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Alfred Wolf: #

9 Wege im 9.#

1. ÜBER-BLICK VON DER U-BAHN #

Der 9. Wiener Gemeindebezirk ist als einziger von U-Bahn-Linien fast zur Gänze eingekreist. Auf einer Strecke von 5.027 m befinden sich neun Stationen von drei Linien: Alser Straße - Michelbeuern-AKH - Währinger Straße-Volksoper - Nussdorfer Straße - Spittelau - Friedensbrücke - Rossauer Lände - Schottenring - Schottentor-Universität.

Foto: Doris Wolf, 2010; Stadtbahnstation Alser Straße

1892 wurde das Stadtbahngesetz erlassen. Es sollte durch den Bau einer innerstädtischen Verkehrsverbindung in der k.u.k. Haupt- und Residenzstadt mit ihren 1,7 Millionen Einwohnern die Verkehrsbedingungen verbessern, als noch Stellwagen, Pferdetramway und Fiaker den öffentlichen Verkehr dominierten. Damals beteiligte sich Otto Wagner am Wettbewerb für den Stadtentwicklungsplan. Sein Entwurf "Artis sola domina necessitas" ("Etwas Unpraktisches kann nicht schön sein") gewann einen der beiden ersten Preise und prädestinierte den Architekten für das Stadtbahnprojekt. Im Mai 1894 erhielt er den Auftrag für die Gestaltung, der nicht nur den Unterbau und die Hochbauten (Stützmauern, Brücken, Tunnelportale, Viadukte, Stationen) umfasste, sondern auch alle Geländer, Gitter, Tore, Möbel, Beleuchtungsköper etc. für Gürtellinie, Vorortelinie, Wientallinie, Donaukanallinie und (die nicht realisierte) Donaustadtlinie. Damit war ein Vorprojekt vom Tisch, das die Stadtbahnanlagen in gotischen Formen mit durchlaufendem Zinnenkranz vorgesehen hatte. Wagner argumentierte, dass sie moderne Menschen frequentieren sollten "und es weder Sitte ist, mit nackten Beinen im antiken Triumphwagen am Parlamente vorzufahren, noch mit geschlitztem Wamse sich der Kirche oder einem Rathause zu nähern." Für die Stadtbahn passend sei vielmehr "ein Nutzstil, bei dem der Architekt in seiner Doppelstellung als Künstler und Bautechniker den letzteren stark in den Vordergrund wird stellen müssen." Die Stadtbahn sollte ein Werk aus einem Guss sein, sodass Wien damit über ein einzigartiges Gesamtkunstwerk verfügt. Ein wesentliches Element sind die Geländer entlang der Strecken.

Foto: Doris Wolf, 2010

1898 nahm die Gürtellinie den Betrieb auf, 1901 die in Etappen gebaute Donaukanal-Wiental-Linie. Beide verbanden die Bahnhöfe Heiligenstadt und Hütteldorf. Kritiker meinten, dass die Linienführung für den Personenverkehr nicht ideal wäre, denn dieser verlief im Gegensatz dazu konzentrisch. Doch waren die Überlegungen des k. u. k. Kriegsministeriums entscheidend, um rasch Truppenverschiebungen zwischen den Fernbahnhöfen zu ermöglichen. Die von den Militärs geforderte massive Bauweise der Strecke und die hohe Belastbarkeit der Brücken kam Jahrzehnte später der Umstellung auf den U-Bahn-Betrieb entgegen. Die Stadtbahn, auf deren Trassen nun die U4 und die U6 fahren, wurde mit Dampflokomotiven betrieben. Erst nach der Übernahme durch die Gemeinde Wien (1924) erfolgte die Elektrifizierung.

1968 wurde das Grundnetz der U1, U2 und U4 im Gemeinderat beschlossen und vom Verkehrsministerium konzessioniert. Die Ausschreibung des Jahres 1969 bestimmte, dass der U-Bahn-Bau mit Rücksicht auf Otto Wagners Stadtbahn-Architektur in Angriff zu nehmen sei. Aus der Wiental- und Donaukanal-Linie sollte die U4 werden. Der 1970 durchgeführte Wettbewerb ergab zwei zweite Preise. Die Verfasser der prämiierten Projekte, die Architekten Holzbauer, Marschalek, Ladstätter und Gantar, schlossen sich zur Architektengruppe U-Bahn (AGU) zusammen und wurden mit der Gestaltung des Aus- und Umbaus für die Stationen der Linien U1 und U4 beauftragt.

Foto: Doris Wolf, 2010; U-Bahn-Station Friedensbrücke

1976 begann der Probebetrieb für die U4 im 9. Bezirk. Meist zu nächtlicher Stunde fuhren geheimnisvoll die ersten "Silberpfeile" auf der Strecke Heiligenstadt - Friedensbrücke. Zwei Jahre später konnte man öffentlich fahren. Bald darauf wurde diese Strecke bis zum Schottenring verlängert und schließlich 1981 bis nach Hütteldorf geführt. 1978 ging als U-Bahn-Jahr in die Stadtgeschichte ein, als die U1 und die U4 ihren erweiterten Betrieb aufnahmen. Entlang der Grenzen des Alsergrundes verkehren nun drei U-Bahn-Linien: Die lila U2, die grüne U4 und die braune U6. Das Projekt der blauen U5 (Hernals - Alser Straße - Landesgericht - Schottentor - Schottenring - Taborstraße - Praterstern - Ausstellungsstraße - Stadion - Stadlauer Brücke), die den Ring um den Bezirk geschlossen hätte, wurde noch nicht realisiert.


2011 sind die U-Bahnen das Rückgrat des öffentlichen Verkehrs in Wien: 534,4 von 838,7 Millionen Passagieren benutzen sie alljährlich: 115 Millionen die U1, 50 Millionen die U2, 102 Millionen die U3, 118 Millionen die U4. Spitzenreiter ist die U6 mit 125 Millionen Fahrgästen jährlich, das sind 350.000 täglich. In Spitzenzeiten verkehren die 848 U-Bahn-Züge in Intervallen von 2 ½ Minuten.

Foto: Doris Wolf, 2010; U-Bahn-Station Alser Straße

Unsere Rundreise mit der U6 beginnt bei der STATION ALSER STRASSE. Sie ist, wie alle 1895-97 erbauten Hochbahnstationen, als Torbau konzipiert, an den die Stadtbahnviadukte und -brücken harmonisch anschließen. Diese Stationen erinnern an Stadttore und die langen, auf Viadukten und Brücken geführten Abschnitte an Stadtmauern. Wagner bezeichnete den Stil seiner ersten Schaffensperiode als "eine gewisse freie Renaissance". Diese schien ihm für gegenwärtige Bedürfnisse am brauchbarsten, wenn sie lokal gefärbt sei und moderne Materialien und Konstruktionsmethoden berücksichtige. Ebenerdig befinden sich das große, von beiden Straßenseiten erreichbare Vestibül mit Kassen, Nebenräumen und Aufgängen zu den für jede Fahrtrichtung getrennt angelegten Perrons. Die Treppen bestehen aus den 40 cm breiten, 14 cm hohen "typischen, unübertrefflich bequemen Wagner'schen Stufen, über die man mehr schwebt als geht" (Inge Podbrecky).

An ihrer nördlichen Schmalseite trug die Station die Hausnummer "Lazarettgasse 45" . Die unscheinbare Zinkgusstafel wies hier, am eingewölbten Alsbach, nicht nur auf die darüber angelegte Gasse, sondern auch mit ihrem Namen auf die Bedeutung als Heilsbereich seit 1298. Am Eingang zum Bezirk erinnert eine veränderte Gedenktafel an die Eröffnung durch den Kaiser. Wir beginnen auf der Berg- und Talbahn genannten Strecke unsere Reise.

Auf der etwa 2 km langen Fahrt oberhalb des Währinger Gürtels stören weder Mauern noch Tunnels unseren Blick. Gleich nach Verlassen der Station sehen wir auf den Zimmermannplatz hinab. --> 2. "Im Klinikviertel"

Foto: Doris Wolf, 2010; Stadtbahnstation Alser Straße

Die Station Alser Straße liegt im Gebiet der ehemaligen Alservorstadt. Wie der ganze 9. Bezirk und die Straße verdankt die Gegend ihren Namen der Als. Der Alsbach, oder kurz die Als, entspringt im Wienerwald westlich von Dornbach und misst 10.552 m, davon 2.213 m im 9. Bezirk. 1044 erstmals urkundlich erwähnt, wird sein Name aus der indogermanischen Wurzel *el-/*ol- "fließen, strömen" abgeleitet. Der Bach floss entlang der heutigen Neuwaldegger Straße, Alszeile, Richthausenstraße, Rötzergasse, Jörgerstraße, Alser Straße, Lazarettgasse, Arne-Karlsson-Park, Nussdorfer Straße und ab der Markthalle (Alserbachstraße) gemeinsam mit dem Währinger Bach zum Donaukanal. Aus hygienischen Gründen und wegen ständiger Überschwemmungsgefahr erfolgte 1840-1846 seine Einwölbung. Aus "Alservorstadt" wurde mundartlich "Alstervorstadt". Da die Volksetymologie "Alster" mit "Elster" gleichsetzte, zierte das Bild des auf einem Baum sitzenden Vogels das Gemeindewappen. Die mit 917.300 m² größte der sieben Vorstädte, die den Alsergrund bilden, musste 1862 an der linken Seite der Alser Straße und dahinter 154 Häuser an die Josefstadt abtreten. Die Grenzen der Alservorstadt sind seither Lazarettgasse, Zimmermanngasse, Kinderspitalgasse, Alser Straße, Universitätsstraße, Maria-Theresien-Straße, Liechtensteinstraße, Alserbachstraße, Nussdorfer Straße und Spitalgasse. Die mittelalterliche Siedlung beim Schottentor, die als einzige vor der Stadt durch zwei Mauern geschützt war, verdankte dieser Besonderheit ihre Bezeichnung "vorstat zwischen die zweyen mauren". Die Bachufer-Siedlung Siechenals war nach Zerstörung bei der Ersten Türkenbelagerung (1529) verödet, bis zur Zweiten (1683) entwickelte sich nur eine Streusiedlung. Um 1700 setzte auf den Schottenäckern bei der Alser Straße die Verbauung ein. Unter Kaiser Joseph II. entstanden humanitäre Einrichtungen wie das (alte) Allgemeine Krankenhaus und das Josephinum.

Foto: Doris Wolf, 2010; U-Bahn-Station Michelbeuern-AKH

Schon nach 517 m erreichen wir die STATION MICHELBEUERN-AKH. Sie ist eine der neuen U-Bahn- und zugleich die älteste der Stadtbahn-Stationen. Kaiser Franz Joseph eröffnete die Wiener Stadtbahn am 9. Mai 1898. Der Festakt fand im Bahnhof Michelbeuern statt, wo 1893 die Bauarbeiten begonnen hatten. Der aus vier Salonwagen bestehende Hofzug fuhr dann auf der Gürtellinie bis Heiligenstadt und auf der Vorortelinie bis Penzing. Von Hütteldorf, dem Endpunkt der Wientallinie, ging es weiter nach Meidling und Schönbrunn. Eine Aussichtsplattform, von welcher der Monarch rückwärts blickend seine Residenz betrachten konnte, befand sich auf dem letzten Waggon des Hofzuges, denn nur so blieb er vom Qualm der Dampflokomotive verschont. Der ursprüngliche Bahnhof Michelbeuern war als Verschiebe- und Frachtenbahnhof gedacht.

