer Pfarrkirche, Wien 12. Am 26. April wurde ein Fest "Maria zum guten Rat" gefeiert. Die Lichtentaler fanden aber ihre eigene Auslegung für den Hausnamen: Die Tochter eines reichen Gschirrntreibers wollte nur einen Adeligen heiraten. Eines Tages spielten ihr die Lichtentaler Burschen einen Streich. Sie liehen einen noblen Wagen aus und einer verkleidete sich als Graf. Doch bald flog der Schwindel auf. Zum Schaden gesellte sich der Spott und die Enttäuschte suchte Trost und Rat bei der Muttergottes.

Die Ecke von der ALTHANSTRASSE 49 über die NEWALDGASSE 2 bis zur MARKTGASSE 62 wird von einem Gemeindebau eingenommen. 1985 errichtet, steht er an Stelle des Werkstatthauses von Alexander Nehr. Aus Ungarn stammend, schuf der bekannte Kunstschlosser 1892 in der Werkstatt des Schlossermeisters Ludwig Wilhelm (Hahngasse 8-10) seinen "Gerrl" (Kerl), wie er den Wiener Rathausmann nannte. Außerdem waren schmiedeeiserne Tore seine Spezialität, zwei davon befinden sich im Bezirksmuseum Alsergrund.

Foto: Doris Wolf, 2010; Kolpinghaus, Althanstraße 51

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts herrschte rege Bautätigkeit auf den Brauhausgründen des Fürsten Liechtenstein. Sein Hofkaplan Josef Ellinger war der Gründungspräses des Katholischen Gesellenvereins Abteilung Alsergrund. Es gelang ihm, vom Fürsten eine Schenkung von zwei Grundstücken für den Bau eines Gesellenhauses, ALTHANSTRASSE 51 / NEWALDGASSE 5, und eines Wohnhauses, Liechtensteinstraße 100, zu erhalten. 1897 erfolgte deren Einweihung durch Kardinal Anton Josef Gruscha. Der Fürsterzbischof war ein Pionier der katholischen Arbeitervereine. Das Gesellenhaus besaß Freizeiteinrichtungen vom Schießkeller bis zum Theatersaal und von der Kegelbahn bis zum Billardzimmer. Es gab Betätigungsmöglichkeiten in zwei Musikkapellen und einer Theatergruppe. Ein Restaurant samt Küche sorgte für das leibliche Wohl der "G'sölln", für das geistige stand - last but not least - die Anstaltskapelle zur Verfügung. 1938 wurde das Vereinshaus, ein Jahr später auch das Wohnhaus beschlagnahmt. 13 Jahre danach kam es zur offiziellen Rückstellung. 1966 erfolgte die Grundbuchseintragung der Kolpingsfamilie. 1974 begann die zweijährige Renovierung mit dem Facelifting und der großen Glaswand an der Südseite. Adolph Kolping war zunächst Schuhmacher, dann Theologe und wurde 1991 selig gesprochen. Er wollte den wandernden Gesellen, deren soziale Probleme er persönlich kennengelernt hatte, Heimat und Orientierung geben. 1846 gründete der "Gesellenvater" in Deutschland den ersten katholischen Gesellenverein, dem viele weitere folgen sollten. Das Kolpinghaus Wien 9 bietet 123 Bewohnern Platz in Ein- bis Vierbettzimmern. Mehrere Säle stehen für Veranstaltungen zur Verfügung.

Foto: Doris Wolf, 2010; Josef-Ludwig-Wolf-Park
Foto: Doris Wolf, 2010; Wirtschaftsuniversität, Augasse 2-6

Wenn wir die Althanstraße überqueren, betreten wir eine kleine Grünanlage, die seit 1996 Josef-Ludwig-Wolf-Park heißt. Der Buchdrucker Josef Ludwig Wolf war Heimatforscher und Dialektdichter. Die Gedichtsammlung "Drunt in Liechtenthal" erschien erstmals 1946. Seine Lieblingsrose "Gloria Dei" ("Peace") schmückte die von Straßenbahngleisen eingekreiste Anlage. An ihrer Nordwestecke befindet sich ein Einstieg in den kanalisierten Währinger Bach.

