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Die Wiener Volkswehr 1918-1920 und die Gründung der Republik#

Provisorische Republikschutztruppe gegen Habsburger - Restauration und kommunistische Revolutionsversuche#

von

Dr. Karl Glaubauf


"Deutschösterreich" - Probleme der republikanischen Ära#

Proklamierung, Republik (Parlament)
Erste Republik: Proklamierung der Republik von der Rampe des Parlaments in Wien am 12. November 1918. Foto.
© Verlag Ch. Brandstätter, Wien, für AEIOU

Die am 12. November 1918 vor dem Parlamentsgebäude proklamierte Republik Deutschösterreich trug schon bei ihrer Gründung - so Norbert Leser in einem Essay im Austria-Forum über die österreichische Revolution 1918 - den Todeskeim in sich: Sie erklärte sich nämlich einerseits als selbstständiger Staat "Deutschösterreich" und andererseits gleichzeitig als Teil des Deutschen Reiches.

Der daraus resultierende Widerspruch sollte in der Folge die österreichische Innenpolitik bis 1938 prägen. Das neue politisch eindeutig "janusköpfige" Staatsgebilde war nämlich zu keiner Zeit in der Lage, diese Gründungsantinomie wirklich aufzulösen. Der mächtige Impuls, den der Anschlussgedanke dadurch erhalten hatte, eröffnete bei fast allen einschlägigen Diskussionen die Argumentationslinie, dass Deutschösterreich ohnehin als Teil des deutschen Staates gegründet worden war, also eigentlich von sich aus den Anschluss vollzogen hatte, ohne die Verhandlungen mit den Siegermächten abzuwarten.

Natürlich war da später auch das Anschlussverbot und die erzwungene Namensänderung in "Republik Österreich". Aber das war Diktat der Sieger, das gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker verstieß und unter dem Titel "Unrecht von Versailles" allseits kritisiert wurde. Noch dazu, wo den territorialen Ansprüchen der Deutschösterreicher nicht stattgegeben wurde. Im Gegenteil, die Gebietsverluste, allen voran jener Südtirols, waren massiv und wurden innerlich durch die Bürger des neuen Staates strikt abgelehnt. Die Zuerkennung "Deutsch-Westungarns" konnte die übrigen Gebietsverluste im politischen Bewusstsein der Staatsbürger nicht kompensieren, sondern verstärkten noch den Anschlusswillen an die Weimarer Republik.Denn die Gebietserweiterung ging nach Ansicht vieler nach Osten, also in die falsche Richtung.

Der Verlust des Böhmerwaldgaues, Deutsch-Böhmens und des Sudetenlandes sowie des "Deutsch-Südmährischen Kreises", aber auch die Abtretung weiter Teile der Südsteiermark infolge des raschen Zugriffes der Slowenen (Marburger Blutsonntag im Jänner 1919) steigerten die Erbitterung und bewirkten eine extreme Radikalisierung, die sich etwa im "Kärntner Abwehrkampf" äußerte. Dabei wäre ein Anschluss an ein rechtsstaaatlich geordnetes Deutschland in Form der Weimarer Republik noch immer die erfolgversprechendste Lösung für eine Stabilisierung Europas gewesen. Die Siegermächte wollten aber um keinen Preis eine territoriale Vergrößerung des Kriegsverlierers Deutschland hinnehmen, auch wenn damit Mittel-Europa zumindest eine zeitlang stabilisiert gewesen wäre.

1938 präsentierte ihnen Hitler die Rechnung dafür, dass sie aus der geplanten Republik Deutschösterreich einen geopolitischen Torso mit minimalen Überlebenschancen gemacht hatten. Zug um Zug realisierte er zunächst die Forderungen der Deutschösterreicher von 1918 und griff sogar nach der Reichseinigung (allerdings ohne Südtirol) am 1. September Polen an, um seine Lebensraum-Konzepte für das deutsche Volk zu realisieren. Vor diesem eben skizzierten politischen Hintergrund sollte den Österreichern die Gründung ihrer Republik gelingen. Eine eher unlösbare Aufgabe, da dem neuen Staat gemeinsam mit Ungarn auch noch die Kriegsschulden der Monarchie aliquot in Form von Reparationen angelastet wurden.

"Innere Republikgründung" scheitert#

Dazu aber kam noch, dass eben diese Staatsform der Republik zunächst nur von den Sozialisten voll akzeptiert wurde, aber auch nur als Zwischenstufe zu einer Diktatur des Proletariats:" Republik das ist nicht viel, Sozialismus heißt das Ziel", so eine damals weitverbreitet Parole. Einige waren auch für eine Habsburger-Revolution -zwei Restaurationsversuche Kaiser Karls in Ungarn zeigten, dass diese Gefahr zumindest theoretisch nicht auszuschließen war- andere für eine kommunistische Räterepublik.

