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Der „wilde Hund“ aus Graz wird Weltmeister#

Jochen Rindt war schon als Kind besessen von der Geschwindigkeit. Seine Freunde erinnern sich.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Jochen Rindt 1967
Jochen Rindt 1967, im Jahr seiner Hochzeit.
Foto: © REPRO LEODOLTER/WERKSTADT GRAZ-BAUR

Jochen hat neben unserer Konditorei bei seiner Großmutter gewohnt“, erinnert sich Konditor Wolfgang Philipp. „Seine Eltern sind ja im Zweiten Weltkrieg in Deutschland den Phosphorbomben zum Opfer gefallen.“ Da Jochens Mutter Grazerin war, kam der kleine Bub nach ihrem Tod zu den Großeltern und verbrachte seine Kindheit am Ruckerlberggürtel 16.

„Er hat immer einen klassen Schmäh geführt“, erzählt Philipp. „Nach der Schule ist er in die Konditorei gekommen: ,Frau Philipp, was kostet so ein Stangerl?’, hat er immer gefragt – und hat sich schon ein Windradl in den Mund gesteckt und gelacht.“

Wolfgang Philipp war älter als der 1942 geborene Jochen Rindt und hatte ein Moped mit Anhänger. „Damit sind wir um den Häuserblock gefahren, ich am Moperl, der Jochen im Anhänger. Es konnte ihm nie schnell genug gehen“, berichtet der Konditor. „Eines Tages ist die Anhängerkupplung gebrochen und er hat sich mehrmals überschlagen. Nach ein paar Sekunden war er aber sofort wieder auf und wollte weiterfahren.“

Auch Ernst Burger, Landesstatistiker in Pension, war ein Nachbar Rindts. „Jochen spielte viel mit Harald Seuter, dem späteren Kulturreferenten der Minoriten, Am Ring, einer Sackgasse zur Schörgelgasse. Ich habe um die Ecke gewohnt, wir haben dort Völkerball, Fußball, Federball gespielt. Wie die meisten ,Ring- Kinder‘ hat Jokl, wie wir ihn nannten, die Nibelungen-Volksschule besucht, er ist dann ins Pestalozzi-Gymnasium gegangen, aber eine Klasse über mir.“

Jochen Rindt 1957
Jochen 1957 bei seiner Konfirmation in der Heilandskirche.
Foto: © DOROTHEA TROG

Legendäre Rennduelle#

„Er war ein kumpelhafter Typ“, schildert Burger, „überhaupt nicht eitel oder stolz. Aber er war von der Geschwindigkeit besessen, nichts konnte ihm schnell genug gehen.“ Legendär sind die Rennduelle, die sich Rindt mit Burgers Klassenkameraden Helmut Marko, später selbst ein bekannter Rennfahrer, geliefert hat. „Vom Hilmteich sind sie mit ihren Autos weggefahren in die Joseph- Marx-Straße, wer schneller um die Kurve fahren konnte.“

„Jochen hat seine Bildung auf eine breite Basis gestellt – und ist mit einer Schule nicht ausgekommen“, lächelt Wolfgang Philipp und Burger ergänzt: „Als er die letzte Klasse wiederholen musste, ist er nach Bad Aussee gegangen. Und da ist der Marko, der ein guter Schüler war, mit seinem Freund einfach mitgegangen.“

So schnell wie Rindts Fahrstil verlief auch sein Leben: Mit 19 erste Rennen, mit 22 Grand Prix in Zeltweg, mit 24 Sieger im 24- Stunden-Rennen von Le Mans, mit 25 Heirat, mit 26 Vater, mit 27 erster Grand-Prix-Sieg. 1970 fünf gewonnene Grand Prix, am 5. September der tödliche Unfall im Training in Monza – der „wilde Hund“ wurde als einziger Rennfahrer posthum Weltmeister.


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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele