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Der Meteoritensaal des Naturhistorischen Museums#

Seit 14. November 2012 ist im NHM der neue Meteoritensaal nach einer Generalsanierung wiedereröffnet. Das neue Konzept beinhaltet den historischen Kern des Meteoritensaals, der aus Pultvitrinen mit Glasaufsätzen besteht. Alle bisherigen Wandvitrinen werden durch neue Medienstationen ersetzt, die Spezialthemen (z.B. Meteoriteneinschläge und Einschlagskrater, Alter und Entstehung des Sonnensystems usw.) gewidmet sind. Das neue Highlight der Sammlung, der Marsmeteorit Tissint, hat neben vielen anderen Highlights, wie dem Gründungsmeteoriten Hraschina oder dem Eisenmeteoriten Cabin Creek, einen speziellen Platz eingerichtet bekommen.

„Im Rekordzeitraum von weniger als einem Jahr ist es uns gelungen die größte Meteoritenschausammlung der Welt in einem neu verpackten, modernen und spannenderen Kontext zu präsentieren“, erklärt NHM Generaldirektor und Meteoritenforscher Univ. Prof. Dr. Christian Köberl. „Beim Gang durch den neugestalteten Schauraum wird dem Laien, wie auch dem Experten, einmal mehr bewiesen, wie spannend das Feld der Meteoritenkunde ist und dass Meteoriten viel mehr sind, als einfach nur Steine, die vom Himmel fallen. Fachlich hochwertig und gleichzeitig spielerisch wird das Thema aufbereitet. Wo sonst kann man schon sehen, was passiert, wenn ein Riesenmeteorit in Wien einschlägt?“

Univ. Prof. Dr. Christian Köberl (Generaldirektor des NHM Wien)
Dr. Franz Brandstätter (Abteilungsdirektor Mineralogisch-Petrographische Abteilung, Kurator der Meteoritensammlung)
Mag. Dr. Ludovic Ferrière (Kurator der Gesteinssammlung, Co-Kurator der Meteoritensammlung)


Eisenmeteorit_Hraschina, Photo NHM
Eisenmeteorit_Hraschina
Meteoritensaal des NHM, Photo NHM
Meteoritensaal des NHM

Meteoritensaal des NHM, Photo NHM
Meteoritensaal des NHM
Meteoritensaal des NHM, Umbau, Photo NHM
Umbau des Meteoritensaals des NHM

Details zum neuen Meteoritensaal des Naturhistorischen Museums Wien#

Seit Jänner 2012 war der Meteoritensaal wegen Umbauarbeiten im Rahmen der Erneuerung der Meteoritenpräsentation gesperrt. Die Art und Weise, wie die Objekte im Meteoritensaal präsentiert wurden, entsprach nicht mehr den heutigen Ansprüchen hinsichtlich Wissensvermittlung und thematischer Aufbereitung. Auch gab es keine adäquate Umsetzung in der Präsentation neuerer Forschungsergebnisse aus dem Gebiet der wissenschaftlichen Meteoritenkunde.

Für die Wiedereröffnung der weltweit größten Meteoritenschausammlung am 14. November 2012 wurde die umfassende Sammlung an außergewöhnlichen Exponaten behutsam mit Medienstationen, interaktiven Hands-On Stationen und Animationen erweitert.

Die Kustoden des Naturhistorischen Museum entwickelten mit Unterstützung der Medienexperten von Checkpointmedia (Künstlerische Leitung: Virgil Widrich) und dem Architekturteam von Arno Grünberger/Spurwien eine zeitgemäße Form der Wissensvermittlung. Während die historischen Vitrinen im Zentralbereich restauriert und technisch besser ausgestattet wurden, sind im Wand- und Fensterbereich neue Vitrinen zu bestimmten Themen eingerichtet worden. Diese Themen beinhalten auch wertvolle und besonders gesicherte Objekte vom Mond und vom Mars. In den zentralen Vitrinen des Meteoritensaales zeigen bilderreiche Informationsclips den Besucherinnen und Besuchern einzelne Themen rund um die allgemeine Meteoritenforschung. In diesen werden Fragen wie beispielsweise "Woher kommen die Meteoriten?", "Wo und wie finde ich Meteoriten?" oder "Woraus bestehen Meteoriten?" beantwortet. Ebenso vermitteln die kurzen Clips Wissenswertes zur Einteilung der Meteoriten, zu ihren Spezifikationen und erzählen Fakten und Daten zur allgemeinen Geschichte der Forschung, sowie zur Besonderheit der Wiener Sammlung.

