unbekannter Gast

Marjan Mudryj

Die Ukraine - Ein geschichtlicher Überblick #

Die Ukraine ist ein Staat in Zentralosteuropa; seine Fläche beläuft sich auf 603,6 Tausend Quadratkilometer, was ihn zum zweitgrößten Land auf dem europäischen Kontinent nach Russland macht. Die Ukraine ist ein unitärer Staat (mit einer republikanischen Staatsform), und sie besteht aus verwaltungstechnischer Sicht aus 24 Gebieten (Oblast, unterteilt in Rajons, die in etwa unseren Bezirken entsprechen) und der Autonomen Republik Krim. Laut Daten der Volkszählung 2001 betrug die Bevölkerung der Ukraine 48,5 Millionen Einwohner. In den letzten zwei Jahrzehnten beobachtet man einen tendenziellen Rückgang der Bevölkerungszahl: Die Sterberate liegt über der Geburtenzahl, dazu kommt die Auswanderung, darunter auch jene zu Arbeitszwecken. Der Begriff „Ukraine“ erschien zum ersten Mal in schriftlichen Quellen des 12. Jahrhundert im Zusammenhang mit Ereignissen im Fürstentum Perejaslaw im Jahr 1187 und im Fürstentum Fürstentum Galizien im Jahr 1189. Zurzeit existieren mindestens sechs Bedeutungen des Ethnotoponyms „Ukraine“. Forscher systematisieren diese in die folgenden Gruppen:

1. ein fernes Land, ein Grenzland;
2. ein Land, welches fern von Kiew liegt;
3. ein Land, welches an den Grenzen der slawischen Region und Europas liegt;
4. ein Land, „getrennt“ (ukrainisch: „ukrajana“) von Pflug und Schwert;
5. Region (ukrainisch: „kraj“), Amtsbezirk;
6. Stammesland, Lehen.

Jedenfalls durchlief der Begriff „Ukraine“ eine wesentliche semantische Evolution. Lange Zeit wurde der Begriff zur Bezeichnung des Mittleren Dnepr-Gebiets, aber auch für die Bezeichnung des Grenzstreifens, aus welchem die Kosaken stammten, oder für den Siedlungsraum Sloboda-Ukraine benutzt. Allmählich wurde der Begriff für die Bezeichnung anderer Gebiete angewendet und verdrängte damit die traditionelle Bezeichnung „Rus“, welche aus dem mittelalterlichen Kiewer Staat abgeleitet wurde. Die endgültige Festlegung der Bezeichnung „Ukraine“ erfolgte erst vor relativ kurzer Zeit, nämlich im 20. Jahrhundert. Damals haben sich auch die heute visuell geläufigen Umrisse des Territoriums der Ukraine gefestigt. Eine allmähliche Konsolidierung territorialer Einheiten, welche schlussendlich die Ukraine gebildet haben, dauerte fast tausend Jahre. Sie haben sich unter verschiedenen historischen Umständen und in unterschiedlicher Zeit an den ursprünglichen Kiewer ur-ukrainischen Kern, welcher wie eine Art Gravitationszentrum wirkte, angeschlossen und nach und nach eine Einheit gebildet, welche sich auch als Einheit verstanden hat.

DIE ALTE UKRAINE#

Auf dem Territorium der heutigen Ukraine erscheint der Mensch laut Archäologen vor zirka einer Million Jahren. Im 1. Jahrtausend v. Chr. beginnt der schriftliche Zeitabschnitt der Geschichte der Ukraine, und ihre bis zu dieser Zeit namenlosen Stämme hinterlassen zum ersten Mal ihre eigenen Bezeichnungen in Texten antiker Dokumente und Werke. Diese waren Kimmerier, Skythen, Sarmaten und andere Stämme und Völker jener Zeit, welche die riesigen Weiten der eurasischen Steppen erobert hatten. Die wichtigste Beschäftigung dieser Völker war nomadische Viehzucht und Kriegswesen. Die Geschichte der Skythen hat Herodot, der griechische Schriftsteller des 5. Jahrhunderts v. Chr., erzählt. Als wichtigstes Ereignis in der Geschichte des damaligen nördlichen Schwarzmeerraums galt die griechische Kolonisation. Der Stadtstaat Olbia am Unterlauf des Flusses Pivdennyj Bug wurde zu einem der markantesten griechischen Zentren des Schwarzmeerraums. Gleichzeitig wurden aber auch Traditionen eines hoch entwickelten Getreideanbaus, der noch aus den Zeiten der Trypillja-Kultur – in den mit Waldsteppe bedeckten Regionen der heutigen Ukraine unter anderem im Mittleren Dnepr-Gebiet –, stammte niemals unterbrochen. Die Bevölkerung der genannten Regionen stand in vielen Bereichen der Wirtschaft und Kultur in einer engen Wechselwirkung miteinander. Als Ergebnis einer manchmal durch Landstriche getrennten Besiedelung eines Territoriums durch Stämme, welche ihrer Herkunft und ihrem historischen Schicksal nach unterschiedlich waren, entstanden die aus Sicht der Ethnogenese komplizierten Prozesse, die zur Bildung neuer ethnokultureller Gruppen geführt haben. Eine der bevölkerungsreichsten darunter war die slawische Gruppe. An der Wende unseres Zeitalters kommen Slawen unter dem Namen Veneter zum ersten Mal in Werken antiker Schriftsteller vor. Die Geschichte der Ethnogenese der Slawen ist wohl eine der kompliziertesten in der Geschichtswissenschaft. Der Ansatz über die Autochtonie des Slawentums zwischen Dnepr und Oder ist die heute unter Wissenschaftlern am ehesten akzeptierte Theorie; gleichzeitig wird aber auch die Rolle der Migrationsprozesse nicht verleugnet. Aus der Analyse schriftlicher Quellen kann man die Schlussfolgerung ziehen, dass Slawen an der Wende unseres Zeitalters das Territorium der heutigen ukrainischen Regionen Polesien, Wolhynien und des Mittleren Dnepr-Gebiets besiedelten. Die zweite Hälfte des 1. Jahrtausends n. Chr. wurde zu einer Zeit der Herausbildung der ostslawischen Stämme zu einer eigenen ethnographischen Gruppe in Osteuropa. Das Territorium der Ukraine war jene Region, wo ab dem Ende des 4. Jahrhunderts zahlreiche slawische Gemeinschaften Kräfte sammelten, die am Anfang des 6. Jahrhunderts in südwestliche und westliche Richtung aufgebrochen sind und einen wesentlichen Teil des europäischen Kontinents in Besitz genommen haben. Damals erscheinen in Werken byzantischer Geschichtsschreiber, Geographen und Politiker zahlreiche Berichte über Slawen, die als Sklawinen und Anten bezeichnet wurden. Vom 4. Jahrhundert bis zum 7. Jahrhundert existierte auf dem Gebiet der heutigen Ukraine ein Bündnis der Stämme der Anten; seine ungemeine politische Aktivität führte zur Slawisierung eines wesentlichen Teils der Balkanhalbinsel. Auf dem Gebiet des Bündnisses der Anten entstand Ende des 5. Jahrhundert die Stadt Kiew, welcher eine bedeutende Rolle in der Geschichte der Ostslawen zufiel. Nach dem Zerfall des Staates der Anten wurde Kiew zum Zentrum des Poljanischen (frühere Rus) Fürstentums und später zum Zentrum des ganzen Rus Gebiet. Laut einer Erzählung aus einer Chronik waren die Fürsten des Poljanischen Fürstentums Kyj, Schtschek und Khoryw sowie deren Schwester Lybid die Gründer von Kiew.