Innerhalb des neuen Staatsvolkes bestand also keineswegs Konsens über die Staatsform. Die Christlich-Sozialen flüchteten später in die Formulierung "Bundesstaaat", die das Problem aber auch nicht löste, da die neue Republik schon bei ihrer Gründung ein Bundesstaat war. Dem republikanisch-demokratischen System wurde schon angesichts des gordischen Knotens, den die Siegermächte geknüpft hatten, wenig Konfliktlösungskompetenz zugetraut.Man hatte auch keinerlei praktische Erfahrungen mit einem republikanisch-demokratischen System. Dieser gordische Knoten wurde auch erst 1938 wirklich durchschlagen, aber nicht von Alexander dem Großen, sondern von Adolf Hitler, der so wie Alexander der größte Feldherr aller Zeiten sein wollte, wozu ihm aber nicht nur viel, sondern schlechthin alles fehlte.

Aber noch war es nicht soweit, dass die Gründungswidersprüche sofort zum Tragen gekommen wären. Wenn Deutschösterreich auch als Republik ausgerufen worden war, so stand noch lange nicht fest, dass die "innere Republikgründung" auch infolge der Synchronität der zahlreichen Probleme, die einer raschen Lösung bedurft hätte, überhaupt gelingen könnte. Schließlich endete sie im Ständestaat, der das Scheitern des republikanischen Staatskonzepts definitiv manifestierte. Ursache dafür war allerdings auch, dass die Sozialisten nicht koalitionsbereit waren, obwohl sich schon eine neue Gefahr abzeichnete: "Hannibal (=Hitler) ante portas.

So sah man gerade angesichts dieser unübersehbar hervordrängenden nationalsozialistischen Gefahr keinen anderen Weg als selbst ein autoritäres System zu errichten. In Österreich sollte der damalige Nationalsozialismus, dessen Schreckensherrschaft ja noch unbekannt war, "überhitlert" (Dollfuß) werden. Dass man damit versucht hatte "den Teufel mit Beelzebub" auszutreiben, stellte sich bald heraus, weil die Unterwanderung mit Nationalsozialisten in fast allen Bereichen schon zu greifen begonnen hatte. Die Frage, was man damals tun hätte sollen, ist auch heute noch eine "politische Quadratur" des Kreises. Die alten Römer hatten sich angesichts der Gefahr durch Hannibal geeinigt, ein derartiger Burgfrieden gelang in Österreich aus vielen Gründen nicht.

Man hätte auf den besonnenen Theodor Körner hören können. Aber dafür waren weder der Wille noch die Voraussetzungen offenbar schon lange nicht mehr gegeben. Das Kriegerlebnis hatte die Gewaltbereitschaft bei vielen implementiert, politsche Differenzen waren schon seit Vaugoin anfang der zwanziger Jahre bewusst militarisiert worden, um nach einer "Umpolitisierung" des Bundesheeres mit diesem die Macht im Staat übernehmen zu können.

Generalstabsoberst Körner war übrigens beauftragt aus den etwa zehntausend Freiwilligen-Meldungen, jene 1500 Offiziere auszuwählen, die später im Bundesheer dienen konnten. Damit machte er sich zwangsweise viele Feinde, da er eben etwa 8500 Offiziere nicht anstellen konnte, wobei die Eingliederung der ehemaligen Marine-Offiziere ein besonderes Problem darstellte.

Er selbst wurde 1924 durch Vaugoin aus dem Heer gedrängt und war bei den Christlich-Sozialen "persona non grata". Die strikte Ablehnung ging soweit, dass man seinem 1915 gefallenen Bruder Richard Körner, dessen Leistungen erst den Aufbau der Isonzofront ermöglicht hatten, 1931 den Maria-Theresien-Orden verweigerte. Auch bei den Sozialisten war Körner, obwohl seit 1924 Bundesrat nur mässig beliebt, da er von einer Auseinandersetzung des Schutzbundes mit dem Bundesheer dringend abriet.In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass Körner nach Kriegsende zunächst Republikaner, also nicht mehr Monarchist war, und sich erst durch die schweren Auseinandersetzungen mit Vaugoin dem Sozialismus zuwandte. Die Differenzen zwischen Körner und dem Minister waren auch dadurch bedingt, dass Körner höchstbewährter Frontoffizier war, während Vaugoin den Weltkrieg bei der Traintruppe verbrachte.