Foto: Doris Wolf, 2010; Währinger Gürtel 40

Das von Otto Wagner entworfene Haus WÄHRINGER GÜRTEL 40 steht in 200 m Seehöhe auf dem höchsten Punkt des Bezirkes. Es besitzt Dienstwohnungen und eine Halle, die nun sportlichen Zwecken dient, doch als Markthalle geplant war. Hier wurde 1907 das Edison-Kino, als größtes Wiens, aufwändig eingerichtet. Im geschmückten, mit bunten Glühbirnen erleuchteten Saal gab es elegante Logen und eine Skulptur des Kaisers. Das Kino bestand nur ein Jahrzehnt. Im Ersten Weltkrieg fanden in seinem Buffet Ausspeisungen für bedürftige Kinder statt. 1927, nach der Elektrifizierung der Stadtbahn, entstanden neben dem Gebäude eine Wagenhalle und ein modernes Stellwerk, doch hielten die hier beheimateten Züge der Linien Gürtel, Gürtel-Donaukanal, Donaukanal-Gürtel und 18 Gürtel (G, GD, DG und 18G) nicht für den Personenverkehr.

Die Benennung der Vorstadt Michelbeuerngrund verweist auf die Besitzverhältnisse. Hier, wie auch im angrenzenden Währing, war das Salzburger Benediktinerkloster Michaelbeuern die Grundherrschaft. 1786 verkaufte das Stift die 449.700 m² große Vorstadt der Gemeinde Wien. Die Grenzen bildeten das rechte Ufer des Währinger Baches zwischen Sechsschimmel- und Fuchsthallergasse, Nussdorfer Straße, Spitalgasse, Lazarettgasse, Meynertgasse und Gürtel. Als Hugo Gerard Ströhl 1904 die Vorstadtsiegel zu Bezirkswappen zusammenstellte, übernahm er für Michelbeuern ebenfalls die Elster. Das Wappen zeigte den Vogel auf einem Baum am Bachufer. Auf Anregung des Verfassers wurde es 1988 geändert und entspricht nun dem Wappen der Abtei: Auf gespaltenem Schild in Rot und Blau sieht man die stilisierten weißen Flügel des Erzengels Michael. Das bekannteste Gebäude des Michelbeuerngrundes ist die Volksoper, die auf damals noch zu Währing gehörendem Grund, 1898 als Kaiser-Jubiläums-Stadttheater errichtet wurde.

Foto: Doris Wolf, 2010; Anton-Baumann-Park

Wo heute in der U-Bahn-Station reges Leben herrscht, stand einst einsam die Niederösterreichische Landes-Irrenanstalt in ihrem 213.000 m² großen Garten. --> 3. "Vom Neuen zum Alten AKH" Gegenüber, schon im 18. Bezirk, Währinger Gürtel/Antonigasse, liegt der 4.000 m² große Anton-Baumann-Park, benannt nach dem Kaiserlichen Rat Anton Baumann, der 25 Jahre Bezirksvorsteher von Währing war. Die Grünanlage wurde 2007 mit EU-Mitteln jugendfreundlich umgestaltet. Was noch aussteht, ist die Restaurierung eines technischen Denkmals, des letzten Wasserturms der Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung. Die vormärzliche Nutzarchitektur entstand 1836 - 1841 nach Plänen des Leiters aller Staatsbauten, Paul Sprenger.


An Stelle der Gürtelstraße verlief der Linienwall mit einem Graben davor und Bauverbotszonen an beiden Seiten. Die Befestigungsanlage entstand 1704 auf Anraten des Prinzen Eugen von Savoyen gegen die Einfälle der Kuruzzen. So bezeichnete man die Mitglieder und Truppen der antihabsburgischen Aufstandsbewegung in Ungarn (1672-1711). Die Pläne entwarf der Hofmathematiker und Professor an der Landschaftsakademie Johann Jakob Marinoni. Kaiser Leopold I. stimmte in seinem letzten Lebensjahr mit dem Bemerken zu, es sei "besser spath, als niemahlens", das Großprojekt in Angriff zu nehmen. Der Linienwall umgab die Stadt in einem unregelmäßigen Halbkreis auf 13 km Länge vom Donaukanal bei St. Marx bis zur Vorstadt Lichtental. Bei den wichtigsten Ausfallstraßen war er durch Tore unterbrochen, bei denen sich Kapellen, sowie ärarische Gebäude als Zoll- und Mautstellen befanden, die man "Linien" nannte.

Foto: Doris Wolf, 2010; U-Bahn-Station Michelbeuern-AKH

Der Linienwall wich (bis auf einen kleinen Rest im 3. Bezirk) den Anlagen von Gürtelstraße und Stadtbahn. Deren Umstellung auf den U-Bahnbetrieb brachte wesentliche Veränderungen mit sich. So entstand neu die Station Michelbeuern-AKH, die zugleich mit der Fertigstellung des Großspitals eröffnet wurde. Von Kurt Schlauss geplant, besitzt das Stationsgebäude einen 115 m langen Mittelbahnsteig, der durch zwei Aufzüge, eine Rolltreppe oder über eine Stiege erreicht werden kann. Ein Charakteristikum der Station sind die Fußgeherstege, welche über den vom Verkehr stark frequentierten Währinger Gürtel zum Neuen Allgemeinen Krankenhaus (AKH) und zum Anton-Baumann-Park führen.

Die beiden Bettentürme des Spitals sind nun zu einem Wahrzeichen des 9. Bezirks geworden. In seinem Eingangsbereich hat das Krankenhaus die alte Widmung Kaiser Joseph II. stehen: "Zur Heilung und zum Trost der Kranken". Dieser Leitspruch gilt bis heute und macht die Verbindung von Tradition und Fortschritt deutlich --> 2."Im Klinikviertel" und --> 3. "Vom Neuen zum Alten AKH".

Foto: Doris Wolf, 2010; Umspannwerk Michelbeuern, Währinger Gürtel 78

1925 kaufte die Gemeinde Wien vom Krankenanstaltenfonds den nicht mehr in Verwendung stehenden Pavillon für Unheilbare am WÄHRINGER GÜRTEL 78, um darauf 1928 das Umspannwerk Michelbeuern zu erbauen. Seine in Rot gehaltene Fassade weist auf den Stil der Neuen Sachlichkeit. Der schlichte Nutzbau wurde damals noch ohne besondere technische Hilfsmittel aufgeführt und für den Transport des Erdaushubs zweirädrige, von einem Pferd gezogene Cabs-Fuhrwerke eingesetzt, wobei ein Kutscher zwei Fahrzeuge lenkte. Die derben Umgangsformen dieser Schwerarbeiter waren sprichwörtlich: "Der flucht wie ein Cabs-Kutscher", sagte man in Wien.

Foto: Doris Wolf, 2010; St.-Johannes-Kapelle bei Stadtbahnbogen 115

Bei der Weiterfahrt zur nächsten Station grüßt eine patinierte Kuppel mit ihrem zierlichen Glockentürmchen zur U-Bahn herauf. Sie wölbt sich über die ST.-JOHANNES-KAPELLE bei Stadtbahnbogen 115. 1897, gemeinsam mit der Stadtbahn errichtet, ist sie der erste Sakralbau Otto Wagners, gewissermaßen ein Modell seiner Kirche "Am Steinhof". Die Vorgängerbauten befanden sich in nächster Nähe: 1740 bis 1849 an der Stelle der heutigen Volksoper, 1849 bis 1905 davon gegenüber an der Währinger Straße. Aus Verkehrsrücksichten wurden sie abgebrochen. Auch die jetzige Kapelle sollte nach dem Zweiten Weltkrieg einer Verbreiterung des Währinger Gürtels weichen. Doch 1999 renoviert, strahlt der kleine Zentralbau wieder im alten Glanz.


Bald fährt unser Zug über zwei Brücken in die vom Bahnhof Michelbeuern 677 m entfernte STATION WÄHRINGER STRASSE-VOLKSOPER ein.

Die Station steht an der Grenze des ehemaligen Himmelpfortgrundes, der sich von der Währinger Linie abwärts bis zur Nussdorfer Straße ausdehnte. Auch diese Vorstadt war nach den Eigentümerinnen benannt. 1639 erbte das in der Innenstadt (Himmelpfortgasse) befindliche Kloster der Augustiner-Chorfrauen hier befindliche Felder und Weingärten. Doch hielt sich auch danach die 1254 erstmals urkundlich erwähnte Bezeichnung "Sporkenbühel" (mhd. spor - hart, trocken, rau. Nach anderer Deutung "Sperlingshügel").

Foto: Doris Wolf, 2010; Wappen des Himmelpfortgrundes

Die Verbauung begann nach der Aufhebung des Klosters (1783). Der Besitz fiel an den Staat, von dem ihn der Magistrat 1825 kaufte. Der Grenzverlauf der - mit 121.000 m² kleinsten - Vorstadt entspricht den Straßenzügen Währinger Gürtel zwischen Sechsschimmel- und Fuchsthallergasse (einst linkes Ufer des Währinger Baches), Nussdorfer Straße, Himmelpfortstiege, Liechtensteinstraße bis 113, Nussdorfer Straße 66, Canisiusgasse und Gürtel. Der Himmelpfortgrund ist als "Heimat der Wäschermädel", mehr noch als "Schubertgrund" bekannt, da sich das Geburtshaus des Komponisten Franz Schubert hier befindet. Das Wappen zeigt ein Osterlamm.