DIE ZEIT DER KIEWER RUS #

Im 9. Jahrhundert wurde das Mittlere Dnepr-Gebiet zum historischen Kern eines großen Staates der Ostslawen. In einheimischen schriftlichen Quellen tritt dieser Staat unter dem Namen „Rus Territoriums“ oder „Rus“ und in den ausländischen Quellen als „Rus“ auf. In der geschichtlichen Literatur trifft man öfters den Namen „Kiewer Rus“, da Kiew im Laufe mehrerer Jahrhunderte das Zentrum dieses ostslawischen Staates in zentraler europäischer Lage war. Die damalige Bevölkerung benutzte den Begriff „Russensches Land“ in zwei Bedeutungen: Konkret wurde damit der Kern einer politischen Einheit, d. h. das Mittlere Dnepr-Gebiet beschrieben, und in einem erweiterten Sinn wurden damit alle Gebiete erfasst, welche zuerst Kiew unterstanden und sich später zu Kiew hingezogen fühlten. Aus ethnischer Sicht stellte die Kiewer Rus keine absolute, sondern eine sehr relative Einheit dar. Dies war ein gemeinsamer Zeitabschnitt in der geschichtlichen Entwicklung dreier ostslawischer Völker: des ukrainischen, des russischen und des belorussischen Volkes. Der wichtigste Kern für die Bildung des ukrainischen Volkes war das Mittlere Dnepr-Gebiet, während der Oberlauf von Dnepr, Oka und Wolga den Kern der Bildung des russischen Volkes darstellte. Als ziemlich einheitlicher staatlicher Organismus existierte die Kiewer Rus vom 9. Jahrhundert bis zum 13. Jahrhundert, obwohl der Staat vom feudalen Separatismus betroffen war. Im ersten Abschnitt ihrer Existenz (vom 9. Jahrhundert bis zu den 30er Jahren des 12. Jahrhunderts) bildeten sich alle wichtigen Institutionen der Macht sowie die innere verwaltungstechnische Struktur des Territoriums heraus, und ihre staatlichen Grenzen nahmen Umrisse an. Politisch gesehen war es eine frühfeudale Monarchie mit deutlichen Elementen des Feudalismus. Der Anfang der Einigung aller altrussenschen Gebiete in einem Staat wurde durch die Tätigkeit des Nowgoroder Fürsten Oleg gelegt; er vereinigte unter seiner Herrschaft Kiew (Südliche Rus) und Nowgorod (Nördliche Rus). Im Jahre 882 organisierte Oleg einen Feldzug nach Kiew und nahm die Stadt ein. Aber die einfache Ernennung von Kiew zur Hauptstadt aller altrussenschen Gebiete bedeutete noch nicht eine reale Zentralisierung. „Stammesfürstentümer“ bestanden weiterhin und stellten Zentren separatistischer Kräfte dar. Der Prozess der politischen Konsolidierung ostslawischer Stämme um Kiew wurde erst am Ende des 10. Jahrhundert beendet. Ihre Blütezeit erreichte die Kiewer Rus unter den Fürsten Wladimir dem Großen (980–1015) und Jaroslaw dem Weisen (1019–1054). Im Jahre 988 wurde das Christentum als staatliche Religion in der Rus eingeführt. Im zweiten Abschnitt ihrer Existenz (30er Jahre des 12. Jahrhunderts bis zu den 40er Jahren des 13. Jahrhunderts) wurde die Rus zu einer Föderation relativ selbständiger Fürstentümer unter der Leitung von Kiew und des großen Kiewer Fürsten als Ältestem russenschen Fürsten. Und sogar später – wenn auch unter der Bedingung einer getrennten staatlichen Existenz – hat sich die Bevölkerung verschiedener Teile der Rus als struktureller Teil eines gewissen Ganzen verstanden, dessen historische Realität eine nicht realisierte Phase der Geschichte war. Ab der Mitte des 12. Jahrhunderts kommen Wladimir (Wladimir am Kljasma) und andere nordöstliche Zentren, welche zum Fundament für die Bildung der russischen (Moskauer) Staatlichkeit werden sollten, auf die politische Vorbühne in der Kiewer Rus Smolensk. Gleichzeitig zeigten sich auf dem Gebiet der Südlichen Rus (innerhalb den Grenzen der zukünftigen Ukraine) zwei politische Intergrationszentren, nämlich das westliche (Galizien und Wolhynien) und das östliche (Tschernihiw). Sie kämpften miteinander, um die Leitung der Einigungstendenzen im Rahmen der gesamten Südlichen Rus zu übernehmen, welche gerade in jener Zeit den Namen „Ukraine“ bekommen hatte und wo sich das ukrainische Volk de facto herausbildete. Ostslawen und die Rus waren nicht von der Außenwelt isoliert. Sie besetzten eine wichtige, an Kontakten reiche Region zwischen dem arabischen Osten und Westeuropa sowie zwischen Byzanz und Skandinavien und wurden dank eines funktionierenden Austausches ständig reicher. In den verschiedenen Abschnitten der historischen Entwicklung war der Anteil der Einflüsse nachbarschaftlicher Kulturen nicht gleich. Aber in der Zeit der Bildung und der Entwicklung der Rus wurde die historisch-kulturelle Zusammenarbeit der Ostslawen mit ihrer Außenwelt durch die Orientierung in Richtung Byzanz bestimmt. Die Einführung des Christentums nach byzantinischem Ritus in der Rus spielte eine Schlüsselrolle in der Entwicklung des Schrifttums, der Literatur, der Wissenschaften, der Kunst und der Architektur. Der finale Wendepunkt der Kiewer Zeit in der Geschichte waren die 40er Jahre des 13. Jahrhunderts. Die mongolische Invasion hat der Rus, welche einen der ersten Ränge in der gesamteuropäischen geschichtlichen Entfaltung des Mittelalters eingenommen hatte, einen irreparablen Schaden zugefügt, wobei am stärksten die Russensche Staatlichkeit litt. Obwohl Kiew ein Symbol der Rus geblieben ist, hatte es nach dem Mongoleninvasion kein reales politisches Gewicht mehr.

DAS FÜRSTENTUM GALIZIEN-WOLHYNIEN ALS RUSSENSCHES KÖNIGREICH#

Nach dem Niedergang Kiews wurde das Fürstentum Galizien-Wolhynien zum politischen Zentrum für die ganze Ukraine. Bis zum Ende des 11. Jahrhunderts bildeten das Gebiet Wolhynien und die Region Pidkarpattja („Karpatenvorland“) eine einheitliche Verwaltungseinheit, welche dem Kiewer Fürstenthron unterstand. Die Blütezeit des Fürstentums Galizien fällt in die Zeit der Herrschaft von Jaroslaw Osmomysl (1153–87). Im Jahre 1199 hat der wolynische Großfürst Roman Mstislawitsch (auch Roman der Große) unter seine Herrschaft gebracht und die Territorium wie Wolhynien, Regionen jenseits von Bug, das Dnistro-Gebiet und die Vorkarpaten zu einem politischen Gebilde vereinigt. So wurde das Fürstentum Galizien-Wolhynien gebildet, wobei die bekanntesten seiner Herrscher der Fürst (und ab 1253 König) Daniel von Halytsch-Wolodymyr (1238–64) und sein Sohn Lew (1264–1301) sind. Vom Namen Lew stammt die Bezeichnung der Stadt Lwiw ab, und zum ersten Mal wurde die Stadt in einer Chronik im Zusammenhang mit Ereignissen im Jahre 1256 erwähnt. Daniel von Halytsch-Wolodymyr war Held und Erschaffer des Staates Galizien-Wolhynien. Ihm ist es gelungen, zwei wichtige Aufgaben eines Herrschers zu verwirklichen, nämlich den inneren Frieden in seinen Besitzungen wiederherzustellen und das Ansehen des Staates gegenüber den Nachbarn sicherzustellen. Unter den äußeren Problemen war das mongolische Problem das schwierigste, aber das Fürstentum Galizien – Wolhynien hatte dank der diplomatischen Bemühungen des Fürsten Daniel Glück und musste nur eine mildere Form der Abhängigkeit von der Goldenen Horde erdulden, als es im Gebiet Kiew oder Tschernihiw der Fall war. Nach Daniels Reise im Jahre 1245 „zur Verbeugung“ nach Saraj, der Hauptstadt der Goldenen Horde, hat man die Herrscher von Galizien-Wolhynien nicht mehr als Diener, sondern als Föderaten des Khans betrachtet; sie mussten nämlich ihr eigenes Heer für mongolische Feldzüge zur Verfügung stellen, zahlten allerdings keinen regelmäßigen Tribut, welcher von einer Bevölkerungszählung begleitet wurde. Im Zusammenhang mit der mongolischen Bedrohung ab der Mitte des 13. Jahrhunderts geraten Galizien und Wolhynien in das Blickfeld des Heiligen Stuhls. Papst Innozenz IV. hat Daniel von Halytsch-Wolodymyr im Jahre 1253 mittels eines gesandten Mönches gekrönt, um den Herrscher über Galizien-Wolhynien für die europäische Koalition im Krieg gegen die Mongolen zu gewinnen. Ab jener Zeit wird Daniel in historischen Quellen nicht mehr mit dem Titel „Fürst“, sondern ausschließlich als „König“ erwähnt. Dank der geografischen Lage von Galizien-Wolhynien entwickelten sich in dieser Region günstige Bedingungen für das Zusammenwirken östlicher und westlicher Elemente der Kultur und folglich für die Ausbildung eigenständiger Formen des kulturellen Lebens auf dieser Grundlage. Früher als in den anderen ukrainischen Gebieten verspürte man hier eine Verbindung der byzantinischen Grundlage mit kulturellen westlichen Einflüssen, die über Polen, Ungarn, Tschechien unmittelbar aus Italien, Deutschland und anderen Ländern kamen. Dies zeigte sich in der Koexistenz der altukrainischen und lateinischen Sprache im Geschäftsverkehr, in der Bildung und im literarischen Schaffen, in der Verbindung von byzantinisch-Kiewer Formen für die Kirchenbauten mit romanischer Bautechnik,und in der Entstehung von Gemeinden ausländischer Siedler wie Deutsche, Polen, Juden, Ungarn und Armenier in den Städten.