Die Einschläge eines Meteoriten werden durch realistische 3D Animationen simuliert, die Besucherinnen und Besucher können das Ausmaß einer möglichen Zerstörung Wiens interaktiv über die Hands-On Station „Impakt-Simulator“ steuern. Das Highlight des wiedereröffneten Meteoritensaals ist das Screen-Triptychon zur „Entstehung des Sonnensystems“. Eine Lupe lädt die BesucherInnen ein, besondere Objekte im Detail zu betrachten und zusätzliche wertvolle Informationen zu den Exponaten über Monitore zu erfahren. Wie unterschiedlich sich die verschiedenen Meteoriten anfühlen, kann in einer „Hands on“- Station erfahren werden: Besucherinnen und Besucher können selbst Hand anlegen an einen Meteoriten aus Stein und einen aus Eisen, um sich ein Bild über die unterschiedlichen Dichteverhältnisse zu machen.

Ein interaktives Quiz fordert das Publikum auf, zu erraten, ob die ausgestellten Meteoriten und Gesteinsmuster tatsächlich aus dem All kommen oder doch von der Erde stammen. Bei der grafischen Darstellung der Inhalte bestand die Herausforderung darin, essentielle Informationen optisch ansprechend, strukturiert und illustrativ darzustellen. Auf Basis der Corporate Identity der Mineralogie wurde ein modernes Design für Jung und Alt entwickelt. Neben den Texten, verfasst von den Kustoden des NHM, wurden von checkpointmedia zahlreiche Illustrationen und Animationen zu Themen wie „Entstehung des Sonnensystems“, „Meteoritenschauer“, „Wir sind alle Sternenstaub“ und „Impakt-Krater“ erstellt. Im gesamten Saal wurden über 62 m² Wand neu gestaltet. Auch die neu restaurierte Nestfell’sche Planetenmaschine aus dem Jahr 1753 wird wieder zu sehen sein. Insgesamt stellt der neu gestaltete Meteoritensaal eine Kombination aus Erhalt der klassischen systematischen Darstellung in historischen Vitrinen und modernen Medientechnik zur Vermittlung der wissenschaftlichen Inhalte dar.

Die Wiener Meteoritensammlung#

„Trotz ihrer Unscheinbarkeit – meist sind es graue oder braune Steine – zählen Meteoriten zu den faszinierendsten Objekten, die es gibt“, erklärt NHM Generaldirektor Christian Köberl. „Diese „Steine, die vom Himmel fallen” sind die einzigen Zeugen, die wir für die Entstehung der Erde und des Sonnensystems haben. Ihre Zusammensetzung hat aber auch Aufschluss über die Herkunft der chemischen Elemente gebracht, aus denen unsere gesamte Welt – und auch wir Menschen – bestehen.“ Das Naturhistorische Museum Wien besitzt die älteste und eine der wichtigsten Meteoritensammlungen der Welt, die für wissenschaftliche Forschungen zur Verfügung steht. Außerdem zeigt das Museum die bei weitem größte Meteoritenschausammlung und macht die spektakulären Himmelsboten auf diese Weise auch einem breiten Publikum zugänglich.

Von Anfang an und bis zum heutigen Tag wurde die Sammlung von herausragenden Persönlichkeiten geprägt. Im Jahr 1748 erwarb Kaiser Franz I. Stephan die Naturaliensammlung des Florentiner Edelmannes Johann von Baillou. Das Naturalien- Cabinet war im Augustinertrakt der kaiserlichen Hofburg untergebracht. Nach dem Tod ihres Gemahls, Kaiser Franz I. Stephan von Lothringen, schenkte Kaiserin Maria Theresia im Jahr 1765 die Sammlung dem Staat. Es entstand das erste öffentliche Museum Österreichs.

Die Meteoritensammlung des Naturhistorischen Museums ist weltweit die älteste ihrer Art. Bereits kurz nach der Gründung des kaiserlichen Naturalien-Cabinets im Jahr 1748 begannen in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts die Wiener Kustoden Meteoriten zu sammeln.

Der berühmte Eisenmeteorit Hraschina gilt als Gründungsmeteorit der Wiener Sammlung. Die 1751 bei Zagreb in Kroatien gefallene Eisenmasse wurde nach Wien gebracht und in der kaiserlichen Schatzkammer aufbewahrt. 1778 wurde der Meteorit von dort in das Naturalien-Cabinet transferiert. Aufgrund der intensiven Beschäftigung und dem wissenschaftlichen Interesse an Meteoriten von Karl Franz Anton von Schreibers (1775-1852) und seinen Nachfolgern wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts die Wiener Sammlung zur weltweit größten und umfangreichsten. Gleichzeitig damit wurde die Wiener Sammlung mit ihren Kustoden zu einem der Zentren der neu entstandenen wissenschaftlichen Meteoritenkunde.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und der Zusammenbruch der Österreichisch-Ungarischen Monarchie brachten alle Forschungs- und Sammlungsaktivitäten am Wiener Museum abrupt zum Erliegen. Erst in den 1960er Jahren trat wieder eine Verbesserung ein. Die wissenschaftliche Untersuchung von Meteoriten konnte wieder aufgenommen werden und ein Ankaufsbudget erlaubte zumindest den Erwerb aktueller Fälle und Funde ausgewählter Meteoriten. Heute umfasst die Wiener Meteoritensammlung mehr als 7.000 inventarisierte Objekte von rund 2.400 Lokalitäten.

„Die Schausammlung ist mit 1240 ausgestellten Objekten mit Abstand die weltweit größte ihrer Art“, erzählt der Co-Kurator der Meteoritensammlung, Dr. Ludovic Ferrière. „In keinem anderen Museum – weder in Paris, London, New York noch in der Smithsonian Institution in Washington – findet man derart viele Meteoriten ausgestellt. Da die Sammlung auch sehr viele historisch belegte Meteoritenfälle beherbergt, ist die Wiener Schausammlung ein Kulturgut ersten Ranges.“

Einige dieser wertvollen Objekte haben auch einen direkten Bezug zur Begründung der Meteoritenkunde als wissenschaftliche Disziplin. Aus diesem Grund ist die Wiener Sammlung weltweit sowohl unter Wissenschafterinnen und Wissenschaftern als auch Privatsammlerinnen und Privatsammlern sehr berühmt.

Meteoriten – Facts and Figures#

Meteoriten
Foto: Kurt Kracher
Jeder Gesteins- oder Metallbrocken, der vom Weltraum kommend zur Erde stürzt und aufgesammelt werden kann, wird als Meteorit bezeichnet. Die kosmischen „Eindringlinge“ rasen dabei mit Geschwindigkeiten von 40.000 bis 200.000 Stundenkilometern Richtung Erde. „Beim Eindringen in die Erdatmosphäre wird das außerirdische ,Geschoß’ stark abgebremst und gleichzeitig durch die Luftreibung so stark erhitzt, dass ein Teil der ursprünglichen Meteoritenmasse durch Schmelzen und Verdampfen verloren geht“, erläutert der Leiter der Mineralogisch-Petrographischen Abteilung ds NHM und Kustos der Meteoritensammlung, Dr. Franz Brandstätter. Objekte mit einer Anfangsmasse von über 100 Tonnen werden von der Erdatmosphäre nur bedingt abgebremst und schlagen mit hoher Wucht am Erdboden auf. Dabei können auch gewaltige „Einschlaglöcher“ entstehen, wie zum Beispiel beim Meteoriteneinschlag auf der Halbinsel Yucatan in Mexiko vor rund 65 Millionen Jahren. Bei diesem Ereignis entstand ein Krater mit etwa 200 km Durchmesser.

Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft stammen alle Meteoriten aus unserem Sonnensystem. Als Hauptlieferant gilt der Asteroidengürtel – eine Ansammlung hunderttausender Gesteinsbrocken von Kieselstein- bis Gebirgsgröße, die sich auf einer Bahn zwischen den Planeten Mars und Jupiter um die Sonne bewegen. Für wenige Meteoriten ist der Erdmond als Herkunftsort wissenschaftlich erwiesen, andere wiederum stammen mit großer Wahrscheinlichkeit vom Planeten Mars. Die Selbstverständlichkeit, mit der Meteoriten heute in der Fachwelt anerkannt sind, haben sich die Boten aus dem All erst mühsam erkämpfen müssen. Bis ins 18. Jahrhundert hinein galten die „Steine aus dem All“ als Hirngespinst. Eine Wende vollzog sich erst am Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert – durch eine wissenschaftliche Abhandlung des Physikers E. F. Chladni im Jahre 1794 und den Meteoritenschauer von L’Aigle 1803, bei dem am helllichten Tag mehrere tausend Einzeltrümmer zu Boden fielen. Mehrere Stücke davon befinden sich im NHM.

Die Wiener Kustoden sammelten und untersuchten bereits ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Kunden aus grauer Vorzeit. Den Grundstock der Sammlung bildete der 1778 erworbene, 39 Kilogramm schwere Eisenmeteorit Hraschina, der am 26. Mai 1751 bei Agram, dem heutigen Zagreb, vom Himmel fiel. Kaiser Franz I. forderte vom bischöflichen Konsortium in Agram einen Bericht über dieses Ereignis an. Zusammen mit zwei Eisenstücken wurde dieser an den Hof gesandt. Das Hauptstück kam in die kaiserliche Schatzkammer, von wo es im Jahr 1778 gemeinsam mit dem Steinmeteoriten von Tabor der Naturaliensammlung einverleibt wurde.

Fast alle Meteoriten sind 4,5 Milliarden Jahre alt, also genauso alt wie die Erde. Das ist von großer Bedeutung. Entsprechend unserem gegenwärtigen Wissensstand ist unser Sonnensystem 4,6 Milliarden Jahre alt. Innerhalb von 100 Millionen Jahren haben sich die Sonne, die Planeten und zahlreiche Kleinplaneten, so genannte Planetoide, gebildet. Viele Meteoriten haben sich als Bruchstücke von Planetoiden seit dem Zeitpunkt ihrer Entstehung vor 4,5 Milliarden Jahren nicht mehr wesentlich verändert. Sie sind somit Zeugen aus der Frühzeit unseres Sonnensystems und geben uns Auskunft über die Bedingungen, die im frühen Sonnensystem geherrscht haben. „Die Gesteine auf der Erde unterliegen einer ständigen Umwandlung und geologischen Veränderungen“, erklärt Dr. Franz Brandstätter. „Nur Meteoriten erinnern sich an die Anfänge unseres Sonnensystems.“

Der neue Schausaal in Zahlen:#

Ausgestellte Meteoriten: 1100 Impaktgestein (Tektite, Strahlenkegel, Brekzien, etc.): 140 Unterschiedliche Meteoriten: 650 (aus 300 verschiedenen Fällen und 350 unterschiedlichen Funden)

Highlights der Sammlung#

DER ERSTE - EISENMETEORIT HRASCHINA#

Oktaedrit. Hraschina, Kroatien. Gefallen 1751. Hraschina ist einer der ersten wissenschaftlich untersuchten Meteoritenfälle und lieferte den Grundstein für die Wiener Meteoritensammlung – die älteste der Welt.