Foto: Doris Wolf, 2010; Stadtbahnbrücke Fuchsthallergasse

Die Beschriftung der Stadtbahnbrücken weist auf die darunter liegende Währinger Straße und Fuchsthallergasse hin. Die schmückenden Pylonen im secessionistischen Stil sind mit dem Giebel der Volksoper im Hintergrund ein lohnendes Motiv für Fotografen. Die Station ist optisch die interessanteste der Hochtrasse. Im Stil der "freien Renaissance" errichtet, misst sie mit ihren 25 Fensterachsen 140 Meter. Stufen führen hinab zum Währinger Gürtel. Die großen Hochbahnstationen am Gürtel waren auf multifunktionale Nutzung angelegt. In den Grundrißplänen sind neben den Kassen, WCs und Warteräumen auch Geschäftsräume und Gastwirtschaften eingezeichnet. Alte Fotos zeigen große Restaurationsbetriebe in den Seitenflügeln. In diesem Stationsgebäude, WÄHRINGER GÜRTEL 104a, hatte das "Café Jubiläum" einen 500 Personen fassenden Garten. Er wurde als "staubfreier, ruhiger Naturgarten" angepriesen. Das Café wurde gerne von den Besuchern des Kaiser-Jubiläums-Stadttheaters (Volksoper) frequentiert. Im südöstlichen Teil des ehemaligen Gartens befindet sich ein Einstiegschacht in den hier abgezweigten und 1846 kanalisierten Währinger Bach. An der anderen Schmalseite des Stationsgebäudes war bis 1945 das Kaufhaus Währinger Gürtel mit dem Kürzel KW allen Alsergrundern wohl bekannt. 1945 bis 1955 wurde daraus ein PX-Shop der GI's. PX stand für "Post Exchange". Die in diesen Läden vertriebenen Waren, wie Bekleidung, Haushaltsartikel und Kosmetika waren steuerfrei. Daher durften nur Angehörige der US-Streitkräfte hier einkaufen. Später wurde das Lokal zum Standort des ersten Supermarktes im Bezirk und beinhaltet auch heute einen solchen.

Foto: Doris Wolf, 2010; Umformerstation Thury

Bei der gegenüber gelegenen Achamergasse erleben wir einen interessanten Stilmix: Die markante Glasfassade des ehemaligen AMS-Gebäudes, daneben die Volksoper, die secessionistische Kapelle und das Stationsgebäude der U-Bahn mit den Übergangsformen des Neo-Klassizismus. Bei ihrer Erbauung als Kaiser-Jubiläums-Stadttheater prunkte die Volksoper außen in historistischer Neo-Renaissance. Heute ist die Volksoper als "3/4-Takt-Bayreuth" ein vollkommen modernisiertes Haus für 1.337 Besucher. --> 6. "Vom Währinger Bach zur Schottenpoint". In ihren ersten Jahrzehnten gerne und oft besucht, hatten sich Cafés und Restaurants "aprés Theatre" etabliert. Fiaker, später Taxis und sogar eine Garnitur der Straßenbahn, welche in einer Gleisschleife in der oberen Fuchsthallergasse wartete, standen den Besuchern für den Heimweg zur Verfügung. Wieder führt die Fahrt über eine Brücke, diesmal über die Sechsschimmelgasse.

Kaum hat die U6 die Station Währinger Straße-Volksoper verlassen, sehen wir beim Stadtbahnbogen 126 rechts ein kleines Gebäude. Es ist die Umformerstation Thury. Sie wurde zur Elektrifizierung der Stadtbahn errichtet. Scheinbar unscheinbar zeigt ihre Fassade Elemente des Art Deco. Aus zwei stilisierten Löwenköpfen floss ursprünglich Wasser in darunter befindliche Becken.

Foto: Doris Wolf, 2010; WIFI Wien, Währinger Gürtel 97

Links, auf der anderen Seite der Strecke, WÄHRINGER GÜRTEL 97, erhebt sich, schon im 18. Bezirk, das von Karl Schwanzer 1960-1963 geplante Wirtschaftsförderungsinstitut (WIFI Wien), das nach der Jahrtausendwende durch das Architekturbüro Hoppe umfangreiche Um- und Zubauten erfuhr. Eine zweigeschoßige, nach oben verglaste Halle fungiert als Aula, gläserne Brücken verbinden alte und neue Bauteile. Die Gesamtgestaltung erfolgte nach Feng-Shui-Richtlinien, besonderes Augenmerk wurde auf die Beleuchtung - Tageslicht kombiniert mit innovativer Beleuchtungstechnik - gelegt. 1870-1955 stand an Stelle des WIFI das Rothschildspital. Die Zeitgeschichte widerspiegelt sich in seinem Schicksal. Das von Anselm Rothschild 1873 gestiftete jüdische Spital bestand bis 1938. Während des Zweiten Weltkrieges diente es als SS-Spital und beherbergte nach 1945 etwa 250.000 Displaced Persons. Zur Zeit des Aufstandes in Ungarn 1956 diente das Gebäude als Flüchtlingslager, ehe es 1960 abgerissen wurde.

Foto: Doris Wolf, 2010; Canisiuskirche, Lustkandlgasse 42

Keine 100 m weiter erblicken wir rechts, LUSTKANDLGASSE 42, die Canisiuskirche. Ihre beiden 80 m hohen Türme sind eine Landmarke des Alsergrundes. Mit ihren Stifterwappen und den bunt glasierten Dachziegeln ist die Kirche unverwechselbar in Wien --> 7. "Auf dem Schubertgrund". Bei der Canisiuskirche hat man einen Überblick auf den so genannten Nord-Thurygrund. Die ausgedehnten Gründe waren im Besitz des Ziegeleibesitzers Johann Thury, nach dem der südlicher gelegene Bezirksteil benannt ist, wo er sich im 17. Jahrhundert als erster ansiedelte. --> 8. "Drunt' in Lichtental" Der Thurygrund erstreckte sich zwischen Alserbachstraße, Fechtergasse, Liechtensteinstraße, Himmelpfortstiege und Nussdorfer Straße. Die Grenze des Nord-Thurygrunds verlief Canisiusgasse, Nussdorfer Straße, Rufgasse, Augasse, Heiligenstädter Straße, Gürtel. Das Wappen zeigt den hl. Johannes den Täufer.

Foto: Doris Wolf, 2010; Währinger Gürtel 144

Zwischen Pulverturm- und Sporkenbühelgasse fällt die Fassade des Hauses WÄHRINGER GÜRTEL 144 auf. In der orange gefärbelten Erdgeschoßzone ist das Haustor weiß umrahmt, links und rechts davon stehen ebenfalls weiße, allegorische Gestalten. Eine dritte befindet sich im Stiegenhaus, das auch in den Hof führt. Dort wächst ein mächtiger Blauglockenbaum (Paulownia tomentosa), der als Naturdenkmal die Nummer 591 trägt.


Nun biegt die bisher gerade verlaufende Strecke in weitem Bogen zur Nussdorfer Straße ab. Sie wird in Bildern aus der Entstehungszeit mit ihren Viadukten als Musterbeispiel für den Stadtbahnbau dargestellt. Die ursprünglich knapp 400 Stadtbahnbogen sollten nicht nur die Schienen tragen, sondern für die Nutzung als Geschäfte, Werkstätten und Magazine vorgesehen. Im 2012 erschienenen Buch "Stadtbahnbogen" schreibt Andreas Lehne über die Ausführung: "Sie sind teilweise natursteinverkleidet, wobei sich glatte und rustizierte (raue) Oberflächen streifenartig abwechseln, teils folgen Stein- auf Ziegellagen.Die 'Außenhaut' der Bögen besteht in der Regel aus einer Schicht exakt gemauerter, doppelt geschlämmter böhmischer Klinkerziegel, wobei eine Fugenbreite von 8 mm einzuhalten war."

Foto: Doris Wolf, 2012; Stadtbahnbogen 184

Die Magistratsabteilung 21 startete 2002 das Vorhaben "Zielgebiet Gürtel", um die Attraktivität der Gründerzeitviertel durch Infrastrukturverbesserungen und Kunst im öffentlichen Raum zu erhöhen. Die für den Westgürtel charakteristischen Stadtbahnbögen wurden zum Teil im Zuge von URBION (Urban Intervention Gürtel West) nach dem Entwurf von Architektin Silja Tillner umgestaltet. Hinter hohen Glasfassaden entstanden vor allem Restaurants.

An der Außenseite des Knies befindet sich der Betriebsbahnhof der Wiener Verkehrsbetriebe, WÄHRINGER GÜRTEL 131-135. Neben dem Verwaltungsgebäude erstreckt sich die schmucklose Fassade der 1907 erbauten Halle III. An sie schließt die Halle II, die älteste der Remise, an. 1902 in Sichtziegelbau errichtet, besitzt sie zehn Tore. Die gegen den Währinger Park gelegene Halle I entstand 1913, sie schließt die systematisch entwickelte Anlage ab. Bei Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg wurde sie schwer beschädigt. Die Bomben trafen dabei auch die O-(berleitungs-)Busse der Linie 24 noch vor ihrer Jungfernfahrt nach Klosterneuburg, damals 26. Bezirk.

Die Remise ist nur wenige Schritte vom 52.000 m² großen Währinger Park entfernt. 1784 entstand der Währinger Friedhof nach der Sanitätsverordnung Kaiser Joseph II., die Friedhöfe nur noch außerhalb des Linienwalls erlaubte. 20.000 m² des damals angelegten Währinger Ortsfriedhofs waren jüdischen Bestattungen vorbehalten. Zweimal erweitert, erstreckte sich diese von Mauern umgebene Abteilung bis zur Döblinger Hauptstraße. Sie diente bis zur Eröffnung des Zentralfriedhofs in Simmering, 1874, als offizieller Begräbnisplatz aller in Wien verstorbenen Juden.

Auch nachdem 1923 an Stelle des christlichen Teils der Währinger Park angelegt wurde, blieb der jüdische bestehen, da nach dem Religionsgesetz jüdische Gräber "auf ewige Zeiten" erhalten bleiben sollen. Vom NS-Staat wurde das Areal enteignet, Gräber zerstört und Gebeine entfernt. 1942 ging es in den Besitz der Stadt Wien über, die es in der Nachkriegszeit an die Wiener Kultusgemeinde restituierte. Hier befinden sich wertvolle Grabmäler, wie jenes in ägyptischen Formen von Siegfried Wertheimer, der Fanny Arnstein, in deren Salon in der Innenstadt der erste Wiener Weihnachtsbaum stand, die Gruft der Bankiersfamilie Königswarter und sephardische Grabhäuschen.

Foto: Doris Wolf, 2010; U-Bahn-Station Nussdorfer Straße

Die STATION NUSSDORFER STRASSE der U-Bahn befindet sich in einigem "Respektsabstand" von dieser Straße. Es ist die letzte der Hochbahnstationen von Otto Wagner auf unserer Strecke. In ihrer Länge und der Zahl der Fensterachsen gleicht sie jener der Währinger Straße-Volksoper. Nur Kleinigkeiten unterscheiden sie: der ebene Zugang und die mit Löwenköpfen bestückte Fassade. Die Lisenen, Initialen, Lorbeerkränze, Scheiben und Löwenköpfe etc. sind Versatzstücke aus Mörtelguß, die je nach Station variiert wurden. Gleichbleibend waren jedoch die weißen Fassaden. Dem Fassadenputz wurde ursprünglich Marmorstaub beigegeben, sodass man ihn nicht streichen musste. Bei Renovierungen, die alle 10 -14 Jahre nötig sind, verwendet man heute allerdings Silikatfarben. Typisch erscheinen auch die grün lackierten Holz- und Eisenteile, damals ein Novum, weil bei Bahnbauten ein brauner Anstrich üblich war. "Weiß und Grün schaffen das Corporate Design der Stationen", heißt es in einer Information der Wiener Linien.

