Seite - 201 - in Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny - Briefe 1938-1945
Bild der Seite - 201 -
Text der Seite - 201 -
3.5 Briefe1942
Erwar sonstnicht soeindeutig.Aberes istdiesauchschonaus seiner
letztenZeit.DieZeilenmachenallesdurchausgegen=|wärtig, vielleicht
sogar das Jahr, in welchem sie entstanden sind: 1913. Das eigentlich
Geheime ist das Wort: alt. Das „alte Lied der Grille“ ruft die zeitlose,
unendlich langeZeitherauf, inderesgetönthat,undalles,was indieser
Zeit geschehen ist. Dies ist eben der Gesichtswinkel, aus welchem ein
Kunstwerk erst wirklich ein Kunstwerk wird. Ähnlich verhält es sich mit
demWort: tiefer.Nicht: tief bloß, sondern: tiefer.Tiefer alsdenganzen
Tag, tiefer als sonst. –
Den Brief, den ich mit Bleistift geschrieben habe, wirst Du inzwischen
bekommenhaben.Undnunschreibmir rechtbaldwieder.
DasLiebsteundSchönste,undgrüßmirO.C. vielmals!
Berlin
d.19. Juni1942.
N.
134)AnMariaCharlotteSweceny,Berlin, 25.6.1942
LiebsterHase,
heute danke ich Dir nur mit wenigen Zeilen für Dein Brieferl und
für das andre, das Du mir mit O.C. und dem Peperchen gemeinsam
geschriebenhast. IchhabeeineMengezutun:Kleinigkeiten,undFahrten
zu erledigen und Telephongespräche zu führen, einen Filmdialog zu
verbessern, einenandernFilm, fürmeinAmt, zuentwerfen, etc. – Ich
beneide Euch recht sehr um Euren Aufenthalt in den Bergen. Gestern
und vorgestern war’s schönes Wetter, es begann heiß zu werden und
ließ sich nicht ganz angenehm an. Aber heute regnets wieder und ist,
Gottlob!, kühl.
Hier gibt es eine italienische Buchhandlung, ich habe mir da eine
italienische Literaturgeschichte gekauft, und zwar den ersten Band,
der von der frühesten italienischen Literatur handelt. Es ist sehr viel
vondenaltenGedichtenabgedruckt, unddieganzeSache interessiert
mich ungemein. Was ich also Vernünftiges tue, ist: lesen; aber etwas zu
arbeiten, istmirnichtmöglich.Nun,damithat’s ja auchZeit. Es ist gar
nochnicht eiligmitdemVernünftigen.
AmFreitagabendswill ich reisen.Es ist dasder3tte Juli. Schreibmir
nochhierher.
DasSchönsteundLiebste!
Berlin,
201
Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
Briefe 1938-1945
- Titel
- Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
- Untertitel
- Briefe 1938-1945
- Autor
- Christopher Dietz
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2013
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78887-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 468
- Kategorien
- Weiteres Belletristik