Die dargelegten Probleme wurden noch dadurch verschärft, dass 1918/19 Massen von Soldaten bei ihrer Heimkehr von der Front mangels anderer Bahnverbindungen den Weg in ihre Heimatländer über Wien wählen mussten, was ein ernsthaftes und hochaktuelles Sicherheitproblem für die ehemalige Reichshaupt- und Residenzstadt darstellte. Da dieses weit über die Kräfte der Polizei hinausging, bedurfte es einer schlagkräftigen Ordnungstruppe, die wenigstens die neue Bundeshauptstadt als Zentrum der politischen Organe in der Staatsgründungsphase fest in der Hand hatte. Auch hier bestand enormer Zeitdruck und Handlungsbedarf, sodass die Aufstellung provisorischer militärischer Kräfte als Schutztruppe ein dringendes Gebot der Stunde war, um das Chaos der ersten Nachkriegszeit wenigstens einigermassen strukturieren zu können.

Die "Deutschösterreichische Volkswehr" - Das erste Heer der Republik#

Da die damaligen Sozialisten als einzige politische Gruppierung auch eine Niederlage der Donaumonarchie im Weltkrieg in ihren Konzepten einkalkuliert hatten, verfügten sie über konkrete Planungen für ein zunächst provisorisches Heer der Republik, das sie "Volkswehr" nannten.

Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass nunmehr auch das Heer der Volkssouveränität unterstand und nicht mehr zu den Königsrechten gehörte. Kaiser Karl erlaubte nämlich seinen Offizieren lediglich, ein Gelöbnis auf die Republik abzulegen, entband sie aber nicht von ihrem auf ihn persönlich abgelegten Eid.

Damit war ein weiterer Widerspruch formuliert, da die Christlich-Sozialen ein Heer aus den Kadern der alten Habsburger-Armee aufstellen wollten, während die Volkswehr durch Anwerbung von Freiwilligen gebildet werden sollte. Über den auf ihn abgelegten Eid glaubte der Kaiser, weiterhin Einfluss zumindest auf die Offiziere, ausüben zu können. Der Eid auf den Kaiser konkurrierte im politischen Denken der Offiziere mit dem Gelöbnis auf die Republik. Dazu kam noch, dass nur ein kleiner Teil der Offiziere in die neue Armee übernommen werden konnten.

Die Eidfrage war in der Volkswehr auch besonders sensibel, weil von Julius Deutsch ein völlig neuer Offizierstyp geschaffen wurde, nämlich der der Volkswehrleutnante. Dabei handelte es sich um besonders qualifizierte Unteroffiziere, die zum Leutnant, also Offizier befördert wurden und entsprechend angelobt werden mussten. Der bekannteste der 107 Volkswehr-Leutnante dürfte der spätere Gauleiter von Niederösterreich, der Langenloiser Josef Leopold gewesen sein. Ebenso bekamen Soldaten und Offiziere eine eigene Personalvertretung, die sogenannten Soldatenräte, die nicht ernannt sondern gewählt wurden und großen Einfluß hatten. Beide Neuerungen dienten primär dazu, den Einfluss der Monarchisten und Kommunisten, aber auch der Konservativen im Heer limitieren zu können.

Sie mussten keine Sozialisten sein, wie das Beispiel Josef Leopold, eines der frühesten Nationalsozialisten zeigt, sich jedoch vorbehaltslos zur republikanischen Staatsform bekennen, um als "Volkswehr-Leutnant" aufgenommen zu werden.

Diese Volkswehr sollte lediglich auf Bataillonsebene und nicht in grösseren Verbänden wie etwa Regimentern oder Brigaden organisiert werden, um sie rasch in die deutsche Reichswehr eingliedern zu können. Somit manifestierte sich der von Norbert Leser betonte innere Widerspruch der Staatsgründung von 1918 nicht nur politisch sondern auch militärisch unübersehbar: Einerseits sollte die Volkswehr als Republikschutztruppe agieren, andererseits war geplant, ihre Bataillone so rasch wie möglich in die deutsche Reichswehr einzugliedern. Diese Konzeption zeigt unter anderem, welche Illusionen man sich über die bevorstehenden Friedensverhandlungen machte.

Radikaler Antisemit als Oberbefehlshaber#

Schon gegen Kriegsende hatte der damalige Oberleutnant Dr. Julius Deutsch eine Vertrauensmänner-Organisation gegründet, aus der nun die "Deutschösterreichische Volkswehr" gebildet wurde. Als Oberbefehlshaber wurde Feldmarschall-Leutnant Adolf von Boog angeworben. Dass Boog sich als bewährter K.u.k. Offizier der neuen Republik zur Verfügung stellte, führte zu Spannungen mit dem überwiegend monarchistisch gesinnten Offizierskorps, die später auch zu seinem Rücktritt beitrugen, aber nicht die Hauptursache darstellten. Diese lag in seinem auch schriftlich wiederholt zum Ausdruck gebrachten Antisemitismus, den Staatssekretär Dr. Julius Deutsch - selbst jüdischer Abstammung - als schwere und auf Dauer unerträgliche Provokation empfinden musste.

