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3.5 Briefe1942
115)AnMariaCharlotteSweceny,o.O. [Berlin], o.D. [ca.
14.1.1942]
M.l.H.,
ich schreibe Dir dieses Brieferl am Morgen, bevor ich nach einem
Orte fahre, welcher Lübben heißt. Dieser Ort liegt etwa anderthalb
StundenvonBerlin,und ichhabedaeinewichtigeBesprechung ineiner
Filmsache,die rechtaussichtsreich ist. Ichhoffe,Dirdarübermündlich
berichten zu können. Es handelt sich um einen sehr groß angelegten
Film,anwelchemallerhandwichtigeStellen interessiert sind.
MeineUrlaubsangelegenheit istnoch immernichterledigt,dochheißt
es: wenn die eine nicht ginge, so ginge die andre. Nur ist’s möglich,
daß es dann noch ein paar Tage länger dauert. Mir ist an allem das
Betrüblichste,dassDu,meinHase,Dichwahrscheinlichdarüberkränkst,
wenn die Zeit so vergeht, – wie es ja überhaupt sehr merkwürdig ist: so
glücklich ich bin, daß ich den Hasen habe, umso schmerzlicher wird mir
alles, was mich von dem Hasen entfernt. Denn ich stelle mir vor, daß
der Hase dasitzt, und ein wenig unruhig im Zimmer herumhopst und
nicht recht weiß wohin, und die Schnauze hin und her bewegt und mit
den Schnurrbarthaaren | wackelt, und so, – kurz: daß der Hase nicht
ganzdans sonassiette ist.
Ich muß es zugeben, man ist hier sehr nett gegen mich. Alle haben
sich sehr darüber gefreut, dass ich Oberleutnant geworden bin, und
wennderKriegnochbis zumAugustdauert, soll ichRittmeisterwerden.
Vielleicht istesmirbestimmt,eszuwerden,esgibtDinge,die inderLuft
jedes Lebens liegen, und ohne die das betreffende Leben keine andre
Wendungnimmt, ehees sieerreichthat.Es istderTribut,denmanan
die Bedingtheiten seines Lebens zahlt. Mein Leben ist eigentlich ganz
anders geworden, als ich gedacht hatte. Aber auf eine Art geht es so
weiter,wie ichesgedacht, als ichachtzehnJahrealtwar.
Vor dem Schlafengehen lese ich immer noch ein wenig im Stifter, –
es istdannaufderGasse schonganz still, unddieLektüre ist eine sehr
edle. Dieser „Nachsommer“ ist ein Buch, bei dessen Lesen man glauben
könnte, das Leben müsse sich vollenden. Nun, wahrscheinlich vollendet
sich’s auch, – doch nicht immer auf die Art, auf die wir glauben. Aber
eineVollendung ist’s in jedemFalle.
Ich war in einem Furtwängler-Konzert. Er begann mit Händel. Das
war sehr schön. Aber später kam Brahms, | und das war schrecklich
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Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
Briefe 1938-1945
- Titel
- Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
- Untertitel
- Briefe 1938-1945
- Autor
- Christopher Dietz
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2013
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78887-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 468
- Kategorien
- Weiteres Belletristik