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Die politische Symbolik der Ukraine, der Bukowina und der Stadt Czernowitz/Tscherniwzi und die Statue der "Austria"#

von Peter Diem

Ukraine - die große Unbekannte#

Landkart Ukraine
Die Ukraine - OpenStreetMap
Kartenskizze Ukraine
Quelle: "Wiener Zeitung" vom 12.4.2016

Grunddaten der Ukraine:
Fläche 603.700 kmÖ,
Einwohnerzahl 47.056.163
Währung:1 Hrywnja = 100 Kopeken\\
Allgemeines: https://de.wikipedia.org/wiki/Ukraine
http://www.ukraina.at/
Ukrainische Botschaft: http://www.ukremb.at/\\

Geschichtlicher Überblick

--> vgl. hiezu den Beitrag von Marjan Mudryj

09.-10. Jh. Kyiwer Rus. Das mittelalterliche Reich vereinigt die Ostslawen von der Ostsee bis zum
Schwarzen Meer und von der Wolga bis zur Theiss;.
12.-14. Jh. Das Fürstentum Galizien-Wolhynien. Blütezeit im 13. Jh. unter Fürst Danylo.
Mitte des 14. Jahrhunderts wird das Fürstentum zwischen Polen und Litauen aufgeteilt
1569 Polnisch-litauische Realunion von Lublin: Fast die ganze Ukraine kommt an das Königreich Polen
1596 Kirchenunion von Brest: Spaltung der orthodoxen Kirche in Polen-Litauen und Entstehung der
unierten Kirche.
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1648/54 Befreiungskrieg unter Führung vom Hetman Bohdan Chmelnyzkyj. Die Gebiete östlich vom
Dnipro geraten nach und nach unter direktes Protektorat Russlands
1772 Erste Teilung Polens: Galizien fällt an Österreich
1793 Zweite Teilung Polens: Die rechtsufrige Ukraine fällt an Russland
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1917/18 Ukrainische Volksrepublik - Westukrainische Volksrepublik
1918/22 Bürgerkrieg in der Ukraine. Die Ukraine wird Bestandteil der UdSSR.
Die Gebiete im Westen der Ukraine werden zwischen Polen, Rumänien und Tschechoslowakei aufgeteilt
1932-33 Hungersnot nach der Zwangskollektivierung durch das Stalin-Regimes mit 6-7 Millionen Toten
1939 Eingliederung der Westukraine in die Sowjetunion nach dem Hitler-Stalin-Pakt
1941-44 Im Zweiten Weltkrieg wird die Ukraine durch deutsche Truppen besetzt.
1954 Die Krim kommt zur Ukraine
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16. Juli 1990 Das Parlament (Werchowna Rada) verkündet die Souveränität der Ukraine
24. Aug 1991 Unabhängigkeitserklärung der Ukraine

Nationale Traumata im 20. Jahrhundert#

Holodomor
(wörtlich: Hunger-Seuche): 1932/33: Stalin befiehlt , die gesamte Ernte zu beschlagnahmen und die ukrainische Landbevölkerung von der Lebensmittelversorgung abzuschneiden. Dabei ging es in erster Linie um die Frage der gewaltsamen Kollektivierung der Landwirtschaft, der sich viele ukrainische Bauern, die nicht kollektiviert werden wollten, widersetzten. Man konstruierte daraus ein staatsfeindliches, reaktionäres "Kulakentum", das es auszurotten galt. Bis zu 7 Millionen Ukrainer verhungern, ohne dass die Weltöffentlichkeit von diesem Genozid Notiz nimmt. Die entvölkerten Gebiete wurden mit willfährigen Großrussen aufgesiedelt, die nicht nur eine kollektivierte Landwirtschaft ermöglichten, sondern auch die Industrialisierung des Donbass vorantrieben. Besonders unter Präsident Juschtschenko (2005-2010) wurde der Holodomor zum einigenden Staats-und Opfersymbol der neuen Ukraine mit antirussischer Note. Jetzt gilt der Holodomor eher nur als Symbol der Verbrechen des Stalinismus allgemein, der die meisten Sowjetbürger betroffen hat. In Der Westukraine, die sehr eigenständig denkt, war man aber vom Holodomor naturgemäß nicht berührt, da die Gegend damals nicht zur Sowjetunion gehörte.
Gedenktag
ist der letzte Samstag im November.

Bykovnya liegt am östlichen Stadtrand von Kyjiw. In einem Pinienwald ("Darnitsa") wurden 130.000 Opfer des NKWD in Massengräbern verscharrt, Ukrainer und Polen. Bis 1988 hatte die offizielle Sowjetunion behauptet, es hätte sich um "6.329 Sowjetsoldaten, Partisanen und Mitglieder der Untergrundbewegung gehandelt, die von den Nazi-Besatzern 1941-43 umgebracht worden waren." Vor 1939 war auch die polnische Minderheit in der damals sowjetiscehn Ukraine stark betroffen, nach dem Septemnber 1939 auch die starke polnische Volksgruppe im sowjetisch besetzten und annektierten Ostgalizien (Westukraine) durch Morde und Deportationen. Das damalige Ostgalizien sah ethnisch völlig anders auch als heute, wo es überwiegend monokolor ukrainisch ist: die Städte waren polnisch und jüdisch geprägt, die Oberschicht, Landadel und Bürgertum, war polnisch, das Bürgertum neben polnisch teils jüdisch und armenisch (assimiliert), die Kleinstädte meistens jüdisch (jiddischsprachig). Nur die Dorfbevölkerung war mehrheitlich (wenn auch nicht nur, da es viele polnische Streusiedlungen gab) ukrainisch. Lemberg war, grob gesprochen, mehrheitlich von Polen bewohnt, danach kamen die Juden, dann erst die Ukrainer, schließlich eine kleine deutschsprachige Gruppe.

Deutsche Wehrmacht und SS
verursachten in der Ukraine 5-7 Millionen Tote; die Städte und die Wirtschaft wurden fast völlig zerstört. Über eine Million Ukrainer wurden zur Zwangsarbeit Richtung Deutschland deportiert. Sie wurden durch den Tryzub gekennzeichnet.

Babyn Jar (Weiberschlucht): Am 29. und 30. September 1941 wurden in einer Schlucht im Stadtgebiet von Kyjiw mehr als 33.000 Juden durch Maschinengewehrfeuer ermordet, gefolgt von weiteren regelmäßigen Massenerschießungen mit etwa 70.000 Toten aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen.

Krimtataren: Im Mai 1944 wurden 200.000 Tataren aus der Krim deportiert, nachdem ihnen Stalin Kollaboration mit den Nazis vorgeworfen hatte. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 war eine Rückkehr möglich.

Kollaboration:
Viele Ukrainer erhofften sich von den Deutschen die Schaffung eines unabhängigen ukrainischen Staates, was aber den Plänen Hitlers widersprach. Als Erfüllungsgehilfen bei Morden an Juden und Polen waren diese Verbände(SS und Hilfspolizei) aber sehr willkommen, auch an vorderer Front im Abwehrkampf gegen die Rote Armee 1944. Ukrainische Partisanenverbände (UPA) führten auch ethnische Säuberungen in Wolhynien 1943 ( an die 100.000 polnische Opfer in verstreuten Dörfern) durch, kämpften an mehreren Fronten gleichzeitig gegen den polnischen Untergrund und gegen die heranrückenden Russen und die roten Partisanen. Faktisch gab es einen blutigen ukrainisch-polnischen Bürgerkrieg 1943/44 parallel zum deutsch-sowjetischen Krieg im Osten.
Eine Teilgruppe der 1930 in Wien gegründeten Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), die sich mit zwei Bataillonen ("Roland" und "Nachtigall") 1941 den einmarschierenden deutschen Truppen unter dem Tryzub anschloss, in der Hoffnung, so die Befreiung vom Sowjetjoch erwirken zu können. Dies gelang jedoch nicht - Galizien wurde Teil des deutschen Generalgouvernements und der Süden fiel an Rumänien. Stepan Bandera und seine Mitkämpfer wurden verhaftet. Unter Juschtschenko wurde Bandera zum Helden erklärt, er hat in Lemberg/Lwów/Lviv ein Denkmal.

Andere Ukrainer (numerisch doch die meisten) kämpften in den Reihen der Roten Armee. Es gibt noch immer eine tiefe Kluft in der Auslegung des Zweiten Weltkriegs. Jeder ist für den anderen Verräter oder gar Kriegsverbrecher. Symbolfigur ist der Stepan Bandera, den der KGB noch 1959 in München umbrachte. So gibt es in den Köpfen zum Teil noch eine Art kalten, geistigen Bürgerkrieg innerhalb der Ukraine. Offiziell hält man sich eher an die sowjetische Version der Ereignisse und feiert etwa am 6. November die Befreiung von Kiew 1943 durch die Sowjetarmee.

