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Raimund, Ferdinand #

eigentlich F. J. Raimann


* 1. 6. 1790, Wien

† 5. 9. 1836, Pottenstein (Niederösterreich)


Schauspieler, Dramatiker


Ferdinand Raimund, Gemälde
Ferdinand Raimund.Gemälde.
© Museen der Stadt Wien, für AEIOU

Ferdinand Raimund wurde am 1. Juni 1790 als Ferdinand Jakob Raimann, Sohn des eingewanderten böhmischen Drechslermeisters, in Wien geboren.

Er begann eine Lehre bei einem Zuckerbäcker und kam als Verkäufer von Gebäck mit dem Burgtheater in Berührung. Er brach seine Lehre ab und schloss sich ab 1808 verschiedenen Theatergesellschaften (Wandertheater) an, die hauptsächlich in Ungarn spielten. 1814 erhielt er ein Engagement am Theater in der Josefstadt in Wien.

Ab 1817 gehörte er dem Ensemble des Theaters in der Leopoldstadt an, und wurde dort bereits 1821 zum Regisseur ernannt. 1823 setzte er sich mit dem Zauberspiel "Der Barometermacher auf der Zauberinsel" als Autor auf Anhieb durch, es folgten Jahre großer Bühnenerfolge (z.B. "Der Bauer als Millionär",1826), die seinen Ruf als größter Komödiendichter der Vorstadtbühnen seiner Zeit begründeten. Von 1828 bis 1830 war er auch Direktor des Theaters in der Leopoldstadt.

Den Höhepunkt seiner Karriere als Autor und Schauspieler (Rappelkopf) feierte Raimund 1828 mit "Der Alpenkönig und der Menschenfeind". Auch der "Verschwender" (1834) wurde zu einem sensationellen Erfolg.

Im Gegensatz zu seinen beruflichen Erfolgen gestaltete sich sein Privatleben unglücklich. Nach mehreren Verhältnissen lernte er 1819 Antonie Wagner kennen, Tochter eines bekannten Kaffeehausbesitzers - eine Heirat aber wurde von ihren Eltern nicht erlaubt. Er heiratete 1820 – mehr oder weniger unter Zwang - Louise Gleich, nach 2 Jahren wurde die Ehe wieder geschieden.

Raimund und Toni fanden wieder zusammen, doch der geschiedene Raimund konnte als Katholik keine neue Ehe mehr eingehen. Die bürgerliche Lebensgemeinschaft bedeutete jedoch kein bürgerliches Glück, der Makel des doch nicht Endgültigen haftete ihr zeitlebens an. Erst 1827 erkennen die Eltern Tonis die Gemeinschaft beider an; 1830 geben sie ihnen eine Wohnung in ihrem Haus. Raimund bietet Toni materielle Sicherheit über seinen Tod hinaus, indem er sie zur Universalerbin einsetzte. 1834 erwarb er ein Landhaus bei Gutenstein bei Pernitz in Niederösterreich.

Raimunds Liebesaffären und seine Vorstellung von der idealen Liebe prägten in seine Stücke ebenso wie seine Hypochondrie und der Ehrgeiz, eigentlich zum "Tragiker" geboren zu sein.

In zunehmender Depression befürchtete Raimund 1836 nach einem Hundebiss eine Tollwutinfektion, die ihn zu einem Selbstmordversuch veranlasste, an dem er wenige Tage später, am 5. September 1836, starb. Er liegt auf dem Bergfriedhof zu Gutenstein begraben.

Raimund gilt zusammen mit Johann Nepomuk Nestroy als Hauptvertreter des Wiener Volkstheaters und der österreichischen Literatur des Biedermeier und Vormärz neben Franz Grillparzer, der Raimunds "großes Talent" schätzte. Seine Stücke vertreten die Werte des Biedermeier (Treue, Dankbarkeit, Maßhalten, Zufriedenheit).
Raimunds Stücke sind große szenische Sinnbilder vom Glück in einer geordneten Welt mit utopischen Ausblicken in ein höheres Reich der Liebe und Freiheit.
Der Einfluss seines verfremdenden Märchentheaters als Utopie und Spiegel der Wirklichkeit ist für die weitere Entwicklung des Volksstücks und der Dramatik im 20. Jahrhundert unbestritten.

