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6 MariaCharlotteSweceny:VersucheinesPorträts
schränkungenfürJudenaufgehobenworden,waseinenstarkenZustrom
nach Wien zur Folge hatte. 1914, gegen Ende der Monarchie, besaß
Wienmit ca.200.000Mitgliederndiegrößte jüdischeGemeindeWest-
und Mitteleuropas.35 Wie MarkusStein identifizierten sich diemeisten
dieserZuwanderer inhohemMaßemitderdeutschenKultur.Markus’
EnkelRobertStein schrieb rundeindreiviertel Jahrhundert, nachdem
MarkusStein sich inWienniedergelassenhatte, überdenGroßvater:
Aus demLehrerstand hervorgegangen, war er von vielseitigem Wis-
sen.Grillparzerwar seinLieblingsdichter. [...]DerGeist, deraus
Grillparzers Dichtung zu uns spricht, war der Geist, den Markus
Stein in seinenentscheidendenBildungsjahren in sichaufgenom-
men hatte. [...] Ich glaube, daß Sinn für Schönheit und ernstes
Strebeneinerseits,Ablehnung jeder leichtlebigenHingabean Im-
pulse des Augenblickes schon damals charakteristische Züge seines
Wesens waren. Kein Freund vieler Worte, verstand er es um so
besser, anderen Gehör zu schenken, wenn sie ihm Wesentliches
zu sagen hatten. Daß er der geborene Verleger war, voller Ideen,
aber auch mit der Fähigkeit begabt, verlegerische Möglichkeiten
auf ihre praktische Durchführbarkeit zu beurteilen, versteht sich
vonselbst.36
Das Klima im Hause Markus Steins beschreibt der Biograf seines Soh-
nes Erwin, der Muskwissenschaftler Thomas Brezinka, folgendermaßen:
Markus Stein war „nicht nur Unternehmer, sondern auch Ästhet, was
sichzumBeispieldarinäußerte,daßerdiemusikalischenAmbitionen
seinesSohnesunterstützte,GründungsmitgliedderWienerKonzerthaus-
gesellschaft war und sicherlich auf Initiative Erwins oftmals Geld für
ArnoldSchönberg spendete [...]“.
DieKindergenerationwuchsalso
an einer „ersten Adresse“ des Wiens der Jahrhundertwende auf:
ineiner reichen,großbürgerlichen, liberalenFamilie jüdischenUr-
sprungs mit weitem geistigen Horizont. Pflichtbewusstsein, „Dienst
an der Sache“, Fleiß und Ausdauer, aber auch Kultur, waren die
höchsten Erziehungsideale. Ein Teil der geistigen Elite des Landes –
35 Vgl.Rozenblit: Die JudenWiens1867–1914, S.12.
36 R.Stein:Festrede100JahreManz,S.3.Bezeichnenderweisegilt nunnichtmehrder
unverträgliche Jude Heine als Lieblingsdichter Markus’, sondern Franz Grillparzer, der
ApologetdesaltenÖsterreich.
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Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
Briefe 1938-1945
- Titel
- Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
- Untertitel
- Briefe 1938-1945
- Autor
- Christopher Dietz
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2013
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78887-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 468
- Kategorien
- Weiteres Belletristik