So schrieb Boog etwa anlässlich der Anwerbung neuer Soldaten für die Besetzung Deutsch-West-Ungarns, des späteren Burgenlandes: "Nehmen sie keine Juden und keine Soldatenräte. Jene (die Juden) sind ein zersetzendes Element, die anderen (Soldatenräte) überflüssig, wenn die Kommandanten auf dem Posten sind."[1] Das konnte sich der Staatssekretär, wie schon erwähnt selbst Jude, auf keinen Fall gefallen lassen. Es zeigt aber, wie sicher sich die radikalen Antisemiten fühlten, dass sie sich auch vor Angriffen auf den Minister nicht abhalten ließen.

Am 8. November 1918 legte Boog im Parlament in Anwesenheit der drei Präsidenten des Staatsrates das Gelöbnis, also keinen Eid, als oberster Befehlshaber der Volkswehr ab. Darin gelobte er unter anderem seinem " Volke und Lande in Treuen zu dienen, die von der provisorischen Nationalversammlung beschlossenen Grundgesetze und Gesetze unverbrüchlich zu beachten und einzig und allein den von ihr eingesetzten Behörden, die sich für die gesamte bewaffnete Macht in der Person des zuständigen Präsidenten der Nationalversammlung verkörpern, gehorsam zu sein.......;"[2] dies gelobte er bezeichnenderweise bei seiner "staatsbürgerlichen Ehre als deutscher Bürger und Soldat".

Damit war nun im Sinne der Widersprüchlichkeitsthese von Norbert Leser ein weiterer unauflöslicher Gegensatz definiert: wie kann nämlich der Oberbefehlshaber der deutschösterreichischen Streitkräfte eine staatsbürgerliche Ehre als deutscher Bürger und deutscher Soldat haben, wenn er doch Bürger der Republik Deutschösterreich und nicht der Weimarer Republik ist ?

Das politische Weisungsrecht also der tatsächliche Oberbefehl lag übrigens, wie im Gelöbnis formuliert, bei dem jeweiligen Präsidenten der provisorischen Nationalversammlung, während Boog lediglich den militärischen Oberbefehl innehatte.

Biographie#

FML Adolf von Boog wurde am 27. April 1866 in Belluno geboren. Nach Absolvierung der Technischen Militärkademie in Wien am 18. August 1886 zur Artillerie ausgemustert, frequentierte er auch die Kriegsschule mit vorzüglichem Erfolg. Ab 1892 als Generalstabsoffizier in verschiedensten Funktionen, unter anderem als Vorstand des Präsidialbureaus im Kriegsministerium verwendet, übernahm er bei Kriegsbeginn die 8. Infanteriebrigade. Am 14. August 1917 zum Feldmarschall-Leutnant ernannt, führte er bis Kriegsende die 4. Infanterietruppendivision, nachdem er vorher die 25. Infanterie-Truppen-Division befehligt hatte.

Somit stand an der Spitze der Volkswehr ein ehemals hochrangiger Offizier der Habsburger Armee, dem jedoch als massivem Antisemiten (siehe oben sein Angriff gegen die angeblich zersetzenden Juden im Werbebefehl für Soldaten zur Besetzung Deutsch-West-Ungarns, mit dem er sogar seinen Vorgesetzten, Staatssekretär Dr. Deutsch, brüskierte) Taktgefühl und Fähigkeit zur Menschenführung völlig fehlten. Seine Ernennung war übrigens eine Konzession an die konservativen Kräfte, um deutlich zu zeigen, dass es sich bei dem militärischen Provisorium der "Volkswehr" um keine sozialistische Parteiarmee handeln sollte.

Dass Boog als Radikal-Antisemit eine derartige Karriere machen konnte, ist auch bezeichnend für den Geist, der damals in Teilen der Habsburger- Armee herrschte. Wenn selbstverständlich keineswegs alle Offiziere Antisemiten waren, so zeigt das Paradigma Boog doch, dass diese Einstellung durchaus auch schon die Generalsebene erreicht hatte und somit eindeutig in der Armee etabliert und salonfähig war. Keinesfalls war also ein ausgeprägter und offen zur Schau gestellter Antisemitismus ein Karriere-Hindernis.