Im Jahre 1885 fand, fast vierzig Jahre nach Raimunds Tod, mit "Der Verschwender" sein erstes Stück Einzug ins Burgtheater, wo seine Werke heute einen festen Bestandteil des Repertoires darstellen.


Stücke:

  • Der Barometermacher auf der Zauberinsel, 1823
  • Der Diamant des Geisterkönigs, 1824
  • Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär, 1826
  • Moisasurs Zauberfluch, 1827
  • Der Alpenkönig und der Menschenfeind, 1828
  • Die gefesselte Phantasie, 1828
  • Die unheilbringende Krone, 1829
  • Der Verschwender, 1834

Ausgaben#

  • Sämtliche Werke. Historisch-kritische Säkularausgabe in 6 Bänden, herausgegeben von F. Brukner und E. Castle, 1924-34 (Neudruck 1974)
  • Liebesbriefe, herausgegeben von F. Brukner, 1914.

Literatur#

Ferdinand Raimund, Briefmarke
Ferdinand Raimund.Briefmarke.
© Österr. Post
  • O. Rommel, F. Raimund und die Vollendung des Alt-Wiener Zauberstücks, 1947
  • J. Hein, F. Raimund, 1970
  • G. Wiltschko, Raimunds Dramaturgie, 1973
  • R. Wagner, F. Raimund. Eine Biographie, 1985
  • G. Riedl, Raimund. Bilder aus einem Theaterleben, 1990
  • W. Deutschmann und R. Wagner (Redaktion), Es ist ewig schad´ um mich, Ausstellungskatalog, Historisches Museum der Stadt Wien, 1996.

Anlässlich des 200. Geburtstags von Ferdinand Raimund erschien 1990 eine Sonderpostmarke, der Raimund-Ring war ein Theaterpreis der Stadt Wien (heute vom Nestroy-Theaterpreis abgelöst).


Leseprobe#

aus Der Barometermacher auf der Zauberinsel

Zauberposse in zwei Aufzügen

von Ferdinand Raimund

Musik Wenzel Müller

Erstaufführung am 18. Dezember 1823 im Theater in der Leopoldstadt


27. Szene

(vorige. quecksilber als Arzt, mit einer Art Flaschenkeller, in dem sich das Wasser befindet.)

quecksilber. Servus humilissimus! Sie sehen in mir den berühmten Arzt Barometrianus, der sich in allen Teilen der Welt berühmt gemacht hat. Von allen diesen Weltteilen werd’ ich hernach schon die Ehre haben, Ihnen verschiedene Geschichten zu erzählen. Jetzt sagen Sie mir, bin ich so glücklich, den mächt’gen Tutu vor mir zu sehen?

tutu. Bei mir können Sie jetzt nicht mehr fehlen, Sie dürfen nur der Nasen nachgehen.

quecksilber. Weil Sie gerade von der Nase sprechen, so lassen Sie mich nicht vergessen, daß ich Ihnen hernach eine Geschichte davon erzähle. Hab’ ich die hohe Ehre, meine Angebetete, in Ihnen die schöne Zoraide zu bewundern?

zoraide (schluchzend). Ja--ich--bin--die schöne--Zoraide.

quecksilber. Hm! Sie scheinen mir eine Gemütskrankheit zu haben! Das ist eine üble Krankheit, da könnt’ ich Ihnen eine Geschichte erzählen, welche sich in Nordamerika zugetragen hat. Da war einmal ein Mann, der hat siebenundzwanzig Töchter gehabt. Jetzt will ich Ihnen nur in der Geschwindigkeit die Geschichten aller dieser Töchter erzählen.

tutu. Verzeihen Sie, wir werden ein anders Mal darum bitten. Wir wünschten zuerst Ihren Rat zu hören.

quecksilber. Hören Sie, weil Sie gerade vom Rat sprechen, erlauben Sie, da fällt mir auch eine prächtige Geschichte ein, an deren Erzählung mich aber die Bemerkung hindert, daß Ihre Nasen sich in einer etwas massiven Form produzieren, darum entsteht die große Frage, ob Sie schon sind damit auf die Welt gekommen oder ob sich das erst kürzlich ereignet hat.

zoraide. Das ist ein langweiliger Mensch! Ja, ja, erst vor kurzem. Helfen Sie uns nur.

quecksilber. Gut also! Da kann ich Ihnen zum Troste sagen, daß Sie nicht die einzigen Menschen auf der Welt sind, welche große Nasen haben. Es gibt Leute, welche sich auf der Nase herumtanzen lassen. Warten Sie, da werde ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Vor vielen tausend Jahren hat einmal ein Mann gelebt. Der hat einen Pudel gehabt--

tutu. Können Sie uns kurieren oder nicht?--Nur das wollen wir wissen.

quecksilber. Erlauben Sie, wie können Sie sich unterstehen, daran zu zweifeln? Ich kuriere Sie, und wenn Ihre Nase so groß wäre wie der Cimborasso in Amerika, das ist der höchste Berg der Welt. Ihre Nasen müssen nach den Regeln des Aristoteles kuriert werden--

zoraide. Das ist uns alles eins--

quecksilber. Erlauben Sie, das ist nicht alles eins! Darüber werd’ ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Hippokrates und Galenus haben darüber ganze Ries Papiere verschrieben, weil auf der Universität die Streitfrage entstanden ist, ob der Mensch die Nase mitten im Gesicht hätte oder nicht.

tutu. Aber wir kennen ja die Herren nicht.

quecksilber. Hippokrates war ein berühmter Apotheker zu Straubing und Galenus ein großer Regimentsarzt bei den chinesischen Truppen. Nun haben Sie nur die Güte, mir Ihren Puls fühlen zu lassen.

tutu. Aber was hat der Puls mit unsern Nasen zu tun?

quecksilber. Erlauben Sie! Alles in der Natur steht miteinander in Verbindung. So hat auch Ihre Gurgel Einfluß auf Ihren Magen, die Hände auf die Backen, der Mund auf die Füße. Ich will Ihnen gleich einen Beweis geben, daß der Mund die Füße in Bewegung setzen kann. Ich habe zum Beispiel über einen ein loses Maul; und er nimmt einen Stock und prügelt mich tüchtig durch, so bleibt mir nichts übrig, als davonzulaufen. Also war mein Mund daran schuld, daß sich meine Füße in Bewegung gesetzt haben.

tutu. Aber wir reden ja von keinen Prügeln.

quecksilber. Erlauben Sie, ich rede aber sehr gerne von Prügeln. Da werde ich Ihnen nur geschwinde eine kleine Geschichte erzählen--

zoraide. Nein, das ist nicht zum Aushalten! Jetzt hören S’ einmal mit Ihren G’schichten auf, wir wollen aber keine G’schichten hören. Unsere Nasen ist die unglücklichste G’schicht, die man erleben kann.

quecksilber. Sie wollen also Ihre Nase verlieren? Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? (Zu Tutu.) Trinken Sie hier aus dieser Flasche.

zoraide. Nun endlich bringt er einmal was heraus.

tutu. Da bin ich kurios. (Er trinkt, die Nase verschwindet.)

quecksilber. Na? Na? Was sagen Sie jetzt? Die große Nase ist fort!

tutu.Meiner Seel’!

alle. Wunder über Wunder!

tutu. O Sie goldener Doktor, das ist die schönste G’schicht’, die Sie mir noch erzählt haben.

Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom Gutenberg Projekt-DE zur Verfügung gestellt.


Artikel dem Buch "Große Österreicher"#

Ferdinand Raimund 1790-1836

Will man von einem, österreichischen Dichter erzählen und dabei der Liebe nicht vergessen, dann wählt man sich am besten Ferdinand Raimund.
Geboren 1790 in Wien als Sohn eines Drechslermeisters, früh ohne Eltern, jung in einem Nahverhältnis zum Theater - als »Nummero« im Josefstädter Theater einfach einer, der in den Pausen dem Publikum die Waren seines Lehrherren, eines Zuckerbäckers, anpreist. Später selbst ein Schauspieler, ein unglücklicher junger Mann in der Provinz, der sich mit einem Sprachfehler und viel unglücklichen Zwischenfällen durch die kleinsten Rollen quält, ein finsterer Held sein will und es zuerst einmal »nur« zum komischen Begleiter irgendeines Helden bringt. Dann endlich ein anerkannter Publikumsliebling in den Rollen des treuen Dieners, des komischen Menschen aus dem Volk, der wienerische Sancho Pansa in Stücken, in denen kein Don Quichotte vorkommt. Dabei ist er nicht weltfremd, sondern nur nicht ganz konform mit der Umgebung. Er hat Affären mit Kolleginnen, er hat Schwierigkeiten mit Provinzdirektoren, er hat Freude mit einem Publikum, das in ihm offenbar etwas Besonderes erkennt, sonst würde es ihn nicht bald als einen legitimen Nachfolger von beliebten Komikern (die wir heute nicht einmal mehr namentlich kennen) annehmen und feiern.