Vom "Dreiländereck" der einstigen Vorstädte Lichtental, Althangrund und Thurygrund gehen wir in der Augasse aufwärts zum Liechtenwerder Platz. Mit dem Bau der Wirtschaftsuniversität (1975), AUGASSE 2-6, hat sich ihr Aussehen verändert. Der einst wenig frequentierte Spittelauer Weg wurde 1983 verbreitert und die Straßenbahngleise der Linie D von der Liechtensteinstraße hierher verlegt. Gleichzeitig hat man die Gleisschleife Ecke Liechtensteinstraße und Newaldgasse aufgelassen und um den neu gestalteten Josef-Ludwig-Wolf-Park verlegt. Auch an die Autofahrer und ihre Parkplatzsorgen wurde gedacht, die Garage der Wirtschaftsuniversität bietet Platz für 400 PKW.

Foto: Doris Wolf, 2010; Augasse 3
Foto: Doris Wolf, 2010; Augasse 17

In der Augasse hatte die Pfarre Lichtental ihre Sozialeinrichtungen. Augasse 1 waren die Kinderbewahranstalt und die Organisation "Frohe Kindheit" mit einem Kindergarten untergebracht. Augasse 3 hatten die St. Georgs-Pfadfinder ihr Heim. Augasse 5 befand sich das Josephswerk der Familienfürsorge. Augasse 7 hatten die katholischen Frauenverbände ihren Sitz. 1938 mussten diese Gebäude, die aus dem 19. Jahrhundert stammten, der Caritas übergeben werden, die sie 1939 verkaufte.

Zu den Waren, die mit der Franz-Josefs-Bahn nach Wien gebracht und im „böhmischen Bahnhof“ entladen wurden, zählte auch Bier. So etablierte sich Augasse 11 das Budweiser Bierdepot und Augasse 15 jenes der Brauerei Dreher. Lagerhallen prägten das Bild. Auch hier hat sich die Vedute stark verändert. Augasse 15 entstand das 4-Sterne Hotel Alexander mit 54 Gäste-Zimmern. AUGASSE 17 befindet sich die Figur eines Adler über der Einfahrt.

Foto: Doris Wolf, 2010; Josef-Holaubek-Platz

Gingkobäume bilden entlang des 1982 fertig gestellten Universitätszentrums eine Allee, der wir nun bis zum Liechtenwerder Platz folgen. Heute vom Straßenverkehr umbraust, war der Verkehrsknoten schon Ende des 19. Jahrhunderts von Bedeutung. Hier befand sich der Umsteigeplatz für Tramwaypassagiere, die nach Nussdorf fahren wollten. Die Waggons wurden umrangiert und statt der beiden Zugpferde ein Dampfross vorgespannt. Dieser Mixtebetrieb war nötig, weil nur außerhalb der einstigen Vorstädte der Dampfbetrieb der Tramway erlaubt war.

Ein Jahrhundert später gehen wir über den Josef-Holaubek-Platz zur U-BAHN-STATION SPITTELAU, um mit dem "Silberpfeil" oder einem ULF-Niederflurzug rasch weitere Ziele zu erreichen.