Der Antisemitismus fand seinerzeit vor allem in den Armeen einen fruchtbaren Nährboden. So wurde 1894 der französische, jüdische Hauptmann Dreyfus zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit auf der "Teufelsinsel" in französisch Guyana verurteilt, weil er angeblich für Deutschland spioniert hatte. Der bei dem Prozess anwesende österreichische Journalist Theodor Herzl war von der Brutalität und der Verlogenheit der Vorgangsweise gegen Dreyfus derartig erschüttert, dass er 1896 sein Buch "Der Judenstaat" schrieb. Er war angesichts der Dreyfus-Affäre zu der definitiven Überzeugung gekommen, dass die Juden in Zukunft nur in einem eigenen Staat eine Überlebenschance haben würden.

Auch die französische Intelligenz setzte sich massiv für Dreyfus ein. So schrieb der berühmte Schriftsteller Emile Zola einen Leitartikel mit dem Titel : "J accuse" (Ich klage an), in dem er dem französischen Präsidenten Rechtsbrechung vorwarf und dafür zwei Jahre ins Gefängnis ging. Immerhin trug die "Dreyfus-Affäre" wesentlich dazu bei, dass Theodor Herzl sich entschloss, seine Überlegungen für die Gründung eines eigenen Judenstaates in Buchform zu publizieren, wodurch er die theoretischen Grundlagen für die spätere Gründung Israels schuf.

Die Wiener Volkswehr - Organisation und Einsätze#

Da unmittelbar nach Kriegsende die politische Transformation der ehemaligen Kronländer in die Bundesländer der Republik noch nicht erfolgt war, gliederte sich die Wiener Volkswehr in zwei Befehlsbereiche, nämlich in "Wien-Stadt" und in "Wien-Land" (das heutige Niederösterreich).

Sie war somit die stärkste Landesorganisation der Volkswehr und erreichte zeitweise einen Personalstand von bis zu 20.000 Mann mit durchaus auch prominenten Mitgliedern.

Erwin von Lahousen , der spätere Widerstandskämpfer, diente als Oberleutnant ebenso in der Wiener Volkswehr wie Oberst Theodor Körner und der später als "rasender Reporter" bekannt gewordene Oberleutnant Egon Erwin Kisch , der die Spionage-Affäre um Oberst Redl aufdeckte. Auch der spätere ÖVP Politiker Leopold Figl war Mitglied des Volkswehr-Bataillons Tulln, um nur einige prominente Mitglieder zu nennen.

Erster Landesbefehlshaber der Wiener Volkswehr wurde der Kommandant der in der Haupstadt eingetroffenen, also nicht in Gefangenschaft geratenen 25. Infanterie-Truppendivision, Generalmajor Emanuel von Werz, der das Kommando ab 12. November 12h mittags führte.

Der Befehlsbereich "Wien-Stadt" gliederte sich in die Kreise A bis E, wozu noch als sechster der Kreis Arsenal kam. Der Befehlsbereich "Wien-Land" (Niederösterreich) war in die Kreise I-V unterteilt, denen so wie im Befehlsbereich "Wien-Stadt" jeweils ein Unterbefehlshaber als Kreiskommandant vorstand.

Der Befehlsbereich "Land" wies mit Stichtag 1. April 1919 einen Mannschaftsstand von 12.657 Mann auf, jener von "Wien-Stadt" verfügte am 11. Jänner 1919 über 18. 929 Mann. Insgesamt gesehen verfügte die Wiener Volkswehr also über eine beachtliche Kampfkraft. Diese war auch erfoderlich, da die Depots der ehemaligen K.u k. Armee vor Plünderungen geschützt werden mussten, um eine geordnete Verteilung der dort noch massenweise deponierten Güter sicher zu stellen. Gemeinsam mit dem Schutz der teilweise übervollen Depots und der Niederschlagung der Kommunistenputsche am Gründonnerstag 1919 und am 15. Juli desselben Jahres sollte dies zu den Hauptaufgaben der Volkswehr gehören, die Wien damit das Schicksal einer kommunistischen "Räterepublik", wie sie in München und Budapest gegründet wurden, ersparte.

Am 10. Dezember 1918 fand in Wien die Angelobung der Volkswehr statt. Das Gelöbnis lautete:

Ich gelobe als Mann, Soldat und Bürger des freien Staates "Deutschösterreich", dass ich den Grundgesetzen meines Landes. die von der Vertretung des Volkes, der provisorischen Nationalversammlung beschlossen werden, den Behörden, die von ihr eingesetzt sind, inbesondere dem von ihr bestellten Staatsrat und seinen Präsidenten sowie den von ihnen mit Befehlsgewalt betrauten Vorgesetzten Treue und Gehorsam üben, allen ihren Weisungen folgen und darüber hinaus im Interesse des Wohles und der Sicherheit meiner Mitbürger nach bestem Wissen und Gewissen mit allen Kräften meinem Lande und Volke dienen werde."[3]