Eines Tages ist es soweit. Er hat von seinem Prinzipal, für den er bis dahin nur die sogenannten Theaterreden geschrieben hat, den Beginn eines ersten Aktes eines nicht zu Ende gedachten Theaterstückes überlassen bekommen und lässt beinahe alles, was dieser Prinzipal anbietet, wieder weg und schreibt sein erstes eigenes Stück, den »Barometermacher auf der Zauberinsel«. Ein Stück, das »Zauberposse mit Gesang in zwei Aufzügen« genannt wird und dem Geschmack des Wiener Publikums entspricht. Es ist komisch, es ist bizarr, es ist voll der auf dem Volkstheater geforderten Typen, und es hat einen überschwänglichen Wiener Patriotismus, wie es die meisten Stücke einmal als wesentlichsten Bestandteil aufweisen mussten. Raimund hat Erfolg und schreibt weiter. Und schon als zweites Stück gelingt ihm »Der Diamant des Geisterkönigs«, in dem außer einer faszinierend zusammengeleimten Handlung schon einige Figuren in Erinnerung bleiben und Sätze wie »Ich bin dein Vater Zephises und habe dir nichts zu sagen als dieses« und außerdem selbstverständlich gesungene Liebeserklärungen des Dieners Florian Waschblau an sein »Mariandel - Zuckerkandel«. Der Erfolg ist Raimund auch mit diesem Stück, in dem er den Florian spielt, treu. Raimund wird gemütskrank und relativ wohlhabend zugleich, er muß sich auf eine Kur begeben und ist weiterhin Schauspieler, er kommt aus seiner nicht geheilten Gemütskrankheit zurück und bringt ein Stück mit, das ganz und gar seine Erfindung ist und mit vollem Titel heißt: »Das Mädchen aus der Feenwelt oder: Der Bauer als Millionär«. Muss man das auch nacherzählen? In diesem Stück sind zwei Lieder drin, die auch vom Schauspieler und Stückeschreiber Raimund stammen und mit denen ist er für immer in die Literatur eingegangen: das »Brüderlein fein« und das »Aschenlied«. Zu allem Überfluss hat er diese beiden Lieder auch komponiert: es ist für niemand anderen etwas zu tun geblieben, diese Edelsteine hat Ferdinand Raimund selbst geschliffen - und, wenn man den Zeitgenossen glauben darf, auch unübertroffen von der Bühne her angeboten.

Jetzt kann man nicht mehr über Erfolge reden, jetzt gibt es schon Triumphe zu vermelden, neben und wegen Raimund wird auch die legendäre Therese Krones weit über die Stadt hinaus berühmt, und was will man eigentlich mehr? Es scheint wenigstens für Wiener nicht zu unverständlich, dass Raimund zu dieser Zeit schon eine unglückliche Ehe hinter sich hat und an einem unglücklichen Verhältnis laboriert, dass er somit alles andere als glücklich ist. Er, der sich jetzt bürgerliche Umgebung, Wagen, Pferd und Kutscher leisten kann und einer der Lieblinge der Stadt ist, will viel, viel mehr als das, was er hat. Er hat »Die gefesselte Phantasie« geschrieben, und selbstverständlich erkennt man in dem Harfenisten Nachtigall unschwer wiederum denjenigen, der ihn auch auf der Bühne darstellt. Es sollte ein tragisches Stück werden, sehr viel mehr als Schreiberei für ein Wiener Vorstadttheater - aber es ist nur ein Stück von Raimund geworden, den die Leute lieben, aber nie einen Dichter nennen, sondern einen ihrer Stückeschreiber.