Anmerkung:
Zum Verständnis der ukrainischen Geschichte ist es wichtig zu wissen, dass das Hauptproblem der Ukrainer der Mangel an nationalen Eliten war, bzw. dass die Eliten auf ukrainisch bewohntem Gebiet meist aus Polen, Russen und anderen bestanden, je nach Gegend. Die jungen, spät entstandenen ukrainischen Bildungseliten im moderner Zeit wollten im Schnellverfahren eine nationale Geschichte und Kultur schaffen, die auf dem kosakischen Freiheitsideal fußte und "verlorengegangene" Oberschichten (assimilierten Adel) quasi im nachhinein rückzuholen versuchte. Eine ganz wichtige Rolle spielte die Religion (Orthodoxe versus Unierte). Heute teilen sich die Orthodoxen in Anhänger des Moskauer und des Kiewer Patriarchats mit klar nationalpolitischer Komponente. Manchmal wissen die Gläubigen selbst nicht, worin der Unterschied besteht. Die Unierten, offiziell unter Stalin 1946 den Orthodoxen zugegliedert, haben sich im Zuge der Wende um 1990 wieder emanzipiert. Es gibt deren ca. 5 Mio., sie dominieren in der Westukraine und galten den Orthodoxen stets (seit 1596) als Abtrünnige, Lakaien Roms und der Polen. In moderner Zeit wurden sie aber Träger des ukrainischen Nationalgedankens in Galizien (Jakub Forst-Battaglia).

Tschornobyl: Am 26. April 1986 ereignete sich in der Stadt Prypjat (im Norden von Kyjiw) nach einem misslungenen Experiment eine katastrophale Kernschmelze und Explosion im Kernreaktor Block 4. Etwa 400.000 Personen mussten aus der 30-km-Zone umgesiedelt werden. Rund 4.000 Personen sterben an den Folgen der radioaktiven Verstrahlung.
Von großer symbolischer Bedeutung ist der Umstand, dass "Tschornobyl" übersetzt "Wermutkraut" heißt - und in der Johannes-Apokalypse heißt es: "Der dritte Engel blies seine Posaune. Da fiel ein großer Stern vom Himmel; er loderte wie ein Fackel und fiel auf ein Drittel der Flüsse und auf die Quellen. Der Name des Sterns ist "Wermut". Ein Drittel des Wassers wurde bitter, und viele Menschen starben durch das Wasser, weil es bitter geworden war." (Off. 8, 10-11)

Symbole der Ukraine#

Die Nationalflagge der Ukraine besteht aus zwei horizontalen Streifen, von denen der obere blau und der untere gelb ist.

Bild 'flagge_ua'

Die Farben Blau und Gelb gehen zumindest auf die Heraldik des Fürstentums Galizien-Wolhynien(1312-1569), wenn nicht auf eine noch frühere Periode zurück. In moderner Zeit wurden sie nach dem ersten Weltkrieg in unterschiedlicher Reihenfolge verwendet. Nach der Proklamation der Unabhängigkeit am 24. August 1991 (seither Nationalfeiertag) wurden die Farben Blau-Gelb mit Gesetz vom 28. Jänner 1992 als Nationalflagge angenommen.
Es fällt auf, dass die Ukraine im Gegensatz zu den meisten slawischen Völkern die Kombination aus Rot, Blau und Weiß nicht verwendet. Gerne interpretieren die Ukrainer ihre Farben als das Blau des Himmels über dem Gold der Weizenfelder. Farbpsychologisch interessant ist, dass Blau und Gelb als (heraldische) Grundfarben gemeinsam der Farbe Rot entgegenstehen.
Die Farben Blau-Gelb gehen bis auf die Kosakenzeit zurück. Manche Historiker behaupten jedoch, dass die ukrainischen Farben skandinavischen Ursprungs sind. Die ersten Fürsten Kiews waren ja keine Slawen sondern Waräger ("Varinger" = Wikinger, Eidgenossen). Es war dies die Bezeichnung für Normannen, die ihre Raubzüge von "Rhos" (Schweden) aus unternahmen und einen Handelsweg vom Finnischen Meerbusen bis zum Schwarzen Meer einrichteten. Im Süden führte diese Handelsroute am Dnipro entlang - mit 2.285 km ist er der drittlängste Strom Europas (nach Wolga und Donau). Er teilt die Ukraine in einen "linksufrigen" und einen "rechtsufrigen" Teil. Im 9. Jahrhundert unterwarfen sich die slawischen Völker mehr oder weniger freiwillig den Warägern: Der erste in der Geschichte erfasste Kiewer Fürst war Oleg oder Oleh (882-912), dann Igor (912-945), Olga (945-946) - jedenfalls alle mit warägischen Namen benannt. Der Name Rus` hat somit keinen slawischen sondern einen normannischen Ursprung.

In sowjetischer Zeit 1949-91
In sowjetischer Zeit 1949-91

In verschiedenen Formen ab 1919
In verschiedenen Formen ab 1919

Sowjetwappen
Sowjetwappen

Farbschema
Farbschema

Die orange Revolution #

Petro Poroschenko
Petro Poroschenko - Foto © Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons
Eine ganz andere Farbe, nämlich Orange, die Zwischenfarbe zwischen Gelb und Rot - spielte eine große Rolle in den Auseinandersetzungen um die Präsidentschaftswahlen im November 2005, aus denen Wiktor Juschtschenko als Sieger hervorging. Seine Popularität sank jedoch kontinuierlich. Sein Gegenspieler, Wiktor Janukowytsch, erreichte bei den Präsidentschaftswahlen 2010 im ersten Wahlgang am 17. Januar 2010 etwas mehr als 35 Prozent der Stimmen, Julija Tymoschenko etwa 25 Prozent. Bei der Stichwahl am 7. Februar 2010 gewann Janukowytsch knapp 48,95 Prozent der Stimmen. Im Zuge der Staatskrise 2013/14 floh Janukowytsch nach Eskalation der Proteste in der Nacht auf den 22. Februar 2014 aus Kiew. Daraufhin erklärte ihn das Parlament für des Amtes verlustig. Das Parlament betraute zugleich den Präsidenten des Parlaments, Olexandr Turtschynow, mit der Ausübung der Amtsgeschäfte.

Nach den Ereignissen auf dem Majdan fand am 25. Mai 2014 eine vorgezogene Präsidentschaftswahl statt.
Die Wahlbeteiligung lag bei 60,29 %. Mit 54,7 % Stimmenanteil errang Petro Poroschenko bereits im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit. Zweitplatzierte war mit 12,81 % Julija Tymoschenko. Poroschenko wurde am Abend des 26. Mai 2014 von der Wahlkommission offiziell zum Sieger der Präsidentschaftswahl erklärt. Die Amtseinführung fand am 7. Juni 2014 in der Werchowna Rada statt.

Das Wappen der Ukraine ist in blau ein goldener Dreizack. Auf einer Briefmarke aus dem Jahr 2000 sind unter dem Wappen und den Farben die Insignien des Präsidenten dargestellt: die Standarte, der Amtsstab, das Siegel und die Amtskette.


Der hl. Michael im Wappen von Kiyiw
Das Wappen von Kiyiw

Insignien des Präsidenten
Insignien des Präsidenten

Staatswappen
Staatswappen

Standarte des Präsisdenten (mit Klick vergrößern!) © wikipedia
Standarte des Präsidenten

Statue des Hl. Michael auf dem Majdan - Foto: P. Diem
Statue des Hl. Michael auf dem Majdan - Foto: P. Diem

Bis zum 18. Jahrhundert wurde der Erzengel Michael als Symbol der Ukraine in ihrer damaligen Gestalt angesehen. Er galt als Schutzpatron und Symbol der Kiewer Rus und der Stadt Kiyiw. Der Erzengel Michael ist einer der sieben Erzengel im Judentum, Christentum und Islam. Der hebräische Name Michael bedeutet »Wer ist wie Gott?« St. Michael ziert das Wappen der Stadt Kiyiw. Der Erzengel ist auch in einer beeindruckenden Statue auf dem Michaelskloster in Kiyiw dargestellt.