Personendaten:
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Althan, Christoph J. (1633-1706), Graf; Althan, Gundacker (1665-1747) , Graf; Ambrosi, Gustinus (1893-1975), Bildhauer; Behm, Joseph (1875-1850), General; Bem, Franz (1872-1930), Musiker; Binder, Jakob (1816-1881), Sänger; Chalousch, Johann (1883-1957), Architekt; Crepaz, Alfred (1904-1999), Bildhauer; Danilowatz, Josef (1877-1945), Maler; Doderer, Heimito von(1896-1966), Schriftsteller; Eder, Joseph (1760-1835), Unternehmer; Ellinger, Josef (1861-1938), Priester; Ehn, Karl (1884-1959), Architekt; Eichendorff, Johann (1788-1857), Schriftsteller; Fahrbach Philipp jun. (1843-1894) , Musiker; Fahrbach, Philipp sen. (1815-1885), Musiker; Fischer von Erlach, Johann B. (1656-1723) , Architekt; Fischer, Johann M. (1740-1820), Bildhauer; Franz Joseph (1830-1916), Kaiser; Gall, Matthias (1893-1944); Politiker; Gangelberger, Wilhelm (1876-1938), Musiker; Gauermann, Carl (1804-1829), Maler; Gauermann, Friedrich (1807-1862), Maler; Gauermann, Jakob (1773-1843), Maler; Gewey, Franz X., (1764-1819), Schriftsteller; Gräf, Heinrich (1877-1943), Techniker; Gräf, Karl (1871-1939), Techniker; Gran, Daniel (1694-1757), Maler; Grob, Heinrich (+ 1804), Unternehmer; Grob, Therese (1798-1875), Sängerin; Gruscha, Anton J. (1820-1911), Priester; Hetzendorf-Hohenberg, Ferdinand (1732-1816), Architekt; Heu, Josef (1876-1952), Bildhauer; Hildebrandt, Johann L. (1668-1745), Architekt; Hitler, Adolf (1889-1934), Politiker; Jungwirth, Josef (1859-1950), Maler; Karl VI. (1685-1740), Kaiser; Kell, Amalie (1860-1931), Wirtin; Kell, Leopold (1879-1944), Wirt; Klieber, Joseph (1773-1850), Bildhauer; Kollmann, Josef (1868-1951), Politiker; Kolping, Adolph (1813-1865), Priester; Kortner, Fritz (1892-1970), Schauspieler; Kupelwieser, Leopold (1796-1862), Maler; Lablache, Luigi (1794-1858), Sänger; Lanner, Josef (1801-1843), Musiker; Leherb(auer), Helmut (1933-1997), Maler; Liechtenstein, Johann Adam (1657-1712), Fürst; Lochner, Johann (1755-1819), Wirt; Lorenz, Ambros (1721-1781), Priester; Lueger, Karl (1844-1910), Politiker; Maulbertsch, Franz A. (1724-1796), Maler; Messenhauser, Cäsar (1813-1848), Offizier; Mitterhofer, Peter (1822-1893), Erfinder; Moser, Joseph (1779-1836), Apotheker; Moser, Matthias (1740-1809), Apotheker; Mutterer, Albin (1806-1873), Fotograf; Nagel, Joseph A. (1711-1804), Kartograph; Nehr, Alexander, (1855-1928), Unternehmer; Perinet, Joachim (1763-1816), Dichter; Petrucci, Mario (1893-1972), Bildhauer; Pittioni, Richard (1906-1985), Wissenschaftler; Potuznik, Heribert (1910-1984), Maler; Pozzo, Andrea (1642-1709), Architekt; Raimund, Ferdinand (1790-1836), Dichter; Reznicek, Emil N. (1860-1945), Komponist; Richter, Joseph (1749-1813), Schriftsteller; Rossini, Gioachino (1792-1868), Musiker; Scheimbauer, Matthias (1875-1956), Sänger Schönherr, Karl (1867-1943), Schriftsteller; Schopper, Heinrich (1881-1952), Architekt; Schubert, Franz (1797-1828), Komponist; Seitz, Karl (1869-1950), Politiker; Strauß, Johann sen. (1804-1849), Musiker; Streim, Anna (1775-1863), Wirtin; Streim, Josef (1772-1837), Wirt; Strohmayer, Anton (1848-1937), Musiker; Tepser, Jakob D., (1653.1711), Bürgermeister; Tepser, Johann J. (1690 - 1761), Wohltäter; Thiede, Oskar (1879-1961), Bildhauer; Thury, Johann (+ 1659), Unternehmer; Viriot, Lothar (1752-1857), Wohltäter; Werle, Johann G. (1668-1727), Maler; Wolf, Josef L. (1896-1961), Buchdrucker; Zieher, Carl M. (1843-1922), Musiker; Zoller, Franz (1726-1778), Maler.

© Text: Prof. Ing. Alfred Wolf, Wien (2010), aktualisiert von Helga Maria Wolf (2012), Fotos: Doris Wolf. Nachdruck nur mit Genehmigung der Autoren