Mit dieser Angelobung war die Volkswehr auch rechtlich zum offiziellen Heer des Staates "Deutschösterreich" geworden, was besonders für den Kärntner Abwehrkampf, bei dem es nicht nur um die Landesgrenze sondern vor allem -so wie in der Steiermark- um die südliche Staatsgrenze ging völkerrechtlich relevant war. Die Volkswehrangehörigen waren dadurch keine Freischärler, sondern reguläre Kombattanten im Sinne des Völkerrechts.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Kaiser Karl seine Offiziere, wie aus einem Brief an Kövess (gedruckt im Katalog des Heeresgeschichtlichen Museums: 60 Jahre Streitkräfte der Republik, Wien 1968) hervorgeht, nicht von ihrem Eid entband, sondern ihnen lediglich ein Gelöbnis auf die Republik gestattete.

Der Unterschied zwischen einem Gelöbnis auf eine politische Institution und einem Eid auf eine Person (ad personam) ist besonders bei der Beurteilung Hitlers, der 1935 die neue Wehrmacht unter Bruch der Verfassung auf sich persönlich vereidigen ließ, wichtig. Rechtlich wäre ein Gelöbnis auf die Weimarer Republik, auf die auch die Reichswehr ihr Gelöbnis abgelegt hatte, korrekt gewesen.

Auch heute werden in Österreich Soldaten und Beamte nicht vereidigt, sondern legen ein Gelöbnis auf die Republik ab: "Ich gelobe..

Umgangssprachlich hat sich aber der Begriff Vereidigung, vor allem im Militär gehalten, obwohl er rechtlich nicht korrekt ist, da Österreich eine demokratische Republik ist. In der Monarchie war das natürlich anders, da die militärischen Angelegeheiten schon seit germanischer Zeit zu den Königsrechten gehörten...

Der 12. November 1918#

Kisch, Egon
Egon Erwin Kisch. Foto, um 1920
© Bildarchiv der ÖNB, Wien.

Für den 12. November hatten die 35 Bataillone der Wiener Volkswehr den Befehl erhalten, in den Kasernen zu bleiben, den sie auch befolgten. Lediglich das kommunistische Bataillon unter der Führung von Oberleutnant Egon Erwin Kisch, die "Rote Garde" rückte mit zwei Kompanien aus der Stiftskaserne aus und bezog gegenüber dem Parlament mit Front zum Gebäude Aufstellung.

Nach einer kurzen Festsitzung des Nationalrates am Nachmittag versammelten sich die Abgeordneten auf der Parlamentsrampe, wo die Präsidenten Seitz und Dinghofer Ansprachen hielten.

Als nach den Reden die rot-weiß-rote Fahne gehisst werden sollte, stürzten sich einige Leute aus der riesien Menschenmenge auf das Fahnentuch, rissen den weißen Streifen heraus und hissten die nun rote Fahne. Gleichzeitig begannen kommunistische Redner zu agitieren,immer mehr Soldaten drängten zum Parlamentstor, das noch rasch geschlossen werden konnte, Schüsse fielen.

Offenbar sollte nun eine kommunistische Räterepublik ausgerufen werden. Deutsch verließ die Parlamentsrampe und flüchtete durch den Hintereingang in das Parlament. Dort erwartete ihn eine Delegation der "Roten Garde" , die völlig unglaubwürdig erklärte, an den Vorgängen nicht beteiligt zu sein.

Dem Bericht des Polizeipräsidenten Dr. Schober vom 28. 11. 1918 zufolge gab nämlich der Zugsführer Robert Karl Lindner -als Kompaniekommandant eingesetzt- den Anstoss für die turbulenten Szenen. Nach der Rede des Kommunisten Steinhardt versuchte er mit anderen Rotgardisten diesem einen Weg zum Parlamentseingang zu bahnen, wodurch die schweren Unruhen entstanden. Schober ergänzt seinen Bericht über die Vorkommnisse wie folgt: " Bemerkt sei, dass Robert Lindner, welcher im Laufe dieses Jahres schon durch einige Zeit in der Nervenheilanstalt Kremsier untergebracht war, auch gegenwärtig den Eindruck eines schwer nervenleidenden , geistig nicht normalen Menschen macht."

Die Unruhen am 12. November 1918 vor dem Wiener Parlamentsgebäude wurden also -dies wurde bisher von der Forschung kaum beachtet- durch einen kranken Rotgardisten ausgelöst, der ganz offensichtlich nicht voll zurechnungsfähig war. Von einem kommunistischen Putschversuch kann daher bei genauer Quellenanalyse nur sehr bedingt gesprochen werden, die Vorgänge bekamen vielmehr durch die überraschende Initiative des geisteskranken Zugsführers Robert Lindner eine Eigendynamik, die jedoch durch die Polizei bewältigt werden konnte.