Am 26. Mai 1751 wurde in Hraschina bei Zagreb der Fall eines Eisenmeteoriten beobachtet. Eine Untersuchungskommission befragte zahlreiche Augenzeugen und fertigte ein detailliertes Protokoll an. Die Berichte über das Himmelsereignis sind sehr eindeutig: „Hier wurde ein kleines Wölkchen gesehen, das einiges Gekrach hervorbrachte und sich sodann auflöste. Zwei Kugeln sind in die Erde gefallen, welche der Ortspfarrer ausgraben ließ. Eine der Kugeln wurde dem Kaiser Franz I. nach Wien gebracht, die andere wurde in mehrere Stücke zerteilt und sogar Nägel damit gemacht.“

Trotzdem weigerten sich die meisten Gelehrten, an Steine zu glauben, die „vom Himmel fielen“. Das 39 Kilogramm schwere Eisenstück kam dennoch 1751 in die kaiserliche Schatzkammer und wurde 1778 in das k. k. Naturalienkabinett überführt. Dort bildete es nicht nur den Grundstein zur ältesten Meteoritensammlung der Welt, sondern gab auch den Anstoß zum Sammeln weiterer „Himmelssteine“ – Jahrzehnte, bevor die Wissenschaft die Existenz von Meteoriten offiziell anerkannte.

Sogar bei der Innenausstattung des neuen Museumsgebäudes am Ring wurde der Gründungsmeteorit verewigt. Eine der Wandfiguren (Karyatiden) im Saal IV hält das berühmte Objekt in den Händen. 1808 machte Alois von Widmanstätten bei Erhitzungsversuchen am Eisenmeteoriten von Hraschina eine der wichtigsten Entdeckungen der Meteoritenkunde: Er beobachtete gitterartige Muster – die nach ihm benannten „Widmanstättenschen Figuren“ (sichtbar in der Objektnummer). Anhand dieser Muster können Experten die Echtheit von bestimmten Eisenmeteoriten feststellen und erklären, wie groß und wie heiß der Asteroid war, aus dem der Meteorit stammt.

DER SCHÖNSTE - EISENMETEORIT CABIN CREEK#

Mittlerer Oktaedrit/IIIAB-Eisenmeteorit. Arkansas, USA. Gefallen 1886. Cabin Creek gilt weltweit als einer der schönsten Meteoriten und ist in vielen Meteoritenkunde-Büchern als Paradebeispiel für einen orientierten Meteoriten abgebildet.

Cabin Creek - Photo: NHM
Cabin Creek
Die meisten Meteoriten drehen sich nach dem Eintritt in die Atmosphäre entlang ihrer Flugbahn und sind nach ihrem Aufprall auf der Erde von einer gleichmäßigen Schmelzkruste überzogen. Nur ganz selten behalten Meteoriten während des Fluges eine bestimmte Orientierung bei. Dann kommt es zur Ausbildung markanter Vorder- und Rückseiten mit deutlich unterschiedlichen Oberflächenstrukturen. Cabin Creek war vor dem Auftreffen auf die Erdoberfläche am 27. März 1886 wie eine Speerspitze ausgerichtet und wurde durch die atmosphärische Erosion während des Fluges in großer Höhe unterschiedlich abgeschmolzen. Der Unterschied zwischen kegelförmiger Vorderseite und flacher Rückseite mit wesentlich glatterer Schmelzkruste ist besonders ausgeprägt. Cabin Creek gilt daher als das schönste Beispiel für einen orientierten Meteoriten. Eisenmeteoriten sind wesentlich seltener als Steinmeteoriten und machen nicht einmal fünf Prozent aller Meteoritenfälle aus. Sie bestehen aus einer Legierung aus metallischem Eisen und Nickel mit einem geringen Anteil an seltenen Metallen wie z.B. Kobalt und den Platinmetallen. Als Erz kommt diese Zusammensetzung in der Erdkruste nicht vor. Cabin Creek weist noch eine weitere Besonderheit auf: Da er gleich nach seinem Aufprall in Arkansas geborgen wurde und daher keiner irdischen Verwitterung ausgesetzt war, ist die Schmelzkruste der 47 Kilogramm schweren Eisenmasse „frisch“. Cabin Creek kam 1890 auf Veranlassung des Fabrikbesitzers Albert Mayer von Gunthof an das NHM nach Wien – als Teil der „bei Weitem grossartigsten Schenkung, welche die mineralogische Abtheilung seit ihrem Bestehen erhalten hat“, wie damals in den Annalen des NHM vermerkt wurde.