DAS UKRAINISCHE KOSAKENTUM. DAS SAPOROGER MILITÄR (SAPORISCHSKA SITSCH ODER SAPOROSCHER KOSAKEN)#

Nach dem Zerfall des Königreich Galizien-Wolhynien wurde sein Territorium Wolhynien an das Großfürstentum Litauen und Galizien an das Königreich Polen angeschlossen. Damals befand sich der größte Teil des Mittleren Dnepr-Gebiets unter Litauens Herrschaft – dafür sind diese Gebiete von der mongolischen Herrschaft losgekommen. Ein „Fragment“ der Goldenen Horde auf dem Territorium der Ukraine ist das Krim-Khanat geworden, das Mitte des 15. Jahrhunderts gegründet wurde und bald darauf unter die Schutzherrschaft des Osmanischen Reiches geriet. Im Jahre 1569 wurde laut Bedingungen der Lubliner Union ein einheitlicher polnisch-litauischer Staat, Polen-Litauen (Republik der polnischen Krone und des Großfürstentums Litauen), gebildet. Von nun an stehen ukrainische Gebiete unter polnischer Verwaltung. Politische und religiöse Beschränkungen sowie der wirtschaftliche Druck, welchem die ukrainische Bevölkerung seitens des polnischen Kleinadels und der Magnaten ausgesetzt war, hatten eine ausgeprägte Proteststimmung zur Folge. Daraus entstand das ukrainische Kosakentum, welches sich schnell entwickelte und eine Schlüssel-rolle in der Geschichte der Ukraine spielen sollte. Im Laufe einiger Jahrhunderte waren die Kosaken nicht nur eine militärische und eine politische Macht, sondern sind auch zum Symbol der ukrainischen Geschichte schlechthin geworden. Historische Quellen bezeugen die Entstehung ukrainischer Kosaken in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhundert auf den Gebieten der sogenannten Großen Grenze, welche für lange Zeit die europäische und die asiatische Zivilisation voneinander trennte. Obwohl man Erscheinungen in der Weltgeschichte finden kann, welche den ukrainischen Kosaken typologisch ähnlich sind (Heiducken in Bulgarien und Walachei, Szekler in Ungarn und Siebenbürgen, Granitscharen und Uskoken bei den Südslawen, tatarische Kosaken im Krim-Khanat und Donkosaken in Moskowien), sind ukrainische Kosaken in dieser Aufzählung doch etwas Besonderes, da sie zur Erkenntnis gesamtnationaler Interessen und der Notwendigkeit, diese zu verteidigen, gelangten. Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts begannen die Kosaken das ukrainische Ethnos „vor der Welt“ zu repräsentieren, und die Ukrainer haben den Namen „Kosakenvolk“ erhalten. Die Saporischska Sitsch stellte einen mächtigen Impuls für die Konsolidierung der ukrainischen Kosaken, für die Herausbildung ihres Selbstbewusstseins und für die Errichtung ihrer Organisationsstruktur dar. Die Saporischska Sitsch existierte von der Mitte des 16. bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der Standort der Sitsch wurde aus verschiedenen Gründen mehrmals geändert (erster war die Festung Chortyzja, die von Dmytro Wyschnewetskyj gegründet wurde). In den meisten Fällen hielt sich die Sitsch in Welykyj Lug auf, einem Gelände, welches von Wäldern und Rieden bedeckt war und eine unendliche Zahl von Durchflüssen, Seen und Sümpfen hatte. Die grundlegende militärische Organisationseinheit der Sitsch war der „Kurin“; er vereinte Kosaken, die aus einer bestimmten Gegend stammten. Das höchste Machtorgan der Sitsch war der Kosakenrat; alle Kosaken, ohne Ausnahme, hatten das Recht, an diesem Rat teilzunehmen. Die vollziehende Gewalt hatte ab den 1620er Jahren der Kosh-Ataman (Hautpmann), welcher jährlich auf einer Versammlung des Kosakenrats im Januar gewählt wurde. Auf dieser Versammlung wurden auch die Sitsch Ältesten gewählt. Die Saporischska Sitsch war eine war eine Art Militärstützpunkt, wo sich die Flotte, die Artillerie und das Zeughaus befanden, und wo sich auch einige hunderte bis einige tausende Kosaken ständig aufhielten. Die polnisch-litauische Herrschaft hatte versucht, die Entstehung des Kosaken-Standes unter Kontrolle zu halten. In die 60er und 70er Jahre des 16. Jahrhunderts fallen erste, durch Dokumente belegte Versuche der Anwerbung von Kosaken für den staatlichen Dienst, und in diesem Zusammenhang auch die Einräumung von speziellen Rechten und Freiheiten für die Kosaken. So sind die Registerkosaken entstanden, deren Aufgaben darin bestanden, nicht nur die südöstlichen Grenzen von Polen-Litauen vor türkischen und tatarischen Überfällen zu beschützen, sondern auch den anderen Teil der Kosaken, vor allem Saporoscher Kosaken (Saporogen Kosaken), zu mäßigen und diese von unbefugten Feldzügen auf türkische Besitzungen zurückzuhalten. Am Ende des 16. Jahrhunderts und in den 20er bis 30er Jahren des 17. Jahrhunderts rollte eine Welle von Kosakenaufständen durch die Ukraine. Die Aufstände entstanden als materielle Konflikte zwischen Kosakenanführern und polnischen Grundbesitzern, und im Endeffekt wurden wesentlich breitere Schichten der heimischen Gesellschaft wie Bauern und Kleinbürger in diese Wirrnisse hineingezogen. Die Konflikte wuchsen sich zu einem Kräftemessen zwischen den Kosaken und der Zentralverwaltung aus. Die eindrucksvollste Gestalt unter den Kosakenanführern jener Zeit war Petro Konaschewitsch-Sahajdatschny: Er verband die Interessen des Kosakentums als Stand mit den Interessen von Polen-Litauen als Staat. Jedes Mal, wenn die Kosaken ihren Nutzen für den Staat unter Beweis stellten (in den Kriegen mit Moskowien und der Türkei), verlangten die ukrainischen Kosaken neue Privilegien und Vergünstigungen von der Regierung. In ideologischer Hinsicht nahmen die Kosaken die Idee des Schutzes der Interessen der orthodoxen Bevölkerung auf. Als eine neue soziale Schicht erkämpfte sich das Kosakentum seine Rechte in Opposition zur Staatsmacht und konnte dabei lediglich auf das Verständnis und die Unterstützung seitens der orthodoxen Kirche zählen, welche ebenfalls in Opposition zur Regierung stand und von dieser verfolgt wurde. Nach der Kirchenunion von Brest (1596), als eine unierte (griechisch-katholische) Kirche geschaffen wurde und sich die orthodoxe Kirche in Polen-Litauen außer Recht und Gesetz wiederfand, wurden die heimischen Randgebiete der Kosaken zum Zufluchtsort für orthodoxe Geistliche, die aus den westlichen Regionen der Ukraine verdrängt wurden. Die tatkräftige Unterstützung der Kosaken bewahrte die orthodoxen Geistlichen in Dnepr-Gebieten vor drohenden Repressionen seitens der Regierung. Petro Sahajdatschny hat den Eintritt des Saporoscher Kosaken in die Kiewer Orthodoxe Bruderschaft, die durch den heimischen Kleinadel und das Kleinbürgertum gegen Ende des Jahres 1615 gegründet wurde, eingeleitet. Die orthodoxe Seite hat die Unterstützung der Kosaken für die Legitimierung einer neuen orthodoxen Hierarchie benutzt: Zuerst wurde diese de facto wiederhergestellt (1620 wurde Iow Borezkyj zum Metropoliten geweiht), und danach war die Staatsmacht von Polen-Litauen gezwungen, diese Kirche wieder offiziell anzuerkennen (1632 wurde der Metropolit Petro Mohyla gewählt).

