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Der Freiheit eine Gasse – mit Leyer & Schwert #

Vor 200 Jahren starb der Dichter Theodor Körner im Alter von 22 Jahren bei einem Gefecht mit napoleonischen Truppen. Sein Werk spiegelt den frühen deutschen Nationalismus wider. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 22. August 2013).

Von

Wolfgang Häusler


Theodor Körner
Theodor Körner
Foto: Wikimedia

Sechsundzwanzigster August 1813: Im Rosenower Forst, an der Straße von Gadebusch nach Schwerin, fällt im 22. Lebensjahr Theodor Körner bei einer Guerilla-Aktion der Lützower Jäger gegen einen französischen Provianttransport. Der gefangene französische Offizier hörte die „sehr derben Ausdrücke“ über „die erbärmliche Haltung der französischen Eskorte“, zog seine Pistole und schoss Körner vom Pferd. Darauf wurden alle Gefangenen von den Lützowern „zusammengehauen“, wie Körners Kamerad Stiefelhagen berichtet: „Es war keine menschliche Gestalt mehr an ihnen zu erkennen.“

Am selben Tag behauptet sich Napoleon noch in der blutigen Schlacht um Dresden – Blücher hingegen gelingt der Durchbruch an der Katzbach. Drei Tage zuvor war ein Vorstoß Marschall Oudinots auf Berlin bei Großbeeren abgewehrt worden, die Verbindung mit Marschall Davout in Hamburg wurde dadurch verhindert. Nach langem Zögern war Österreich am 12. August der antinapoleonischen Koalition beigetreten – die verbündeten Armeen formierten sich zur Völkerschlacht.

„Heil Dir mein Volk! Du hast gesiegt“#

Körners Tod war kriegsgeschichtlich eine winzige Episode: Am 15. März reiste der junge k. k. Hoftheaterdichter (mit 1500 fl . Jahresgehalt) von Wien nach Breslau, um sich dem Freikorps des Majors v. Lützow anzuschließen. Den „schwarzen Gesellen“ von „Lützows wilder, verwegener Jagd“ sang er ihr 1814 von Carl Maria von Weber vertontes Kampflied. Im Gefecht von Kitzen (nahe dem alten Schlachtfeld von Lützen) wurde Körner durch einen Säbelhieb am 17. Juni verwundet – er nahm poetisch „Abschied vom Leben“. Kaum genesen, meldete er sich zu den mittlerweile dem preußischen Korps Wallmoden unterstellten Lützower Jägern zurück.

Der Gefallene wurde unter einer Eiche bei Wöbbelin beigesetzt, sein Grab zunächst mit einem Feldstein bezeichnet, dann widmete der Mecklenburger Großherzog die Begräbnisstätte der Familie Körner. Der Vater Christian Gottfried Körner (1756–1831), zur Zeit von Theodors Geburt Oberappellationsgerichtsrat in Dresden, gab die Gedichte des Sohnes unter dem Titel „Leyer und Schwert“ heraus – diese Symbole bezeichnen das Grab. Vater Körner wirkte als Katalysator für die klassische Literatur – er rettete Schiller, Theodors poetisches Vorbild, aus existentieller Not; der Freiheitsdichter revanchierte sich grandios mit der Ode „An die Freude“ für Körners Freimaurerloge. Theodor studierte zunächst an der Freiberger Bergakademie, dann an der Leipziger Universität – Duelle führten zur Relegierung. Er begeisterte sich für die Erhebung Österreichs von 1809 – „Karl und Aspern ist ins Herz gegraben, / Karl und Aspern donnert im Gesang.“ Seine Kampflyrik hallte mit Fernkorns Erzherzog-Karl-Denkmal auf dem Heldenplatz nach: „Der Adler sinkt, die Fahne fliegt. / Heil dir mein Volk! Du hast gesiegt.“

Theodor Körners Grabstein zieren „Leyer und Schwert“
Wöbbelin. Unter einer Eiche bei Wöbbelin in Mecklenburg-Vorpommern wurde Theodor Körner beigesetzt. Den Grabstein zieren „Leyer und Schwert“ – unter diesem Titel gab Körners Vater Christian Gottfried die Gedichte seines Sohnes heraus.
Foto: Wikimedia

Wilhelm von Humboldt, damals preußischer Gesandter in Österreich, führte den zornigen jungen Mann 1811 in die Wiener Gesellschaft ein, damals Sammelpunkt patriotisch gestimmter Romantiker. Körners Büste am Haus Döblinger Hauptstraße 83 erinnert an dieses Milieu. Seine Verlobte, die Burgtheaterschauspielerin Antonie Adamberger, ist die Heldin des Dramas „Toni“ – Kleists grässliche Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“ wurde bühnentauglich entschärft.