Das zentrale politische Symbol der modernen Ukraine ist der Tryzub (Dreizack, auch Dreizahn). Das an das bekannte Attribut Poseidons erinnernde Zeichen geht nicht auf die Seefahrt, sondern auf die Herrscherfamilie der Kiewer Rus unter Fürst Wladimir (962-1015) zurück. Er findet sich bereits auf Münzen dieser Zeit. Es ist ungeklärt, ob es sich dabei ursprünglich um eine Waffe, einen Anker oder ein Kreuz handelte. Manche Wissenschafter sehen im Dreizack auch einen nach unten stürzenden Vogel, der aus der Zeit der Chasaren stammen könnte, deren Einflussbereich sich um 850 n.Chr. im Westen bis and den Dnipro, also bis Kyjiv erstreckte, bis sie 996 von der Kiewer Rus unterworfen wurden.
Nach Verwendung durch die Kosaken im 17. Jahrhundert kommt der Dreizack zum ersten Mal - wenn auch nur für ganz kurze Zeit - 1918 in das Wappen der Ukrainischen Volksrepublik (vgl. die Briefmarken weiter unten).
Der Dreizack erweckt bei manchen geschichtsbewussten Ukrainern allerdings gemischte Gefühle, weil er auch das Symbol der sogenannten Bandera-Bewegung war. Dies war eine Teilgruppe der 1930 in Wien gegründeten OUN, der Organisation Ukrainischer Nationalisten, die sich mit zwei Bataillonen ("Roland" und "Nachtigall") 1941 den einmarschierenden deutschen Truppen anschloss, in der Hoffnung, so die Befreiung vom Sowjetjoch erwirken zu können. Dies gelang jedoch nicht - Galizien wurde Teil des deutschen Generalgouvernements und der Süden fiel an Rumänien. Stepan Bandera und seine Mitkämpfer wurden verhaftet.
Ein traurige Funktion erfüllte das nunmehrige Nationalsymbol der Ukraine in der Zeit der nationalsozialistischen Terrorherrschaft: es diente zur Kennzeichnung ukrainischer Zwangsarbeiter und KZ-Insassen, die dieses Zeichen wie einen Judenstern aufgenäht tragen mussten.

Projekt eines Großen Staatswappens

Bild 'ua-barms'

In Planung aber auch in Kontroverse ist das Projekt eines großen, dreiteiligen Staatswappens. In der Mitte würde sich der goldene Dreizack auf blauem Schild befinden. Heraldisch rechts sieht man als Schildhalter einen gekrönten Löwen. Dieser geht auf das Stadtwappen von Lemberg Lwiw zurück. Der andere Schildhalter ist ein Kosak, der eine Muskete über die linke Schulter trägt. Die im geplanten großen Wappen enthaltene Devise "Freiheit, Einheit, Wohlstand" über den beiden Weizenähren wird gerne wie folgt interpretiert:
- Freiheit erinnert an das Freiheitsstreben der Kosaken,
- Einheit symbolisiert die Kyiwer Rus', als die heutigen Gebiete der Ukraine vereint waren, und
- Wohlstand steht für den ökonomischen Aufstieg der Ukraine.
Unten in der Mitte sieht man eine stilisierte Tscherwona Kalina (roter Schneeball). Diese Pflanze gilt als die nationale Blume der Ukraine. Der Entwurf des großen Wappens steht insgesamt für den Versuch, westliche und östliche heraldische Elemente zu vereinen.
Der Löwe findet sich seit dem 13. Jahrhundert im Stadtwappen von Lemberg / Lwiw (= Löwe). Die Stadt wurde durch den galizischen König Danylo (1201-1264) nach seinem Sohn Lev benannt.

Lemberg in der ö.-u. Monarchie
Lemberg in der ö.-u. Monarchie

In der sowjetischen Periode|
In der sowjetischen Periode|

Lemberg unter polnischer Herrschaft 1936-1939
Lemberg unter polnischer Herrschaft 1936-1939

Waffen-SS-Division 'Galizien'
Waffen-SS-Division "Galizien"

In der freien Ukraine seit 1991
In der freien Ukraine seit 1991

Ein Grund, warum es Zweifel in der Eignung des Löwensymbols für das große ukrainische Staatswappens gibt, liegt in dem Umstand, dass die 14. Waffen-Grenadier-Division der SS "Galizien" den Löwen als Abzeichen führte. Zwar ist ziemlich sicher, dass diese Einheit, die noch im April 1945 vor Graz kämpfte, nicht in Kriegsverbrechen verwickelt war, aber ein schaler Nachgeschmack bleibt doch. Das Bild des Kosaken wird auf den Hetman Razumovs'kyj zurückgeführt, der in der Zeit der Zarin Katharina II. (1729-1796) ein gewisses Maß an Unabhängigkeit von Russland erkämpfen konnte.
Der Kosakenmythos ist im nationalen Denken der Ukrainer tief verwurzelt, was sich auch aus der ukrainischen Nationalhymne (siehe weiter unten) ablesen lässt. Die ukrainischen Kosaken werden auch als Zaporoger bezeichnet (nach der Region Zaporizzja = "hinter den Schwellen", d.h. südlich der Dnipro-Stromschnellen). Sie waren strikt mit der orthodoxen Religion verbunden. Ihr von der Vollversammlung gewählter Anführer wurde "Hetmann" genannt. Als Zeichen seiner militärischen Befehlsgewalt führte er die bulava, eine Art Szepter (vgl. die Insignien des heutigen ukrainischen Präsidenten) und den buncuk, den Kommandostab mit Ross-Schweif der Tataren. In seiner Novelle "Taras Bulba" hat N. W. Gogol den Kosaken ein literarisches Denkmal gesetzt.

Foto: P. Diem
Foto: P. Diem

Foto: P. Diem
Foto: P. Diem

Die Nationalhymne der Ukraine#

Bild 'ukr_anthem'

Noch sind der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben,
Noch wird uns, junge Landsleute, das Schicksal gewogen sein.
Unsere Feinde werden vergehen wie Tau im Sonnenschein,
Und wir werden in unserem Lande, Brüder, selber die Herren sein.

Refrain : Seele und Leib setzen wir für unsere Freiheit ein
Und zeigen, Brüder: Wir sind vom Kosakenstamm.

Auf, Brüder, zum blutigen Kampf vom Sjan bis zum Don,
In unserm Heimatland soll kein Fremder mehr herrschen.
Das Schwarze Meer wird einst lächeln, der greise Dnipro sich freuen.
Unsere Ukraine sieht einem guten Geschick entgegen.

Refrain: Seele und Leib ...

Unser Eifer, gute Arbeit werden Früchte bringen,
Überall in der Ukraine werden frohe Lieder der Freiheit erklingen,

Über die Karpaten hinaus und durch die Steppen schallen.
Der Ruhm der Ukraine wird sich in alle Ferne verbreiten.

Refrain: Seele und Leib ...
Die Melodie der Hymne der Ukraine stammt aus der Feder eines aus der Westukraine stammenden katholischen Priesters, Mychajlo Werbyzkyi (1815-1870), der sie 1863 komponierte. Sie war als Vertonung des 1862 in der Verbannung in Archangeljsk verfassten patriotischen Gedichtes "Die Ukraine ist noch nicht tot" des aus der Gegend von Kiew / Kyjiw stammenden Ethnographen Pawlo Platonowytsch Tschubynskyi (1839-1884) gedacht. Das bald im ganzen Land gesungene Lied ähnelt in Melodie und Text der polnischen Nationalhymne (1797). Ab 1917 als Nationalhymne gesungen, wurde diese in der sowjetischen Zeit jedoch wieder abgeschafft. Nach Erlangen der Unabhängigkeit (Souveränitätserklärung der Ukraine am 16. Juli 1990; Unabhängigkeitserklärung am 24. August 1991) wurde das Lied 1992 zur offiziellen ukrainischen Nationalhymne erhoben.
Insbesondere wegen der als pessimistisch empfundenen Anfangszeile des ursprünglichen Gedichts ("Noch ist die Ukraine nicht gestorben, noch leben ihr Ruhm und ihre Freiheit") gab es Bestrebungen, einen neuen Text zu finden. Wie dies in ähnlichen Fällen vorzukommen pflegt, waren diese Bemühungen aber nicht von Erfolg gekrönt. So wurde 2003 vor allem die erste Zeile modifiziert (siehe oben). Interessant ist die im Refrain ausgedrückte starke Verbindung mit dem Kosakenmythos - der Hinweis auf das brüderliche Zusammenleben in den Kosakenstämmen. Offiziell gesungen wird nur die erste Strophe, wobei der Refrain wiederholt wird.
Tonbeispiele der Ukrainischen Nationalhymne:

Instrumentalversion 1 (472 k .mp3) Instrumentalversion 2 (1,6 MB .mp3)

Vokalfassung (gesungen vom Schweizer Rechtsanwalt Michael Sauser, 1 MB .mp3)

Vokalfassung (gesungen von Ruslana 2 MB .mp3)

Der ukrainische Nationalfeiertag#

Bild 'NFT'
Der erste Kongress der ukrainischen Intellektuellen im September 1991 begann mit dem Lied der ukrainischen Freiwilligenverbände, die im Ersten Weltkrieg an der Seite Österreich-Ungarns gegen die Zarenarmee kämpften. Darin wird der Rote Schneeball, der schon über Kosakengräbern gepflanzt worden war, als Symbol der trauernden Heimat besungen. Das religiöse Lied "Gott, du großer, einziger, bewahre uns die Ukraine" (Boze Velykyi, Jedynyj, Nam Ukrajinu chrany"), das O. Koinys'kyj vor rund 100 Jahren schrieb, wurde von Mykola Lysenko vertont.