DER KOSAKENSTAAT (DAS HETMANAT)#

Die Saporischska Sitsch hat einen entscheidenden Einfluss auf die Bildung einer neuen gesellschaftlichen und politischen Ordnung in der Region um den Dnepr ausgeübt. Die Kosakenrevolution, die 1648 unter der Leitung des Hetmans Bohdan Chmelnyzkyj begann, führte zur Wiederherstellung der russenschen (ukrainischen) Staatlichkeit auf dem größten Teil des ethnischen Rus Raums. Der neue Kosakenstaat mit der Hauptstadt in Tschyhyryn hat vom Staat Saporischska Sitsch nicht nur die Form der Staatsordnung und die militärische Organisation, sondern auch den Namen selbst, Heer der Saporoscher Kosaken (Saporogen Kosaken), übernommen. Allerdings war das Übergewicht des militärischen Elements im Hetmanat gegenüber anderen gesellschaftlichen Schichten nicht derart allumfassend wie es in der Saporischska Sitsch der Fall war. Das Territorium des Hetmanats war während der ganzen Zeit des Bestehens dieses staatlichen Gebildes, von 1648 bis 1782, in Regimenter eingeteilt. Diese waren Einheiten, die eine verwaltungstechnische, gerichtliche und militärische Bedeutung hatten. Obwohl es in der Struktur des Heeres der Saporoscher Kosaken eine Reihe von staatlichen Institutionen mit Beratungs-, Gesetzgebungs- und Vollstreckungsfunktionen (Generalmilitärrat, Rat der Ältesten und Rat der Hauptältesten) gab, hatte der Hetman die höchste Macht im Staat inne. Der Hetman konzentrierte in seinen Händen weitgehende Vollmachten im Militär-, Verwaltungs- und Gerichtsbereich des gesamten Kosakenstaates. Gleich nach dem Tod von Bohdan Chmelnyzkyj hat sich der von ihm errichtete Kosakenstaat im Zustand einer tiefen Krise wiedergefunden, welche von Historikern als „Zeit der Ruine“ bezeichnet wird. Als Ergebnis krasser Unterschiede innerhalb des Kosakenstandes bezüglich sozialer Ordnung und außerpolitischer Orientierung wurde das Hetmanat entlang des Flusses Dnepr zwischen Polen-Litauen und dem Moskowitischen Staat geteilt. Zuerst wurde diese Teilung im Vertrag von Andrussowo 1667 festgehalten und dann im so genannten Ewigen Frieden 1686 bestätigt. Der Versuch des Hetmans Iwan Masepa am Anfang des 18. Jahrhundert, die getrennten Teile des ehemaligen Kosakenstaates wieder zu vereinigen, blieb erfolglos. Masepa hatte Pläne, in der Ukraine einen Ständestaat nach westeuropäischem Muster zu errichten und dabei die traditionelle kosakische Ordnung zu erhalten. Er versuchte, seinen Einfluss auf den russischen Zaren Peter I. und seine Beziehungen mit Moskauer Machtherren zu nutzen, um Rechte und Freiheiten des Hetmanats zu erhalten. Im Jahre 1708 schloss der Hetman ein Abkommen mit dem schwedischen König Karl XII., welches eine Wiederherstellung des Kosakenstaates in Koalition mit Schweden vorsah. Diese Pläne wurden durch die Schlacht bei Poltawa 1709 vereitelt, und das vereinigte schwedische und Kosaken Heer wurde von den Russen auf dem Feld geschlagen. Im 18. Jahrhundert hat die russische imperiale Macht die Autonomie des linksufrigen Hetmanats gezielt beschränkt, und sie brachte es zunehmend unter ihre vollständige Kontrolle. Aus kultureller Sicht wurde der Barockstil zur Visitenkarte des Hetmanats von der zweiten Hälfte des 17. bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts. Genauer gesagt benutzt man Begriffe wie „Ukrainisches Barock“ oder „Kosakenbarock“, da das Kosakentum der wichtigste Träger und Schöpfer dieses neuen Kunstgeschmacks war. Obwohl das Hetmanat mehr und mehr in den russischen politischen Raum einbezogen wurde, verstärkten sich die Beziehungen der ukrainischen Kultur mit der polnischen und der westeuropäischen kulturellen Tradition. Eine grundlegende Besonderheit des ukrainischen Barocks bestand in seiner nicht-säkularisierten Grundlage, da der ukrainischen Barockkultur keine entwickelte Renaissancekultur vorausgegangen ist, wie es im Westen der Fall war. Das gesamte slawisch-orthodoxe, darunter auch das ukrainische Barock ist meistens ohne Zäsur mit der mittelalterlichen Kultur verbunden, welche hier nicht unterbrochen wurde. Das ukrainische Barock ist als eine Verbindung der professionellen und der volkstümlichen Kultur äußerst ausdrucksvoll im Bereich der Architektur, Literatur, Malerei, Musik und des Theaters zur Geltung gekommen. Als Höhepunkt der Entwicklung der eigentlichen ukrainischen Tradition in der Architektur gelten reich dekorierte Kirchenbauten mit einem Kreuzgrundriss, die sich aus der ukrainischen Holzarchitektur heraus entwickelt hatten.

DIE UKRAINISCHE „NATIONALE WIEDERGEBURT“ IM 19. JAHRHUNDERT #

Das 19. Jahrhundert war die Zeit großer politischer und sozialer Veränderungen in der Ukraine. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erfolgten Veränderungen in Zentral- und Osteuropa, welche die geopolitische Situation – und demnach auch die Lage der ukrainischen Gebiete – auf radikale Weise verändert haben. Als Ergebnis mehrerer erfolgreicher Kriege gegen die Türkei ist es dem Russischen Imperium gelungen, sich das Gebiet des Khanats der Krimtataren einzuverleiben, und als Ergebnis der Aufteilungen von Polen-Litauen fand sich die rechtsufrige Ukraine unter russischer Herrschaft wieder. So schaffte die russische Herrschaft die Autonomie der ukrainischen Gebiete ab und integrierte die soziale und wirtschaftliche Struktur dieser Regionen in das eigene Imperium. Lediglich drei kleine westliche Regionen, welche von Ruthenen (Ukrainern) bevölkert wurden, nämlich Galizien, Bukowina und Transkarpatien, fanden sich außerhalb der russischen Macht als Teile der Habsburgischen Monarchie. Der Zustand ukrainischer Gebiete nach der Teilung blieb bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts aufrecht. Die Situation der ukrainischen Gebiete innerhalb der Habsburgischen Monarchie und des Russischen Imperiums unterschied sich allerdings wesentlich. Das politische System des Russischen Imperiums wurde durch die unbegrenzte Macht des Zaren, der sich überwiegend auf Gewaltmethoden stützte, sowie dadurch, dass deutliche Absicherungen für Vermögensrechte privater Personen fehlten und die Leibeigenschaft in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens eingedrungen war, gekennzeichnet. Bis 1861 existierten im Russischen Imperium der Herrenstand und die Leibeigenschaft. Die russische Macht betrachtete die Ukraine als festen Bestandteil des russischen Raumes (ganzer Rus), und es konnte keine Basis für eine unabhängige nationale Entwicklung entstehen. Druckausgaben in ukrainischer Sprache wurden in Russland außerhalb des Gesetzes gestellt (Valuev Circular 1863 und Emser Erlas 1876).