Foto: Doris Wolf, 2010;  Stadtbahnbrücke über die Nussdorfer Straße

Die Weiterfahrt erfolgt auf der Brücke über die Nussdorfer Straße. Mit ihren 33 m Spannweite zählt sie zu den längsten der alten Stadtbahn. Für die U-Bahn genauest untersucht, konnte sie ohne großen Umbau zu deren Betrieb verwendet werden.

Rechts, Richtung Zentrum, erinnern wir uns an das traditionsreiche Gebäude des "Auge Gottes", Nussdorfer Straße 73-75 und sehen das gegenüber liegende ehemalige Finanzamt NUSSDORFER STRASSE 90, das sich 1979 bis 2012 an Stelle des 1870 erbauten Verzehrungssteuer-Linienamtes befand. Nach der Übersiedlung in den Bürokomplex Wien-Mitte wird die Umwandlung in ein Hotel überlegt. --> 8. "Drunt' in Lichtental" Die Vedute mit der Brücke wird oft sowohl stadteinwärts wie -auswärts abgebildet. Links, Richtung Döbling, ragt der 13-stöckige Turm des Arthur-Schnitzler-Hofes, den die Gemeinde Wien 1959/60 auf dem Areal des im Zweiten Weltkrieg abgegrabenen Teil des jüdischen Friedhofs errichtete.

Foto: Doris Wolf, 2010; Döblinger Gürtel 10 / Glatzgasse 6

Nach Überqueren der Brücke fahren wir durch die Döblinger "Enklave", welche bis zur Heiligenstädter Straße reicht. Das im Stil des Expressionismus erbaute Wohnhaus der Gemeinde Wien DÖBLINGER GÜRTEL 10 / GLATZGASSE 6 wurde 1928/29 nach Plänen von Leo Kammel mit 36 Wohnungen erbaut. Architekturkritiker betonen die dramatisch wirkende Eckverbauung mit Turm, eindrucksvollen Spitzerkern und Eckbalkonen über einem breiten Spitzbogen und die an den Pfeilern kauernden Männerfiguren – "Atlanten, die eigentlich nichts zu tragen haben" - und meinen: "Sehenswert!"

Zwischen DÖBLINGER GÜRTEL 21-27 und HEILIGENSTÄDTER STRASSE 15-25 erstreckt sich der vier Jahre jüngere Professor-Jodl-Hof. Seine geschwungene Hauptfassade folgt der Krümmung des Gürtels. Die Bezeichnung des Superblocks erinnert an den Philosophen Friedrich Jodl, einen engagierten Volksbildner und Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Seine Porträtdarstellung befindet sich im Hof, der nach Plänen der Otto Wagner-Schüler Rudolf Fraß, Karl Dorfmeister und Rudolf Perco errichtet wurde.

Foto: Doris Wolf, 2012; Heiligenstädter Straße 27

Den Abschluss des Döblinger Ensembles bildet der 1912 erbaute Nordend-Hof HEILIGENSTÄDTER STRASSE 27. Seinen Namen trägt er nach dem vermeintlichen Nordende der Stadt. Genien an der Fassade weisen auf den Stil der Secession.

Jenseits der Heiligenstädter Straße liegt die Spittelau. Die einst gemiedene, einsame Insel, auf der man Pestverdächtige festhielt, hat seit 1350 ihren Namen nach dem Bürgerspital, in dessen Besitz sie war. Erst das 19. Jahrhundert brachte Änderungen mit dem Bau der Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung (1841) und der Franz-Josefs-Bahn (1870). Kaiser Ferdinand I. wurde 1835 gekrönt. Geschenke von mehr als 100.000 Gulden, die er anlässlich der Thronbesteigung erhielt, widmete er zum Bau eines Wasserwerkes. Bald danach begannen die Arbeiten, 1841 wurde der Teilbetrieb aufgenommen. Das Maschinenhaus stand auf der Wasserleitungswiese in der Spittelau. Charakteristisch waren seine Giebelgruppe, die neben dem kaiserlichen Wappen Allegorien von Danubius und Vindobona zeigte und der Schlot für die Dampfmaschine(n). Zunächst betrieb eine Maschine die Pumpe, die aus dem Grundwasser des Donaukanals 500 m³ förderte.

Maschinenhaus der Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung, um 1870, Slg. Alfred Wolf

Das Wasser floss durch Gusseisenrohre in drei Reservoirs, von denen der Turm im Anton-Baumann-Park, nächst der U-Bahn-Station Michelbeuern-AKH erhalten geblieben ist. Durch mehrere Erweiterungen versorgte die Leitung schließlich 831 Privathäuser, 264 öffentliche Auslaufbrunnen ("Bassena") und 57 Feuerlösch-Hydranten in fast allen Vorstädten und in fünf Vororten. Nach Inbetriebnahme der Ersten Wiener Hochquellenleitung (1873) stellte das Maschinenhaus den Betrieb ein, nachdem es schon durch den Bau der Franz-Josefs-Bahn in eine isolierte Lage geraten war. Es wurde zum städtischen Materialdepot samt Lagerplatz.



Foto: Doris Wolf, 2010; Spittelau , Blick zum Donaukanal

Über deren Gleisanlagen spannte sich der knapp 2 km lange Verbindungsbogen zwischen der Gürtel- und der Donaukanallinie. Der Bau der U-Bahn veränderte die Anlage. Auf dem höchsten Punkt entstand die neue U-Bahn-Station Spittelau. Die Strecke zum Donaukanal wurde unterbrochen und statt ihr eine neue, Richtung Floridsdorf, samt Schrägseilbrücke über den Donaukanal gebaut. Nur zwei Teilstücke der Wagner'schen Stadtbahn fanden so keine Verwendung mehr: der Spittelauer Abschnitt des Verbindungsbogens Donaukanallinie - Gürtellinie und der "Heiligenstädter Ast" der Gürtellinie von der Station Nussdorfer Straße nach Heiligenstadt, Das Spittelauer Viaduktstück wurde 2006 auf Höhe der Müllverbrennungsanlage mit Zaha Hadids spitzwinkeligen Wohnbauten überbrückt.


Der Heiligenstädter Ast wird nicht mehr befahren, seit man in der Station Spittelau von der U6 in die U4 nach Heiligenstadt umsteigen kann. Für die 10 m breite ehemalige Stadtbahntrasse bestanden 2012 Pläne, sie nach New Yorker Vorbild als "Highline Park Vienna" zu nutzen. Auf 4 km Länge befinden sich an die 100 Bogenöffnungen. Sie sind, wie jene am Gürtel, an verschiedene Betriebe vermietet. Eigentümer der stillgelegten Trasse sind die Wiener Linien, die sie nicht aus rein denkmalschützerischen Gründen instand halten können. Grundbesitzer und Vermieter der Bogenräume sind die Österreichischen Bundesbahnen. Die Mieter der Viaduktöffnungen haben Anspruch auf Instandhaltung oder Ersatz der Räumlichkeiten. Das Grundstück, eine langgestreckte Insel, ist nicht leicht zu verwerten. Es grenzt an die Schienenstränge der ÖBB und der U6 und hat nur über die Rampengasse Anschluß an die Heiligenstädter Straße.

Foto: Doris Wolf, 2010; Skywalk Spittelau

Das 1996 errichtete, lichtdurchflutete dreigeschoßige Verkehrsbauwerk der STATION SPITTELAU wurde vom Architektenteam Holzbauer, Kutschera und Partsch geplant. Der 60 m lange Skywalk verbindet es seit 2007 über die Heiligenstädter Straße mit der höher gelegenen Guneschgasse. So erreichen die Fahrgäste aus Döbling barrierefrei das moderne Kreuzungsbauwerk. Von ihm aus kann man die U-Bahnlinien U4, U6 und die Schnellbahnlinie S 40, die bis Tulln der Trasse der Franz-Josefs-Bahn folgt, benutzen. Unterhalb des Skywalks kündet, an der Grenze zwischen dem Alsergrund und Döbling, eine Bronzetafel, versteckt hinter einem Altglas-Sammelbehälter, vom Bau der Gürtelbrücke für den Straßenverkehr. 68.000 Fahrzeuge frequentieren täglich diese Verbindung in die Brigittenau. 1962-1964 errichtet, steht ein halbes Jahrhundert später die umfangreiche Sanierung an. Zwischen Oktober 2012 und Sommer 2015 sollen 20 Mio. € in die Bauarbeiten investiert werden.

Für die US-Besatzer (1945-1955) war die Bezirksgrenze ohne Bedeutung, da der dem Alsergrund benachbarte Bezirk Döbling ebenfalls zu ihrer Zone gehörte. Der legendäre Mozart-Express der Amerikaner fuhr als Interzonenzug vom Franz-Josefs-Bahnhof nach Salzburg zu deren Hauptquartier in Österreich. In Langenlebarn bei Tulln legte er einen Zwischenstopp ein, der zu Zwischenfällen mit den Sowjets führte, da diese US-Airbase in deren Zone lag. Sicherer war die Beförderung "per Airmail", welche mit Verbindungsflugzeugen der Type Piper von der Spittelauer Lände aus erfolgte. Unweit davon, auf dem 11.400 m² großen Sportplatz Wasserleitungswiese lag ein stockhoher Berg aus Steinkohle als Heizreserve. Nach dem Abzug der Besatzungsmächte veränderte sich die Gegend, welche die GI's "Goddam corner" genannt hatten. Aus der Abstellkammer des Alsergrundes wurde ein repräsentativer Bezirksteil. Die Stein- und Holzlagerplätze verschwanden ebenso wie Autowracks, aber auch Schrebergärten.

Foto: Doris Wolf, 2012; Fernwärmewerk Spittelau

Nach dem Ende der Wiederherstellung der von der Station Nussdorfer Straße zu jener in Heiligenstadt führenden Trasse im Jahre 1954 konnte man daran denken, hier ein Großprojekt zu realisieren. In Zusammenhang mit dem Neuen Allgemeinen Krankenhaus wurde zu dessen Beheizung ein Fernwärmewerk geplant. Da es möglichst nahe dem Spital gelegen sein sollte, fiel die Wahl auf die SPITTELAUER LÄNDE 45. 1969 erhielten die neu gegründeten "Heizbetriebe Wien" (jetzt: Wien Energie Fernwärme) von der Gemeinde den Auftrag, die städtische Fernwärmeversorgung zu gewährleisten. Gleichzeitig sollte die Müllverbrennungsanlage Spittelau die ordnungsgemäße Abfallentsorgung übernehmen. 1987 brannte ein großer Teil der Anlage ab. Die Abfallbehandlungsanlage Spittelau verwertet jährlich rund 250.000 Tonnen Müll. Mit einer installierten Gesamtleistung von 400 Megawatt und der Produktion von 40 Gigawattstunden Strom sowie 500 Gigawattstunden Wärme ist die Anlage der zweitgrößten Erzeuger im Wiener Fernwärmeverbundnetz - nach Simmering Block 1 (KWK). Um ihre internationale Spitzenposition zu behaupten, investiert Wien Energie Fernwärme in den Jahren 2012 bis 2015 rund 130 Mio. Euro in die Modernisierung. Dies soll eine Einsparung von fünf Millionen m3 Erdgas pro Jahr bei gleichzeitiger Verdreifachung der Stromproduktion bringen. Seit 2009 wird auch Fernkälte angeboten, und wieder ist das Allgemeine Krankenhaus "Vorzeigeprojekt". Nachdem der neunte zum ersten Wiener Bezirk mit einem Klimaschutzprogramm wurde, erhielten Fernwärme Wien und AKH im Sommer 2010 das "Alsergrunder Umweltsiegel".