Kisch selbst hatte zwar mit einigen Rotgardisten die Redaktion der "Neuen Freien Presse" besetzt und auch eine Abendausgabe herstellen lassen. Die Aktionen der Kommunisten scheiterten aber insgesamt gesehen schon im Anfangsstadium aufgrund der schlechten Organisation und des Dilettantismus der handelnden Personen. Sie stellten auch keine reale Gefahr für die Republikgründung dar, da bei Bedarf die 35 befehlsgemäss in den Kasernen verbliebenen Volkswehr-Bataillone einsatzbereit waren.

Kisch musste allerdings eine dreimonatige Haftstrafe verbüßen, die ihm in seiner beachtlichen Karriere bezeichnenderweise aber nicht schadete.

Die Wiener Volkswehr im Kampf gegen den Kommunismus#

Trotz des Dilettantismus der Kommunisten am 12. November bei der Ausrufung der Republik war die kommunistische Gefahr für Deutschösterreich aber keinesweges gebannt. In den Nachbarländern Bayern und Ungarn waren nämlich im Frühjahr 1919 in München und Budapest "Rätepubliken" entstanden, die den österreichischen Kommunisten als Vorbild dienten.

Durch die Wahlen vom Februar 1919 hatte sich zwar die Lage etwas stabilisiert, da nach dem knappen Sieg der Sozialdemokraten mit 72 Mandaten die Koalitionsregierung Renner-Fink gebildet werden konnte, während die Deutschnationalen aus der politischen Verantwortung ausschieden.

Die Kommunisten ließen sich jedoch von der Abfuhr bei den Wahlen nicht beeindrucken, sondern setzten ihre Agitationen sogar in verstärktem Maße fort, was schließlich zu einem Einsatz der Volkswehr führte, die den Aufruhr im Auftrag der Regierung niederschlug.

Putschversuch am Gründonnerstag 1919#

Als sich am Gründonnerstag, den 18. April 1919, der Kabinettsrat am Nachmittag zu Beratungen im Parlament traf, marschierten kommunistische Demonstranten auf und wollten mit einem Regierungsmitglied über ihre Forderungen sprechen. Kanzler Renner konnte die Lage nur kurz beruhigen, bei Einbruch der Dunkelheit stürmten weitere Bewaffnete zum Parlament, die auch das Feuer auf die Sicherheitskräfte eröffneten.

Jetzt setzte Staatssekretär Deutsch die Volkswehr ein, zunächst drei Kompanien, die er verstärken ließ, als gegen 22 h gemeldet wurde, das Parlament brenne. Die viel zu schwache Polizei wurde abgezogen, die Volkswehrverbände schlugen den Putschversuch nieder. Die traurige Bilanz: Sechs tote Polizisten, zehn Volkswehrmänner und etwa dreißig Demonstranten verwundet.

Dieser Einsatz verhalf der Volkswehr zu einem äußerst positiven Medienecho:

"...zwei Kompanien der "Roten Garde" machten heute in ebenso tadelloser Weise zur Erhaltung der Ruhe Dienst...wie zum Beispiel das 26 Bataillon..." war sogar die sonst eher oppositionelle christlich-soziale Reichspost voll des Lobes über die Volkswehr.

Kommunistischer Juliputsch 1919 in Wien#

Obwohl die Siegermächte den Einsatz der Volkswehr ebenfalls positiv sahen, drängten sie vehement auf deren Abbau. Allen voran Italien, das die kampfstarke Volkswehr wegen der Gefahr eines Einsatzes zur Rückeroberung Südtirols fürchtete.Für Frankreich war -eine fatale Folge der "Sixtus-Affäre"- Deutschösterreich ohnehin nur c`est, qui reste , das man ruhig auftteilen konnte.

Eine schwache Volkswehr hätte die Errichtung eine "Räte-Republik" ermöglicht, wodurch man Österreich infolge der totalen Anarchie relativ leicht auf die Nachbarstaaten aufteilen hätte können. Damit wäre die Staatsgründung gescheitert. Die Probleme bei den Friedensverhandlungen wären damit a priori obsolet gewesen.

Tatsächlich wurde die Volkswehr auch stark reduziert. Staatssekretär Deutsch musste sich unter dem Druck der Siegermächte entschließen,die Verbände um 25 Prozent zu reduzieren. Prompt versuchten die Kommunisten im Juli 1919 ein weiteres Mal zu putschen und in Wien eine "Räte-Republik" zu errichten.

