Seite - 394 - in Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny - Briefe 1938-1945
Bild der Seite - 394 -
Text der Seite - 394 -
6 MariaCharlotteSweceny:VersucheinesPorträts
6.6.4 EndeeinesExperiments
Wieeingangserwähnt,wardieEhezwischenLotteundOttoC.Sweceny
vongroßerLiberalitätunddemAnspruchaufUnabhängigkeit geprägt.
DasbestätigensowohlNichteundNeffeLottes,BarbaraNetscherund
MarkusStein,alsauchBriefe imFamilienarchiv.AnLernet schreibtLotte
einmal (da istdieTrennungvonO.C. schonvollzogen):
Peterund ichhabenvonallemAnfanganbewußtkeinenWert auf
die sogenannte Treue, im körperlichen Sinn, gelegt, also die Un-
treue mit keiner Schuld belastet, was leidernicht hindert, daß der
anderedarunter leidenkann,aberdassindschlechteGewohnheiten
die zuunterdrückensind.280
Im Sommer 1938 – im selben Zeitraum nehmen Alexander Lernet-
HoleniaundLotteSweceny ihrenBriefwechsel auf–kamesdannzwi-
schen den Ehepartnern immer häufiger zu Auseinandersetzungen.281
Von einem Sommerfrische-Aufenthalt am Attersee schreibt Lotte am 15.
August an ihrenMann,derberufsbedingt inWienzurückgeblieben ist:
Wenn Du sagst, neulichbei dem nächtlichenStreit: „Du sollst aber
nicht gegen mich ankämpfen“, oder mit anderen Worten: „vertrau’
mir ich will auch Dein Bestes Dir ja nie schaden, auch wenn ich
einmaletwas scharfbin,DusollstDichnichtwehren,ob ich recht
oder unrecht habe – wirklich tu ich Dir ja nichts, im Gegenteil.“
Eine Einstellung von Dir, die der wirkliche Sinn dessen ist, daß Du
leicht erklärst, ich nörgle fort an Dir herum (selbst wenn es gar
nicht wahr ist), nur weil ich auch nicht das Gegenteil tue, Dich
unbedingt anerkennen. Unser Vater, der ist gut, gut ist alles was er
tut.Richtigverstanden,hat auchernichtgemeint, daßer immer
recht hat, aber, daß er sich nicht zu verteidigen brauchte. Lieber, es
istmir soklar,daßmeinLebenviel, viel einfacher fürmichwäre,
könnte ichvertrauend die Verantwortung für michDir überlassen.
Ichkannesnichtundwerdees, so lange ichnichtkaputtbin,nie
280 LotteSweceny:UndatiertesBriefkonzeptanAlexanderLernet-Holenia (SteinFA).
281 KurznachdessenEmigration imAugust1938schreibtLotteSwecenyan ihrenengen
FreundHansA.Vetter: „Ichhabe,wieessoganztragischausgeschauthat,mirvorgesagt:
wenn’s gut ausgeht mach ich eine große Seereise – im Dezember geht ein deutsches
Schiff in 6 Wochen langer Reise nach Indien. [...] Ich schlafe jetzt immer im Wohnzim-
mer am Diwan“ (Maria Charlotte Sweceny: Briefkonzept an Hans [A. Vetter] [SteinFA].
o.O. [Wien]. o.D. [Herbst1938]).DieSeereiseunternahmsiedann tatsächlich, aller-
dingsnichtnach Indien, sondern indieKaribikunddieUSA–und inBegleitungvon
AlexanderLernet-Holenia (vgl. S.32ff.).
394
Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
Briefe 1938-1945
- Titel
- Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
- Untertitel
- Briefe 1938-1945
- Autor
- Christopher Dietz
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2013
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78887-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 468
- Kategorien
- Weiteres Belletristik