UNTER DEM ÖSTERREICHISCHEN DOPPELADLER#

Unter viel besseren politische Bedingungen standen ukrainischen Regionen innerhalb der Habsburger Monarchie. Am Ende des 18. Jahrhunderts, während der so genannten Franz Joseph Reform in Galizien, war hier die Leibeigenschaft abgeschafft. In der Mitte des 19. Jahrhunderts verwandelte sich die Österreichische (ab 1867 die Österreichisch-Ungarische) Monarchie in eine konstitutionelle Monarchie. Die ukrainische Bevölkerung bekam das Recht, durch das Wahlsystem eine Vertretung im Galizischen Landtag (genauer: der Landtag von Galizien und Lodomerien) und im Österreichischen Parlament zu bestimmen. Sie konnten die demokratischen Freiheiten sowie Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheiten etc. nutzen, die auf der konstitutionellen Ebene verankert waren. Die ukrainische „nationale Wiedergeburt“ im 19. Jahrhundert war mit folgenden Prozessen verbunden: 1.) mit einem sozialen Prozess der Bildung einer intelligenten Schicht mit einem nationalen Bewusstsein, welche die Leitung der nationalen Bewegung übernommen hat; diese nationale Bewegung bezog sich nicht so sehr auf eine historische Legitimität (weil eine staatliche Tradition in der Ukraine schwach war), sondern vielmehr auf ethnolinguistische Gründe; 2.) mit einem Prozess des Entstehens der ukrainischen Nation, d.h. mit der Veränderung einer gleichsprachigen Gemeinschaft zu einer selbstbewussten, politischen und kulturellen Gemeinschaft. Für die Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung bestand das Problem ihrer Identität in der Ablehnung der sozialen (Kosaken, Leibeigene und Ackerbauer), religiösen (orthodoxe und griechisch-katholische Gläubige), regionalen (Ruthenen und Kleinrussen) und anderer Selbstdefinitionen und in der Bevorzugung des gesamtnationalen Begriffs „Ukrainer“. Wenn die Region des Dnepr -Gebiets eine entscheidende Rolle in der Frage der Ausrichtung der ukrainischen nationalen Wiedergeburt spielte, dann übernahm Galizien, dank günstiger politischer Bedingungen, die wichtige Funktion, Regie zu führen. Am Ende des 19. Jahrhunderts hat sich das Zentrum der nationalen ukrainischen Bewegung nach Galizien verlagert.

Dichter und Schriftsteller Taras Schewtschenko im Dnepr-Gebiet und Iwan Franko in Galizien sind zu den wichtigsten Symbolen der ukrainischen „nationalen Wiedergeburt“ im 19. Jahrhundert geworden. Die ukrainische Bewegung durchlief in ihrer Entwicklung drei Phasen, nämlich eine akademische, eine kulturelle und eine politische. Der Adel kosakischer Herkunft (in der linksufrigen Ukraine), der polnisch-ukrainische Kleinadel (in der rechtsufrigen Ukraine) und die griechisch-katholische Geistlichkeit (in Galizien) spielten die wichtigste Rolle in der akademischen Phase, welche sich durch die Sammlung und Bearbeitung des Sprachmaterials und der Folklore auszeichnete. Das Merkmal der zweiten, kulturellen Phase war die Entstehung nationaler wissenschaftlicher Institutionen und Einrichtungen sowie nationaler Bildungseinrichtungen und -gesellschaften, und ihre wichtigsten Organisatoren waren Vertreter einer intelligenten Schicht (Kyrill und Methodius Bruderschaft, Gesellschaft „Proswita“, Schewtschenko-Gesellschaft u. a.). In der politischen Phase werden schließlich Parteien zu wichtigen institutionellen Zentren der ukrainischen Bewegung, und die nationale Idee dringt schnell in die Bevölkerung ein. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert fand der Aufruf zur staatlichen Selbständigkeit der Ukraine in Programmen ukrainischer Parteien seine politische Form.