DER NEUESTE – MARSMETEORIT TISSINT#

Marsmeteorit. Tissint, Marokko. Gefallen 2011.

Tissint - Photo: NHM
Tissint
Im Februar 2012 war das NHM in der glücklichen Lage, ein außergewöhnliches Exemplar eines neuen Marsmeteoriten zu erwerben, der letztes Jahr in der Region um Tissint in Marokko vom Himmel fiel. Der Meteorit ist einer der spektakulärsten und wissenschaftlich wertvollsten Erwerbungen in der langen Geschichte der Wiener Meteoritensammlung.

Es handelt sich auch um eine der bedeutendsten und teuersten Ankäufe des Naturhistorischen Museums in den letzten Jahrzehnten, sowie um eine maßgebliche Bereicherung des Bundesvermögens. Der Meteorit zählt nun zum Schatz Österreichs. Möglich wurde diese Anschaffung durch Mittel aus der Erbschaft nach Oskar Ermann (1924-2011), dem wohl größten Gönner des NHM.

Am 18. Juli 2011 fielen im QuedDrâa Tal bei Tata, Marokko mehrere Steine vom Himmel. Im Oktober 2011 wurden die ersten davon von Nomaden gefunden. Meteorite werden üblicherweise nach geographischen Lokalitäten benannt. Tissint ist ein kleiner Ort, ca. 40 km vom Fallgebiet des Meteoritenschauers entfernt und Namensgeber des Meteoriten. Es ist der fünfte, durch Augenzeugen belegte Fall eines Marsmeteoriten und der zweitgrößte bezüglich der aufgesammelten Gesamtmasse. Das vom NHM erworbene Exemplar ist 908,7 g schwer und das größte bekannte Einzelstück dieses Falls, das fast zur Gänze mit Schmelzkruste überzogen ist.

Marsmeteoriten sind extrem selten und wertvoll. Von den mehreren Zehntausend bekannten Meteoriten stammen weniger als hundert vom Planeten Mars; diese wurden durch Einschlagsereignisse vom Mars weggeschleudert und landeten anschließend als Meteoriten auf der Erde. Erst in den 1980er Jahren wurde erkannt, dass manche Meteoriten – die bereits seit einiger Zeit als ungewöhnliche Objekte bekannt waren – nicht von den Asteroiden, den „normalen“ Meteoritenmutterkörpern, stammen, sondern vom Planeten Mars. Das NHM besitzt auch große Stücke der anderen vier beobachteten Fälle von Marsmeteoriten Shergotty, Nakhla, Chassigny, und Zagami; allerdings ist der Neuankauf bei weitem größer als die bisher in der Sammlung befindlichen.

Quelle: Naturhistorisches Museum Wien - Fotos © Kurt Kracher

Ischgl heißt der neue Meteorit#

Der Meteoritensaal im Naturhistorischen Museum ist wieder geöffnet#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, Mittwoch, 14. November 2012

Von

Ina Weber


Meteoritensaal
Der mehr als hundert Jahre alte Meteoritensaal: mit Multimedia-Grafiken modernisiert.
© www.kurt-kracher.at

Mindestens 100 Tonnen Meteoriten stürzen täglich auf die Erde - der Großteil davon gelangt als Staub zu Boden. Je größer sie sind, desto seltener kommen sie vor. Sie sind 4,5 Milliarden Jahre alt und damit genauso alt wie die Erde selbst. Die größte Sammlung an Steinen aus dem All befindet sich seit jeher in Wien. "Das Naturhistorische Museum hat die älteste Meteoritensammlung der Welt und die größte Schausammlung der Welt", sagte Christian Köberl, Generaldirektor des NHM, am Dienstag im Zuge der Eröffnung des neu gestalteten Meteoritensaals. Fast ein Jahr lang war der Saal geschlossen, sechs Monate wurde mit großem Aufwand renoviert. Kein Stein blieb auf dem anderen. "Es war sehr schwer, die Steine zu bewegen, ohne sie zu zerstören", erzählte Co-Kurator Ludovic Ferrière.