Was bleibt ihm übrig? Er schreibt den »Alpenkönig und Menschenfeind« und damit wiederum eine wahrhaft genialische und unerklärlich österreichische Dichtung, erringt damit auch einen seiner größten Erfolge und fühlt sich wiederum missverstanden und unglücklich. Und auch die Bewunderung eines Franz Grillparzer und die Anerkennung des Publikums genügen ihm nicht. Ob er weint, weil nicht jedermann schon weiß, dass er mit diesem Stück der Vorläufer Sigmund Freuds ist? Ob er verzweifelt, weil die Szene in der Köhlerhütte, die eine hässliche Familie zeigt, allseits so populär wird wie »Der Müller und sein Kind«? Ob er Selbstmordgedanken hegt, weil er allein weiß, was er noch sein könnte und nie sein wird? Er dichtet eine Art Gelegenheitsstück »Die unheilbringende Krone«, und der Misserfolg ist da. Er schreibt sein letztes Stück, und a tempo weiß man, dass er jetzt seinen Haupttreffer gemacht hat. »Der Verschwender« macht ihn, wie schon bei der Uraufführung festgestellt wird, zum Klassiker. In diesem Gleichnis - alle Raimund-Stücke sind Gleichnisse, und wer sie versteht, der ist ein Wiener - kommt endlich das Hobellied vor, das den Typus des Theaterliedes und des Wiener Liedes adelt und für alle Ewigkeit festhält.

Was kann Ferdinand Raimund jetzt noch tun? Er könnte als Schauspieler in Wien und in Deutschland gastieren. Er könnte als Regisseur (der er lange auch schon ist) sein zusätzliches Geld verdienen. Er könnte vielleicht noch ein Stück schreiben und die wunderbaren Theaterszenen, ohne denen sich Österreichs Dichtung nicht mehr denken lässt, um weitere bereichern.

Raimund überlegt es sich anders. Er jagt sich aus Furcht vor der Tollwut eine Kugel in den Mund und stirbt im Alter von 46 Jahren. Er hinterlässt eine nie glücklich gewesene Geliebte, ein trauerndes Theater-Wien, ein ordentliches Vermögen und ein künstlerisches Erbe, an dem sich die Literaturwissenschaftler die Zähne ausbeißen und die Finger wund schreiben.

Denn sie wissen einerseits alles, was Raimund in seinen Stücken insgeheim zu transportieren vorhatte, besser und deutlicher zu sagen und stellen ihn also als einen von der zeitgenössischen Zensur verfolgten Revolutionär hin. Sie haben aber auch den Mund voll des Lobes auf den österreichischen Aristophanes und vergessen über Johann Nestroy nie, die ungeschickten Sentenzen des Möchtegerndichters Ferdinand Raimund zu erwähnen. Und schließlich ist ihnen doch wieder vor der Mischung aus Naivität und Weltkenntnis und Naturliebe und Leidenschaft für etwas »Höheres« unheimlich, und sie verstummen und schreiben etwas weniger darüber als über die Genies, denen sie mit ihren Interpretationen zu schaden wissen. Über seine seltsame Lebensart ist ihnen wenig bekannt, von seinen literarischen Vorbildern oder Idolen wissen sie um so mehr, und weil er es nicht unter der Anrufung Friedrich Schillers tat und ein Leben lang nicht nur still, sondern überlaut seufzte, welch hehre Höhen ihm nicht zugänglich seien, tun sie Raimund den Gefallen und reihen ihn irrtümlich immer wieder in ein falsches Kapitel der Literaturgeschichte ein. Das kann nicht verwundern. Denn Raimund ist als ein Volksdichter, dessen wunderbarste Verse sich völlig von ihrem Autor lösten, in der Literaturgeschichte kaum unterzubringen. Viel eher kann man ihn - das hat Hans Weigel versucht und zuwege gebracht - bei den bedeutenden Österreichern, den großen, missverstandenen Wienern richtig einordnen und ihm zuletzt die Ehre antun, die ihm sein Publikum längst angetan hat. Das spricht sehr oft im Zusammenhang mit Schauspielern oder mit Situationen den Namen Raimund aus, ist aber spürbar der Ansicht, dieser Name sei ein Synonym für mehr als einen Theaterdichter.


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Quellen#


Redaktion: I. Schinnerl