DIE UKRAINE IM 20. JAHRHUNDERT: DER WEG ZUR STAATLICHKEIT #

In der Geschichte der Ukraine war das 20. Jahrhundert durch eine Reihe von Katastrophen gekennzeichnet, welche riesige menschliche, materielle und kulturelle Verluste verursachten. Im Laufe des Jahrhunderts wurde die staatliche und politische Zugehörigkeit ukrainischer Gebiete mehrmals geändert: Die ukrainischen Gebiete gehörten nacheinander zu Polen, zur Sowjetunion, zu Tschechoslowakei, Ungarn und Rumänien. Das Territorium der Ukraine wurde zum Schauplatz unerbittlicher Kämpfe während des Ersten und des Zweiten Weltkrieges; das Gebiet stand vollständig unter nationalsozialistischer Besatzung. Millionen von ukrainischen Bauern wurden Opfer von Stalins totalitärem Regime während der künstlichen Hungersnot von 1932–33: es ist ein Genozid gegen das Ukrainische Volk. Millionen Ukrainer mussten sterben und Tausende Vertreter der ukrainischen Kultur Intelligenz wurden beseitigt. Die Bemühungen der ukrainischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert, konzentrierten sich daher darauf, für das mentale und sprachlich-kulturelle Überleben zu sorgen. Dies geschah meist durch Anpassung an die herrschenden Regime einerseits und der Bedrohung durch den Verlust von Identität andererseits. Dies zwingt den öffentlich aktiven Teil der Gesellschaft zu drastischen Maßnahmen zugreifen und für die Unabhängigkeit zu kämpfen. Diese staatsschaffende Tätigkeit der Ukrainer fand unter komplizierten, extremen Bedingungen statt, welche durch militärische Konflikte und den Zerfall von Imperien gekennzeichnet waren. Die ersten ukrainischen Staaten in der neuesten Geschichte wurden auf den Trümmern des Russischen Imperiums und der Österreichisch-Ungarischen Monarchie gebildet. Im Jahre 1917 entstand die Ukrainische Volksrepublik (UNR) mit dem Zentrum in Kiew, als Ergebnis des November Aufstandes von 1918 in Galizien, entsteht die West-Ukrainische Volksrepublik (ZUNR) mit dem Zentrum in Lemberg. Am 22. Januar 1919 sind ihre Anführer mit einer Proklamation „Akt der Vereinigung“ (ukrainisch: „Zluka UNR mit ZUNR“). Es wird darauf hingewiesen, dass der Krieg für die Unabhängigkeit in den Jahren 1917–21 mit der Niederlage und der neuen Teilung in der Ukraine beendet war. In den meisten Teilen regierte das Sowjetregime (USSR), die Westukraine ging an Polen, die Bukowina und Bessarabien zu Rumänien, Transkarpatien – an die Tschechoslowakei. Anzumerken bleibt, dass die nationale Bewegung sich in den West-ukrainischen Territorien weiterentwickelte. In den Jahren 1938–39 entsteht als ein Teil der Tschechoslowakei eine autonome Karpatenukraine, die 1939 durch Ungarn erobert wurde. Als Folge des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes, der zwischen den beiden totalitären Staaten (Faschistisches Deutschland und Sowjetunion) geschlossen wurde, bekommt die USSR im Jahr 1939 westukrainische Territorien, und im Jahr 1940 die nördliche Bukowina und den ukrainischen Teil von Bessarabien. Die nächsten Versuche, einen ukrainischen Staat zu gründen, fanden am Anfang des Zweiten Weltkriegs statt – hauptsächlich auf Grund von Aktivitäten der Organisation der Ukrainischen Nationalisten (OUN). Ab 1942 gab es auch die Ukrainische Aufständischenarmee (UPA), welche den Zweck hatte, die Ukraine aus der kommunistischen Herrschaft zu befreien und die Unabhängigkeit der Ukraine als Staat zu erreichen. Am Anfang wurden diese Wünsche mit der Hoffnung verbunden, dass die Sowjetunion im Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland eine Niederlage erleidet. Diese Kampf