Erfolg am Hofburgtheater #

Körners Durchbruch wurde das Trauerspiel „Zriny“, das „Heldentod“ und „Todesweihe“ des kroatischen Banus Niklas Graf Zriny verherrlicht, der die Festung Sigeth gegen die Übermacht Solimans des Großen verteidigte (1566). Der vor Sigeth verstorbene Sultan wird als „türkischer Kaiser“ vorgeführt – deutlicher konnte nicht auf Napoleon angespielt werden. Im „Jubelrausch des vaterländ’schen Sieges“ unternimmt Zriny einen selbstmörderischen Ausfall, seine Gemahlin wirft eine Fackel in den Pulverturm – „ein fürchterlicher Knall, der Vorhang fällt schnell“. Mit dem Namen des mit Zrinys Tochter Helene verlobten Hauptmanns Lorenz Juranitsch unterschrieb Körner damals … Das Stück ging unter großem Beifall über die Bühne des Hofburgtheaters.

Noch vor der preußischen Kriegserklärung (17. März 1813) erklärte der erfolgreiche Dichter dem Vater am 10. März, in preußische Kriegsdienste treten zu wollen: „Zum Opfertode für die Freiheit und für die Ehre seiner Nation ist keiner zu gut, wohl aber sind viele zu schlecht dazu.“ Auf „Zriny“ ließ Körner noch das Dramolett „Joseph Heyderich oder Deutsche Treue“ als „wahre Anekdote“ („am Abend nach der Schlacht von Montebello, 9. Juni 1800“) folgen. Hier ist es der biedere Korporal, der, „gut oesterreichisch gesinnt“, sein Leben für den Herrn Oberleutnant opfert. Dieser bemüht das „dulce pro patria mori“ des Horaz ebenso wie Körners Worte an den Vater; wie im „Zriny“ wird die Parole „für Gott, Kaiser und Vaterland“ durchdekliniert, die dann (in der Variante König) auf den Mützen der preußischen Landwehr prangte und auf so vielen Namenstafeln der Gefallenen des Ersten Weltkriegs erschien. Gespenstisch kehrte das letzte Wort Zrinys „für Gott und Vaterland“ bei der Ermordung Osama bin Ladens jüngst wieder.

Bei Körner wird diese Trias stets mit „Volk“ und „Freiheit“ konnotiert, in folgenschwerer Ambivalenz des „Schwertergeklirrs“ des frühen deutschen Nationalismus. Diese Pathosformeln Körners, der in keiner Klassiker-Serie fehlen durfte, klangen in Kommers-, Lieder- und Lesebüchern nach (hier mit dem Gebot des Auswendiglernens, namentlich des „Gebets vor der Schlacht“: „Vater. Ich rufe dich! [...] Vater du, führe mich!“).

Wozu heute, nach 200 Jahren, dergleichen lesen? In Reklamierung des „Erbes“ der widersprüchlichen Entwicklung des deutschen Nationalbewusstseins leistete sich die DDR, Friedrich Engels’ Warnung vor der „Sackgasse der Deutschtümelei“ in den Befreiungskriegen zum Trotz, arge Fehlgriffe. 1970 wurde der Theodor Körner-Preis gestiftet für „Kunstwerke, die zur Stärkung der Verteidigungskraft der DDR beitragen, und für besondere Verdienste bei der Förderung und Entwicklung des künstlerischen Schaffens und der kulturellen Tätigkeit in der Nationalen Volksarmee, in den Grenztruppen und den anderen bewaffneten Organen der DDR“.

„Märtyrer der heilig’ deutschen Sache“ #

Das nationalsozialistische Schlagwort „Deutschland, erwache!“ (Dietrich Eckart, 1919) ist vorgeprägt in Körners „Lied zur Einsegnung des preußischen Freikorps in der Kirche zu Rogau in Schlesien“: „Auf, deutsches Volk, erwache!“ Man muss freilich weiterlesen, „zu seiner (Gottes) Freiheit Morgenrot“. Goebbels’ demagogische Proklamation des Totalen Kriegs im Berliner Sportpalast (18. Februar 1943) missbrauchte den ersten Vers von Körners „Männer und Buben“ als Schlusspointe: „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los“ – mit der schrecklichen Konsequenz des „Volkssturms“ zu Kriegsende. Gleichzeitig wurde in München ein Widerstandsflugblatt der Weißen Rose verteilt – am Ende Körners „Aufruf“: „Frischauf, mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen.“ Es lohnt, mit diesen „Märtyrern der heilig’ deutschen Sache“ das Gedicht zu Ende zu lesen – es folgt die Berufung auf den Schweizer Freiheitskampf – „Der Freiheit eine Gasse!“ – und „kein Krieg, von dem die Kronen wissen. [...] Der Himmel hilft, die Hölle muß uns weichen! Drauf, wackres Volk! Drauf, ruft die Freiheit, drauf!“

Postscriptum: Bundespräsident Theodor Körner war ein Großneffe unseres Dichters.

DIE FURCHE, Donnerstag, 22. August 2013