Seite - 148 - in Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny - Briefe 1938-1945
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3 Briefe
wollen, statt ihmGelegenheit zugeben, sichweiterzuentwickeln.Unsere
Literaturbestehtmeist ausFrĂĽhgeburten.
Nun, es ist jetzt dafĂĽr gesorgt, dass nur mehr wenig Literarisches
ĂĽberhaupt geboren wird, es kann, damit, ganz ein | Ende nehmen. Und
ichfinde,daĂźdies, zumwenigstenaufeineZeit, gut ist.Wenneswieder
möglich seinwird, etwaszu sagen,wirdmansehrviel zu sagenhaben.
Immermehr sehe ich,ĂĽberhaupt,dieseganzeZeit als einenEinschnitt
in unserem Leben, der es in zwei Leben zerlegt, – wovon die zweite
Hälftevielleicht schon imUngelebten liegenwird, vielleichtaberauch
viel lebendiger seinwirdalsbisher.
Jedenfalls:warenschondieRomanefĂĽreinenDichternureineNeben-
beschäftigung, sobin ichnunsogaraufnochweiterdaneben liegende
Beschäftigungen angewiesen: auf den Film und auf das Theater, und
wennes schon fraglich ist, obmanaufdemTheater etwas sagenkann,
so sagtman imFilmbestimmtnochvielweniger.Kurz,das sagenwird
sich aufhören. Nur Nicht-Sagen ist besser als sagen. Was aber wird,
einmal, alles zu sagen sein! Und wem werde ich es sagen! Es kann
eine Menschheit, es kann eine Ewigkeit sein, welche diese Mitteilungen
erfährt! Vielleicht meine ersten, wirklichen Mitteilungen. Ich bin’s recht
zufrieden. –|
Heute wird mich Hebra besuchen. Es war gestern schönes Wetter, –
und schon begannen die Menschen, wenngleich nur wenige da sind,
herumzujodeln. So: tralala. Aber heute regnet’s, es ist kalt und das
Tralala schweigt.
Durch Zufall ist mir gestern ein Band von Chamisso, der von seiner
Erdumseglung handelt, in die Hände gekommen. Er machte sie auf
einer Brigg von 180 Tonnen – ich weiß nicht, ob es damals schon
Bruttoregistertonnen gewesen sind, und die Fahrt dauerte drei Jahre. Es
war ein russisches Schiff, ein Kotzebue befehligte es. Die Russen mĂĽssen
dabeidieganzeZeit anGott gedachthaben,denndieZuständewaren
nichtangenehm–primitiv, siewaren lächerlich-primitiv.Manbraucht
nur an etwas zu denken, – und schon kann man nicht mehr recht leben.
Nun, m.H., hoffe ich, daß Du diesen Brief recht bald, oder verhält-
nismäßig bald, erhältst. Und schreib mir auch recht bald wieder! Das
LiebsteundSchönste!
d.24.Mai1941.
N.
148
Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
Briefe 1938-1945
- Titel
- Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
- Untertitel
- Briefe 1938-1945
- Autor
- Christopher Dietz
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2013
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78887-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 468
- Kategorien
- Weiteres Belletristik