Foto: Doris Wolf, 2012; Kundenzentrum Wien Energie

Foto: Doris Wolf, 2010; Fernwärmewerk Spittelau, Müllmonster

Friedensreich Hundertwasser (eigentlich Friedrich Stowasser) wollte der "optischen Umweltverschmutzung" durch Industriebauten Einhalt gebieten und verzauberte 1989 das Fernwärmewerk. Den stephansturmhohen Schlot maskierte er als Aussichtsturm. Die Schaltwarte darauf umhüllte er mit einer Goldkugel, die aus 1.150 emaillierten Stahlplatten besteht. Bei Nacht weithin strahlend, gleicht sie einem Leuchtturm. Nicht genug damit, gestaltete er die Fassade des Werks und setzte schließlich dem Ganzen seine Künstlerkappe auf.

Neben der thermischen Abfallbehandlungsanlage von Hundertwasser wurde nach nur einem Jahr Bauzeit im März 2012 das "Wien Energie-Kundendienstzentrum Spittelau" eröffnet. In dem 600 m² großen Gebäude werden alle Kundenfragen zu Strom, Erdgas und Fernwärme unter einem Dach beantwortet, wobei 18 Beratungsplätze zur Verfügung stehen. 300 Gespräche täglich sind möglich. Das mit einem Aufwand von 8 Mio € errichtete Kundendienstzentrum ist ein Modell für energieeffiziente Bauweise bezüglich Wärme-, Kälte- Schall- und Sonnenschutz und optimaler Beleuchtung. Strom wird durch die auf dem (teilweise begrünten) Dach angebrachte Photovoltaikanlage erzeugt. Mittels Solarzellen wandelt sie Lichtenergie direkt in elektrische Energie um und spart dadurch jährlich 7,8 Tonnen CO2 ein. Im neuen Foyer von Wien Energie Fernwärme finden bei freiem Eintritt wechselnde Kunstausstellungen unter dem Motto "heiß und kalt" statt. Bei der Garageneinfahrt begrüßt das "Müllmonster" die Besucher. Die Skulptur aus rosa Traunsteinmarmor schuf Franz R. Rottmeyer im Jahr 2005. Der Künstler war 1994-2002 Generaldirektor von GM/Opel Austria gewesen.

Hier lag der 223.200 m² große Althangrund, dessen Wappen einen weißen Hubertushirsch (Zehnender) zeigt. Grenzen waren die Alserbachstraße vom Donaukanal bis Nr. 27, Fechtergasse 16 bis Althanstraße und Augasse. Die Vorstadt trug ihren Namen nach Christoph Johann Graf Althan, der den Besitz 1685 erworben hatte. --> 8. "Drunt' in Lichtental" Das von Johann Bernhard Fischer von Erlach errichtete Palais und der barocke Park mussten in den 1860er-Jahren den Anlagen der Franz-Josefs-Bahn weichen.

Franz-Josefs-Bahnhof, um 1870, Slg. Alfred Wolf

1866 erhielt ein von Fürst Johann Adolf II. Schwarzenberg gebildetes Konsortium die Konzession zum Bau einer Eisenbahnlinie von Wien nach Eger (Cheb, CR) und einer Zweigbahn von Gmünd nach Prag (Praha, CR). Es konstituierte sich 1867 als K.K. priv. Kaiser-Franz-Josef-Bahn, im folgenden Jahr erfolgte der Spatenstich in einem Meierhof des Fürsten in Frauenberg (Hluboka, CR). Als die Bahn 1870 den Betrieb aufnahm, bestand der provisorische Wiener Bahnhof aus zwei niedrigen Gebäuden. 1872 wurde der neue Bahnhof für die Reisenden freigegeben. Das zweitürmige, im Neorenaissancestil errichtete Gebäude planten die Prager Architekten Anton Barvitius und Ignaz Ullmann. Seit 1965 fährt die Franz-Josefs-Bahn ohne Dampf, ein Grund mit, ihre Anlage zu überplatten. Nach dem Vorbild Montreals, zentralen Raum durch Überbauung nutzbar zu machen, ging man auf dem Alsergrund daran, diesem Beispiel zu folgen. In der Frühzeit elektronischer Rechenanlagen bestand für diese großer Platzbedarf. Nachdem es einer expandierenden Bank nicht gelungen war, dafür die Rossauer Kaserne zu besetzen, fiel ihr Blick auf den abbruchreifen Franz-Josefs-Bahnhof.

Foto: Doris Wolf, 2010; Franz-Josefs-Bahnhof

Dank ihrer Finanzierung konnte das Großprojekt gestartet werden. Als "Hausherr" meinte 1976 ihr Generaldirektor, er wolle einen städtebaulichen Akzent setzen, der die Nachbarschaft degradiere. Das Team Hlaweniczka, Glück, Requat-Reinthaller um den Stararchitekten Karl Schwanzer sprach von einem "Kristall". Der Bau mit seinen schrägen Glasflächen wurde dadurch charakterisiert. Allerdings musste der ursprüngliche Plan abgeändert werden. Statt der vorgesehenen vier Türme wurden nur zwei gebaut und diese um 7 m gestutzt. Gleichzeitig mit dem Bau erfolgte die Überplattung der Gleisanlagen auf 1 km Länge, in 6 m Höhe über den Bahngleisen. 1975 begonnen, dauerten die Bauarbeiten bis 1982. Auf die Platte setzte man das Universitätszentrum als für Wien erstmaliges Megaprojekt. Der Bau von 800 Wohnungen unterblieb, da die von den Baukosten abhängige Miete zu hoch geworden wäre. Statt dessen entstanden Bundesgebäude, wie das Verkehrsamt und eine Park- und Ride-Anlage für 330 PKW.


Foto: Doris Wolf, 2010; Universitätszentrum Althanstraße

Mit dem Ausbau der nicht benutzten Trasse der einstigen Stadtbahn führt seit 2008 ein 180 m langer, 4 m breiter Geh- und Radweg zum Donaukanal. Nach 2012 soll die auf der Überplattung errichtete Wirtschaftsuniversität in die Leopoldstadt übersiedeln. Daher initiierte Bezirksvorsteherin Martina Malyar 2010 eine Bürgerbefragung über die zukünftige Nutzung des 240.000 m² großen Areals. 17.000 Haushalte erhielten Fragebogen. Die Varianten reichten von gemischter Nutzung bis Abriss und Neubau. Die "Megastrukturen der 1970er und 1980er Jahre" motivierten auch Studierende der TU-Wien, der Akademie der bildenden Künste Wien und der Ecole Nationale Supérieure d’Architecture de Paris - La Villette zu kreativen Ideen, die in die neue Stadtplanung einfließen sollen.

Bevor wir in der Station Spittelau von der U6 in die U4 umsteigen, sehen wir uns hier noch ein wenig um. In der Höhe der Uni-Platte ausgehend, erblicken wir das "Zauberschloss" Hundertwassers mit den aufgemalten Fenstern aus nächster Nähe und erinnern uns seines Ausspruchs "Die einen behaupten, Häuser bestehen aus Mauern. Ich sage, die Häuser bestehen aus Fenstern!"

Foto: Doris Wolf, 2010; Bundespolizeidirektion, Josef-Holaubek-Platz

Im Abgrund zu unserer Rechten liegt die Station der Franz-Josefs-Bahn (S 40). Folgen wir dem von modernen Skulpturen gesäumten Weg, wird die Weite der Überplattung deutlich. JOSEF HOLAUBEK-PLATZ 1 befindet sich das Verkehrsamt der Bundespolizeidirektion Wien. Der populäre Polizeipräsident Josef "Jozsi" Holaubek übte sein Amt von 1947 bis 1972 aus. Mit der Errichtung des Bundesamtsgebäudes entstand 1990 als Schmuck ein Brunnen von Adolf Frohner. Zwei Gestalten stehen unter einer großen Steinplatte. Nach Meinung von Passanten sind es Führerscheinbewerber unter der Last der Lenkerprüfung. An Stelle der U4 verkehrte hier die Donaukanallinie der Stadtbahn mit den Zügen WD (Wiental-Donaukanal) und DG (Donaukanal-Gürtel).

Foto: Doris Wolf, 2010; Spittelau, Zaha-Hadid-Bau

Ein modernes Bauwerk an der Ostflanke der Strecke, SPITTELAUER LÄNDE 10 zieht unsere Blicke auf sich. Drei dynamische Baukörper erheben sich auf Stelzen über der Bahn. Auf der Fläche von 3.200 m² entstand ein Wohnhaus mit 29 Appartements in der Größe von 32 bis 142 m². Es wurde nach Plänen der aus dem Irak stammenden, britischen Architekurprofessorin Zaha Hadid errichtet. Als erste Frau erhielt sie die bedeutendste Ehrung in der Architektur, den Pritzker-Preis. 2009 wurde ihr der internationalen Kunst- und Kulturpreis Praemium Imperiale verliehen. Die mit rund 111.000 Euro dotierte, vom japanischen Kaiserhaus gestiftete Auszeichnung gilt als Nobelpreis der Künste. Weniger glücklich verlief bisher das Schicksal des Baues an der Spittelauer Lände, in das nun die "Location Spittelau 10" Leben bringen soll.

Foto: Doris Wolf, 2012; Naturfreunde-Kletterturm

Der zwischen dem Fernwärmewerk und den Hadid-Bauten angelegte Weg wurde nach Berta Zuckerkandl benannt. Die durch ihren literarischen Salon bekannte Schriftstellerin zählte zu den Mitbegründern der Salzburger Festspiele. Sie war die Tochter des liberalen Zeitungsverlegers Moriz Szeps --> 6. "Vom Währinger Bach zur Schottenpoint" und heiratete den Anatomen Emil Zuckerkandl. Die Stadt und private Investoren bemühen sich, die Gegend attraktiv zu machen. Im Herbst 2009 feierte die Park-and-Ride-Anlage Spittelau Dachgleiche. Das zwischen Donaukanal und Fernwärmewerk gelegene Parkhaus enthält 330 Stellplätze. Eine Außenwand ist als 21 m hoher, 8 m breiter Kletterturm gestaltet.



