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6 MariaCharlotteSweceny:VersucheinesPorträts
logischer Gründe nach Wien. Die Juden aber, die sich in Wien
ansiedelnwollten, faßtendiesenPlanmeist ausGründen,die für
das österreichisch-ungarische Judentum spezifisch [...] waren.Si-
cherlich bot Wien ihnen größere wirtschaftliche, kulturelle und
bildungsmäßigeChancenunddarüberhinausauchnochgrößeres
Prestige und Status. Auch bildete es einen Zufluchtsort vor provin-
ziellemAntisemitismus,der sichoft inwirtschaftlichemDruckauf
jüdische Kaufleute und Händler äußerte und deren Verarmung zur
Folge hatte.Doch warauch Wienselbst dieBühne antisemitischer
Demagogie, aber die tschechischen, polnischen und ungarischen
Juden fühlten sich dieser Stadt auf so vielfältige Weise sprach-
lich, kulturell und ideologisch verbunden, daß für sie neben dieser
mächtigen Anziehungskraft die Drohung des Antisemitismus völlig
verblaßte.44
Die zuwandernden Juden identifizierten die Hauptstadt mit den fort-
schrittlichen Strömungen, die ihnen im Jahr 1867 die Emanzipation
gebrachthatten–dasmeintewohlauchMarkusStein,wenner sagte:
„[...] die langersehnteStadtöffnetuns ihreArme.“45 DieJudendieser
ersten Einwanderungswelle46 waren in aller Regel am deutschen Kultur-
gutorientiert, gut ausgebildetundverfügtenzumTeil –wiederLehrer
undBuchautorMarkusStein–auchschonübereinengewissen,meist
bescheidenenWohlstand.
Über Markus Steins Verbundenheit mit dem Judentum ist nicht viel
bekannt. Er dürfte es jedoch mit der Religion seiner Väter nicht allzu
streng genommen haben. Sein Beruf als Angestellter war immerhin mit
Samstagsarbeit verbunden,diegläubigenJudenverboten ist.Rozenblit
hat gezeigt, dass „Angestellter bei einer Privatfirma [...] zu einem jüdi-
schen Beruf“47 wurde: Hier waren die vergleichsweise gute Bildung und
die (meist klein-, aber doch immerhin) städtische Prägung, die viele Ju-
den– imGegensatzzunichtjüdischenZuwanderernaus ländlichen,vom
AnalphabetismusgeprägtenGegenden–mitbrachten, gut einsetzbar.
44 Rozenblit: Die JudenWiens1867–1914, S.35.
45 M.Stein: „UnserRomanbeginnt ...“ S.[1].
46 Rozenblit unterscheidet drei große Einwanderungswellen: 1.) tschechische Juden in
den1850er-und1860er-Jahren,2.)ungarischeJudenbis indie1880er-Jahreund3.)
Juden aus Galizien von ca. 1895–1914 (vgl. Rozenblit: Die Juden Wiens 1867–1914,
S.29).
47 Ebd., S.77.
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Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
Briefe 1938-1945
- Titel
- Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
- Untertitel
- Briefe 1938-1945
- Autor
- Christopher Dietz
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2013
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78887-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 468
- Kategorien
- Weiteres Belletristik