dauert bis in die 50er Jahre. Als Ergebnis des Zweiten Weltkrieges wurden fast alle ukrainischen Gebiete in eine Ukrainische Sowjetische Sozialistische Republik (USSR) als ein Bestandteil der Sowjetunion vereinigt. Im Jahre 1945 wurde Transkarpatien, und im Jahr 1954 Krim (ab 1992 die Autonome Republik Krim) an die USSR angeschlossen. In einer solchen national mächtigen Republik mit starken Traditionen des Freiheitskampfes wie die Ukraine war die Sowjetmacht gezwungen, spezielle Anstrengungen zu unternehmen, um ihren Einfluss aufrechtzuerhalten. Die Ukraine konnte man nicht in den engen Rahmen der sowjetischen Staatlichkeit stecken. Deswegen betonte die sowjetische Leitung und Parteiführung in Moskau von Zeit zu Zeit die besondere Stellung der USSR. Im Jahre 1945 wurde die Ukraine zum Mitbegründer und zum Mitglied der Vereinten Nationen (UNO), und 1954 zum Mitglied der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO). Im Jahre 1958 wurde eine ständige Vertretung der Ukrainischen SSR bei der UNO eröffnet. Das Potential des „Ukrainischen“ der sowjetischen Ukraine zeigte sich in voller Stärke in den 1950er bis 1960er Jahren. Damals meldete sich lautstark das Umfeld der national bewussten ukrainischen Intelligenz, nämlich die so genannte 60er Generation. Bald darauf hat sich eine Gruppe von Dissidenten losgelöst, sie stellten nationale und politische Ansprüche bezüglich der Verwirklichung des konstitutionellen Rechts auf Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Austritt der Ukrainischen Republik aus der Sowjetunion etc.

DIE GEGENWART#

Die gegenwärtige ukrainische Staatlichkeit war das Ergebnis sowohl der Entwicklung der Nationalbewegung als auch günstiger politischer Umstände, vor allem einer fortschreitenden Krise und des Zerfalls der Sowjetunion. Am 24. August 1991 hat die Werchowna Rada (Oberster Rat) der Ukrainischen SSR eine Unabhängigkeitserklärung der Ukraine mit Stimmenmehrheit verabschiedet. Dieses Datum wird als Beginn der Zeitrechnung des historischen Bestehens der gegenwärtigen Ukraine in Form eines unabhängigen Staates angesehen. Welche durch gesamtukrainische Volksabstimmung am 1. Dezember 1991 bestätigt wurde. Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung der bereits ehemaligen Unionsrepublik hat für die Unabhängigkeit gestimmt (84 Prozent der Wahlberechtigten nahmen an der Volksabstimmung teil.). Gleichzeitig wurde die Wahl des ersten Präsidenten der Ukraine abgehalten. Zum Präsidenten wurde Leonid Krawtschuk, Kandidat der Parteinomenklatur, gewählt, welche die Möglichkeit, die Macht zu erhalten, darin gesehen hat, sich von Russland zu distanzieren und die staatliche Unabhängigkeit zu proklamieren. Der neue Staat wurde mit schwierigen Herausforderungen konfrontiert (es ging um den Übergang zur Marktwirtschaft, die Bildung der politischen Nation und die Erneuerung der kulturellen Identität der Titelnation, die Bildung neuer staatlicher Institutionen und Strukturen, das Errichten einer Zivilgesellschaft und die Bildung eines neuen Systems gesellschaftlicher Beziehungen). Auf die meisten von ihnen hat die ukrainische Elite keine klaren Antworten gehabt. Deswegen zeigt sich die Geschichte der Ukraine nach 1991 hauptsächlich als eine Fortführung der Geschichte des Niedergangs und des Zusammenbruchs des sowjetischen Systems und der sowjetischen Ukraine.

Aus dem Band “Ukraine. Städte_Regionen_Spuren”, Architektur im Ringturm XXVIII, Herausgeber Adolph Stiller, Müry Salzmann 2012 - Copyright beim Autor Marjan Mudryi.

--> Siehe auch den Beitrag über den Müry Salzmann Verlag