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6 MariaCharlotteSweceny:VersucheinesPorträts
Loos war zu diesem Zeitpunkt nicht nur einer der bedeutendsten,
sondernauch einerderumstrittensten Architekten. Imselben Zeitraum
(1909–1911) baute er das „Haus am Michaelerplatz“ für den Herren-
ausstatter Goldman & Salatsch,107 das nach seiner Fertigstellung mit
dem – für an den ornamentfreudigen Historismus Gewöhnte wenig
schmeichelhaften–Namen„HausohneAugenbrauen“108 bedachtwur-
de;mit seinerPhilippikaOrnamentundVerbrechen (1908)hatte er sich
in seinemMetier –und insbesondere inderWienerWerkstätte, deren
Bestreben, Kunst und Alltag zu vereinen, ihm grundverkehrt schien –
wenigFreundegemacht.UmsobemerkenswerterwardieEntscheidung
derSteins,denUrheber solchstreitbarerTheorienundBauwerkebeider
Neugestaltung ihresGeschäftsportalsheranzuziehen.Es dürfteMarkus
Steingewesensein,der indiesemFall –gegendasanfänglicheZögern
seines Sohnes Richard – eine Lanze für die architektonische Avantgarde
brach.EinlenkendschreibtRichardam8.Juli1909andenVater: „Uebri-
gens wird Herr Architekt Loos in den nächsten Tagen bereits eine Skizze
liefern; ich habe das GefĂĽhl, dass Deine Idee, ihn zu nehmen, eine sehr
gutewarunddass erabsolutnichts verrücktesmachenwird [...].“109
Tragatschnig: Das Einkaufszentrum –Betrachtungen zu aktuellenund historischen Pro-
blemlagen. In:Zweintopf [Hrsg.]: Imagineering. ShoppingweltenalsPerformanceraum.
Konstruierte Bilder über Scheinöffentlichkeit. Graz: Forum Stadtpark 2009, S.10). „Trotz
dergeringenPortalbreitevonnur6MeterngelangesLoosdurchdieSchaffungeiner
tiefen,zumEingangführendenPassage,eineAuslagenlängevon11Meternzuerreichen.
Die flächige Gestaltung in Form einer symmetrischen Toranlage wird durch die mittige,
breite Passage und die flankierenden Vitrinen gebildet. Zum weißgeäderten schwarzen
Marmor[...] kontrastierendiemitMessingbuchstabenbeschriftetenMilchglastafeln,
welche die Bedeutung eines Architravs erhalten. Die Rückwände der seitlichen Vitrinen
vertäfelteLoos mitMahagoni. Besondersprätentiösund kontrastierendwirkendie auf-
wendigverzierten, vergoldeten BuchstabendesFirmenschriftzuges aufdemschwarzen
Marmor. [...]Diebeleuchtete,mit zartenQuadersprossenausMahagonikassettierte
Milchglasdecke der Passage erzeugt die Atmosphäre eines Innenraums bereits im äuße-
ren Lokalbereich, die potentielle Kunden zum Verweilen und Eintreten einlädt“ (Bertha
Blaschke/Luise Lipschitz: Architektur in Wien 1850 bis 1930. Historismus – Jugendstil –
Sachlichkeit.Wien:Springer2002,S.162f.).
107 ZahlreicheRechnungen imSteinFAbelegen,dassMarkusundRichardSteinguteKun-
den des benachbarten Herrenausstatters waren – sie bezogen ihre Kleidung dort „im
Abonnement“.
108 Zur Rezeptionsgeschichte des Gebäudes vgl. u.a. Ursula Muscheler: Haus ohne Au-
genbrauen. Architekturgeschichten aus dem 20. Jahrhundert (Beck’sche Reihe 1773).
MĂĽnchen:C.H.Beck2007,S.47f.
109 Zit. nachMumelter: DieGeschichtedesVerlagshausesManz, S.118.
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Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
Briefe 1938-1945
- Titel
- Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
- Untertitel
- Briefe 1938-1945
- Autor
- Christopher Dietz
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2013
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78887-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 468
- Kategorien
- Weiteres Belletristik