Die ukrainische Währung#

Seit der Währungsreform im September 1996 die Währungseinheit der Ukraine die Hrywnja (ukrainisch Гривня / Hrywnja; russisch Griwna). 1 EUR = rund 7 Hrywnja. Nicht alle Münzen und Scheine tragen das Staatswappen, auf den beiden folgenden Beispielen ist es jedoch sichtbar:

Bild '5hrivna_kl'

Bild '5_kopeken'

Der Tryzub auf Briefmarken#

Russland 1909-1917 überstempelt Aug. 1918
Russland 1909-1917 überstempelt Aug. 1918

Bild 'gruen'

Bild 'Gryvna'
Rechts: Volksrepublik Ukraine, 1919. Diese Marken kamen jedoch nicht zum Einsatz.



Flagge und Wappen (1992)
Flagge und Wappen (1992)

Bild 'Wicke'

Ukrainische Diaspora in Österreich (1992), griech.-kath. Kirche St.Barbara, in der Wiener Postgasse (2005)
Ukrainische Diaspora in Österreich (1992), griech.-kath. Kirche St.Barbara
in der Wiener Postgasse (2005)

Ein wichtiger Faktor zur Erhaltung der ukrainischem Identität war und ist die Traditionspflege der vielen Millionen ausgewanderter oder im Ausland vorübergehend arbeitender Ukrainerinnen und Ukrainer.


Bild 'gemeinschaftsausgabe'

Dies ist ein weiteres Beispiel einer österreichisch-ukrainischen Gemeinschaftsausgabe:
750 Jahre Lwiw/Lemberg


Die ukrainische Sprache

Bild 'Sprachen'


Lange Zeit galt das Ukrainische als ein "kleinrussischer" Dialekt der "großen" russischen Sprache. Besonders die Oberschichten blickten auf das "bäuerliche" Idiom verächtlich herab. Erst im 20. Jahrhundert setzte sich die ukrainische Sprache wirklich durch – als wichtiges nationales Kennzeichen und Mittel der Identitätsfindung.
Seit 1991 ist Ukrainisch Staats- und Amtssprache, wobei aber das Russische in den östlichen Landesteilen und in Kiew / Kyjiw / Kijew weiterhin viel gesprochen wird. Infolge der Sowjetisierung hatte sich auch eine Mischform der beiden Sprachen entwickelt, der sogenannte Surschyk. Wenn diese Verschmelzung zweier aus der selben slawischen Urform hervorgegangener Sprachen auch auf dem Rückzug ist, so ist sie doch ein interessantes Phänomen der uns immer wieder begegnenden "Brückenfunktion" der "zwischenpositionellen" Ukraine. Das Thema der eigenständigen ukrainischen Sprache ist ein weiterhin nicht abgeschlossenes Element der Identitätsdiskussion.
Im Hinblick auf die in der Ukraine lebende starke russische Minderheit (17% national, 60% auf der Krim, 20 - 40% im Osten des Landes) ist der Schutz der russischen Sprache und Kultur jedoch in der Verfassung festgeschrieben.
Vom Russischen unterscheidet sich das Ukrainische in Wortschatz, Satzbau und Lautbildung. So werden etwa die Vokale "e" und "o" in geschlossenen Silben zu "i" , ebenso wird "je" zu "i". Hier ein paar transkribierte Beispiele:

Bild 'Sprache'

Noch bis ins 20. Jahrhundert nannten die Russen die Ukrainer, ihre "jüngeren Brüder", Chochol ("Schopf"), während umgekehrt die Ukrainer zu den Russen Kacap (mit einem Spitzbart kak cap - wie ein Ziegenbock) sagten.



Zum Sprachproblem vergleiche:

http://blog.kievukraine.info/2007/02/tolerance-reduces-need-for-russian.html ²

Hauptvertreter der ukrainischen Literatur#

Taras Schewtschenko (1814-1861) wird in der Ukraine als die bedeutendste historische und literarische Gestalt verehrt. War 10 Jahre nach Kasachstan verbannt. Gedichte, wie Sapowit ("Vermächtnis") aus seiner Gedichtsammlung Kobsar (=wandernder Kobsa-Spieler) sind bis heute im Bewusstsein aller Generationen und Gesellschaftsschichten tief verankert.

Iwan Franko (1856-1916), westukrainischer Publizist und Universalgelehrter, studierte in Wien, schrieb deutsch, polnisch und ukrainisch. Gedicht Kamenjar (=Steinbrecher).

Jurij Fedkowitsch (1834-1888), bukowinischerächst deutsch, ab 1860 aber ukrainisch.

Wassil Stus(1938-1985), bedeutender Lyriker und Übersetzer, starb im berüchtigten Kältelager von Kucino, in das er wegen seiner Proteste gegen die Russifizierungspolitik Breschnews gerbracht worden war.
Juri Andruchowytsch (geb. 1960), westeuropäisch orientierter Essayist und Romancier aus Iwano-Frankiwsk,dem früheren Stanislaus. "Zwölf Ringe" (2005), Preis der Leipziger Buchmesse 2006 (Europa-Rede).

Der Eurovisions Song-Contest 2004#

Eurovision Song Contests 2004 (Istanbul) und 2005 (Kiew)


Mit der Rekordpunkteanzahl von 280 Punkten gewann 2004 die Ukrainerin Ruslana Lyzhichko souverän den 49. Eurovision Song Contest in Istanbul mit Ihrer super Performance "Dikiye Tantsy" (Wild Dances).

Bild 'songcontest2005'
Bild 'ruslana'
Der 50. Eurovision Song Contest fand am 19. und 21. Mai 2005 in der ukrainischen Hauptstadt Kiew statt. Der Veranstaltungsort war der Sportpalast (Palats Sportu) in der Kiewer Innenstadt. Präsentiert wurden die Sendungen von den Moderatoren Mascha Jefrosinina und Pawlo Schilko, der in der Ukraine unter seinem Künstlernamen DJ Pasha bekannt ist und im letzten Jahr die Wertung seines Landes verlas. Der erfolgreiche ukrainische Boxer Wladimir Klitschko und die Vorjahressiegerin Ruslana führten zudem Interviews im Greenroom und vergaben die Siegertrophäe. Gewinnerin war Elena Paparizou, die für Griechenland mit dem Lied My Number One antrat. Der ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko überreichte der Gewinnerin persönlich ein Eurovisions-Zeichen aus 500 Gramm Gold.

Der Mittelpunkt Europas#

Ein vielleicht eher kurioses Symbol, dem aber doch eine gewissen politische Bedeutung bei der Hinwendung der Ukraine zu (West) Europa zukommt, ist der 1887 errichtete kleine Obelisk im Städtchen Rachiv (etwa 200 km westlich von Czernowitz). In dieser Zeit wurden im Zuge des Baues der Eisenbahnlinie Rahó–Szeged Vermessungsarbeiten durchgeführt. Im Verlauf dieser Arbeiten stellten die Ingenieure fest, den geographischen Mittelpunkt Europas eingemessen zu haben. Nach gründlicher Überprüfung bestätigten Wiener Wissenschaftler diese These. Die berechneten Koordinaten sind 47º 56' 3" nördlicher Breite und 24º 11' 30" östlicher Länge.

Bild 'center_kl'

Der Text der lateinischen Inschrift lautet: LOCUS PERENNIS
DiliGentissime cum libella librationis quae est in Austria et Hungaria
confecta cum mensura gradum meridionalium et parallelorum
OVUM ("OURM") europeum MD CCC LXXXVII.

Der Text wurde golden ausgezogen, offenbar fehlerhaft - jedenfalls völlig falsch in der Wikipedia.
Links oben eine Tafel des sowjetischen Vermessungsamtes:
"Punkt des staatlichen Geodäsienetzes mit historischem Wert, wiederhergestellt 1986"

Der Mittelpunkt Europas wird an verschiedenen anderen Orten angenommen, vgl. hiezu Artikel und Karte

Mittendrin
... Hauptmann Netuschill vom k. k. militärgeographischen Institut zu Wien vermaß 1887 mit seinen Ingenieuren den Kontinent und stellte fest, dass die exakte Mitte Europas im toten Winkel der ukrainischen Waldkarpaten, nahe der Kleinstadt Rachiv liegt. Hundertvierzehn Jahre später - ein Besuch. Am Straßenrand, 47° 58 Minuten nördlich des Äquators, 24° 12 Minuten östlich von Greenwich steht ein Braunbär. Gegen ordentliche Bezahlung übersetzt er die Inschrift auf dem Gedenkstein: "Locus perennis ... der ewige Ort".Sergej besitzt als Einziger in der Region eine Sofortbildkamera. Im Bärenfell schwitzt seine Frau. Im Sommer warten sie auf Touristen, die sich im Zentrum Europas fotografieren lassen wollen - meist vergebens.
Auf der "Straße des Friedens" steht ein Kiosk. Darin die schlohweiße Raja. Sie ist klein, alt und nach eigenem Bekunden "Mitteleuropäerin".In Österreich geboren ging sie in der Tschechoslowakei zur Schule, gebar in Ungarn einen Sohn, schlug sich in der Sowjetunion als Näherin durch und verbringt nun ihren Lebensabend im ukrainischen Kiosk. Bewegtes Leben? "Nie rausgekommen aus der Mitte Europas", sagt die alte Raja. Nur die Besatzer haben in Rachiv gewechselt, öfter als irgendwo sonst in der Welt.Wenn man sie nach der "Mitte" fragt, lächelt die Alte und deutet auf ihre Armbanduhr. Sie zeigt acht Uhr. Auf dem gesamten Staatsgebiet der Ukraine ist es aber offiziell bereits zehn - Kiewer Zeit."Nicht für uns in Rachiv. Wir haben europäische Zeit".
Ein Besucher erklärt: "Hier leben Zigeuner, Polen, Deutsche, Moskitten (Russen), Italiener und Juden." Sein Nachbar unterscheidet lediglich zwischen "Ukrainern und dem Rest".

