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6 MariaCharlotteSweceny:VersucheinesPorträts
sich Mühe gibt, Respekt einzuflößen und einige Jahre älter zu scheinen
als er wirklich ist“30: Man begegnete sich 1865 auf einem „ländlichen
Tanzboden“, tanzte miteinander, promenierte, Markus rezitierte „seinen
damaligen Lieblingsdichter Heine“ („Du bist wie eine Blume“), Nanette
stimmte in das Gedicht ein, und die Verbindung war hergestellt. Die
LiebesleuteerlebendasKriegsjahr1866unddiedamitverbundenenEin-
quartierungen, könnensicham 3.November1868endlichverlobenund
heirateten schließlicham6. JanuardesFolgejahres–eineLiebesheirat,
im Gegensatz etwa zur ersten Verbindung, die Markus’ Sohn Richard
eingehenwürde. „Es folgen“, soMarkusselbst, „acht JahrestillenGlücks
in Freude und Leid. Dann wird der Schauplatz zu eng und Wien, die
langersehnteStadtöffnetuns ihreArme.“31 ManbezogeineWohnung
inder ReisnerstraĂźe,damals wieheute einegroĂźbĂĽrgerlicheWohnlage
inderNähedesSchlossesBelvedere.DieRededesgoldenenHochzeiters
schweigt sich ĂĽber die MĂĽhen, die mit der Ăśbersiedlung nach Wien ein-
hergegangenseinmüssen, aus. ImneuenDomizilwurdendieTöchter
Paula (1878–1952),Emma (genannt „Emmy“,1882–1969) undHelene
(1884–1945)geboren.Der Jüngste,Erwin(1885–1958), erblickte inder
nächsten, größerenWohnung inderLagergasse32 dasLichtderWelt.
InWienginges fĂĽrMarkusSteinnach seinerAnkunft imJahre1877
steil bergauf: Er begrĂĽndete bis zu seinem Tod 1935 den Erfolg des
Verlags Manz und das Ansehen der Familie Stein und entwickelte sich –
in einer zwar paradigmatischen, aber dennoch beeindruckenden Kon-
sequenz – vom „Sohn eines kleinen Landwirtes“33 zum angesehenen
Mitglied jenerkulturtragenden,groĂźbĂĽrgerlichenGesellschaftsschicht
desKaiserreichs,die zueinemgroĂźenTeil ausassimiliertenJudenbe-
stand.
30 M.Stein: „UnserRomanbeginnt ...“ S.[1].
31 Ebd.Das „Leid“, vondemMarkusStein spricht, bezieht sichwohlu.a. aufden frühen
TodderbeidenTöchterRosaundAnna, s.o.
32 DieLagergasse imIII. Bezirkverbindet inunmittelbarerNähedes–damalsnochnicht
bestehenden–KonzerthausesdieÖtzeltgassemitdemHeumarkt. Interessanterweise
wohnten im III. Bezirk weniger Juden als vielmehr „nichtjüdische Tschechen des Mittel-
stands“ (MarshaL.Rozenblit:Die JudenWiens1867–1914.Assimilationund Identität
[Forschungen zur Geschichte des Donauraumes, Bd. Bd. 11]. Wien–Köln–Graz: Böh-
lau 1989, S.103) – möglicherweise bildete Markus’ und Nanettes Wahl ihrer Wiener
Wohnadresseeinenbewusst gesetztenAssimilationsschritt.
33 K[arl]V[ölker]:MarkusStein†. In:KarlVölker (Hrsg.): JahrbuchderGesellschaft für
die Geschichte des Protestantismus im ehemaligen und im neuen Ă–sterreich 1936. 57.
Jahrgang.WienundLeipzig:Manz’scheVerlags-undUniversitätsbuchhandlung1936,
S.167–168,hierS.168.
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Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
Briefe 1938-1945
- Titel
- Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
- Untertitel
- Briefe 1938-1945
- Autor
- Christopher Dietz
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2013
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78887-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 468
- Kategorien
- Weiteres Belletristik