Der mehr als hundert Jahre alte Meteoritensaal bekam ein zeitgemäßes Design. "Die Leute gingen zwar hinein, aber da es kaum Erklärungen gab, gab es nichts, was sie dort hielt, und sie gingen weiter", sagte Köberl. Gemeinsam mit Medienexperten und Architekten wurden Multimedia- und interaktive Stationen eingebaut. Die historischen Vitrinen blieben zwar erhalten, doch wurden die Steine ausführlicher beschriftet.

"Nein. Das ist ein Basalt", "Nein. Das ist ein Pyrit", "Nein. Das ist Schlacke" - nach sechsmaligem daneben Tippen an einer der Multimedia-Stationen ist es die Nummer sechs: "Ja. Das ist ein Steinmeteorit." Die Frage, wie man eigentlich einen Meteoriten erkennt, ist nicht einfach zu beantworten. "Leider gibt es keine Anhaltspunkte", sagt Köberl zur "Wiener Zeitung". Nur mit viel Erfahrung könne man die besonderen von den gewöhnlichen Steinen unterscheiden. "In 99 Prozent der Fälle, wenn ich gefragt werde, ob das ein Meteorit ist oder nicht, kann ich es eigentlich schon sehr schnell sagen", sagt der Generaldirektor, der selbst in Wüsten auf Meteoritensuche war.

In Österreich wurden erst sieben gefunden#

Meteorit Ischgl
Meteorit Ischgl - Foto: Kurt Kracher, NHM
Besonders stolz ist Köberl auf die neueste Errungenschaft des Museums: Er heißt Ischgl, ist faustgroß, 2008 vom Himmel gefallen und seit dem Jahr 2011 im Besitz des Naturhistorischen Museums. Mit Ischgl wurden insgesamt erst sieben Meteoriten auf österreichischem Boden entdeckt. Ebenfalls neu in der Sammlung sind zwei fossile Meteorite, eine Art versteinertes Holz, aus Südschweden, die vor 500 Millionen Jahren auf die Erde stürzten.

Von einem Meteoriten erschlagen sei bisher noch niemand geworden, meinten Kurator Franz Brandstätter und Direktor Köberl. Ein Hund vielleicht, da sei man sich aber nicht sicher. "Der Großteil der Erde ist halt doch von Wasser bedeckt", so Brandstätter. In den 1950er Jahren habe einmal in den USA ein Meteorit ein Dach durchschlagen und eine Frau an der Hüfte verletzt. In den 1990er Jahren sei ein Steinmeteorit auf ein Taxi gefallen. Der Taxifahrer konnte anschließend sein kaputtes Auto gut verkaufen.

Viele der Meteorite der Sammlung sind sehr groß und schwer. Die Gesteins- oder Metallbrocken rasen mit Geschwindigkeiten von 40.000 bis 200.000 Stundenkilometern auf die Erde zu. Dabei können gewaltige Einschlaglöcher entstehen, wie etwa auf der Halbinsel Yucatan in Mexiko vor 65 Millionen Jahren. Heute befindet sich dort ein Krater mit 200 Kilometer Durchmesser.

Der älteste Eisenmeteorit der Sammlung "Hraschina" wiegt 39 Kilogramm. Er fiel am 26. Mai 1751 bei Agram, dem heutigen Zagreb, vom Himmel. Damals galten die Steine aus dem All noch als Hirngespinste. Trotzdem wurden sie von Kaiser Franz I. Stephan gesammelt. Als dieser starb, schenkte seine Gemahlin Maria Theresia 1765 die Sammlung dem Staat. Damit entstand das erste öffentliche Museum Österreichs.

"Wir wüssten nicht, wie alt die Erde ist"#

"Diese Steine, die vom Himmel fallen, sind die einzigen Zeugen, die wir für die Entstehung der Erde und des Sonnensystems haben", sagt Köberl. "Ohne Meteoriten wüssten wir nicht, wie alt wir sind." Ihre Zusammensetzung habe auch Aufschluss über die Herkunft der chemischen Elemente gebracht, aus denen die gesamte Welt und somit auch die Menschen bestehen.