Ernest Neumann (90) ist der letzte Chasside in Rachiv. Er spricht neun Sprachen. Wenn er von »de Jidden« erzählt, von Vertreibung und Mord, vom Ende einer europäischen Kultur, dann spricht er deutsch.1940 von ungarischen Nazikollaborateuren verhaftet, entkam er, floh bei Jassinja über die Grenze in die Sowjetunion und landete als "deutscher Spion"(!) in einem Straflager bei Workuta am Polarkreis.Als er 1947 zurückkehrte gab es keine Juden mehr in Rachiv:"Ich hab im ganzen Leben gewollt nicht anders, als weg von de Mitten Europa." Neumann blieb…
aus: Stanislaw Mucha, Die Mitte (Film 90 Min., 2004) --> pdf (16 Seiten 1MB)

Symbole der Bukowina#

Grenzen Bukowina
Ungefähre Grenzen der ehemaligen Bukowina

Geschichtlicher Überblick#

Zunächst Teil des selbständigen Fürstentums Moldau, 14.Jh. türkisch, später teils polnisch, teils russisch. Nach der Erwerbung Galiziens 1774 von Österreich besetzt, 1775 von der Pforte an Österreich abgetreten. Ab 1786 Teil des Königreiches Galizien, 1848 selbständiges Kronland 1919 kam das Land an Rumänien.
1944 wurde die Nord-Bukowina von den Russen besetzt. 1947 trat Rumänien dieses Gebiet samt Czernowitz an die Sowjetunion ab.
1991 Teil der unabhängigen Ukraine.
Historische Hauptstadt: Czernowitz. Fläche: 10.041 km² mit 730.000 Einwohnern (1910).
Bevölkerung: Ukrainern, Rumänen, Juden. 1910 ca. 21% Deutsche

Die Heraldik#

\In der Antike gehörte das Gebiet der Bukowina (= Buchenland) zur römischen Provinz Dakien. Ludwig der Große von Ungarn (1326-1382) vertrieb die Mongolen aus dem Land. Die ungarische Herrschaft in der Bukowina dauerte aber nur von 1342 bis 1348. In der Folge bildete die fast unbesiedelte Bukowina einen Teil des selbständigen Fürstentums Moldau, welches um die Mitte des 15. Jahrhunderts unter die türkische Oberhoheit gelangte. Der Norden war bis 1499 polnisch und wurde erst in diesem Jahr mit der Moldau vereinigt. 1768 bis 1744 besetzten die Russen die Bukowina. Nach der Erwerbung Galiziens war die Bukowina für Österreich von großer strategischer Bedeutung. Aus diesem Grunde besetzten 1774 österreichische Truppen das Land. 1775 wurde es von der Pforte an Österreich abgetreten, wobei Bestechungsgelder eine große Rolle spielten. Von 1786 an war es als Czernowitzer Kreis Teil des Königreiches Galizien. 1848 wurde das Herzogtum ein selbständiges Kronland und erhielt 1862 ein eigenes Wappen. 1919 kam das Land an Rumänien. 1944 wurde die Nord-Bukowina (der Teil nördlich des 48. Breitegrades) von den Russen besetzt. 1947 trat Rumänien dieses Gebiet samt Czernowitz an die Sowjetunion ab.
Das Wappen der Bukowina (1848-1918) war von Rot und Blau gespalten und mit einem schwarzen, ausgerissenen, silbergehörnten, rotbezungten, von drei goldenen Sternen begleiteten Kopf eines Auerochsen (Büffels) belegt.



Wappen nach H.G.Ströhl
Wappen nach H.G.Ströhl

Darstellung im Wiener Justizpalast
Darstellung im Wiener Justizpalast

Wappen nach Franz Gall
Wappen nach Franz Gall

Der Auerochsen- oder Büffelkopf war das alte Symbol des Moldaufürstentums. Einer rumänischen Legende zufolge geht dieses Zeichen auf eine Auerochsenjagd zurück, die der Wojwode Drago (14. Jh.) abhielt. Bei dieser Jagd wurde seine Hündin Molda tödlich verletzt, worauf der Heerführer einen Fluss nach ihr benannte, von welchem sich später der Name des Fürstentums Moldawien (rum. Moldawa) ableitete. Nach einer anderen Version der Legende wurde der Wojwode von 300 Männern begleitet, die später das Dorf Boureni (von Bour = Auerochs) gründeten, die erste Ansiedlung des Fürstentums.



Rekonstruierte Flagge der Moldau (14.-19.Jh)
Rekonstruierte Flagge der Moldau (14.-19.Jh)

Rekonstruierte Flagge der Moldau (um 1858)
Rekonstruierte Flagge der Moldau (um 1858)


Dieses Motiv findet sich bis auf den heutigen Tag in den offiziellen Wappen der Region:



Rumänien
Rumänien

Radauti/Radautz (Rumänien)
Radauti/Radautz (Rumänien)

Moldawien
Moldawien

Umgekehrt hat sich die ursprüngliche Symbolik der Bukowina, das Buchenlaub, im Wappen von Stadt und Umland der ehemaligen Festung Chotin am Dnestr (der Sage nach hatten die türkischen Angreifer die Tochter des Stadtkommandanten in der Stadtmauer eingemauert), in der Symbolgeschichte der Stadt Czernowitz (siehe Wappen der Sowjetzeit unten) und im Wappen des heutigen Regierungsbezirkes von Czernowitz (Chernivets'ka oblast).



Wappen der Umgebung von Chotin
Wappen der Umgebung von Chotin

Wappen der Stadt Chotin
Wappen der Stadt Chotin

Wappen des Bezirkes von Czernowitz
Wappen des Bezirkes von Czernowitz


Das Wappen des Umlands von Czernowitz stammt von O. Kryvorychko. Es enthält rechts das halbe Wappen der Stadt ohne Dreizack, links in Grün drei Bucheckern und ist von Buchenzweigen mit herbstlich-braunem Laub umrahmt, das von blau-gelben Bändern zusammengehalten wird.
Der Falke, der das Wappen des Chernivets'ka Oblast krönt, stammt von einer alten slawischen Keramik.
--> Zum Gesamtthema Bukowina vgl. die instruktive Website http://bukowina.info/

Symbole der Stadt der Stadt Czernowitz / Tscherniwzi#



Stadtplan
Alter Stadtplan

Franz Josef I. - neues Denkmal in Czernowitz
Denkmal Franz Jospehs I. in Czernowitz - Foto: P. Diem

--> Ein großer Plan der heutigen Stadt Tscherniwzi findet sich hier
--> Bildreportage über die Universität|http://grigoryev.net/chernovickij-universitet.html]

Siegel und Wappen#

Die österreichische Periode (1775-1918)#

Die Stadt Czernowitz erhielt bereits 1784 ein eigenes Wappenzeichen: ein silbernes offenes Stadttor mit sieben Zinnen, über welchem acht Steine in zwei Reihen schweben. Im Stadttor einen einfach gekrönten Doppeladler, die Brust mit dem österreichischen Bindenschild belegt, darunter zwei gekreuzte Lorbeerzweige. Die Zeichnung dieses Siegels findet sich auf der äußerst informativen Website http://bukowina.info/ mit der Umschrift "Czernowizer Stadt Sigel 1784". Dort wird auch die folgende Siegelkapsel präsentiert:

Bild 'Siegelkapsel'

Die Website "Civil Heraldry" des Niederländers Ralf Hartemink zeigt eine Wappendarstellung, die dieser Form relativ nahe kommt (der Unterschied liegt in der Zahl der Zinnen und Steine). Nach der Abbildung in Meyer's Konversationslexikon von 1895 und nach der Darstellung im Buch "Städtewappen von Österreich-Ungarn" von H. G. Ströhl (1904) hatte das Stadttor nur fünf Zinnen, dafür aber schwebten über ihm sieben bzw. zehn Steine in zwei Reihen.