Foto: Doris Wolf, 2010; Skyline Spittelau, Heiligenstädter Straße 31

An der westlichen Flanke der alten Stadtbahntrasse befindet sich HEILIGENSTÄDTER STRASSE 31 ein Bürobau der Wiener Architektin Silja Tillner. Getreu ihrer Philosophie "Wir wollen uns keine Denkmäler bauen, sondern qualitativ hochwertige Lösungen finden, die alle funktionellen Ansprüche erfüllen", entstand die "Skyline Spittelau". Die Stahl-Glas-Konstruktion, folgt elliptisch der Krümmung der Stadtbahnbogen. Mit seiner schrägen Fassade über drei Stockwerke und einer Länge von fast 200 m umschließt es einen sichelförmigen Hof. Seit 2008 befindet sich in dem Gebäude, neben Büros und Restaurants, das "Kundencenter Spittelau" der Wiener Gebietskrankenkasse. Die Tiefgarage "Skyline Döblinger Gürtel" bietet 265 Parkplätze.



Foto: Doris Wolf, 2010; Sigmund-Freud-Hof, Gussenbauergasse 5-7

Mit der U4 weiter fahrend, kommen wir am Sigmund-Freud-Hof vorbei, der 1925 in der GUSSENBAUERGASSE 5-7 nach Plänen von Franz Krauß und Josef Tölk mit 172 Wohnungen erbaut wurde. Der Gemeindebau erhielt 1949, zehn Jahre nach dessen Tod, den Namen des Begründers der Psychoanalyse Sigmund Freud. Die große Wohnanlage, die expressionistische Balkons und mit Putten geschmückte Portale aufweist, gilt als Idealbild eines Wohnhauses der Gemeinde Wien in der Zwischenkriegszeit. Es enthielt ursprünglich 172 Wohnungen, drei Geschäftslokale, eine Volksbibliothek, ein Zahnambulatorium, einen Kindergarten, drei Ateliers, eine Badeanlage und mehrere Waschküchen mit Trockenböden.

Foto: Doris Wolf, 2010; U-Bahn-Station Friedensbrücke

Die STATION FRIEDENSBRÜCKE zählt zu den Tiefbahnstationen, deren pavillonartige Gestaltung - im Vergleich zu den fünf Jahre älteren Hochbahnstationen des Gürteltyps - leicht und beschwingt wirkt. Anders als diese zeigen die Stationen der Donaukanallinie secessionistische Formen. Die Eisenstützen der Stationen Friedensbrücke und Rossauer Lände sind mit Jugendstil-Kränzen aus Eichenlaub und Lorbeerblättern geziert, die Querträger mit Rosenranken und Lorbeerblattwerk. Die Aufnahmepavillons "sitzen" über dem Bahneinschnitt. Sie bestehen aus der offenen, überdachten Vorhalle, dem Vestibul mit Nebenräumen und den Abgangsstiegen. Diese Station besitzt einen der damals seltenen Mittelbahnsteige, der an die einstige Umsteigmöglichkeit zur Gürtelstrecke der Stadtbahn erinnert. Noch sind Spuren der Ansätze des früheren Verbindungsbogens zu sehen. Der Umbau zur U-Bahn-Station erfolgte mit viel Einfühlungvermögen in die alte Bausubstanz durch die Architektengruppe AGU.

Bei der Friedensbrücke legen wir einen Zwischenstopp ein, um die nähere Umgebung zu erkunden: Der östlich des Franz-Josefs-Bahnhofs, gegen den Donaukanal hin, gelegene Teil des Althangrundes konnte erst nach der Erbauung des Nussdorfer Sperrwerks besiedelt werden, denn zu groß war die Überschwemmungsgefahr durch die Donau. Mit wenigen Ausnahmen entstanden nach 1900 die ersten Bauten. Doch waren sie durch die Franz-Josefs-Bahn abgeschnitten und konnten nur über die Alserbachstraße oder über die Spittelauer Lände erreicht werden. Nach der Überplattung der Gleisanlagen besteht die Möglichkeit, vom Postamt 1090 auf kurzem Weg die jenseitige Nordbergstraße zu erreichen.

Foto: Doris Wolf, 2010; Nordbergstrasse 6 / Spittelauer Platz 8

Karl Gustav Noé war Geheimdienstchef des Staatskanzlers Klemens Wenzel Metternich und wurde 1836 als "von Nordberg" geadelt. Seit 1899 führt die Straße seinen Namen. Im Zuge der Umgestaltung der Bahnanlagen sollte auch eine Verbesserung des Durchzugsverkehrs erfolgen und die Straße als Einbahn stadtauswärts zum Liechtenwerder Platz geführt werden. Parallel dazu hätte ein Teil der Liechtensteinstraße als Einbahn zur Inneren Stadt geführt. Die Verlegung der Straßenbahnlinie D (36) in die Augasse war dazu ein erster wichtiger Schritt. Die repräsentativen Bauten NORDBERGSTRASSE 6 / SPITTELAUER PLATZ 8 und NORDBERGSTRASSE 8 / SPITTELAUER PLATZ 1 liegen der früheren Ankunftsseite des Franz-Josefs-Bahnhofs genau gegenüber und sollten den aus Böhmen Kommenden einen guten Eindruck der k. u. k. Haupt- und Residenzstadt vermitteln. Unter diesem Aspekt ist die in Wien seltene segmentartige Anlage des Spittelauer Platzes zu verstehen. Der Architekturkritiker Friedrich Achleitner meinte, dass dieser durch die raumverdrängende Überbauung des Franz-Josefs-Bahnhofs entwertet wurde.

Foto: Doris Wolf, 2010; Bosch-Haus, Spittelauer Lände 5 / Ingen-Housz-Gasse 6

Drei Gassen strahlen von dem Platz aus: Die Gussenbauergasse mit dem Sigmund-Freud-Hof, auf der sich zuvor ein Floßbaulagerplatz befunden hatte, die Ingen-Housz-Gasse, die von einer Brücke überspannt wird und an deren Ecke zu SPITTELAUER LÄNDE 5 / INGEN-HOUSZ-GASSE 6 das "Bosch-Haus" genannte Gebäude aus 1914 von Robert Oerley steht. Der im Stil der Neuen Sachlichkeit errichtete Bau wurde nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg vereinfacht wieder aufgebaut, wobei seine Charakteristika verloren gingen. Das "Bosch-Haus bei der Brigittabrücke" wird in einer Firmenwerbung beschrieben: "Es zählt durch seine architektonische Schönheit sicherlich zu den interessantesten Bauten des 9. Wiener Gemeindebezirks Alsergrund." Jetzt befindet sich darin das Umweltbundesamt. Schließlich die Grundlgasse, benannt nach Anton Grundl, dem 15. Pfarrer von Lichtental. GRUNDLGASSE 5 lebte jahrelang, bis zu seiner Übersiedlung nach Mödling (Niederösterreich), Rudolf Hausner. Der akademische Maler schuf in seinen frühen Jahren Ansichten des Donaukanals und wurde mit seinem "Adam" als Phantastischer Realist weltberühmt. Die kleine Parkanlage inmitten des Spittelauer Platzes gibt uns die Möglichkeit, ein wenig zu rasten und über die Vergangenheit dieses Grätzls nachzudenken. Knapp am Donaukanal gelegen, war es ein Teil der schon an der unteren Berggasse beginnenden Holzlagerplätze gewesen.

Foto: Doris Wolf, 2010; Alexander-Nehr-Gasse 2

Auf unserem weiteren Weg nordwärts begleiten uns die Wohnbauten der Gemeinde Wien bis zur Alexander-Nehr-Gasse. An dem 1954 errichteten Gebäude ALEXANDER-NEHR-GASSE 2 prangt ein großes Mosaik von Otto Erich Schatz, die Entwicklung des Eisenbahnwesens darstellend. Nicht weit von hier befanden sich auf dem Gebiet des Frachtenbahnhofs Reste des Gebäudes des k. k. Familiengüter-Holzverschleisses. Ein vergessener Aubaum, eine Schwarzpappel, stand mit der Nr. 164 nächst der Fahrdienstleitung des Güterbahnhofs unter Naturschutz.

Auf den Holzlagerplätzen wurde fleißig gewerkt. Die als Flöße angelandeten Baumstämme wurden von dampfbetriebenen Gattersägen zu Brettern geschnitten und dann meterhoch gestapelt. Die "kleine Nussdorfer Linie" lag in nächster Nähe. Sie wurde als Durchgang geschaffen, um den Holzfuhrwerken den Weg von den Lagerplätzen aus zu verkürzen. Einer der größten Holzhändler seiner Zeit war Karl Scholtes, der es vor dem Bau der Stadtbahn schon 1874 wagte, die Zinshäuser Spittelauer Lände 23 bis 27 zu errichten. Weiter gehend gewahren wir SPITTELAUER LÄNDE 29, versunken unter dem jetzigen Straßennniveau, ein Häuschen. Es wurde durch die Fassadenaktion der Stadt Wien aus Mitteln des Altstadterhaltungsfonds 1972 restauriert und steht in seltsamem Kontrast zu den nahen Bauten von Zaha Hadid und dem Fernwärmewerk Spittelau. Doch wieder geht es mit der "grünen" U4 weiter Richtung Schottenring.

Der Abschnitt der U4, zwischen Friedensbrücke und Wien-Mitte/Landstraße (Stadtbahnstation Hauptzollamt), welcher der Donaukanallinie der Stadtbahn entspricht, misst ca. 3 km. Der Bau der Donaukanalstrecke war erst nach der Fertigstellung des Sperrwerks in Nussdorf möglich. Ursprünglich ähnlich der Gürtellinie als Hochbahn geplant, sorgte lebhafter Protest dafür, dass man sie in Tieflage ausführte. Die Öffnungen der Galerie gegen den Donaukanal dienten weniger der Aussicht, als zur Zeit des Dampfbetriebs dem Rauchabzug der Lokomotiven. Wagners Vorschlag, die kanalseitigen Mauern mit Granitquadern bzw. Steinzeug zu verkleiden, wurde aus Kostengründen abgelehnt. 1978 begann hier der U-Bahn-Betrieb. Die U4 besitzt 20 Stationen, davon zwei auf dem Alsergrund: Friedensbrücke und Rossauer Lände.

Foto: Doris Wolf, 2010; Friedensbrücke

Die FRIEDENSBRÜCKE besteht seit 1926. 1871/72 war am so genannten Stroheck die Eisenkonstruktion der Brigittabrücke errichtet und nach ihrem Zielort Brigittenau benannt worden. (Die hl. Brigitta war Namensgeberin des 20. Bezirks). Ein halbes Jahrhundert später war sie dem gestiegenen Verkehrsaufkommen nicht mehr gewachsen. 1924 wagte man es, sie nach amerikanischer Methode stromaufwärts zu verschieben. Über sie ging der Straßenverkehr weiter, während man an der ursprünglichen Stelle die neue Friedensbrücke baute. Sie stammt von Otto Schönthal und Emil Hoppe. Nach deren Fertigstellung wurde die alte Brücke demontiert. Zwischen Simmering und Freudenau wieder aufgestellt, überstand sie dort den Zweiten Weltkrieg nicht. 1941, als es defaitistisch war, vom Frieden zu sprechen, benannte man die Friedensbrücke in Brigittenauer Brücke um.