An den Wänden im Saal hängen Illustrationen und Animationen zu Themen wie "Entstehung des Sonnensystems", "Meteoritenschauer", "Wir sind alle Sternenstaub" und "Impakt-Krater". Auch Gesteine vom Mond und vom Planeten Mars sind zu sehen. 1240 Meteoriten sind ausgestellt. Insgesamt besitzt die Wiener Sammlung 7000 inventarisierte Objekte von rund 2400 Lokalitäten. Ab heute, Mittwoch, sind die Türen des Meteoritensaals wieder für alle geöffnet. Nicht nur, um das Ausmaß einer möglichen Zerstörung Wiens mit dem "Impakt-Simulator" interaktiv zu steuern.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 14. November 2012


Der Meteorit von Ensisheim#

Der Meteorit von Ensisheim
Der Meteorit von Ensisheim - Foto: NHM

1. Der Meteorit von Ensisheim ist der älteste bezeugte Meteoritenfall Europas von dem heute noch Material vorhanden ist.
2. Nach seiner milliardenkilometerlangen Reise auf die Erde ins französische Ensisheim ist der 53,83 schwere Meteorit noch nie so weit gereist, wie jetzt (November 2013) nach Wien.
3. Ensisheim war 1492 Teil der Habsburgermonarchie. Es war sogar die Hauptstadt von Kaiser Maximilians Ländereien in dieser Region. Obwohl der Stein also lange auf österreichischem Staatsgebiet war, kommt er jetzt erstmals nach Österreich…
4. …und das pünktlich zum ersten Geburtstag des im Vorjahr eröffneten Meteoritensaales im Naturhistorischen Museum Wien, das die älteste und größte Meteoritensammlung der Welt beherbergt. U.a. auch ein paar kleinere Teilstücke des Ensisheim-Meteoriten.
5. Der wertvolle Meteorit wird – vermutlich als einziger Meteorit der Welt - von einer eigenen Leibgarde – ähnlich der des Papstes – rund um die Uhr bewacht.
6. Als der Meteorit im November 1492 mit einem enormen Knall auf die Erde fiel, wurde er von der Bevölkerung in die Kirche gebracht, aufgehängt und in Ketten gelegt. Man wollte verhindern, dass der „Donnerstein“ weiteres Unheil anrichtet.
7. Die Anordnung, den Stein in Ketten zu legen, kam übrigens von Kaiser Maximilian I. Auf seinem Marsch gegen die Franzosen legte er am 26. November 1492 in Ensisheim einen Halt ein und ordnete eben diese Vorgehensweise an.
8. Dass Kaiser Maximilian I. überhaupt gegen die Franzosen in den Krieg zog, war ebenfalls dem „Donnerstein von Ensisheim“ geschuldet: Sebastian Brant, Verfasser des berühmten „Narrenschiffs“, war zu jener Zeit in Basel, hat die Explosion gehört und mittels Flugblatt die Kunde des „göttlichen Zeichens“ in ganz Europa verbreitet. Mit der Aufforderung Kaiser Maximilian I. könne, Dank des göttlichen Beistandes, ohne Zögern einen Krieg gegen die Franzosen wagen.
9. Ebenfalls nicht weit entfernt vom Einschlagsort: Maler Albrecht Dürer. Der hielt sich am 7. November 1942 im 40 km entfernten Basel auf. Einige Jahre später malte Dürer einen explodierenden Himmelskörper auf die Rückseite seines Gemäldes „Büßender Heiliger Hieronymus“ (aufbewahrt in der National Gallery, London). Auch in seinem Kupferstich „Melencolia I“ von 1514 stellte Dürer eine Feuerkugel dar – es wird angenommen, dass es sich dabei um den Meteoritenfall in Ensisheim handelt.
10. Sogar Johann Wolfgang von Goethe besuchte 1771 den Ensisheim-Meteoriten und berichtete darüber in seiner Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“. Auch wird angenommen, dass Jules Vernes in dem Buch „Die Jagd nach dem Meteore“ vom Ereignis in Elsass inspiriert wurde.

Redaktion: P. Diem