Wappen nach Hartemink
Wappen nach Hartemink

Wappen nach Meyers Lexikon 1895
Wappen nach Meyers Lexikon 1895

Wappen nach H. G. Ströhl 1904
Wappen nach H. G. Ströhl 1904

Bild 'chrniv_a'

Die tatsächliche Entstehungsgeschichte des letzten Wappens der Stadt Czernowitz vor 1918 ist etwas kompliziert. Sie geht auf den Wunsch der Stadt zurück, aus Anlass des 60-jährigen Regierungsjubiläums Kaiser Franz Josephs I., - und vor der 500-Jahrfeier - eine neue Stadtfahne anzuschaffen. Da eine geeignete Vorlage dafür nicht aufzufinden war, wurde im Wege eines Ansuchens in Wien eine neue Wappenzeichnung geschaffen, die am 20. Juni 1908 offiziell gewährt wurde. Dr. Michael Göbl vom Österreichischen Staatsarchiv hat den genauen Vorgang und die Beschreibung des Wappens dokumentiert. Der Vorgang kann hier nachgelesen werden.

Und so sah das Wappen aus:

von Czernowitz aus dem Jahr 1908
von Czernowitz aus dem Jahr 1908

Die rumänische Periode#

(1918 -1940)
Das Wappen von Czernowitz / Cernăuţi war unter der rumänische Herrschaft leicht geändert worden. Aus dem Stadttor war eine zweitürmige, silberne Festung in Rot geworden, in deren Torbogen ein schwarzer Auerochsenkopf, das Symbol der Moldau, schwebte, von einer goldenen Rose und einer goldenen Mondsichel beseitet. Zwischen den Hörnern befand sich ein sechseckiger silberner Stern und über dem Tor eine goldene Rose. Der Schild wurde von einer silbernen Mauerkrone mit sieben sichtbaren Zinnen gekrönt.

Die sowjetische Periode (1940 -1991)#

Nach der Eingliederung in die Sowjetunion zeigte das Wappen der Stadt Czernowitz / Tschernowzi in Blau eine roten bezinnten Torbogen der mit dem Zeichen von Sichel und Hammer in Gold besetzt war. Im Torbogen wurde ein silbernes Gebirge sichtbar, darunter grüne Buchenblätter und zwei horizontale Wellenlinien in Silber. Das Tor erinnert an den Haupteingang der Universität, die ja ursprünglich Sitz des orhtodoxen Metropoliten war.



Rumänische Periode (1918-1940)
Rumänische Periode (1918-1940)

Sowjetische Periode (1941-1991)
Sowjetische Periode (1941-1991)

Wappen seit 1991
Wappen seit 1991

Die moderne Periode (seit 1991)#

Das heutige Wappen von Czernowitz / Tscherniwzi lehnt sich an das alt-österreichischen Wappen an. In einem mit sieben Zinnen besetzten silbernen Stadttor in Rot schwebt der goldene Dreizack, das Symbol der Ukraine. Über dem Stadttor acht Steine in zwei Reihen, unter dem Stadttor zwei Lorbeerzweige, die von einem blau-gelben Band zusammen gehalten werden. Der Schild ruht auf einem goldenen Wappenmantel und wird vont einer silbernen Mauerkrone mit fünf sichtbaren Zinnen bekrönt.



Bild 'Chernivtci_wapp'

Bild 'cwz_mod'

Bild 'crest-cernivci'

Verschiedene Ausführungen des modernen Wappens von Czernowitz

Das Rathaus von Czernowitz
Das 1843-1846 erbaute, aber erst am 20. März 1848 offiziell eröffnete Rathaus am Ringplatz/Zentralplatz, wurde von einem großen Doppeladler gekrönt, der - wie der "König der Lüfte" selbst - hoch über der Stadt zu schweben schien. Der Doppeladler ist seinem Wesen nach ein uraltes Schutzsymbol, weil seine beiden Augenpaare in alle Richtungen sehen können. In der ö.-u. Monarchie breitete er seine Schwingen über den Vielvölkerstaat aus - zusammen mit dem Porträt Franz Joseph I., des "alten Kaisers", war er wichtigstes Staatssymbol.
Heute weht über dem Wahrzeichen der Stadt die ukrainische Flagge. Die Fassade trägt das Stadtwappen und eine Uhr, die auf besondere Weise schlägt. Täglich um 12 Uhr erscheint auf dem Turm ein Mann in Huzulentracht, der mit einem Trompetensignal die Mittagsstunde angibt. Frühere Berichte sprechen davon, dass zur vollen Stunde die Trembita in die vier Windrichtungen geblasen wurde, während die Viertelstunden durch Pfiffe angezeigt wurden.



Das Rathaus in der Monarchie
Das Rathaus in der Monarchie

Photo by Lyuda Meshcheryakova
Photo by Lyuda Meshcheryakova

Das Denkmal der Austria#

Denkmal am Austria-Platz (mit Klick vergrößern!)
Denkmal der Austria (1775-1918)

--> Siehe hiezu den eigenen Beitrag

Ein wichtiger Faktor für die ukrainische Identität sind die ethnischen Minderheiten, deren bekannteste die Huzulen sind.

Bild 'HUZ'

Zum Thema Czernowitz vgl. die instruktiven Websites:


http://www.czernowitz.de/
https://de.wikipedia.org/wiki/Czernowitz


Die Ukraine ist ein europäisches Land - ihre Orientierung auf Europa ist deutlich zu spüren.
Aktuelle Literatur:

--> Helmut Braun (Hg.) Czernowitz - Die Geschichte einer untergegangenen Kulturmetropole, Ch. Links Verlag, Berlin September 2005, 181 Seiten, zahlreiche Abbildungen, EUR 29,90 - bei Amazon kaufen
--> Evelyn Scheer / Gert Schmidt, Die Ukraine entdecken, Trescher Reihe Reisen, Berlin 2004, 508 Seiten,
EUR 19,95 - bei Amazon kaufen
--> Reinhold Czarny/Oksana Nakonechna: Foto-DVD und Film-DVD über Czernowitz: http://www.mythos-czernowitz.eu/

Weitere Websites zum Thema Ukraine und Czernowitz:

Religion und Zeittafel: http://www.ukremb.at/aktuell/allgemei.htm

Taras Schewtschenko (Essay) #

Taras Schewtschenko kann nur mit vielen Worten beschrieben werden, denn er vereinigt zahlreiche Widersprüche in und Deutungen auf sich: Leibeigener und Intellektueller. Anerkannter Maler und gefeierter Autor. Volkstümlicher und europäischer Autor. Dichter von Blut und Tränen, Kosaken und unglücklichen Frauen, Steppe und Dnjepr. Begründer der modernen ukrainischen Literatur, Sprache und des Nationalbewusstseins. Nationalheiliger der Ukraine, aber auch Vorzeigeukrainer für die Sowjetmacht. Dennoch sind sich über 95% der ukrainischen Bevölkerung einig: Für sie ist er ein Held, seine Werke sind für sie heute aktueller denn je.

Am 10. März 1861 starb Taras Schewtschenko in St. Petersburg an einer Krankheit, wenige Tage nachdem Alexander II die Leibeigenschaft im Zarenreich aufgehoben hatte. Seine Beerdigung auf dem Smolensker Friedhof war ein gesellschaftliches Ereignis, an dem bekannte Autoren, darunter Dostojewski, teilnahmen. Aber schon wenige Tage nach dem Begräbnis beginnen die Ukrainer in Petersburg ihren Kampf um die Erlaubnis zur Überführung seiner sterblichen Überreste in die Ukraine. Siebenundfünfzig Tage nach dem ersten Begräbnis wird der Sarg wieder aus der Erde geholt, auf Schultern wird er durch die ganze Stadt getragen bis zum Bahnhof. Von hier reist der Sarg mit der Eisenbahn weiter, in Moskau hat er wieder Aufenthalt, abermals Abschiedszeremonien, abermals Massen.

Weiter geht’s nur noch mit Pferden, einem schwarzen Vierspänner, auf der Poststrecke mit sämtlichen Stationen. Ringsum wird es Frühling, auf den April folgt der Mai. In Kiew trägt man den Sarg an Bord des Dampfers ‘Krementschuk’, und weiter geht es acht Stunden den Dnipro abwärts, um schließlich den Sarg auf den Mönchsberg zu bringen, den Ort der zweiten und endgültigen Bestattung. Zehntausende sind an dieser über zweiwöchigen Performance beteiligt. Keinem Heiligen gleich welcher Kirche ist je ein solches Begräbnis bereitet worden.

So beschreibt Juri Andruchowytsch die Überführung des Sargs. Der Mönchsberg in Kaniw heißt heute Taras-Berg und ist eine Pilgerstätte der Ukrainer, die in den 1920-30er Jahren als Taras-Schewtschenko-Naturschutzpark ausgebaut wurde mit einem Museum, dessen kürzliche Renovierung Anlass zu heftigen Diskussionen in der ukrainischen Öffentlichkeit bot.