Foto: Doris Wolf, 2010; Nächst der Friedensbrücke

Ein unscheinbarer kleiner Bau bewacht den Übergang vom Alsergrund in die Brigittenau. Die ursprüngliche Polizei-Wachstube wurde in der Ersten Republik aufgelassen. Militärische Bedeutung erlangte sie bei den Kämpfen um Wien gegen Ende des Zweiten Weltkriegs 1945. Ein vorgeschobener Beobachter der Roten Armee leitete das Artilleriefeuer auf die Einheiten der SS am jenseitigen Ufer des Donaukanals. 1945/46 wieder hergestellt, trägt die Friedensbrücke seither wieder ihren alten Namen. 40 Jahre nach der letzten Instandsetzung erfolgte 2009-2011 eine Generalsanierung. Dazu zählten die Reparatur von Tragwerk, Fahrbahnübergängen, Gehwegen samt Geländern und die Verlegung einer Straßenbahnstation. Die Kosten lagen bei 5,1 Mio. Euro.

Foto: Doris Wolf, 2010; Stroheckgasse 14 / Rossauer Lände 4

An das Stroheck erinnert die Stroheckgasse. Der verschleppte Mündungskegel der Als bildete eine kleine Halbinsel, auf der sich bis um 1720 Strohmärkte befanden. Der stadtseitige, westliche Donauarm führte schon im Mittelalter den Namen Kanal, es bestand die Absicht, ihn auf "kleine Donau" umzubenennen. Nach dem Grieß, dem Schwemmsand und -land hießen Uferteile in der Rossau. "Badergrieß" nannte man, nach einer Badehütte, den Teil zwischen der Pramergasse und der Mündung des Alsbaches unterhalb der Friedensbrücke. Das Portal der Alsbachmündung diente als Auslauf des Hauptsammelkanals - bis zu dessen Umbau - dazu, das Überfallwasser des Bachs an seiner bisherigen Mündung in den Donaukanal abfließen zu lassen. "Dieser sehr saubere und geräumige Zugang, ein riesiges, ladendes beschreitbares Tor in den unbekannten Bauch der Stadt - man konnte ein gutes Stück hineinsehen, wie in einen Saal…" Nicht nur von den Kriminellen in Doderers Roman wurde dieser Einstieg in die Unterwelt, den kein Cerberus verwehrte, benützt, sondern auch bei Einbrüchen in jüngster Zeit. Sie galten Juweliergeschäften in der Alserbachstraße und auf dem Julius-Tandler-Platz.


Foto: Doris Wolf, 2010; Stein-Haus, Julius-Tandler-Platz 6 / Rotenlöwengasse 21

An der T-Kreuzung, bei der die Stroheckgasse beginnt, fällt der Blick auf einen riesigen Doppeladler. Er krönt das dreistöckige Wohn- und Geschäftshaus JULIUS-TANDLER-PLATZ 6 / ROTENLÖWENGASSE 21. Der Hoflieferant Isidor (Doro) Stein, Inhaber der Kleiderfabrik S. Stein, hatte es 1903 errichten lassen. Die Firma nahm nicht nur in Österreich-Ungarn eine dominierende Stellung in der - damals noch jungen - Konfektionsindustrie ein, sondern auch in Ägypten, wo gleichzeitig mit dem Wiener Verwaltungsgebäude eines der größten Kaufhäuser des Landes entstand. Im Atelier des Stein-Hauses richtete der Historienmaler Ludwig Koch eine private Malschule ein. Auch Heimito Doderer hat hier gewohnt und das Gebäude in seinem Roman "Die Strudlhofstiege" ausführlich literarisch gewürdigt.

Foto: Doris Wolf, 2010; U-Bahn-Station Rossau

In Höhe der Seegasse konnte man den Donaukanal jahrzehntelang mit einer Überfuhr queren. Die "Seefahrt" zwischen Alsergrund und Leopoldstadt war für Erwachsene und Kinder immer wieder ein Erlebnis. Seit 1991 überbrückt hier der SIEMENS-NIXDORF-STEG den Fluss. 54 Stahlhülsenpfähle, 14 m tief eingerammt, bilden das Fundament des 56,4 m langen Haupttragwerks, auf dem sich die Verkehrsflächen für Fußgänger und Radfahrer befinden. Besonders stolz ist man auf die Begrünung der Brücke mit Kletterpflanzen, die sich auf eigenen Gerüsten über den Steg ranken sollen. Der Name der am rechten Ufer des Donaukanals gelegenen Vorstadt Rossau leitet sich von den Weide- und Schwemmplätzen für die bei den Schiffszügen eingesetzten Pferde ab. Auf die Au verweist das Gemeindewappen, das stilisierte Bäume zeigt. Die Einwohner der 537.000 m² großen Vorstadt fanden ihren Erwerb durch die Nähe der Wasserstraße. Viele waren Fischer oder Schiffer. Sackträger, Holzscheiber und Strobler halfen beim Entladen der Schiffe. Damit im Zusammenhang standen auch die Gewerbe der Sattler und Wagner, von denen mehr als ein Viertel aller Wiener Betriebe in der Rossau ansässig war. Die Grenzen bildeten Liechtensteinstraße, Alserbachstraße, Donaukanal und Maria-Theresien-Straße.


Foto: Doris Wolf, 2010; U-Bahn-Station Rossau
Foto: Doris Wolf, 2010; U-Bahn-Station Rossau

Die STATION ROSSAUER LÄNDE, eine "Schwester" der Station Friedensbrücke, besitzt ähnliche Bauelemente wie diese. Der üblicherweise hellgrüne Anstrich war hier urprünglich dunkelgrün. Eine Stiege führt hinab zum Donaukanal, dort zeigt eine Seitenwand des Stationsgebäudes ein merkwürdiges Porträtrelief: die Fratze eines Bacchanten im Stil der Secession. Als es 1901 Kaiser Franz Joseph auf einer Besichtigungstour erblickte, meinte er indigniert zu seinem Adjutanten Erich Graf Kielmannsegg: "Gefällt Ihnen das?" Der Ministerpäsident verneinte pflichtschuldigst und betonte, dass ihm Otto Wagner gegenüber ohnedies die Milderung "allzu stark prononcierter Secessionsformen" gelungen sei. Im 21. Jahrhundert gilt Spraykunst als Ausdrucksform der Jugendkultur. Im Rahmen der Aktion WienerWand wurde daher eine Fläche bei der U-Bahn-Station Rossauer Lände entlang des Donaukanals für die Kreativität der Spraykünstler freigegeben.

Vor 1862 hieß die Rossauer Lände "An der Donau" oder (Holz-) G(e)stättengasse. 1903 erfolgte die Benennung Elisabethpromenade, da ihre Fortsetzung, der Franz-Josefs-Kai, nach dem Kaiser benannt worden war. Während dieser Straßenname blieb, wurde die Elisabethpromenade 1919 wieder zur Rossauer Lände. Nun als Nordeinfahrt Wiens von Autos durchbraust, kann von einer Promenade keine Rede mehr sein. Doch im Gegensatz zum Kai mit seinen senkrecht zum Donaukanal abfallenden Wänden besitzt die Lände einen Uferpark, in dem sich bei der Einmündung der Glasergasse ein veritabler Brunnen befand. Dieser Kaiser-Jubiläumsbrunnen von Theodor Khuen stammte aus 1908. Als eines der ersten Denkmäler Wiens zeigte er keinen Potentaten, sondern einen Rossauer Fischer und einen Schiffer. Darüber thronte eine weibliche Gestalt. 1943 wurden die Bronzefiguren abgenommen und für Rüstungszwecke eingeschmolzen. Da die Abgüsse als verschollen gelten, war an eine Wiederherstellung nicht zu denken. Die beschädigte Brunnenarchitektur trug man 1950 ab.

1993 legte der Architekt Boris Podrecca den Verantwortlichen des Magistrats seinen Plan eines "Wasserboulevards" am rechten Ufer der "kleinen Donau" vor. Inzwischen floss viel Wasser den Strom hinab, bis 2009 ein Masterplan erstellt werden sollte. Doch schon hat sich die "Summerstage" an der Rossauer Lände etabliert. Sie wurde zum beliebten Treffpunkt an den Gestaden des Donaukanals, ähnlich einer Trattoria am Lido von Venedig. Geschichtlich gesehen ist sie eine Nachfolgerin des biedermeierlichen Kaiserbades.

Foto: Doris Wolf, 2010; Polizeigebäude Rossauer Lände 5-9 / Berggasse 41-43

Die prächtigen Häuser der Rossauer Lände machen der alten Bezeichnung als Promenade alle Ehre, stattliche staatliche Gebäude bestimmen das Bild. Das Polizeigebäude ROSSAUER LÄNDE 5-9 / BERGGASSE 41-43 mit seinem Gefangenenhaus wurde nach dem vorherigen Namen der Lände von den Wienern "Hotel Elisabeth" oder kurz "Liesl" genannt. Das fünfgeschoßige Amtshaus mit Jugendstilfassade zeigt an Architekturdetails eine abgerundete Ecke und Kuppel, Mittelrisalit (Rossauer Lände 7) und zwei Turmstümpfe. Das Konzept entwarf Emil Förster, von dem im 9. Bezirk Bauten am Rooseveltplatz, der Maximilian-Hof (Währinger Straße 6-8) und der Albrecht-Hof (Garnisongasse 7) stammen. Ecke Rossauer Lände befindet sich in Kniehöhe eine Hochwassermarke von der Überschwemmung des Jahres 1830. Mit der gegenüber gelegenen Rossauer Kaserne und der darin befindlichen Einsatzleitung der Antiterroreinheit Cobra bildet das Amtsgebäude die "sicherste Ecke" des Bezirkes. --> 5. "Auf Besuch in Neu-Wien"



Foto: Doris Wolf, 2010; Rossauer Brücke

Vor und nach der Rossauer Kaserne verbinden, nur 170 m von einander entfernt, Brücken den Alsergrund mit der Leopoldstadt. Die ROSSAUER BRÜCKE wurde 1983 dem Verkehr übergeben. Sie führt als Einbahn vom 2. Bezirk über den Donaukanal. Die 90 m lange und 26 m breite Brücke weist fünf Fahrspuren auf. Ihre Gehsteige messen 4 m, der Radweg 1,60 m. Ihre Architekten waren Alfred Pauser, Karl Beschorner und Peter Biberschick. Seit April 2010 ist sie ein Teil des Projektes "Lichttraum Donaukanal". Energieeffiziente LED-Linearleuchten tauchen die Rossauer Brücke - wie schon zuvor die Salztor-, Marien- Schweden- und Aspernbrücke - in farbiges Licht. Hier wählte man Türkis-Blau-Töne für die Effektbeleuchtung. Traditionsgemäß wacht eine Statue des hl. Johannes Nepomuk am rechten Brückenkopf. Er weist mit erhobenem Kruzifix auf die gegenüber liegende Rossauer Kaserne. Dort befand sich im Mittelalter das Fischerdörfel im Oberen Werd, die Keimzelle der Vorstadt Rossau.