Dabei waren sie bestrebt, die Volkswehr durch permanente Hinweise auf deren Abbau auf ihre Seite zu bringen. Sie verteilten Flugblätter, in denen es unter anderem hieß:

"Volkswehrmänner heraus!#

Heraus auf die Straße für die Befreiung des Proletariats ! Heraus auf die Straße für die Zukunft der Arbeiterschaft, für die Weltrevolution!

Es lebe die Räterepublik Deutschösterreich!![4]#

Da der kommunistische Putschversuch für den 15. Juli geplant war, hatte Polizeipräsident Schober schon in der vorhergehenden Nacht eine große Anzahl kommunistischer Vertrauensleute festnehmen lassen.In den frühen Morgenstunden des Putschtages marschierte dann die Volkswehr auf. Rasch glich die Wiener Ringstrasse einem gigantischen Heerlager. Auf dem Wiener Rathausplatz versammelten sich über 5 000 Menschen, um die Freilassung der verhafteten kommunistischen Führer zu erzwingen. Die Demonstranten formierten sich zu einem Demonstrationszug, der in die Hörlgasse im neunten Bezirk marschierte und sich dort den Zugang zur Polizeidirektion erzwingen wollte. Die Stadtschutzabteilung der Wiener Polizei eröffnete daraufhin das Feuer. Die blutige Bilanz: Zwanzig Tote und achtzig schwer verwundete Demonstranten !

Diese dramatischen Ereignisse waren übrigens die Ursache dafür, dass sich der damals in Wien lebende Philosoph und Logiker Sir Karl Popper vom Kommunismus abwendete. Er schreibt:

"Die Tatsache, dass bei diesem Zusammenstoß eine Anzahl von jungen Leuten getötet wurde, hat mich dazu gebracht, über den Kommunismus nachzudenken. Natürlich habe ich gewusst, dass der Kommunismus dieser jungen Leute sehr unreif war,wie mein eigener Kommunismus.....Mir wurde damals klar, kurz vor meinem siebzehnten Geburtstag, wie unverantwortlich ich bisher gehandelt hatte."[5]

Die Kommunisten gaben sich durch diese Niederlage aber keineswegs geschlagen. Sie setzten für Montag den 21. Juli einen Generalstreik an, der allerdings nur in Deutschösterreich lückenlos durchgeführt wurde, nicht aber etwa in Ungarn oder Russland. Damit hatten die Kommunisten ihre internationale ideologische und finanzielle Unterstützung verloren und wurden innenpolitisch bedeutungslos.

Das Ende der Volkswehr#

Bei den Friedensverhandlungen in St. Germain wurde Österreich lediglich ein dreißigtausend Mann starkes Berufsheer genehmigt, die Volkswehr musste aufgelöst werden. Nach der Übermittlung des Staatsvertrages am 2. September 1919 wurden die oktroyierten Maßnahmen im Wehrgesetz vom 18. März 1920 umgesetzt und das Berufheer aufgestellt. Damit war dann das Ende der Volkswehr auch realpolitisch definitv gegeben.

Die historische Bilanz zeigt, dass die Volkswehr trotz vieler Schattenseiten wie etwa ihrer Disziplinlosigkeit Wien das Schicksal einer Räte-Republik ersparte. In Kärnten war sie die offizielle Trägerin der "Abwehrkampfes" und erzwang damit eine Volksabstimmung über die neue Landesgrenze, die gleichzeitig die Südgrenze Deutschösterreichs war, weshalb auch Wiener und Tiroler Volkswehr-Einheiten die Kärntner unterstützten.

Insgesamt gesehen ist daher davon auszugehen, dass ohne die Volkswehr, die das erste Heer der Republik war, die Staatsgründung kaum gelungen wäre.......

Anmerkungen:#

[1] Karl Glaubauf: Die Volkswehr und die Gründung der Republik, Wien 1993, S.82
[2] Glaubauf, Volkswehr, S.28
[3] Glaubauf, Volkswehr, S.68
[4] Glaubauf, Volkswehr, S.76
[5] Glaubauf, Volkswehr, S.77

Literatur#

  • Karl Glaubauf: Die Volkswehr und die Gründung der Republik, Wien 1993
  • Karl Glaubauf: Robert Bernardis
  • Jedlicka, Ludwig : Ende und Anfang, Österreich 1918/1919 , Wien 1969


Vielleicht ein bescheidener Beitrag zur nun voll einsetzenden Diskussion um ein Freiwilligenheer ???

-- Glaubauf Karl, Dienstag, 28. August 2012, 18:13


Besten Dank, dass das Forum die zunächst rein akademische Studie präsent hält....

-- Glaubauf Karl, Dienstag, 28. August 2012, 18:15