Vom Leibeigenen zum gefeierten Künstler#

Taras Schewtschenko wurde am 9. März 1814 als Leibeigener in der Zentralukraine geboren. Bald nach seinem zehnten Geburtstag verlor er erst die Mutter, dann den Vater. Er durfte die Schule besuchen, bevor er als Hirtenjunge und Kammerdiener für den Aristokraten Pawel Engelhardt arbeitete. In der von Andrew Gregorovich editierten Autobiographie beschreibt Schewtschenko diesen Lebensabschnitt:

"Mein Herr war ein russifizierter Deutscher und als solcher ein Mann mit einer eher praktischen Ader. Er kultivierte meinen nationalen Geist auf seine eigene Weise, indem er mich in einer Ecke seines Vorzimmers postierte, wo ich still und bewegungslos stehen musste, bis er mir befahl, ihm seine Pfeife zu reichen, die in seiner Nähe lag, oder ein Glas mit Wasser zu füllen. Ich brach die Vorschriften meines Herrn und sang traurige Haidamak-Lieder mit kaum hörbarer Stimme und kopierte heimlich die Bilder der Suzdaler Schule, die seine Zimmer zierten."

Engelhardt nahm den Jungen mit nach Wilnius (1828-31) und St. Petersburg. Er gab Schewtschenkos Wunsch nach und ließ ihn bei den Malern Jan Rustem (Wilnius) und Wasilij Schirjajev (St. Petersburg) in die Lehre gehen. Darüber berichtet Schewtschenko in seiner Autobiographie:

„Es war keine großartige Sache, da ich an einen Ornamenten-Maler und Dekorateur in St. Petersburg für die Periode von vier Jahren nur vermietet wurde.”

Doch auf diese Weise kam Schewtschenko in Kontakt mit den bekanntesten zeitgenössischen russischen Dichtern und Malern, darunter Karl Brjullov, der eines seiner Porträts versteigerte und Schewtschenko mit dem Erlös Ende der 1830er Jahre frei kaufte.

In der ersten Hälfte der 1840er Jahre studierte Schewtschenko Kunst und bereiste immer wieder die Ukraine, um für die Archäologische Kommission in Kiew historische, architektonische und ethnographische Skizzen anzufertigen. Er gewann für seine Malerei Preise und schloss Freundschaft mit den Schriftstellern der kyrillo-methodistischen Bruderschaft, die eine freiheitliche, panslawistische Föderation anstrebten.

Gleichzeitig begann er zu schreiben. Sein berühmtester Sammelband, der “Kobsar” (ein wandernder ukrainischer Barde, der auf dem Saiteninstrument Kobsa oder Bandura spielt), erschien im Jahr 1840 in St. Petersburg und ist bis heute sein meistgelesenes und bekanntestes Werk. Mit ihm etablierte er die moderne ukrainische Literatursprache.

Die romantischen Gedichte thematisieren die ukrainische Geschichte. Häufig handeln sie vom einfachen Volk, von den stets unglücklichen ukrainischen Frauen, die von Soldaten oder reichen Männern geschwängert, verloren und verzweifelt umherirren. Sie symbolisieren den Staat ohne Territorium, verkörpern das Opferdasein. Diese Poeme richten sich nicht nur gegen die Unterdrückung der Ukraine durch das russische Zarenreich, sondern gegen die Unterdrückung im Allgemeinen. Mit dem Erfolg dieses Bandes wurde „Kobsar“ ein Synonym für Schewtschenko.

Bei einer Durchsuchung von Räumlichkeiten der kyrillo-methodistischen Bruderschaft wurde Schewtschenkos Gedicht „Traum“ gefunden, das als Beleidigung der Zarin Alexandra Feodorowna aufgefasst wurde und zur Verhaftung des Autors im April 1847 führte. Nach einem Aufenthalt im St. Petersburger Gefängnis wurde Schewtschenko für zehn Jahre in die Region Orenburg und ans Kaspische Meer verbannt. In dieser Zeit galt für ihn Mal- und Schreibverbot, das jedoch unterschiedlich streng durchgesetzt wurde. Einerseits nahm er in den Jahren 1848-49 als Maler an einer Expedition zum Aralsee teil, andererseits wurde er dafür berühmt, seine Werke in den Stiefeln versteckt und an die Öffentlichkeit geschmuggelt zu haben.

Im Jahr 1857 kehrte er aus der Verbannung zurück nach Nizhnyj Nowgorod und St. Petersburg. Damit begann seine letzte Schaffensperiode, die von einem revolutionäreren Ton, klassischen und biblischen Stoffen geprägt ist. Er hatte vor, in der Ukraine ein Grundstück zu kaufen und ein Haus zu bauen. Zunächst erhielt er keine Erlaubnis in die Ukraine überzusiedeln. Der Tod ereilte ihn in Russland.

Entstehung des Schewtschenko-Kults#

Schon seine Zeitgenossen, die ukrainischen wie die russischen, erkannten Schewtschenko als herausragenden Maler und Autor an. Während seine Gemälde heute weniger Beachtung finden, ist sein Verdienst um die ukrainische Literatur und Entwicklung der Nation noch immer sehr aktuell. Er gilt als Nationaldichter vom Rang Dantes, Shakespeares oder Goethes, wobei sich, wie wir sehen werden, seine Bedeutung für die heutige Gesellschaft von der anderer Nationaldichter doch stark unterscheidet. Für Olena Olenska ist er sogar „mehr, er ist die Seele des Volks im direktesten Sinne.“ Und doch ist es heute so, wie Andruchowytsch stellvertretend für zahlreiche Stimmen manifestiert: „(…) bei aller Nähe zum Volk wird der Dichter von diesem Volk nicht besonders intensiv gelesen.“

Bohdan Rubtschak schreibt in der Einführung zu George S.N. Luckyj’s „Shevchenko and the critics“, dass Schewtschenko die Kontinuität des ukrainischen Unabhängigkeitsstrebens verkörpere. Der in München lebende Ukrainer Gennadyj Polisky nennt ihn ein „Symbol der Unabhängigkeit und des Selbstbewusstseins“ der Ukrainer. Mit Ausnahme von Iwan Kotljarewskyj hatte kein Autor vor ihm das Ukrainische als Literatursprache verwendet, wurde die ukrainische Sprache doch als „bäuerlicher Dialekt“ verspottet und vom Zaren als bedrohliche separatistische Tendenz wahrgenommen. Zwar existieren auch russische Schriften des Autors, doch den größeren und wichtigeren Teil seines Werks hat Schewtschenko auf ukrainisch verfasst und dem ukrainischen Volk damit eine eigene Literaturtradition geschenkt. Dies macht ihn zum Begründer der modernen ukrainischen Sprache, Literatur und gleichzeitig eines Nationalbewusstseins.

Schewtschenko selbst rief dazu auf, durch ausländische Lektüre neue Impulse aufzunehmen, aber gleichzeitig das Eigene nicht gering zu schätzen. In seiner Dichtung greift er auf volkstümliche Motive und Mythen zurück, perpetuiert ewig gültige Themen wie Familie und Freiheitskampf. Jedoch nicht oberflächlich, sondern er erfasst den Geist des ukrainischen Volkes. Gleichzeitig modernisiert er das Traditionelle und reiht das ukrainische Volk als eigenständige Kultur in den zeitgenössischen, europäischen Kontext ein. Schewtschenko verbindet als Autor das, was er aus seiner Kindheit im bäuerlichen, leibeigenen Umfeld erfahren hat, mit dem, was er in kultivierten Kreisen gelernt hat. Er wird so zum Vertreter gleichzeitig der traditionellen ukrainischen Bardenliteratur wie zum Vater der modernen ukrainischen, der romantischen Literatur. Der russische Literaturkritiker Apollon Grigorjew fasste 1861 zusammen: “Ja, Schewtschenko war der letzte Barde und der erste große Dichter einer neuen großen Literatur (…)” Gemäß meiner eigenen nicht repräsentativen Umfrage, wird Schewtschenko von seinen Landsleuten heute dennoch nicht als modern und europäisch, sondern als volkstümlicher, rein ukrainischer Dichter wahrgenommen.