Die Geschichte der AUGARTENBRÜCKE reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. 1775 öffnete Kaiser Joseph II. den Augarten für die Allgemeinheit. Dies bedingte eine Verbindung über den Donaukanal. 1782 entstand eine Holzjochbrücke, die ein Bronzerelief am rechten Brückenkopf der jetzigen Augartenbrücke zeigt. 1809 aus Verteidigungsgründen zerstört, doch bald von den Franzosen wieder aufgebaut, stand die Holzbrücke bis 1829. Dann war sie so baufällig, dass eine Notbrücke gebaut werden musste. 1873 wurde diese durch eine Eisenbrücke ersetzt, auf deren Pylonen vier Bronzefiguren der Malerei, der Poesie, der Industrie und der Astronomie standen. Sie galt zu ihrer Zeit als schönste Brücke Wiens. Da sie die Verlängerung der Maria-Theresien-Straße darstellte, führte sie offiziell den Namen der Kaiserin. Bei einer Länge von fast 60 m besaß die Brücke eine 11,4 m breite Fahrbahn. Die jetzige Augartenbrücke wurde 1931 dem Verkehr übergeben. Ihr Architekt war der Otto-Wagner-Schüler Hugo Gessner, auf den der Typus des "Volkswohnpalastes", der Gemeindebauten des Roten Wien, zurückgeht. Die Stahlbrücke besitzt bei einer Länge von 78 m eine Breite von 26 m, wobei die Fahrbahn 16 m und die Gehwege je 5 m messen, welche nun zum Teil als Radwege benutzt werden. 1945, bei dem Kampf um Wien, verhinderte die Österreichische Widerstandsbewegung die vollkommene Zerstörung der Brücke, sodass sie bald darauf als erste Donaukanalbrücke dem Verkehr übergeben werden konnte. Mit dessen Zunahme führt sie nun als Einbahn zur Leopoldstadt.

Foto: Doris Wolf, 2010; U-Bahn-Station Schottenring

Die U4 hat die STATION SCHOTTENRING erreicht. Dieses Stadtbahngebäude blieb als eines der wenigen nicht erhalten. Trotz seines guten Zustandes hat man es wegen der technischen Notwendigkeiten des Übergangsbereichs von U2 und U4 abgebrochen. Der 800 m lange Abschnitt wird als "Tauchstation" bezeichnet, weil die Stationen bis zu 25 m tief liegen. Während der Bauarbeiten musste der Donaukanal auf minus 200 Grad vereist werden, um Wassereintritt zu verhindern. Die Eröffnung der U2-Station Schottenring erfolgte 2008. Es entstand eine Station auf zwei Ebenen: Etage 1 für die U4 und die unter der Donaukanalsohle liegende zweite Etage für die U2.





Foto: Doris Wolf, 2010; Kaiserbad-Schleuse am Donaukanal

1783 befand sich hier am Donaukanal das Kaiserbad. Es verband die Bequemlichkeit des Badens mit kulinarischen Genüssen. Von seiner im ersten Stock gelegenen Terrasse bot sich als Augenschmaus ein weites Panorama von den Donauauen über das Schanzel hinweg bis zum Stephansturm. Ludwig van Beethoven soll hier Besucher gewesen sein. Ein markantes Bauwerk auf der Seite der Leopoldstadt ist die Kaiserbadschleuse von Otto Wagner. Das markante blau-weiße secessionistische "Schützenhaus" wurde als Teil einer geplanten Schleusenkette im Donaukanal 1901 bis 1906 errichtet, aber nie in Betrieb genommen. Nach Bombardierungen 1945 hat man die Wehranlage und die Reste der Eisenkonstruktionen der Kammerschleuse abgetragen. 1977/78 erfolgte unter der Planung und Leitung von Architekt Alois Machatschek der Umbau des Schützenhauses zu einem Schulungsgebäude des Bundesamtes für Eich- und Vermessungswesen. Seit 2010/11 ist das denkmalgeschützte Gebäude als Cafe-Restaurant, Weinbar und Veranstaltungsort "Wiener Schützenhaus" revitalisiert.


Foto: Doris Wolf, 2010; Rossauer Kaserne und Ringturm, Schottenring 30

Eine Landmarke bildet heute der Ringturm, SCHOTTENRING 30. Er wurde 1955 nach Plänen von Erich Boltenstern errichtet. An der städtebaulich interessanten Nahtstelle zwischen Schottenring und Franz-Josefs-Kai bildet das 23 Stockwerke-Hochhaus mit seiner Wetterstation einen Blickpunkt in der Skyline. Im Erdgeschoß des Versicherungsgebäudes gibt es interessante Architektur-Ausstellungen bei freiem Eintritt zu sehen.

In dieser Gegend wurde bis 1773 das Bäckerschupfen exekutiert. Hatte ein Bäcker Brot gebacken, das in Größe und Gewicht nicht den Vorschriften entsprach, war diese Ehrenstrafe die Folge. Man setzte ihn in eine Art Käfig, der an einer Wippe hing und tauchte ihn unter dem Spott des stets zahlreich anwesenden Publikums in das Wasser des Donaukanals. Nach dem Umsteigen in die U2 haben wir noch eine Minute Fahrzeit zur 752 m entfernten STATION SCHOTTENTOR-UNIVERSITÄT.


Foto: Doris Wolf, 2010; U-Bahn-Station Schottentor-Universität

Hier endet unsere Umfahrung des Alsergrundes, die wir über ca. 5 km in ca. 20 Minuten unternommen haben. Die 1980 geschaffene Station ist mit dem, im Volksmund "Jonas-Reindl" genannten, Verkehrsbauwerk verbunden. Es wurde 1961 in der Amtszeit von Franz Jonas als Bürgermeister errichtet. Das runde, teils unterirdische Verkehrsbauwerk steht unter Denkmalschutz und besitzt für die Wiener eine identitätsstiftende Komponente - wie die Wiener Linien zum 50-Jahr-Jubiläum nach dem Baubeginn herausgefunden haben. Das namengebende Tor der Stadtmauer stand, mehrfach umgebaut, von 1276 bis 1862. Der Verkehr nach Norden erfolgte damals wie heute an seiner Stelle. --> 4. "Um den Dom des Alsergrundes". Auf der "Zweierlinie" (Landesgerichtsstraße, Auerspergstraße, Museumstraße, Museumsplatz, Getreidemarkt) verkehrten die Straßenbahnen E2, G2 und H2. Als wichtige Verkehrsader der Stadt sollte sie die Lastenstraße für Schwerfuhrwerke sein, denen die Benützung der Ringstraße untersagt war. 1966 begann mit der Unterpflasterstraßenbahn der Versuch, den öffentlichen Verkehr in den Untergrund zu verlegen. Vom Getreidemarkt ausgehend, führte die "Ustrab" bis zum Landesgericht. Mit dem Ausbau zur U-Bahn wurde die Linie U2 zunächst bis zum Schottentor, dann bis zur Station Schottenring verlängert, 2008 der U2-Abschnitt vom Schottenring zum Stadion eröffnet, 2010 folgte die Verlängerung zur Aspernstraße. Die Arbeiten für die 4,2 Kilometer lange Anbindung des Stadtentwicklungsgebietes „Seestadt Aspern“ sollen Ende 2013 abgeschlossen sein. Doch damit ist ihr Wachstum nicht beendet. Bis 2019 soll sie in entgegengesetzter Richtung bis zur Gudrunstraße nach Favoriten fahren.

Personendaten:
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Althan, Christoph Johann (1633-1706), Graf; Arnstein, Franziska (1758-1818), Salonière; Barvitius Anton (1823-1901), Architekt; Baumann, Anton (1848-1918), Politiker; Beethoven, Ludwig van (1770-1827), Komponist; Boltenstern, Erich (1896-1991), Architekt; Brigitta (Birgit) von Schweden (1303-1373), Heilige; Doderer, Heimito (1896-1966), Schriftsteller; Dorfmeister, Karl (1876-1955), Architekt; Elisabeth (1837-1898), Kaiserin; Eugen von Savoyen (1663-1736), Feldherr; Ferdinand I. (1793-1875), Kaiser; Fischer von Erlach, Johann B. (1656-1723), Architekt; Förster, Emil (1838-1909), Architekt; Franz Joseph I. (1830-1916), Kaiser; Fraß, Rudolf (1880-1934), Architekt; Freud, Sigmund (1856-1939), Arzt; Frohner, Adolf (1934-2007), Bildhauer; Gessner, Hugo (1871-1943), Architekt; Grundl, Anton (1825-1896), Priester; Gussenbauer, Carl (1842-1903), Arzt; Hausner, Rudolf (1914-1995), Maler; Holaubek, Josef (1907-1999), Polizeipräsident; Hoppe, Emil (1876-1957), Architekt; Hundertwasser, Friedensreich (1928-2000), Maler; Ingen-Housz, Jan (1730-1799), Arzt; Jodl, Friedrich (1849–1914), Philosoph; Johannes Nepomuk (um 1350-1393), Heiliger; Jonas, Franz (1899-1974), Politiker ; Joseph II. (1741-1790), Kaiser; Kammel, Leo (1885-1948), Architekt; Khuen, Theodor (1860-1922), Bildhauer; Kielmannsegg, Erich (1827-1923), Politiker; Koch, Ludwig (1866-1934), Maler; Krauß, Franz (1865-1942), Architekt; Leopold I. (1640-1705), Kaiser; Maria Theresia (1717-1780), Kaiserin; Marinoni, Johann J. (1676-1755), Mathematiker; Metternich, Klemens W. (1773-1859), Staatskanzler; Noé-Nordberg, Karl G. (1798-1885), Polizeidirektor; Oerley, Robert (1876-1945), Architekt; Perco, Rudolf (1884-1942), Architekt; Rothschild, Anselm (1803-1874), Bankier; Schatz, Otto E. (1900-1961), Künstler; Schönthal, Otto (1878-1961), Architekt; Schubert, Franz (1797-1828), Komponist; Schwanzer, Karl (1918-1975), Architekt; Schwarzenberg, Johann Adolf II. (1799-1888), Industrieller; Sprenger, Paul (1798-1854), Architekt; Stein, Isidor (1869-1940), Industrieller; Ströhl, Hugo G. (1851-1919), Zeichner; Szeps, Moritz (1835-1902), Journalist; Thury, Johann (+ 1659), Unternehmer; Tölk, Josef (1861-1927), Architekt; Ullmann, Ignác, Ignaz (1822-1897), Architekt; Wagner, Otto (1841-1918), Architekt; Wertheimer, Siegfried (1777-1863), Händler; Zuckerkandl, Berta (1864-1945), Schriftstellerin; Zuckerkandl, Emil (1849-1910), Arzt.

© Text: Prof. Ing. Alfred Wolf, Wien (2010), aktualisiert von Helga Maria Wolf (2013), Fotos: Doris Wolf. Nachdruck nur mit Genehmigung der Autoren