Rubtschak bedauert, dass das Revolutionäre und die nationale Frage in der Rezeption Schewtschenkos stets im Vordergrund stehe. Er stellt fest, dass die Beschäftigung mit dem Autor dadurch generell weniger auf einer intellektuellen als auf der emotionalen Ebene stattfinde. Andruchowytsch erklärt, wie diese Tendenz und der Kult entstanden: „(…) die großen Vertreter der ukrainischen Kultur in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wie P. Kulisch, I. Franko, M. Hruschewskyj, und S. Jefremow. Sie waren es, die, wenn auch jeder auf seine Weise, ein ganzes System von Ideen schufen, das Schewtschenkos Größe darauf festlegte, dass er ein echter Dichter des Volkes war, der ungeachtet seiner Herkunft aus den untersten sozialen Schichten in die aristokratischen Höhen des Geistes vorstieß, der um den Preis persönlichen Leidens und harter Prüfungen der Welt vom Schicksal des ukrainischen Volkes zu berichten vermochte und dem ukrainischen Volk von dessen Bedeutung für die Welt, womit Schewtschenko der geistige Vater der Nation ist, einzig, unvergleichlich und unerreichbar.“

Politische Instrumentalisierung#

Diese Ikone zu entthronen, wagte selbst die Sowjetführung nicht. So baute sie das Bild vom Sozialrevolutionär Schewtschenko auf, der gegen die Unterdrückung durch das zaristische System rebellierte und deutete ihn zum Symbol der ukrainisch-russischen Völkerfreundschaft um. Das nationale Unabhängigkeitsstreben, das er für die Ukrainer schon vor 1991 verkörperte, kommt im Image, das er bei den Russen hat, bis heute nicht vor.

Straßen, Orte und Gebäude wurden nach ihm benannt, Denkmäler errichtet, nicht nur in der Ukraine, sondern auch an den Orten der ukrainischen Diaspora. In Schulunterricht und Universität ist er omnipräsent, sein Werk wurde in über 100 Sprachen übersetzt. „Von den ersten Schuljahren an hören alle Ukrainer vom Weltruhm unseres großen Kobsars. Davon, dass seine Werke in Hunderte von Sprachen übersetzt sind (in der Regel schlecht). Davon, dass man überall auf der Welt sein Denkmal findet (in Paris, Rom, London, Washington, New York, Vancouver, Winnipeg, Buenos Aires – die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen); es gibt sogar Grund zu der Annahme, dass Schewtschenko hinsichtlich der Zahl der Denkmäler weltweit der absolute Champion unter den Dichtern ist. Was die schiere Masse an Bronze, Kupfer, Marmor, Granit oder Eisenbeton angeht, kann kein Dante oder Shakespeare mithalten“, berichtet Juri Andruchowytsch. Und auch der souveräne ukrainische Staat setzt dem Dichter ein Denkmal: Auf der 100-Hryvnja-Note des unabhängigen Staats ist seine Büste abgebildet.

Trotz der sehr unterschiedlichen ideologischen Instrumentalisierungen als Unterdrückter einer Klassengesellschaft (Leibeigener) versus den Unterdrückten einer Nation (Gefangener des russischen Zaren) besteht also eine Kontinuität der Ehrfurcht.

Was bedeutet Schewtschenko seinen Landsleuten heute – und was bedeutet der den Deutschen?#

Ikone – selten Feindbild, Weiß – selten Schwarz. Dieses monolithische Bild aus über 100 Jahren wird erst von den neusten ukrainischen Autoren ironisch demontiert und pluralisiert, wie Jenny Alwart beobachtet. Nun gibt es also auch Grauzonen um Schewtschenko. Andruchowytsch z. B. führt eine Reihe von widersprüchlichen und doch gängigen Instrumentalisierungen des Autors auf als Kommunist/Nationalist, als Christ/Atheist, als Dissident/Anarchist und nähert sich dem Nationalheiligen ganz menschlich: „Er war vor allem ein freier Mensch, ein echter Bohemien und Lebenskünstler, ein Trunkenbold, die Seele der Gesellschaft, kein Verächter von Essen, Trinken und Bordellen.“

Seit der Unabhängigkeit ist Schewtschenkos Gesamtwerk zugänglich, also auch solche Schriften, die nicht zur sowjetischen Propaganda passten. Auch seine Biographie wird in den Schulen und Universitäten heute kontroverser gelehrt. Dies trägt zum aktuellen Deutungswandel des Autors, zur Vervielfachung der Vorstellungen von ihm bei und verstärkt doch gleichzeitig noch die Verehrung.

Meines Wissens gibt es keine Umfrage unter Deutschen, welche Ukrainer sie kennen. Doch gäbe es sie, wäre Andrij, nicht Taras Schewtschenko unter den Bekannteren.

Zum 150. Todestag werden in der Ukraine Schewtschenko zu Ehren eine Gedenkmünze und eine Briefmarke herausgegeben. Auftritte, Feiern, Ausstellungen, Lesungen und kulturelle Abende werden in der ganzen Ukraine und der ukrainischen Diaspora stattfinden. Sein kurzer Aufenthalt in Wilnius ist Litauen Anlass genug, ebenfalls eine Feier auszurichten.

Im schweizerischen Fribourg organisiert anlässlich des 150.Todestags eine Konferenz, die Ukrainische Freie Universität eine Erinnerungsveranstaltung im Rathaus von München. Die Schweiz eröffnet feierlich eine Vertretung der Taras-Schewtschenko-Wissenschaftsgesellschaft.

Gennadyj Polisky wünscht sich, dass durch das aktuelle Jubiläumsjahr „der Bekanntheitsgrad von Schewtschenko im Ausland steigt.“ Dies wird wohl ein frommer Wunsch bleiben. Denn auf Diaspora und Wissenschaft beschränkt sich das Interesse an Schewtschenko außerhalb der Ukraine. Die Kulturvermittler und medialen Multiplikatoren haben versagt. Ein Trauerspiel, wie wenig deutsche Verlage und Medien sich für die bedeutendste ukrainische Figur der Vergangenheit und Gegenwart offen zeigen: Zuletzt erschienen Schewtschenkos Werke auf Deutsch 1994 im Julian-Verlag in Übersetzungen, die zwischen 1850 und 1950 verfasst wurden. Kein Verlag kündigt neue Übersetzungen oder Biographien zum Jahrestag an. Im krassen Gegensatz zur Flut an kürzlich zu Tolstojs Todestag erschienener Literatur in Verlagen und Zeitungen, zeigt kein deutsches Blatt Interesse an Schewtschenko. Das Thema sei „zu speziell“. Dabei ist Schewtschenko nicht nur ebenfalls ein großer Klassiker des 19. Jahrhunderts, sondern im Gegensatz zu Tolstoj für seine Landsleute noch immer von aktueller Bedeutung:

Ein Leibeigener aus dem 19. Jahrhundert, ein literarisches, künstlerisches, politisch bedeutsames Werk, das mit dem Zarensystem in Konflikt geriet, folkloristisch inspirierte romantische Dichtung, die heute wenig gelesen wird. Warum hat dieser Autor nach 150 Jahren noch immer einen so bedeutenden Status als Nationalbarde?

Die heutige Ukraine ist von zwei Sprachdominanzen (russisch, ukrainisch) geprägt und von verschiedenen historischen Erfahrungen mit unterschiedlichen Nachbarn. Ein zerrissenes Volk, eine Nation im Umbruch, eine Zivilgesellschaft in den Kinderschuhen. Für die Wünsche und Ziele aller Ukrainer, der Nationalisten und Kommunisten, der Anhänger von Juschtschenko und Janukowytsch, der Europa-Begeisterten und der Russland-Nostalgiker bietet der Dichter eine Projektionsfläche. Es ist der Identitätsstifter Schewtschenko, der damals wie heute einen gesamtnationalen Kontext schafft und somit im Gegensatz zu einem Goethe oder Dante noch immer die Gemüter bewegt.

Im Roman „Petrowitsch“, der vor zehn Jahren erschien, lässt der russischsprachige, ukrainische Gegenwartsautor Andrej Kurkow seinen Antihelden in der kasachischen Wüste nach angeblich im Sand vergrabenen Tagebüchern Schewtschenkos suchen und statt dessen etwas anderes finden: „Es war dieser Zimtgeruch, dieser ukrainische Nationalgeist, der sich in der Umgebung der Nowopetrowsker Festung niedergelassen hatte. Und das war dasselbe, was Schewtschenko im Sand vergraben hatte (…). Es war etwas Unsichtbares, Luftiges, das über eine unglaubliche Kraft verfügte, über etwas, was die Menschen, ihre Gedanken und Überzeugungen bessern konnte. Reine Mystik? Bioenergie? Eine Aura? Eine Strahlung?”

Es ist Zeit für eine Wahrnehmungsverschiebung hin zur ukrainischen Sichtweise, für die Wahrnehmung zweier Schewtschenkos: einem Fußballgott UND einem Nationalheiligen.

Jutta Lindekugel

Die Autorin ist seit ihrer Promotion am Greifswalder Lehrstuhl für Ukrainistik im Jahr 2002 freiberuflich als Autorin und Redakteurin wissenschaftlicher und publizistischer Artikel sowie als Übersetzerin tätig. Sie gehört zum kürzlich gegründeten Verein translit e.V., der sich um Kulturvermittlung zwischen der Ukraine und Deutschland bemüht.

--> Vergleiche auch die Essays auf Ukraine-Europa